Chronik gesellschaftlichen Wandels, 20. Mai 2004 Selbst
ist das Stückgut
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| [1] In dem obigen Zitat beschreibt Stanislaw Lem in seinem Buch Der Unbesiegbare aus den 1960er Jahren eine seltsame Erscheinung, die das Leben einer Raumschiffbesatzung auf einem fremden Planeten bedroht. Kleine Metallgebilde, die an Insekten erinnern, bevölkern in loser Form den Planeten. Bei Gefahr jedoch können sich die an sich harmlosen und einfältigen Gebilde zu bedrohlichen und scheinbar intelligent handelnden, 'schwarzen Wolken' zusammenfinden. Diese Idee einer Schwarmintelligenz ist im Genre des Science Fiction ein bekanntes Motiv. Schon um 1930 beschrieb etwa der englische Autor Olaf Stapledon eine insektenartige Lebensform auf dem Mars, die sich in Schwärmen ebenfalls zu großen Überintelligenzen verbinden konnte und letztendlich sogar versuchte, die Erde zu erobern. | <= Science Fiction | ||
| [2] Seit einigen Jahren findet diese Vorstellung, sich selbst organisierender, kleiner Bausteine von Intelligenz immer mehr Beachtung in Forschungsprogrammen und Entwicklungsvorhaben. Zelluläre Automaten, autonome Agenten, Schwarmintelligenz, komplexe adaptive Systeme und Selbstorganisation sind Begriffe, die in diese Richtung weisen. | <= Forschungsprogramme | ||
| [3] Man mag angesichts dieser Entwicklung die Frage stellen, welche Rolle Menschen innerhalb von Systemen einnehmen sollen, deren Intelligenz sich sozusagen aus dem Zusammenspiel vieler wenig intelligenter Bestandteile ergibt. Ist das Intelligenzniveau der Einzelbausteine zu gering, dann wird der Mensch entweder aus den Systemen verdrängt (weil er 'überqualifiziert`, das heisst zu teuer ist) oder aber er muss sich dem niedrigen Niveau anpassen (dann ist er kein Mensch mehr). Alternativ könnte man die Systeme aber auch so zu konzipieren versuchen, dass das niedrigste Intelligenzniveau eines Bestandteiles etwa dem von Menschen entspricht. | <= Rolle des Menschen | ||
| [4] Ein Zeitungsartikel beschreibt anhand von
Logistikprozessen, wie man die Vorstellung von
Sebstorganisation nutzbar zu machen versucht: Selbst ist
das Stückgut DIE ZEIT 21/2004 |
<= Der Zeitungsartikel | ||
| [5] Der Artikel beginnt mit dem Szenario, dass ein Container auf einer Autobahnraststätte einen ankommenden, leeren LKW fragt, ob dieser ihn Richtung Frankfurt mitnehmen könne. Der LKW macht ein Preisangebot, schränkt aber ein, dass er den Container nur bis Kassel mitnehmen könne. Die beiden reden kurz über den Preis und werden dann handelseins. Der Container lässt sich aufladen und die Fahrt kann beginnen. | <= Vision | ||
| [6] Noch, so der Artikel, sei diese Vision nicht realisierbar, da gegenwärtig die dazu nötigen Billigcomputer fehlten. Doch habe das Internet Pate dafür gestanden, dass das System grundsätzlich funktioniere. Auch im Internet würden sich einzelne Datenpakete eigenständig den günstigsten Weg vom Sender zum Empfänger suchen. Teile einer Sendung könnten sogar verschiedene Wege einschlagen und würden beim Empfänger wieder zusammenfinden | <= Billigcomputer fehlen noch | ||
| [7] Als wie realistisch eine Übertragung dieses Prinzips auf Logistikprozesse erachtet wird beweist die Tatsache, dass in Bremen ein Sonderforschungsbereich dazu eingerichtet wurde. Sonderforschungsbereiche sind langfristig - hier auf 12 Jahre - angelegte, interdisziplinäre Projekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Kosten eines SFBs liegen im Bereich einiger Millionen Euro. | <= Ernsthaftigkeit | ||
| [8] An einem lebensnahen Modell können Menschen versuchen, die Logistikplanung selbst durchzuführen. Jeder Mensch erhält einen Taschenrechner und er steuert damit entweder einen von vier Containern oder einen von zwei LKWs auf einem Autobahnnetz. Schon nach wenigen Minuten seien die Menschen mit den ihnen gestellten Aufgaben heillos überfordert. | <= Mensch überfordert | ||
| [9] Im Weiteren geht der Artikel darauf ein, wie das System durch Betrüger lahmgelegt werden könnte, dass man am Hamburger Hafen schon Vorahnungen der Zukunft gewinnen kann und warum Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Gesprächen jenseits der Arbeit störend sein können. | <= Probleme | ||
[11] Zum Schluss des Artikels wird auf den Untertitel des Sonderforschungsbereiches verwiesen: Ein Paradigmenwechsel und seine Grenzen. Dieser Untertitel passt ganz in das Bild, dass Wissenschaftler, die an Zukunftstechnologien arbeiten, die Tragweite ihres Tuns stets kritisch hinterfragen. Dies mag Ausdruck einer realistischen Einschätzung sein. Es kann aber auch Ausdruck des Wunsches sein, ungewollten Diskussionen über eher fragwürdige Folgen der eigenen Forschungsarbeit vorzubeugen: Die Situation ist, wie ich sie sehe, tatsächlich einmalig in ihrer Art. Intellektuell sind wir ihnen überlegen. Die Mechanismen sind keineswegs eine geistige Macht, sie haben sich nur ausgezeichnet auf die Bedingungen des Planeten eigestellt, darauf, alles, was vernunftbegabt ist, und alles, was lebt, zu vernichten. Sie selbst hingegen sind tot. |
<= Selbstbeschränkung | ||
Benutzte Quellen [1] Stanislaw Lem: Der Unbesiegbare. Originaltitel: Niezwyciezony (1964) [2] Dirk Asendorpf: Selbst ist das Stückgut. In: DIE ZEIT 21/2004 |
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Letzte Änderung: 21. Mai 2004 |