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Chronik einer Endomorphose, 13. Mai 2005 Organische
Theorien Gunter Heim |
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Einleitung Auf dieser Webseite mit dem Titel "Chronik einer Endomorphose" versuche ich aktuelle Entwicklungen aus der Forschung und dem gesellschaftlich-politischen Leben ganzheitlich unter einer bestimmten, biologistischen Annahme zu deuten. Mir erscheint der Gedanke einleuchtend, dass man auf einem bestimmten Abstraktionsniveau gemeinsame Strukturen und Strategien des Erfolges sowohl bei lebenden Organismen als auch bei gesellschaftlichen Gebilden erkennen kann. So haben sich etwa in über viermilliarden Jahren biologischer Evolution auf der Erde Lebensformen mit zentraler und dezentraler Informationsverarbeitung ausgebildet. Es entstanden Tierarten, deren Individuen als solitäre Einzelgänger die Wälder durchstreiften, während andere Tierarten den Weg einer kollektiven, sozialen Intelligen einschlugen. Und in der Ausgestaltung genetischer Verfahren einer Optimierung von Merkmalskombinationen entwickelten sich neben den beiden klaren Formen sexueller und asexueller Erbgutweitergabe zahlreiche Mischformen. Ich glaube, für diese und viele andere Eigenschaften des Lebendigen gibt es Entsprechungen in der Gestalt von Unternehmen, politischen Meinungsbildungsprozessen oder ganzen Staaten. So lassen sich zum Beispiel neuronale Informationsverarbeitung, genetische Algorithmen und Hierarchien in enger funktionaler Analogie in menschlichen Gehirnen einerseits sowie in Großunternehmen andererseits finden. Vielen populärwissenschaftichen Büchern liegen solche Gedanken zugrunde. Auf einige möchte ich beispielhaft hinweisen. |
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Biologische Metaphern in der aktuellen Forschung Howard Bloom1 beschreibt in Global Brain. Die Evolution sozialer Intelligenz in großer Detailfülle wie sich seit dem fernen Erdzeitalter des Präkambriums die Strukturen eines globalen Gehirns auf der Erde ausbilden. James Lovelock2 deutet in Anlehnung an biologische Organismen die gesamte Ökosphäre der Erde als Lebewesen, dem er den mythologischen Namen Gaia gibt. Joël de Rosnay3 zeichnet mit den bildhaften Begriffen der Kybernetik das Bild einer Zukunft, in der evolutive Prinzipien komplexen Systemen zu immer mehr Stabilität und Anpassungsfähigkeit verhelfen. De Rosnay nennt den entstehenden, globalen Überorganismus den Kybionten. Gregory Stock4 benutzt ebenfalls die Metapher eines globalen Organismus, der bei ihm Metaman heisst. Technologien und wirtschaftliche Mechanismen spielen bei Stock eine große Rolle. Theo Gehm5 macht nicht die gesamte Menschheit oder die gesamte Ökosphäre zum Gegenstand seines Vergleiches, sondern er geht funktionalen und phänomenologischen Entsprechungen in der Informationsverarbeitung von menschlichen Kleingruppen und neuronalen Netzen nach. Und Wolf Singer6 fragt sich, inwiefern die dezentrale Architektur des Gehirns als Modell für Stadtstrukturen dienen kann. |
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Es ist nun jedoch keinesweg so, dass die Übertragung biologischer Erkenntnisse auf gesellschaftlich relevante Bereiche bloß ein Gegenstand von Sachbüchern wäre. Wennauch kein (mir bekanntes) Forschungsprojekt offen das Ziel verfolgt, einen globalen Überorganismus zu erschaffen, so stellt die Anwendung biologischer Prinzipien auf technische und organisatorische Gestaltungsfelder ein inzwischen etabliertes Forschungsfeld dar. |
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Auf der offiziellen Webseite des Forschungsprogrammes der Europäischen Union wird zum Beispiel als ein Forschungsziel formuliert: The development of autonomous microrobot groups (robot ecologies), consisting of many heterogeneous members exhibiting collective behaviour and intelligence and of the development of cognitive robots whose "purpose in life" would be to serve humans as assistants or "companions". Hier sind einige Titel von genehmigten Forschungsprojekten der Europäischen Union: |
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BISON - Biology-Inspired techniques for Self-Organization in
dynamic Networks |
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Man darf hinter diesen Titeln noch keinen expliziten Gesellschaftsbezug vermuten. So behandelt das Projekt LEURRE die Frage, inwiefern man Heuschreckenschwärme dadurch in ihrem kollektiven Verhalten steuern kann, dass man die Schwärme mit künstlichen Heuschrecken dotiert und über diese manipulierbaren Roboterheuschrecken den gesamten Schwarm kontrollieren kann. Der Begriff 'Mixed Society' bezeichnet also nicht etwa eine Gesellschaft mit Individuen verschiedener nationaler oder kultureller Herkunft sondern eine Mischung aus Insekten und Robotern. Dennoch: Die häufige Wiederholung von Begriffen wie Societies, Self-Organisation, Complex Systems oder Swarms ist typisch für einschlägige Forschungsfelder. All diese Wörter legen aber bereits in ihren suggestiven Assoziationen und in ihrem Abstraktionsgrad eine einfache Übertragbarkeit auf beliebige Gesellschaften, eben auch menschlichen, nahe. Sollte man tatsächlich einmal zu Ergebnissen kommen, die eine gezielte Nutzung von Idolen oder Sympathieträgern zur Steuerung gesellschaftlicher Willensbildungsprozesse optimieren könnten, dann wäre sicherlich nicht zuletzt die Werbeindustrie an einer Verwertung interessiert. |
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Ein bereits etabliertes Forschungsfeld, welches biologische Prinzipien auf gesellschaftliche Realitäten zu übertragen sucht, trägt den Titel Evolutionäre Ökonomie. Konferenzen, eine gleichnamige Fachzeitschrift (Evolutionary Economics) und eine aktive Forschergemeinde kennzeichnen das Feld als eine eigenständige, wissenschaftliche Richtung.Wennauch das Wort 'evolutionär' nicht unbedingt im streng biologischen Sinne gemeint ist, sondern in einer weiter gefassten Bedeutung von Entwicklung, so wird innerhalb dieser Forschungsrichtung doch ernsthaft nach der Gültigkeit biologischer Prinzipien in der ökonomischen Realität gefragt. |
Z. B.: Hodgson, G.: Darwinism in Economics: from Analogy to Ontology. In: Journal of Evolutionary Economics. ISSN: 0936-9937 (printed version), ISSN: 1432-1386 (electronic version). Volume 12 Issue 3 (2002) pp 259-281 |
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Mit dem Hinweis auf die begriffliche Nähe von Evolution und Marktwirtschaft bin ich an einer Stelle in der Entwicklung meines Gedankenganges angelangt, wo ich eine Spekulation einschieben möchte. |
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Unternehmens-Organismen |
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Analogiebetrachtungen zwischen der Wirtschaft und dem Evolutionsgeschehen setzen oft das Prinzip des Wettbwerbs um begrenzte Ressourcen zueinander in Bezug. Das "survival of the fittest" gilt gleichermaßen für Darwin-Finken auf den Galapagos-Inseln als auch für Textilhersteller in der globalen Ökonomie. Ein langanhaltendes Wirken dieses Prinzipes bewirkt sowohl in der Natur als auch in der Wirtschaft einen stetigen Veränderungsprozess, bei dem nicht angepasste Formen keinen Bestand haben. Typisch für beide Wirklichkeitsbereiche ist auch die Entbehrlichkeit einer zentralen Steuerung. Auch ohne einen ständig eingreifenden Gott in der Natur oder einen alles reglementierenden Staates in der Wirtschaft können organische wie auch ökonomische Populationen neue Strategien des Überlebens entwickeln. |
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Ich glaube, dass in naher Zukunft aus gegenwärtig sehr günstigen Konstellationen gesellschaftlich akzeptierter Wertvorstellungen und verschiedener Forschungsstränge heraus eine aktiv gestaltende Übertragung biologischer Prinzipien auf Unternehmen durchaus wahrscheinlich ist. |
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Gesellschaftliche Umstände die eine Übertragung evolutiver Mechanismen auf das Wirtschaftsgeschehen begünstigen sind:
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In der Mitarbeiterzeitschrift der RWE Power AG team vom April 2005 stehen auf der zweiten Seite in rund 15 Zentimetern Entfernung voneinander die Begriffe "effizient" und "Organisches Wachstum". Auf Effizienz wird in einem Kurzbeitrag des Vorstandsvorsitzenden Bezug genommen. Es heisst, dass der Konzern nicht nur sicher, sondern auch effizient arbeiten müsse. Das organische Wachstum wird im Rahmen eines Kurzartikels über die aktuelle Unternehmensstrategie genannt, in der auch das Ziel der Effizienz betont wird. Es heisst unter anderem, dass neue Geschäftsfelder organisch aus dem bestehenden Geschäft heraus entwickelt werden sollen. |
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Eine Theorie oder ein Thesengemenge, welches eine "konsequente Implementierung evolutiver Erfolgsstragegien in Politik und Wirtschaft" vorsieht, um damit "den Standort zu sichern und Wettbewerbsvorteile zu realisieren", oder vielleicht auch um einen Staat militärisch effizienter zu gestalten, könnte in dem oben skizzierten gesellschaftlichen Klima durchaus Akzeptanz wenn nicht sogar eine gewisse Beliebtheit erlangen. So wie heute derart vage Begriffe wie Akteurs-Netzwerk, Kommunikations-Plattform oder Innovations-Impuls eine Aura erfolgversprechender Konkretheit verbreiten können, so bleiben vielleicht morgen Begriffe wie kontrollierte Selektion, kodierte Reproduktion oder heuristische Rekombination ebensowenig hinterfragt und werden gleichermaßen werbewirksam eingesetzt. |
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Wie könnte eine sozioökonomische Theorie evolutionärer Optimierungsstrategien aussehen? Genetisch kodierte Evolution ist eine statistische Heuristik. Das heisst, man braucht eine ausreichend große Anzahl gegeneinander konkurrierender Individuen sowie einen ausreichend langen Betrachtungszeitraum, will man mit statistischen Methoden erfolgsfördernde von erfolgshemmenden oder erfolgsneutralen Merkmalen trennen. Staaten oder Gesellschaften scheiden wahrscheinlich aufgrund ihrer geringen Anzahl aus. Geeignet für eine kurzfristig realisierbare Modellierung als evolutive Individuen scheinen mir Unternehmen zu sein. Für Unternehmen als Analogon zu biologischen Organismen sprechen verschiedene Gründe:
Für eine Modellierung von Unternehmen als Organismen fehlen allerdings auch wesentliche Bausteine:
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Betrachtet man aber die lebendige und sehr schöpferische Forschungsszene, welche sich mit den Prinzipien biologischer Erfolgsstrategien beschäftigt, so mag es nicht ganz unwahrscheinlich sein, dass eine Theorie entstehen könnte, die Unternehmen ähnlich zu gestalten versucht, wie hier abschließend angedeutet:
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Hat man aber aus der Wirtschaft einen vollständig objektivierten und mechanisierten, genetischen Algorithmus gemacht, so werden Unternehmen noch enger zielgeführt auf Kapitalvermehrung hin ausgerichtet sein und sie werden noch resistenter gegen jegliche politische Einflussnahme. Als weitere Vermutung möchte ich hier den Gedanken erneut aufgreifen, dass nicht nur genetisch-evolutive Verfahren als eine allgemein anwendbare Optimierungsstrategie Anwendung in der Ökonomie finden könnten, sondern auch, dass die Produkte einer solchermaßen biologisierten Wirtschaft zunehmend Merkmale biologischer Lebewesen annehmen. Ein unleugbares und befremdliches Merkmal biologischer Organismen ist jedoch ihre Indifferenz gegenüber den Belangen ihrer Bestandteile. Die Organe und Zellen haben im Sinne des Organismus zu funktionieren. Das Bedürnis des Organismus wird auf Zielf-Funktionen seiner Organe 'heruntergebrochen'. Wo Freiheitsgrade bestehen, sind auch diese im Gesamtfunktionszusammenhang des Organismus vorgezeichnet, etwa im Sinne eines internen Wettbewerbes im Rahmen von Entscheidungsfindungsprozessen. |
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Die Übertragung biologischer Prinzipien auf Gesellschaften ist jedoch keine neue Idee. Insbesondere das 19. und frühe 20. Jahrhundert waren reich in entsprechender Literatur. Bemerkenswert ist die damals intensive (rechts)philosophische Diskussion der Denkströmungen. Insbesondere die Gegensätzlichkeit von Gemeinwohl und Einzelwohl wurde thematisiert. Ohne bisher tiefer in die Literatur aus jener Zeit eingestiegen zu sein, möchte ich doch die Vermutung äußern, dass sie viele tiefsinnige Gedanken zu ethischen und sozialen Folgen biologistischen Denkens enthält und dass eine Beschäftigung mit ihr gewinnbringend für eine Bewertung gegenwärtiger gesellschaftlicher und akademischer Strömungen sein kann. Ich möchte deshalb nachfolgend die mir zur Zeit bekannten Literaturstellen anführen, sodass vielleicht der ein oder andere Leser ihnen nachgehen kann. Ein schöner Einstieg in diese Zeit ist ein Zitat aus der Kurzgeschichte The Island of the Fay7, von Edgar Allan (1809 bis 1849). Poe drückt in einer gleichemaßen anmutigen wie auch realistischen Weise die Gleichgültigkeit des Ganzen gegenüber seinem Bestandteil aus: |
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I love, indeed, to regard the dark valleys, and the gray rocks, and the waters that silently smile, and the forests that sigh in uneasy slumbers, and the proud watchful mountains that look down upon all, - I love to regard these as themselves but the colossal members of one vast animate and sentient whole - a whole whose form (that of the sphere) is the most perfect and most inclusive of all; whose path is among associate planets; whose meek handmaiden is the moon, whose mediate sovereign is the sun; whose life is eternity; whose thought is that of a God; whose enjoyment is knowledge; whose destinies are lost in immensity; whose cognizance of ourselves is akin with our own cognizance of the animalculae which infest the brain - a being which we, in consequence, regard as purely inanimate and material, much in the same manner as these animalculae must regard us. |
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Die Idee vom Staat als Organismus bis etwa 1930 Einen Einblick in die lange Geschichte von der Idee des Staates als Organismus gibt ein 1924 in London herausgegebenes, politikkundliches Buch8. Ein dreizehnseitiges Kapitel mit dem Titel The State as an Organism liefert eine Fülle von Literaturhinweisen. Bereits der erste Satz verweist auf den Stellenwert sogenannter organischer Theorien: An important phase of nineteenth century political theory was the development of a doctrine of the organic and personal nature of the state. Aber bereits in der griechischen und römischen Antike
finde man entsprechendes Gedankengut. So sei Platon (427 bis 347)
der Ansicht gewesen, "that the best ordered commonwealth was
one whose organization resembled most closely that of a human
person..." Und der Römer Cicero (106 bis 43) habe den
Kopf des Staates mit dem Geist verglichen, der dem menschlichen
Körper befehligt. Das Mittelalter sei reich an biblisch
inspirierten Anspielungen auf die Ähnlichkeit zwischen den
Aktivitäten menschlicher Organe und den Handlungen von
Menschen in Gesellschaften gewesen. Namentlich genannt werden hier
ein gewisser John of Salisbury und Marsilius von Padua (1270 bis
1343). Ein Athusius sowie Hugo Grotius (1583 bis 1645) und Samuel
Pufendorf (1632 bis 1694) sollen Theorien der Souveränität
auf der organischen Beschaffenheit des Staates gegründet
haben. Thomas Hobbes (1588 bis 1679) beginnt seinen Staatsentwuf
Leviathan |
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Der Übergang von metaphysischen Theorien des Staates im Sinne eines moralischen Organismus hin zu biologischen Staatstheorien habe sich dann in im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts vor allem in Deutschland vollzogen. Eine große Rolle habe dabei der Vergleich der intellektuellen Entwicklung von Einzelpersonen mit der politischen Entwicklung von Staatstypen gespielt. Joseph von Görres (1776 bis 1848) verglich demokratische Staatsformen mit den automatischen Funktionen des Körpers, wie der Verdauung, der Atmung und dem Blutkreislauf. Monarchische Staatsformen hingegen entsprächen in ihrer zentralisierten Autorität den höheren menschlichen Fähigkeiten, die durch einen selbständigen Willen gekennzeichnet seien. Autoren wie Carl Welcker sowie F. und T. Rohmer haben den Wechsel von Staatsformen von der Monarchie über die Demokratie hin zum Absolutismus einerseits sowie die Entwicklung politischer Parteien vom Radikalismus hin zum Konservatismus in Analogie zum menschlichen Lebenslauf von der Kindheit über die Jugend und das Erwachsendasein hin zum Alter betrachtet. |
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Andere Autoren interessierten sich weniger für die zeitliche Entwicklung von Staatsformen, sondern sie widmeten sich eher einer Analyse des Staates. Sie betrachteten den Willen des Staates als dem menschlichen Willen ähnlich, aber diesem überlegen: "The state was a highly developed organisms, subject to the control of a conscious and sovereign intelligence." Genannt werden hier Friedrich Julius Stahl (1802 bis 1861), Lorenz von Stein (1815 bis 1890) und Otto von Gierke (1841 bis 1921). |
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Der erste Autor der in detaillierter Weise die Methoden der biologischen Wissenschaften auf Staatsgebilde angewandt habe, sei Karl Zacharia gewesen. In seinen Vierzig Bücher vom Staate (1839 bis 1842) habe er den Staat als eine gleichartige Verbindung von toter Materie und lebendigem Geist betrachtet wie es auch organische Körper sind. Auf dieser Grundlage habe er die Chemie, die Mechanik, die Physiologie und die Biologie des Staates beleuchtet. |
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Karl Volgraff habe in seiner Staats und Rechtsphilosophie (1851 bis 1855) die Funktion des Steuer- und Finanzwesens mit dem Stoffwechsel von lebenden Organismen verglichen. Das Militär wurde mit dem Instinkt zur Selbsterhaltung gleichgesetzt. Das Justizwesen war eine gesunderhaltende Kraft (sanative force) und der Staatssouverän war der Kopf. |
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Constantin Frantz (1817 bis 1891) verfasste um 1870 ein Buch mit dem Titel Die Naturlehre des Staats als Grundlage aller Staatswissenschaft. Frantz wollte darin die Aufmerksamkeit von den rechtlichen und moralischen Aspekten von Staatsbetrachtungen auf physikalische und natürliche Gesichtspunkte, wie etwa Boden und Klima, umlenken. |
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Die am weitesten ausgearbeitete Anwedung des organischen Prinzips auf gesellschaftliche Systeme sei in J. K. Bluntschlis Werk Allgemeine Staatslehre aus dem Jahr 1852 zu finden. Bluntschli habe auf dem individuellen und lebenden Status des Staates bestanden, den er als eine enge Verbindung von Seele und Körper sah, bestehend aus eng koordinierten Organen mit jeweils eigenem Leben und eigener Funktion. |
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An dieser Stelle möchte ich kurz mit der Wiedergabe der Inhalte aus dem Buch History of Political Thought innehalten. Raymond G. Gettell, der Verfasser, weist im Zusammenhang mit der Erläuterung von Bluntschlis Sichten zum wiederholten Male darauf hin, dass es eine deutsche Tendenz gebe, den Staat zu verehren und jede Unterordnung des Individuums unter den Staat zu rechtfertigen. Man erinnere sich, dass Gettells Buch 1924 erstmals veröffentlicht wurde, es also ganz unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges enstanden war. Bemerkenswert im Hinblick auf die Notwendigkeit einer Kritik ist, dass biologistische Denkweisen in Anwendung auf die Gestaltung gesellschaftlicher Realitäten auch gewisse Gefahren bergen, namentlich die Unterordnung des Individuums unter einen Zweck. War dies im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts der Staat oder das Volk, so sehe ich heute vor allem ökonomisch fassbare Kategorien wie Untenehmen, Kapitalströme oder Wirtschaftsstandorte oder vielleicht auch einen bloß schemenhaft fassbaren Fortschrittsgedanken in dieser Rolle. Aber zurück zur Geschichte der Idee vom Staat als Organismus. |
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Die einflussreichsten Theorien vom Staat als Organismus seien, so Gettell, mit dem Aufkommen einer Sozialwissenschaft sowie der Anwendung der Biologie auf diese entstanden. Die Konzeptionierung einer wissenschaftlich fundierten Betrachtung von menschlichen Gesellschaften war das Werk von Auguste Comte (1798 bis 1857). Comte lehnte sowohl die Idee natürlicher, das heisst unveräusserlicher, Rechte als auch die Idee eines Gesellschaftsvertrages als Grundlage einer Staates ab. Auch theologische Legitimationen von Staatsgebilden kamen für ihn nicht in Frage. Als Grundlage seiner Staatstheorie sollte eine wissenschaftliche Methode dienen, die feste Gesetzmäßigkeiten in Gesellschaften zu erkennen vermag und gesellschaftliche Änderung damit zu einem Gegenstand wissenschaftlich begründbarer Gestaltung macht. Comte erfand den Begriff der Soziologie und entwarf selbst Vorschläge einer Ausgestaltung desselben. Da Comte seine Methode auf der Biologie und mittelbar auch auf den anderen Naturwissenschaften fußen ließ, war er Analogiebetrachtungen zwischen Gesellschaften und Organen nicht abgeneigt. Insbesondere seien Fehlanpassungen in der sozialen Struktur auf gleiche Weise zu analysieren und zu behandeln wie pathologische Erscheinungen in lebenden Wesen. |
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Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatten neue Konzepte Eingang in die Biologie gefunden und es wurde populär, diese auf die Sozialwissenschaften zu übertragen. Die Vorstellung von Evolution und dass Evolution gleichbedeutend sei mit Fortschritt seien zu einer Mode sozialen Spekulierens geworden. Ein typischer Vertreter dieser Strömung war Herbert Spencer (1820 bis 1903). Spencer sah in der Verwandlung einfacher und gleichförmiger Massen in hochspezialiserte und komplexe Organismen das fundamentale Prinzip der Evolution. Spencer zog Vergleiche zwischen der Industrie und dem Nahrungsapparat; dem Geldwesen und den Kreislaufsystemen des Körpers; den politischen Regulativsystemen und motorischen Nervensystemen; der Legislativen und einem bestimmten Teil des menschlichen Gehirns (Cerbrum). Spencer war von einem starken Individualismus im Sinne eines liberalen Bürgerverständnisses geprägt. So gestand er dem Staat auch keine eigene Individualität zu, sondern er sah die vorrangige Rolle des Staates in der Bewahrung der natürlichen, angestammten Rechte des Einzelbürgers. Spencer glaubte, dass das Gesetz der Evolution letztendlich in dem Verschwinden von Regierungen und einem fortschreitenden Bedeutungsverlust zentralisierter Exekutiven zugunsten dezentraler, lokaler Institutionen resultieren müsse. Charles Darwin, Thomas Henry Huxley und Alfred Russel Wallace hingegen vertraten zwar deutlich evolutionistische Sichtweisen, übertrugen diese aber nicht auf menschliche Gesellschaften. |
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Benjamin Kidd vertrat die Ansicht, dass das Gesetz der Natur für den Vorteil des sozialen Organismus arbeite und dabei das Individuum opfere. Die Rebellion des Menschen gegen dieses kosmische Gesetz, welches auch Huxley erkannt habe, wurde von Kidd gewürdigt. Dass sich nun das Gesetz des Lebens ohne großes, menschliches Leid vollziehen könne, dafür gebe es das Opium der Religion. |
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Eine Anwendung evolutiver Konzepte auf die Ethik findet sich in den Arbeiten von Leslie Stephen, D. G. Ritchie und L. T. Hobhouse. Ihnen zufolge gebe es einen Wettkampf unterschiedlicher moralischer Ideale und eine Selektion jener, die den herrschenden Umständen am besten angepasst sind. Eine ähnliche Auffassung vertritt heute Dr. Christian Illies, der zur Zeit (2005) unter anderem an der Universität Eindhoven lehrt. |
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Als weitere Vertreter der Vorstellung vom Staat als Organismus werden J. S Mackenzie und W. S. McKechnie sowie Henry J. Ford genannt. |
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Paul von Linienfeld habe die Ansicht vertreten, dass der Staat ein realer Organismus sei, der in höchstem Maße alle Voraussetzungen erfülle, die organisches von anorganischem Leben unterscheide. Eine starke, zentrale Autorität sei das Ergebnis einer fortgeschrittenen Evolution, Agitatorentum hingegen politischer Parasitismus. |
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Albert Schäffle sah in der anorganischen, der organischen und der sozialen Welt die gleichen Gesetze am Werke. Die Gesellschaft stelle die höchste Form einer kontinuierlichen Evolution dar. |
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René Worms verstand sowohl Organismen als auch Gesellschaften als lebende Wesen, die wiederum selbst aus lebenden Wesen zusammengesetzt seien. Worms arbeite detaillierte Analogien hinsichtlich Struktur, Funktion, Evolution und Krankheitsbildern zwischen Organismen und Staaten aus. Er betrachtet den Staat als ein dem Individuum vollkommen überlegenes Gebilde, welches letztendlich vom Individuum die Selbstaufopferung verlangen kann. |
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Alfred Fouillée versuchte den Gedanken des Gesellschaftsvertrages (social contract) mit dem des sozialen Organismus zu verbinden, räumte dem Staat jedoch eine erhabene Stellung ein. |
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Gettell schließt seiner Beschreibung von politischen Denkern und ihren Konzepten eine Kritik der organischen Theorien an. Gettell kritisiert zum einen, dass der Mensch in der Freiheit seines Willens gänzlich andes geartet sei als Zellen eines Organismus. Letztere unterlägen einer engen Kontrolle durch den Organismus, wohingegen menschliche Gesellschaften eher das Objekt menschlichen Gestaltungswillens seien. Viele der der vorgestellten Theorien hätten, so Gettell, auch ohne die Annahme eines Staatsorganismus formuliert werden können. Und zuletzt weist Gettell darauf hin, dass die Erhebung des Staates zu einem Selbstzweck eine große Gefahr darstelle, geht doch dabei der Blick dafür verloren, dass der Staatszweck das Wohl der Menschen ist. |
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Gettells Buch wurde 1924 erstmals veröffentlicht und die Fülle an Literatur, die er, auf wenigen Seiten zusammengedrängt, zu organischen Theorien anführt, zeugt von einer starken Popularität eben solcher Theorien. Dass solche Theorien zu jener Zeit in der Tat sehr stark verbreitet gewesen sein müssen, wird durch die Tatsache unterstrichen, dass Gettells Beschreibung lückenhaft ist. |
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In seinen Leitlinien der allgemeinen politischen Geographie geht der 1920 verstorbene Geograph Alexander Supan9 kurz, aber deutlich, auf organische Theorien von Staatsorganismen ein, weist diese jedoch nach einer kurzen Diskussion als inadäquat zurück. Supan nennt aber einige Autoren, die für eine Analyse der organischen Theorie interessant sein düften und die bei Gettell keine Erwähnung fanden. Bemerkenswert scheint mir ein Verweis Supans auf den Staatsrechtler Georg Jellinek (1851 bis 1911), der eine Ananlogie zwischen Staat und Organismus verworfen habe, weil dem Staat die Fähigkeit zur Fortpflanzung fehle. Den Versuch, die organische Theorie zu retten habe der Geograph Friedrich Ratzel (1844 bis 1904) unternommen. Auch die Ansicht des schwedischen Historikers Rudolf Kjellén (1864 bis 1922) ist zu verwerfen. Als Beispiel wird ein Zitat Kjelléns angeführt, demnach der Staat bald ein "sinnlich-vernünftiges Wesen mit dem Schwerpunkt auf der sinnlichen Seite", bald "ein durch Selbstzucht gefesseltes und unter dem Drucke der Lebensnotwendigkeiten umhertastendes Wesen" sei. |
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Ein weiterer Verweis auf organische Theorien stammt aus einem kleinen Lehrbüchlein mit dem Titel Geschichte der Volkswirtschaftslehre10. Unter dem Untertitel Die romantische Staats- und Wirtschaftswissenschaft wird auf einen Franz Xaver von Baader (1765 bis 1841) hingewiesen. Ausgehend vom Gedanken des Organismus habe dieser sich mit der Arbeitsteilung als Ausgliederung der Leistungen innerhalb einer zusammenfassenden Ordnung beschäftigt und damit auf die Bedeutung übergeordneter Ganzheiten hingewiesen. |
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Schlussendlich will ich auf einen Autoren verweisen, der die Vorstellung eines organischen Staates mit völkischem Gedankengut verband und sie weltanschaulisch gegen mechanistisch-indivdualistische Staatsentwürfe abgrenzte. Paul Krannhals11 veröffentlichte 1928 sein zweibändiges Werk Das organische Weltbild. Krannhals vergleicht die innere Differenzierung der Zellen in einem Organismus mit der Organisationsform der Arbeitsteilung in menschlichen Gemeinschaften. Er grenzt Gemeinschaften, die aus wesensgleichen Individuen bestehen, klar gegen Gesellschaften ab, die aus grundsätzlich wettstreitenden Egoismen zusammengesetzt sind. Krannhals verschmilzt auch geographische Begriffe mit der Vorstellung einer organischen Wesenheit von Staaten. Mit diesem jüngsten Buch zu organischen Staatstheorien möchte ich den beschreibenden Teil des Rückblickes schließen und im Folgenden zeigen, wo bereits damals Ansätze einer zunehmend auch heute notwendigen Kritik an organischen Theorien bestanden. |
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Alter und Neuer Diskurs, Notwendigkeit einer Kritik |
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Ich habe einige Bücher aus den 1990er und frühen 2000er Jahren zur Vorstellung über das globale Gehirn gelesen sowie auch einige Internetpräsentation von Forschungsprojekten und -programmen, vor allem seitens der Europäischen Union. Der einfachen Bezugnahme halber möchte ich diese gegenwartsnahen Äußerungen zu biologisch motivierten Vergleichen von Unternehmen, Staaten oder sozialen Gruppen - aber auch technisch-organisatorischen Gebilden - mit lebenden Vorbildern den Neuen Diskurs nennen. Alle Äußerungen zu Theorien organischer Staaten oder evolutiven Gesellschaften bis 1930 hingegen nenne ich den Alten Diskurs. Es gibt auffällige Unterschiede zwischen dem Alten und dem Neuen Diskurs:
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Es scheint, als sei der Alte Diskurs sehr viel stärker mit den Implikationen biologistischer Theorien in ihrer Anwendung auf Staat und Gesellschaft angereichert gewesen zu sein als der Neue Diskurs. Um in der Sprache der soziologischen Diskurstheorie zu sprechen, war der Alte Diskurs in hohem Maße mit anderen Diskursen verschränkt: Biologische Diskurse waren unmittelbar verknüpft mit rechts- und staatsphilosophischen, geographischen und auch politischen Diskursen. So etwas aber scheint im Bezug auf heutige Strömungen biologistischer Forschungsrichtungen zu fehlen. Es wird an Roboter-Ökologien geforscht, die Ökonomie wird unter dem Paradigma der Evolution analysiert und namhafte Wissenschaftler veröffentlichen Bücher über die Entstehung globaler Organismen, doch scheint es keine ernstzunehmende Beschäftigung mit diesen Entwicklungen in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu geben. |
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Scheint ein zentrales Thema des Alten Diskurses die Legitimation von Staats- und Gesellschaftsentwürfen gewesen zu sein, so ist das Leitmotiv des Neuen Diskurses die Erhöhung von Effizienz. Wo aber die Effizienz als oberste Maßgabe gesellschaftlichen Handelns gilt, dort ist das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft im allgemeineren Sinne des Verhältnis vom Teil zum Ganzen und aus dem Blickwinkel einer systemischen Optimierung zu betrachten. Systemische Optimierung ist aber genau das, was die Natur über die langen Zeiträume der Evolution hin getan hat: Die Heranzüchtung von individuell effizienten Organismen mit den Methoden der Evolution als ein systematischer Optimierungsprozess. Was dies für das Wohl eines Teiles vom Ganzen bedeuten kann, deutet Wolf Singer6, Direktor am Max Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main, in einem Essay über Hirnstrukturen als Vorbild für Stadtstrukturen an: |
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Das Problem ist jedoch, daß Menschen keine Neuronen sind. In der Evolution des Gehirns bestand die einzige Beschränkung bei der Entwicklung einzelner Neuronen darin, daß ihre Umgebung ihre Funktionsfähigkeit und ihr Überleben gewährleisten mußte. Die Lebensqualität der Komponenten des Systems war unerheblich. Hochentwickelte biologische Systeme wie Gehirne oder die Superorganismen von staatenbildenden Insekten gehen mit ihren Komponenten in recht rüder Weise um. So werden während der Gehirnentwicklung ... zahlreiche Neuronen geopfert, um Architekturen zu optimieren. Neuronen, deren Funktion nicht optimal an die Ansprüche des Systems angepaßt sind, werden vernichtet. |
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Die Erhöhung der Effizienz eines Kollektivs oder eines Systems bedeutet also nicht gleichzeitig eine Verbesserung der Lage der Komponenten. Dies gilt auch dann noch, wenn man als Vorbild die Natur wählt. Dieser Hinweis scheint mir keineswegs einer Erwähnung überflüssig. Es gibt zwei Haltungen gegenüber der Natur, die den Blick für die Strenge und die Seelenkälte der in ihr wirkenden Optimierungsmechanismen beeinträchtigen. Zum einen ist eine gewisse romantische Einstellung gegenüber der Natur zu kritisieren. Man findet Indizien für ihre weite Verbreitung an vielen Stellen. Urlaubsorte werben mit Bildern einer friedlichen, erholungsgebenden Natur; in Reportagen über Naturvölker wird oft das Leben im Einklang mit der Natur idealisiert; in der Esoterikbranche, deren Produkte viele Elemente fernöstlicher Religionen und Philosophien beinhalten, steht die Natur oft für eine Harmonie, in der alles in einem höheren Sinn aufgehoben ist. Wer von dem Antzlitz der Natur nur ihre romantischen und ästhetischen Züge wahrnimmt, sieht hinter ihrem freundlichen Gesicht nicht das kalte, seelenlose Skelett der Effizienz. |
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Gleichermaßen gefährlich wie die Vorstellung von einer freundlichen Natur ist die Idee, dass die Natur schutzbedürftig sei. Das Wort Naturschutz suggeriert eine schwache Natur, hätte doch eine starke Natur keinen Schutz nötig. Wer aber in der Natur etwas Freundliches oder etwas Schwaches sieht, mag auch unbedacht den Glauben in sich tragen, dass etwas von der Natur abgegucktes letzendlich unser Wohl befördern wird und beherrschbar ist. 'Natürlich' als synonym für empfehlenswert im Sinne des Verbraucherschutzes. Eine natürliche Wirtschaftsordnung oder eine natürliche Staatsform das klingt sanft und ungefährlich. Wer solch eine Suggestion ansprechend findet, der möge das Buch Mother Nature von der Anthropologin Sarah Hrdy (es fehlt kein "a" vor dem "r") lesen. Hrdy beschreibt zum Beispiel, wie Vögel eigene Junge aus dem Nest werfen, wenn sich dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöht, am Jahresende durch eine neues Gelege mehr Jungvögel in die Welt gesetzt haben zu können als ohne Kindestötung. Man kann mathematische Gleichungen aufstellen, die Vorhersagen erlauben, unter welchen Umständen ein Vogel die eigenen Junge tötet. Der Vogel handelt so, dass eine Gesetzmäßigkeit, eine Formel - ein mathematisierbarer Optimierungsmechanismus! - befriedigt wird. Diese Gefühlskälte einer Natur, die stets die Effizienz zu überleben fördert, ist Grund genug, eine Anwendung biologischer Erkenntnisse auf Staats- oder Wirtschaftseinheiten sehr kritisch zu hinterfragen. |
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Aber nicht nur Naturromantiker sind darin gefährdet, die Strenge des Systems gegenüber dem Wohl seiner Teile zu verkennen. Auch Anhänger einer wirtschaftsliberalen Grundhaltung neigen dazu, das Wohl des Ganzen mit dem Wohl der Teile gleichzusetzen. Glaubt der Naturromantiker aber, dass das Ganze aufgrund eines nicht näher zu bestimmenden Harmonieprinzipes für das Wohl des Einzelnen wirkt, so liegt die Sache beim Wirtschaftsliberalen etwas komplizierter, weil sie rational durchdacht ist. |
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Der Kerngedanke des Wirtschaftsliberalen lautet: Das beste Gemeinwesen ist eine Marktwirtschaft, in der der Einzelne sich ausschließlich um die Verfolgung seiner individuellen, egoistischen Ziele kümmert. Adam Smith12 (1723 bis 1790), der Vordenker des Wirtschaftsliberalismus, schreibt über den egoistisch handelnden Händler: |
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He generally , indeed, neither intends to promote the publick interest, nor knows how much he is promoting it ... he intends only his own gain, and he is in this, as in many other cases, led by an invisible hand to promote an end which was no part of his intention. Nor is it always the worse for the society that it was no part of it. By pursuing hiw own interest he frequently promotes that of the society more effectually than when he really intends to promote it. I have never known much good done by those who affected to trade for the publick good. It is an affectation, indeed, not very common among merchants, and very few words need by employed in dissuading them from it. |
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Wir finden in dieser Definition eine unüberwindbare Gleichsetzung des Gemeinwohls mit dem Wohl des Einzelnen: Das Gemeinwohl ist eben identisch mit dem Ergebnis des Handelns individueller Egoisten. Darüber hinaus gibt es keine realistisch erreichbare Verbesserung. |
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Etabliert man nun eine funktionale Nähe marktwirtschaftlicher Prinzipien mit den Mechanismen der Evolution, so gelangt man zu der Folgerung, dass letztendlich die Evolution in ihrem Wirken das Optimum für den Einzelnen darstellt. Das System 'Evolution' wird gleichgesetzt mit dem Wohl des Einzelnen. |
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Man sieht also, dass biologistische Vorbilder auf zwei Weisen auf die menschliche Sphäre übertragen werden können: Zum einen kann der Mechanismus der Evolution als Leitbild für konkurrenzgetriebene Optimierungsstrategien, etwa als Martkwirtschaft, betrachtet werden. Zum anderen kann die Betrachtung individueller Organismen als Leitbild für die Gestaltung individueller Einheiten wie Staaten, Unternehmen oder geographischer Gebilde genutzt werden. Eine biologistisch konsequente Verknüpfung beider Ansätze wäre die Errichtung eines Gesellschaftsmodells, in dem evolutive Mechanismen für die effizienzförderlichste Konkurrenz von Einheiten herhalten, die selbst wiederum nach dem Vorbild natürlicher Organismen gestaltet werden oder im Laufe der Zeit durch evolutiven Selektionsdruck immer mehr deren Formen annehmen. |
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Im Übersystem der Evolution stehen die Individuen als voll autarke Wettkämpfer einander gegenüber. Konkurrenz, Misstrauen, Rafinesse, Egoismus und kalkulierende Kooperation prägen das geistige Klima. Der Krieger ist der Idealtypus. Im Übersystem des Organismus müssen die Individuen eine funktional vorgegebene Rolle einnehmen. Arbeitsteiliges Spezialistentum, reibungsfreie Unterordnung, karriereförderliche Selbstbeschränkung und die Rückbildung ganzheitlicher Kritikfähigkeit kennzeichnen das geistige Klima. Der Verwaltungsmensch ist der Idealtypus. |
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So verlockend die Übernahme biologischer Prinzipien als Leitbild für die Gestaltung der menschlichen Lebenssphäre auch sein mag, so sollte man doch stets bedenken, dass die Evolution Effizienz selektiert und dass Organismen effizient sein müssen.Wo aber Effizienz systemisch definiert wird, ist kritisch zu hinterfragen, was dies für das Individuum bedeutet. Dies scheint im 19ten und frühen 20ten Jahrhundert sehr bewusst getan worden zu sein. Aber auch wenn heute eine entsprechende kritische Betrachtung aktueller Forschungstendenzen nocht nicht erkennbar ist, so scheint doch das Bewusstsein des schwierigen Verhältnisses von Effizienz und Menschlichkeit vorhanden zu sein: Auf großen Plakaten zum derzeit laufenden Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen steht auf einigen Plakaten der Sozialdemokraten in kleiner Schrift unten rechts der Schriftzug: Stärker werden. |
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In der Tat ist hierin die große Herausforderung zu sehen. Der Widerspruch zwischen Stärke und Menschlichkeit scheint mir allerdings sehr viel tiefer in der Struktur der Welt angelegt zu sein, als dass er mit einfachen politischen Maßnahmen behoben werden könnte. Die zur Zeit große Popularität biologistisch inspirierter Methoden der Effizienzsteigerung in vielen Forschungsprogrammen wäre ein guter Anlass, an die Arbeiten und Gedankenwelten des Alten Diskurses anzuknüpfen und zu fragen, inwiefern uns die Natur als Vorbild dienen sollte - oder besser nicht. |
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Literatur zur organischen Theorie bis etwa 1930 Die Literaturangaben sind aus verschiedenen Büchern zusammengetragen, sodass die Art des Quellenverweises von Titel zu Titel abweicht. Heausgabeorte und Verlage wurden oft nicht genannt, dafür aber Zeiträume. Zeiträume können möglicherweise auch auf Vorlesungen (Lectures) an Universitäten verweisen, nicht jeder Titel muss also auch ein Buch sein. Die Titel sind chronologisch angeordnet. Karl Zacharia: Vierzig Bücher vom Staate. 1839-1842 Herbert Spencer: Proper Sphere of Government. 1842 Heinrich Ahrens: Organische Staatslehre. 1850 Herbert Spencer: Social Statics. 1851 E. Mulford: The Nation. 1870 (eine amerikanische Interpretation des Gedankens vom Staat als Organismus) Albert Th. v. Krieken: Die sogenannte organische Staatstheorie. Leipzig. 1873 Paul von Lilienfeld: Gedanken über die sociale Wissenschaft der Zukunft. 1873-1881 Albert Schäffle: Bau und Leben des socialen Körpers. 1875-1878 Herbert Spencer: Principles of Sociology. 1876-96 Alfred Fouillée: La Science sociale contemporaine. 1880 Leslie Stephen: Science of Ethics. 1882. (Evolutionäre Prinzipien in der Ethik) J. S. Mill: Auguste Comte and Positivism. London 1882 Herbert Spencer: Man versus the State. 1884 Georg Jellinek: Allgemeine Staatslehre. Berlin. 1890 Huxley: Evolution and Ethics. London, New York. 1893 (Die Übertragbarkeit biologischer Prinzipien auf Gesellschaften wird angezweifelt, es wird eine Ausweitung staatlicher Aktivität gefordert.) L. T. Hobhouse: Democracy and Reaction. 1894. (Evolutionäre Prinzipien in der Ethik) J. S. Mackenzie: Introduction to Social Philosophy. Erstausgabae 1890. Überarbeitete Ausgabe: Glasgow 1895 D. G. Ritchie: Darwinism and Politics. Erstausgabe 1895. Überarbeitete Ausgabe: New York 1901. (Evolutionäre Prinzipien in der Ethik) W. S. McKechnie: The State and the Indivdiual. 1896 René Worms: Organisme et société. Paris 1896 Friedrich Ratzel: Politische Geographie oder die Geographie der Staaten, des Verkehrs u. des Krieges. München. 1897 O. Hertwig: Die Lehre vom Organismus und ihre Beziehung zur Socialwissenschaft. Berlin. 1899 E. Kelly: Government or Human Evolution. New York 1900-1901 J. K. Bluntschli: Theory of the State. 1901 (aus dem Deutschen übersetzt) René Worms: Philosophie des sciences sociales. 1904-1913 H. Driesch: The Science and Philosophy of the Organism. Gifford Lectures. 1907-1908 F. W. Coker: Organismic Theories of the State. In Columbia University Studies, XXXVIII, No. 2. 1910 L. T. Hobhouse: Social Evolution and Political Theory. New York. 1911 Henry J. Ford: The Natural History of the State. Princeton. 1915 Benjamin Kidd: Social Evolution. Erstausgabe 1894. Überarbeitet: New York 1921 W. A. Dunning: Political Theories, Rousseau to Spencer. Rudolf Kjellén: Der Staat als Lebensform. Leipzig. 1917 Alexander Supan: Leitlinien der allgemeinen politischen Geographie. Erstausgabe 1918 Raymond G. Gettell: History of Political Thought. George Allen & Unwin Ltd. London. Erstausgabe: 1924 |
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Benutzte Literatur 0) Richard Dawkins: Das egoistische Gen. Rowohl Taschenbuch Verlag. 1996 1) Howard Bloom: Global Brain. Die Evolution sozialer Intelligenz. Deutsche Verlags-Anstalt 1999 2) James Lovelock: Das Gaia-Prinzip. Die Biographie unseres Planeten. Insel Verlag Frankfurt am Main. 1993 3) Joël de Rosnay: Homo symbioticus. Einblicke in das 3. Jahrtausend. Gehrling Akademie Verlag. 1997 4) Gregory Stock: Metaman. The Merging of Humans and Machines into a Global Superorganism. Simon & Schuster. 1993 5) Theo Gehm: Informationsverarbeitung
in sozialen Systemen. 6) Wolf Singer: Die Architektur des Gehirns als Modell für komplexe Stadtstrukturen? In: Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 2002 7) Edgar Allan Poe: The Island of the Fay. In: The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe. Penguin Books, 1982 8) Raymond G. Gettell: History of Political Thought. George Allen & Unwin Ltd. London. Erstausgabe: 1924 9) Alexander Supan: Leitlinien der allgemeinen politischen Geographie. Erstausgabe 1918 10) Siegfried Wendt: Geschichte der Volkswirtschaftslehre. Walter de Gruyter & Co. Berlin 1961 11) Paul Krannhals: Das organische Weltbild. Grundlagen einer neuentstehenden deutschen Kultur. F. Bruckmann AG. München. 1928 12) Adam Smith: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Erstausgabe 1776 |
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Letzte Änderung: 11. April 2006 // Vorheriger Eintrag |
Letzte Änderung: 26 Mai 2005 |
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