Chronik gesellschaftlichen Wandels, 26. Apr. 2004 Soziointegrative
Degeneration
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| [1] So schrieb der englische Autor Aldous Huxley Ende der 1950er Jahre. Er bezog sich dabei wahrscheinlich auf die USA, wo er damals lebte. Er führte weiter aus: | <= Aldous Huxley | ||
| [2] A society, most of whose members spend a great part of their time not the spot, not here and now and in the calculable future, but somewhere else, in the irrelevant other worlds of sport and soap opera, of mythology and metaphysical phantasy... | <= Amerikas Traumwelt 1958 und... | ||
| [3] Dieser Eindruck scheint
sich aber nicht nur englischen Autoren im Amerika des 20.
Jahrhunderts aufgedrängt zu haben. So konnte man heute
in den Online-Nachrichten des Südwestrundfunks (SWR)
unter dem Titel TV-Nachrichten erreichen nur zwei Drittel der Zuschauer ganz ähnliche Dinge lesen. In dem Artikel wurden die Ergebnisse und Deutungen einer an der Universität Jena durchgeführten Studie von Georg Ruhrmann beschrieben. |
<= ...eine Studie über... | ||
| [4] Es zeige sich, so der Artikel, dass bei privaten Sendern wie RTL, RTL II und SAT 1 die Orientierung am Sensationellen wachse und das Politische zunehmend in den Hintergrund gerate. Die Tendenz zur Personalisierung und zur Schnelligkeit habe zugenommen. | <= Deutschlands Traumwelt 2004 | ||
| [5] In dem Artikel wird dann der Medienwissenschaftler Siegfried J. Schmidt aus Münster mit den Worten zitiert, dass die Wirklichkeit, die das Fernsehen erzeuge, nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun habe und dass die Grenzen zwischen Fakten, Fiktion, Information und Unterhaltung, Moralität und Amoralität kaum mehr zu unterscheiden seien. | <= Fakt und Fiktion | ||
| [6] Erfahrungen aus dem eigenen Alltag scheinen
diese Tendenz weg vom Intellektuellen zu bestätigen.
Gestern konnte ich einem Gespräch zwischen drei
Ingenieurstudenten zuhören, die damit kokettierten, noch
nie im Leben ein Buch mit Genuß gelesen zu haben. Eine
markant anti-intellektuelle Attitüde scheint in vielen
Kreisen zum guten Ton zu gehören, so kann man meinen:
Autoaufkleber wie "Mir doch egal" oder Sprüche der Art "no brain no pain" scheinen diesen Eindruck weiter zu stützen. |
<= De-Intellektualisierung | ||
| [7] Sind dies vielleicht Indizien für einen Prozess den der berühmte polnische Schriftsteller Stanislaw Lem einmal als soziointegrative Degeneration bezeichnete? In seinem Buch "Peace on Earth"(2) beschrieb Lem auf spannende Weise, welche Evolutionsvorteile die Reduzierung individueller Intelligenz zugunsten einer koordinierten Schwarmintelligenz bringen könnte. Er beschrieb, wie einzelne technische Systeme und auch Menschen immer mehr an Autarkie und Intelligenz einbüßen und gerade dadurch die Gemeinschaft leistungsfähiger machen. Lem bezeichnete diesen Prozess der Preisgabe individueller Eigenständigkeit zugunsten einer Gruppenintelligenz im Sinne von Insektenstaaten als "soziointegrative Degeneration". | <= Stanislaw Lem | ||
| [8] Zwei Tendenzen könnten einen solchen Prozess unterstützen: die Schaffung ständig neuer Bausteine technischer Intelligenz sowie der ökonomische Druck, (wirtschaftlich) nutzlose Kosten abzubauen. | <= Zwei Tendenzen | ||
| [9] Ein Autonavigationssystem nimmt dem Fahrer die Mühe ab, sich mit Hilfe einer Karte orientieren zu müssen. Ein Computersystem gibt dem Fahrer klare Anweisungen, wann er rechts oder links abbiegen muss und führt ihn damit an sein Ziel. Übersetzungsmaschinen werden immer besser darin, Texte von einer in eine andere Sprache zu übersetzen. Und wer sich die gegenwärtige Forschungslandschaft etwas näher betrachtet wird erkennen, auf welch wissenschaftlich hohem Niveau Teilleistungen von Intelligenz künstlich nachgebildet werden. | <= Technische Intelligenzen | ||
[11] Stellt man sich jetzt vor, dass die gegenwärtige Tendenz hin zu einer Ausweitung darwinistischer Methoden von der Ökonomie auf immer mehr Bereiche des alltäglichen Lebens und der Politik ungebrochen anhält, dann wird es durchaus denkbar, dass Gesellschaften gegenüber den Lenkern globaler Finanzströme (Standort Deutschland, Standort Europa etc.) in Erklärungsnot geraten, wozu an den Schulen eine Fremdsprache gelehrt werden soll, wenn doch 99,8 % der anfallenden Übersetzungstätigkeiten besser von Computern erledigt werden können. Und wozu soll man einem Schüler etwas über einen Kompass, Karten und die Maßstäbe erzählen, wenn es Navigationssysteme für Händis gibt? Bildung wird zu einem ökonomisch nutzlosen Luxus, zu einem Konsumartikel, dessen Finanzierbarkeit man erst erwirtschaften muss. Ökonomien, die auf die Kosten einer solchen Bildung verzichten, werden einen Standortvorteil im globalen Wettbewerb genießen und ihre Methoden werden sich auf lange Sicht durchsetzen. Schritte in diese Richtung könnten sein:
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<= Ökonomischer Druck | ||
| [12] Am Ende einer solchen Entwicklung könnte ein degenerierter beziehungsweise hochgradig spezialisierter Mensch - Motiv vieler Science Fiction-Geschichten - stehen, der unreflektiert auf Schlüsselreize reagiert, die ihm als Steuersignale von seiner durchtechnisierten Umwelt dargeboten werden. H. G. Wells etwa beschrieb in seinem Roman The Time Machine(3), wie die Menschheit in einer fernen Zukunft in zwei charakterlich gegensätzliche aber gleichermaßen stupide Rassen degenierte: die dummfreundlichen Eloi und die triebhaft bösartigen Morlocks. | <= Ende der Entwicklung | ||
| [13] So realistisch ich ein solches Szenario erachte, so sehr glaube ich aber auch, dass es eine Alternative gibt, in der der individuelle Mensch an Größe, Autarkie und Selbstbestimmtheit gewinnt. Alleine arbeiten viele Tendenzen gegenwärtig in die andere Richtung und es bedarf meiner Ansicht nach gänzlich neuer Konzepte zur Definition des ökonomischen Wertes von Menschen als sie zur Zeit existieren, um Ansätzen einer soziointegrativen Degeneration entgegenzuwirken. | <= Schluss | ||
Benutzte Literatur [1] Aldous Huxley: Brave New World Revisited. Chattoo and Windus Ltd. England, 1959. Siehe vor allem das Kapitel Propaganda in a Democratic Society. [2] Stanislaw Lem: Peace on Earth. Originaltitel: Pokój na ziemi (1987) [3] Herbert George Wells: The Time Machine, 1895 |
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Letzte Änderung: 21. Mai 2004 |