Chronik einer Endomorphose, 10. Sept. 2004 Turing Test für Lebendigkeit Gunter
Heim, Aachen |
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| [1] Schon als Kind ist dem ein oder anderen sicherlich die Frage gekommen, woher man den wissen könne, ob ein anderer Mensch wirklich lebt. Es könnte doch sein, dass andere Menschen bloße Träume sind oder Roboter ohne Seelenleben. Solche Anwandlungen sind nicht ohne Weiteres zu entkräften, kann man doch nicht direkt in das innere Erleben eines Menschen hineingucken, sondern bloß über dessen Verhalten Rückschlüsse darauf ziehen. | ||
[2] In gleicher Manier stellt sich die Frage dar, ob künstliche Gebilde wie Roboter oder Computerprogramme leben und empfinden. Da aber vieles dafür spricht, dass man aus seinem subjektiven Erleben nicht einfach heraus kann, um mit ihm in einen fremden Kopf oder Computer überzusiedeln, und die Angelegenheit damit abschließend klärt, wird es einem ruhig denkenden Menschen bis auf Weiteres ziemlich unmöglich erscheinen, die Lebendigkeit oder Beseeltheit von etwas anderem als ihm selbst festzustellen oder zu verwerfen. In der Philosophie gibt es sogar eine als Solipsismus bekannte Position, deren Vertreter die Möglichkeit ernsthaft in Erwägung ziehen, dass sie das einzige lebende Wesen in der Welt sein könnten. In einer solch aussichtslosen Lage scheint Pragmatismus ein akzeptables Vorgehen zu sein. Wenn man nicht herausfinden kann, wie etwas wirklich ist, dann kann man ja zumindest festlegen, was am zweckmäßigsten anzunehmen sei. Der große englische Theoretiker Alan Turin schlug aus wohl ganz ähnlichen Überlegungen einmal einen Test vor, wie man aus pragmatischer Sicht darüber entscheiden solle, ob ein Gesprächspartner intelligent sei oder nicht. Im Wesentlichen beruht der Test auf dem Gedanken, dass man einen unbekannten und unsichtbaren Gesprächspartner dann als intelligent betrachten solle, wenn man ihn von einem menschlichen Gesprächspartner nicht mehr sicher unterscheiden könne. Wenn man am Telefon nicht mehr wisse, ob die Antworten auf eigene Fragen von einem Computer oder von einem Menschen kommen, dann möge man davon ausgehen, dass der Teilnehmer intelligent sein könne. |
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| [3] So verrät also das Verhalten eines Pragmatikers etwas darüber, wie er, auch ohne es genau zu wissen, das Wesen von Dingen in seiner Umwelt einschätzt. Da ich glaube, in einer Gesellschaft zu leben, in der viele Menschen stolz auf ihren Pragmatismus sind und ganz offen sagen, dass sie nichts von Theorien halten (ideologisch ist gegenwärtig und ganz zu unrecht ein Schimpfwort in der Politik), wage ich mit aller Vorsicht die Vermutung zu äußern, dass wir bald so tun werden, als seien auf der Erde neue Lebensformen hinzugekommen. | ||
[4] Neuroinformatics for "living" artefacts ist der Titel eines Forschungsprogrammes der Europäischen Union, für welches im Jahre 2000 Anträge für Forschungsprojekte eingereicht werden konnten. Wer mit der inneren Logik der EU-Forschungsprogramme vertraut ist, möge unter der thematischen Priorität Information Society Technologies des 6. Forschungsrahmenprogrammes (2002 bis 2006) suchen und dort abzweigen in Future and Emerging Technologies. Dort heisst es, dass es Ziel der Initiative sei:
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| [5] Man muss schon einmal innehalten, wenn die beiden Worte Artefakt und lebendig auf die gleiche Sache bezogen werden. Tatsächlich genehmigte und nun laufende Projekte in diesem Programm haben zum Beispiel die Erschaffung von Robotern zum Ziel. Das also kann mit living artefacts gemeint sein. Ich möchten nun auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als hätte ich daran irgend etwas zu bemäkeln. Ganz im Gegenteil. Ich bin der einigermaßen festen Überzeugung, dass ganz sicher Tiere, aber auch Pflanzen und sogar Dinge ein Seelenleben und Empfindsamkeit besitzen könnten. Aus einer selbstgebastelten Theorie über die Weltmechanik heraus drängt sich mir diese Sicht geradezu auf. Vielleicht erliege ich damit aber auch bloß einer wenig zeitgemäßen Charakterschwäche, wenn ich etwa Mitleid mit der trostlosen Verlorenheit von Puppen in einem Wühltisch im Kaufhof verspüre oder glaube, dass ein achtlos hinuntergeschlungenes Essen selbst an der Verfehlung seines Zweckes leidet, bevor es dann durch die Magenenzyme von seiner flüchtigen Individualität befreit wird. | ||
| [6] So begrüße ich es aufrichtig, dass die vermeintlichen Technokraten in Brüssel ihren Geschöpfen Lebendigkeit zugestehen. Dass es sich hierbei nicht bloß um eine gewisse Naivität und Sorglosigkeit in der Wortwahl handelt, sondern vielmehr besonnene Erwägungen eine Rolle spielen könnten, beweist ein Dokument, in welchem Fachleute zukünftige Forschungsziele der EU mitgestalten. Das Dokument wird vom Typus her als Roadmap bezeichnet und es wurde von Wissenschaftlern des EU-Exzellenznetzwerkes Neuro-IT verfasst. In einem Kapitel findet sich ein bemerkenswerter Nebengedanke. Dort schlägt einer der Autoren vor, dass man künstliche Gebilde einer gewissen Art sicherheitshalber solange als lebendig betrachten solle, bis dass man sich vom Gegenteil überzeugt habe. Diese Empfehlung steht in enger räumlicher Nähe zu ethischen Überlegungen und sofern ich mich recht erinnere, sollte damit angedeutet werden, dass man vorsichtig mit künstlichen Gebilden umgehen solle, um ihnen kein unnötiges Leid zuzufügen. | ||
| [7] Das alles ist äußerst bemerkens- und bewundernswert. Und dennoch beschleicht mich bei alldem die Vorahnung einer düsteren und wirren Zukunft. | ||
| [8] Diese Woche etwa war im Spiegel von einem Roboter zu lesen, der mit Hilfe menschlicher Fäkalien Schmeißfliegen anlockt, um aus deren Körper dann Energie zu gewinnen. Mit der Energie einer Schmeißfliege könne der Roboter dann einige Zentimeter weit fahren. Die Vision sei es, mit einer solchen Technologie Gebilde herstellen zu können, die autonom in einem militärischen Umfeld agieren können und vor allem von externen Energiequellen unabhängig sind. Das klingt, finde ich, sehr ungemütlich. Wenn ich meiner Phantasie etwas Lauf lasse und sie noch durch einen anderen Spiegel Artikel, über "Werkzeuge für den modernen Krieg" (27. August 2004), ermuntere, dann tauchen in meinem Kopf recht schnell apokalyptische Schlachtenszenen wie aus Arnold Schwarzeneggers Terminator Filmen auf. Dann sehe ich menschengroße, hüpfende Roboter, die Jagd auf Menschenfleisch machen, weil sie mit 30 kg davon wieder 2 km weiterhüpfen können. Oder ich sehe viele kleine insektoide Gebilde, die mit Giftstacheln bewaffnet die Einhaltung von Ausgangssperren in zu befriedendem Gebiet erzwingen. In der Science Fiction Literatur ist dies ein gängiges Motiv. | ||
| [9] Und wenn ich solche Szenarien eine Zeit lang auf mich wirken lasse und ihnen ein traumgleiches Eigenleben zugestehe, dann stellen sich bei mir auf einmal ganz andere Gefühle als Mitleid für solche lebenden Artefakte ein. Dann erlebe ich auf einmal angstgenährten Haß und Feindschaft. Dies sind aber gemeinhin Gefühlsregungen, die man nur Menschen zukommen lässt. Toten Dingen mit Haß zu begegnen hat etwas Lächerliches, wie schon die alten Griechen wussten, als sie über einen Perserkönig berichteten, der das ihm nicht wohlgesonnene Meer zur Strafe hat auspeitschen lassen. | ||
| [10] Nein, wenn man für künstliche Gebilde nicht nur Mitleid sondern sogar Haß empfinden kann, dann gesteht man ihnen tatsächlich eine menschenähnliche Lebendigkeit zu. In diesem Sinne haben - zumindest in meiner Phantasie - die zuküftigen Kreaturen, die unsere Labore und Fabriken verlassen werden, bereits heute den Turing Test für Lebendigkeit bestanden. | ||
Weitere Seiten zu diesem Thema: 2004: Selbst ist das Stückgut |
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Letzte Änderung: 19. Sept. 2004 |