Chronik einer Endomorphose, 9. Juni 2004

Kühe hüten per GPS
SPIELGEL ONLINE 9. Juni 2004

...das einmal so moderne Kinderspiel des Bestaunens der wissenschaftlichen Fortschritte ist gänzlich abgekommen, denn die Wissenschaft hat Siebenmeilenstiefel angezogen...
Peter Flemming, um 1930

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[1] Ich wundere mich immer wieder über die eigene Teilnahmslosigkeit, wenn wieder einmal ein Stück Science Fiction zur Realität wird. Es ist mir noch sehr gegenwärtig, wie ich als Kind in den 1970er-Jahren über die Türen auf dem Raumschiff Enterprise (damals noch unter dem Kommando von Captain Kirk) staunte: Diese Türen gingen nämlich bei Annäherung einer Person von alleine auf! Für mich standen selbstöffnende Türen damals für eine ferne Zukunft, voller Abenteuer, Größe und Wunder. Ich erinnere mich jedoch nicht daran, jemals mit offenem Mund und großen Augen staunend vor solch einer Tür gestanden zu haben, als dieser Türtyp wenige Zeit später Einzug bis in in die banalsten öffentlichen Räume hielt.   <= 1970 noch Science Fiction...
[2] So wunderte ich mich gestern, über meine Unfähigkeit zum echten Wundern, als ich einen Artikel über virtuelle Zäune zum Hüten von Kühen in einem Wochenmagazin las.   <= ... heute nichts Besonderes:
[3] Der amerikanische Forscher Zack Butler vom Dartmouth College in Hanover, so der Artikel, habe ein GPS-gestütztes System entwickelt, das es nicht nur erlaubt, den Standort von Kühen zu erfassen, sondern auch die Möglichkeit bietet, den Kühen bei einer Annäherung an einen virtuell definierten Weidenzaun einen Stromstoß zu versetzen oder sie mit einem Geräusch zu erschrecken. Diese Technik könne insbesondere dazu eingesetzt werden, durch das Verschieben der virtuellen Zäune per Computer die Kühe umzutreiben.   <= Virtuelle Kuhzäune
[4] Wer in groben Zügen weiß, wie GPS funktioniert, wird sich über eine solche Anwendung kaum wundern. Was soll an der Technik auch schon weltbewegend sein? Probleme mag es vielleicht im Detail geben, aber die dürfte man lösen können.   <= GPS nichts Besonderes
[5] Aber warum staune ich nicht? Warum denke ich nicht: Hey, hier ist schon wieder ein Stück Science Fiction unterwegs in Richtung Realität? Denn zur Zeit gehören virtuelle Wände noch zur Science Fiction Symbolik wie einst selbstöffnende Türen: Menschen werden in der Mitte eines engen, großen Raumes gefangengehalten, indem sie auf einem kleinen Kreis eingepfercht sind, an dessem Rand der Häftling unweigerlich Stromschläge erleidet, versucht er die Begrenzung zu druchbrechen. In Abwandelungen findet sich dieses Motiv in vielen Filmen und Büchern.   <= Warum kein Staunen?
[6] Ist unsere Fähigkeit, uns an neue technische Möglichkeiten zu gewöhnen derart stark ausgeprägt, dass wir uns, sobald uns etwas realisierbar erscheint, wir über die tatsächliche Umsetzung gar nicht mehr staunen? Was machbar erscheint mag kommen. Wozu sich wundern?   <= Macht Gewöhnung...
[7] Birgt ein solcher Gleichmut aber nicht die Gefahr, dass wir gar nicht mehr innehalten, nachdenken und uns hineinfühlen in die großen Veränderungen, die sich ankündigen?   <= teilnahmslos?
[8] Kühe hüten per GPS. So lautet der Titel des Artikels aus dem SPIEGEL. Und der Artikel handelt tatsächlich von nichts anderem, als den technischen Möglichkeiten, Kühe per GPS zu hüten.   <= Artikel hilft nicht dabei...
[9] Die gleiche Technik könnte aber auch als elektronische Fußfessel zur Überwachung von Dissidenten, schwererziehbaren Schulkindern, debilen Senioren oder suspekten Ausländern eingesetzt werden. Darauf wurde in dem Artikel nicht angespielt. Und die gleiche Technik könnte in Verbindung mit sogenannten Hirnchips sicherlich auch einmal zur Überwachung oder Steuerung von ganz normalen Menschen eingesetzt werden. Auch dies wurde nicht angedeutet.   <=... ins Staunen zu kommen,...

[11] Ich wundere mich immer wieder darüber, dass ich nicht in einem Zustand kontinuierlichen Staunens durch die Welt laufe. Ich bräuchte mich nur in meine Kindheit zurückzuversetzen (was gar nicht so schwer ist), alles vergessen, was seitdem passiert ist und dann einen Spaziergang durch eine Stadt zu unternehmen, etwas Fernsehen zu gucken oder einen Zeitschriftenladen zu durchstöbern. Ich käme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und oft wünsche ich mir, andere Menschen würden auch mehr staunen, innehalten und sich fragen, wohin die Reise geht. Denn wer heute nicht über virtuelle Kuhzäune staunt, der wird sich vielleicht morgen nicht wundern, wenn er bei dem Wunsch, in die USA einzureisen, der Einpflanzung eines Hirnchips zustimmen muss. Er wird vielleicht ohne echte Verblüffung unterschreiben, dass er den Behörden nicht nur die Überwachung seines Standortes erlaubt, sondern in begründeten Notfällen auch die Einspielung von Schmerzreizen oder Schlafimpulsen. Über solche Entwicklungen sollte man sich aber - falls sie wirklich kommen - aus besseren Gründen wundern, als aus dem bloßen Wunsch heraus, weiterhin Spaß an Science Fiction Filmen zu behalten oder mit Interesse einen Artikel über virtuelle Kuhzäune zu lesen.

  <= ...aber: sich wundern tut not!
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Letzte Änderung: 10. Juni 2004