Chronik einer Endomorphose, 20. Okt. 2004

Die Größe der Lebensdatenmenge

Gunter Heim, Aachen
Oktober 2004

Zur Startseite: Werden Menschen bald mit Computertechnologie verschmolzen?

Ich wünsche mir ein komplett neues Gerät,
welches ich direkt in mein Gehirn stöpseln kann

Peter Molyneux, Spieledesigner, 2003

   
[1] Auf dieser tagebuchähnlichen Webseite mit dem Titel "Chronik einer Endomorphose" wird mit dem Gedanken gespielt, dass menschliche Gehirne demnächst in künstlich generierte Computerwelten eingebettet werden könnten um dort mehr oder minder wirtschaftlich nützliche Arbeiten verrichten oder um dort neuartige Lebensweisen und mentale Zustände zu erkunden.    
[2] An dieser Stelle möchte ich einmal annehmen, dass dieser Schritt einer Einbettung von Gehirnen in eine virtuelle Realität bereits vollzogen ist, unsere Realität also gar nicht im eigentlichen Sinne existiert. All unsere Sinnesdaten werden von einem Computer generiert, der (so das Gedankenspiel) aber keine Interaktion ermöglicht, sondern uns bloß einen Film vorspielt. Dass dieser Film aus EDV-technischer Sicht gar nicht so groß sein müsste lässt sowohl die Vorstellung, dass wir bereits in einer vorgegaukelten Realität leben als auch den Gedanken, dass wir bald in virtuelle Welten werden umziehen können durchaus plausibel erscheinen. Auf dieser Seite möchte ich aber keinen Spekulationen darüber nachgehen, was es mit solchen Welten auf sich haben könnte, sondern bloß die Menge der Daten abschätzen, die nötig wäre, um einem Menschen sein ganzes Leben als Film vorzugaukeln.    

[3] Eine Skizze soll zeigen, welches Bild der hier gestellten Frage nach der Größe des Lebensdatenspeichers zugrunde liegt:

Zur Größe des Lebensdatenspeichers
Das grundsätzliche Verhältnis von Gehirn, Lebensdatenspeicher und Weltprozessor

   

[4] Unser Gehirn gebe es real und das Gehirn sei die Grundlage unseres Bewusstseins. Das sei einfach einmal vorausgesetzt. Unser Gehirn nehme Sinnesdaten ausschließlich über Sinneszellen auf. Eine Sinneszelle produziert elektrische Signale, die über eine als Axon bezeichnete Nervenfaser an das Gehirn geleitet werden. Nur so gelangt Information über die äußere Welt an das Gehirn und somit in unser Bewusstsein. Nun gebe es aber einen Computer, den Weltsimulator, der unter Umgehung der Sinneszellen über Elektroden direkt elektrische Signale in die Axone einspielt. Signale, die von den Sinneszellen kommen sollen dabei grundsätzlich unterdrückt werden. (Eigentlich könnte man in dem obigen Bild die Sinneszellen auch weglassen.) Desweiteren sei angenommen, dass ein Axon nicht beliebig viele Signale pro Zeit übertragen könne. Für reale Gehirne geht man davon aus, dass alle 80 Tausendstel Sekunden ein Signal übertragen werden können. (Diese Zeitspanne heisst Latenzzeit.) Desweiteren sei angenommen, dass unsere Gehirne die Signale, die über die Axone von den Sinneszellen kommen nicht unterscheiden können. Ein Axon kann also in 80 Tausendstel Sekunden ein Bit an Information übertragen.

   
[5] Der folgende Ausdruck gibt die Anzahl der Bits an, die über ein Menschenleben von den Sinneszellen an das Gehirn übertragen werden:

Geht man von einigen Zehntausend Hörzellen, einigen Zehntausend Geschmackszellen, wenigen Millionen Sehzellen und wenigen Millionen Tastzellen und sonstigen Sinneszellen aus, dann kann man grob sagen, dass es in der Größenordnung 10 Millionen Sinneszellen pro Gehirn gibt. Wenn wir jetzt noch festlegen, dass ein Mensch durchaus 80 Jahre alt werden kann, dann berechnet sich die Lebensdatenmenge zu:

Rechnet man das aus, erhält man rund 300 Tausend Terabit. Auf eine heute übliche CD-Rom mit einem Durchmesser von ungefähr 12 Zentimetern passt eine Datenmenge von 700 Megabyte. Ein Byte sind 8 Bit. Man benötigt demnach rund 450 Millionen CD-Roms zur Speicherung einer typischen Lebensdatenmenge. 2000 CDs aufeinander gestapelt ergeben eine Höhe von etwa zwei Meter, man braucht also rund 225 Tausend solcher Stapel für die gesamte CD-Menge. Ordnet man diese Stapel als quadratische Fläche an, so hat die Fläche eine Länge von ungefähr 500 CD Durchmessern oder 6 Metern. Die zur Speicherung der Lebensdatenmenge benötigte Anzahl von CD-Roms passt also in einen Raum mit 36 Quadratmetern Grundfläche und einer Höhe von 2 Metern.

   
[6] Nun wurden unterwegs in dieser Rechnung einige Zahlen einfach abgeschätzt, wie etwa die Anzahl bestimmter Sinneszellen. Aber es ist auch eher uninteressant, ob die wahre Größe des benötigten Raumes einem kleinen Wohnzimmer oder einer großen Lagerhalle oder vielleicht nur der Satteltasche eines Fahrrads entspricht. Erstaunlich finde ich, dass die Größenordnung des benötigten Datenspeichers nicht dem Volumen der Erde oder eines anderen Gebildes kosmischer Dimensionen entspricht.    
[7] Die Geringfügigkeit der benötigten Datenmenge, die man braucht, um einem Gehirn durch Stimulation der von den Sinneszellen kommenden Nervenfasern ein ganzes Leben vorzugaukeln ist für mich ein starkes Argument dafür, dass unser Leben AN SICH eine vielleicht recht billige Angelegenheit ist und dass es zum Sinn des Seins AN SICH in einem ähnlichen Verhältnis steht, wie der Sinn eines Samstagabendfernsehquiz zum Sinn des Lebens eines Zuschauers.    

Weitere Seiten zu diesem Thema:

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Peter Molyneux wünscht sich eine Verkabelung. 2003: Hirnverkabelung als Spielefeature
Softwarefehler in einer virtuellen Welt 2002: Zungentod: eine Angst
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Letzte Änderung: 21. Okt. 2004