Chronik einer Endomorphose, 7. Juni 2005

Der Alltag als Kampfbahn
Proto-darwinistischer Jargon

Gunter Heim
Juni 2005

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Ich habe an anderer Stelle Februar 2004: Konkurrenz als Alltagsprinzip beschrieben, wie sehr das Prinzip der Konkurrenz bereits die Alltagskultur prägt. Die Titelseite des Online-Spiegel vom 7. Juni 2005 illustriert augefällig, wie Grundmechanismen einer proto-darwinistischen Evolution auch von unserer Sprache Besitz ergriffen haben.    
Möchte man eine darwinistisch verstandene Evolution nachbilden, so muss man zwei Vorgänge in ständiger Verzahnung miteinander laufen lassen: Erstens, eine fortlaufende Bewertung von was immer Ressourcen benötigt. Dabei müssen vor allem Gewinner und Verlierer klar benannt werden. Und zweitens müssen die Ressourcen, deren Gebrauch es zu optimieren gilt, von den Verlierern zu den Gewinnern umgeschichtet werden. (Daher müssen eben diese auch stets klar bekannt sein.) Führt man dies mit beharrlicher Konsequenz durch, dürften sich allmählich minimale aber dafür stetige Verbesserungen der Ressourcennutzung einstellen.    
Nun nimmt ein Mensch den Jargon, den er an einem Ort gelernt hat und der ihm dort hilfreich war, oder der ihm auf sonst eine Weise imponiert hat, gerne mit in andere Lebensbereiche. So könnte sich erklären, dass dort, wo der Darwinismus sich bewährt hat, und sei es nur mangels erfolgreicher Alternativen, die Herkunft der Sprache zu suchen ist, die auch um sich greift, wo Bewertung in Gewinner und Verlierer und Ressourcenschieberei an sich nicht nötig sind.    
Betrachten wir einige Kurzzusammenfassungen auf der Titelseite des Online Spiegel. Die roten Markierungen stammen von mir und zeigen Wörter an, die etwas mit Bewertung, Ressourcenverteilung und Kampfstimmung zu tun haben:    
SPD
Gerücht um Kanzler-
Rücktritt und Verzicht
auf
Neuwahl

Seit Schröders Neuwahl-Coup in der Nacht der schmerzlichen Wahlniederlage in NRW gilt im politischen Berlin nichts mehr als undenkbar. Jetzt kursiert ein Gerücht, wonach Die SPD ernsthaft daran denkt, den Kanzler auszuwechseln und auf Neuwahlen zu verzichten. Die SPD dementierte umgehend...

  • Beförderungswelle: Union bedrängt das Kanzleramt
  • Grüne: Trittin warnt seine Parteifreunde vor Linksruck
  • Ost-SPD: Harte Abrechnung mit Schröder
   
Mobilfunkkrise
IG Metall kritisiert Verkauf der Siemens-Handy-Sparte

6000 Beschäftigte des Siemens-Konzens stehen vor einer ungewissen Zukunft. Nach der Entscheidung die Handy-Sparte an den taiwanesischen BenQ-Konzern abzugeben fürchten die Arbeitnehmervertreter im Siemens-Aufsichtsrat um die Handy-Produktion in Deutschland...

  • Siemens: Börse jubelt über Handy-Abschied
  • Siemens-Ausgliederung: Wer ist BenQ?
   
Überraschungsfund
141 Jahres altes U-Boot könnte "Nautilus"-Vorbild sein

An der Küste Panamas hat ein britischer Forscher ein gusseisernes U-Boot aus der Zeit des amerikanischen Brügerkrieges entdeckt. Das mehr als 140 Jahre alte Relikt könnte Jules Verne als Vorbild für die "Nautilus" von Kapitän Nemo gedient haben...

   
Münchner Allianz-Arena
Powerrasen im Eimer

Nur eine Woche nach den Eröffnungsspielen der Hausherren TSV 1860 München und FC Bayern ist der hochgelobte Rasen der neuen Allianz-Arena total ramponiert. Dennoch entschieden die Verantwortlichen, den Rasen vorerst nicht auszutauschen...

  • Millionen-Transfer: Bremens Ismael wird ein Bayer
   
Kultur
"Beckmann": Jubiläums-Chichi für den "Tatort"

Auch wenn Moderator Reinhold Beckmann 20 "Tatort"-Kommissare zum Jubiläums-Talk geladen hatte: Eine dramaturgische Linie im Gespräch ließ sich nicht ermitteln. Zum Glück gab es Ulrike Folkerts: Die Fernsehfahnderin brillierte mit kriminell souveräner Schnoddrigkeit...

  • Kanzler-Imitator: Auf unterstem Niveau
  • Kein Witz: Die Formel für erfolgreiche Sitcoms
  • Prager Biennale: Wie Saddam reingelegt wurde
   
Unispiegel
Phantom Elite-Uni: Drang an die Spitze

Deutsche Hochschulrektoren träumen von einer neuen akademischen Elite. Doch nach monatelangem Gerangel droht dem milliardenschweren Förderprogramm der Bundesregierung durch die geplanten Neuwahlen das endgültige Aus- mit verheerenden Folgen für den Bildungsstandort Deutschland...

  • Unternehmensberater: "Wir erwarten intellektuelle PS"
  • Schulbeginn: Acht Uhr ist zu früh
  • 108.000 Stellen nach dem Komma: Mathefans schaffen Weltrekord im Pi-Vorlesen...
   
Soweit einige ausgewählte, aber nicht untypische, Beispiele. Zugestanden ist, dass der erste Artikel, wo es um einen politschen Schachzug des Bundeskanzlers geht, von Neuwahlen und generellem Auswechseln von Personen handelt. Und dementieren, bedrängen, warnen und hart abrechnen gehören zum politischen Handwerkszeug. Im nächsten Artikel wird die unanangenehme Stimmungslage weitergeführt. Da gibt es eine Krise. Es wird kritisiert und man muss abgeben. Die Börse jubelt, trotzdem muss ausgegliedert werden. Man sieht schon, wie ständig alles bewertet wird, das Gute und das Schlechte hervorgehoben werden und immer auch gleich die Konsequenz gezogen wird: Die Schlechten müssen gehen und kriegen alles weggenommen. Darüber jubelt dann das Publikum.    
Etwas befremdlich, aber doch ganz im Einklang mit der einmal erzeugten Stimmung, kommt dann der Artikel über den beschädigten Fußballrasen daher. Aber es ist ja nicht die Rede von einem Spielrasen, nein es ist ein Power-Rasen (Immer voller Einsatz!). Aber der ist jetzt nicht bloß beschädigt, sondern total ramponiert. Und das, obwohl er vorher nicht nur gelobt sondern sogar hochgelobt worden war. Dass man auch nicht vergisst, dass sich alles um Ressourcenverteilung dreht, wollen auch noch schnell die Wörter "austauschen" und "Transfer" genannt sein. Aber auch in der Kultur muss brilliert werden, während andere auf unterstem (für die effiziente Selektion ist vor allem der Superlativ interessant, nicht das Mittelmaß) Niveau angetroffen werden. Wieder andere sind erfolgreich. Ständig muss das Magazin hier bewerten und man fragt sich, ob es denn überhaupt etwas Interessantes jenseits von Super-Gut und Grottenschlecht gibt und ob auch immer gleich geklärt werden muss, wer zu gehen hat. Anscheinend ist dem so. Denn auch das nächste Beispiel, der Artikel über die Elite-Unis, kündet ja schon im Titel vom ewigen Geschäft des künstlichen DarwinierensFebruar 2004: Das allgemeine Prinzip der Evolution: Elite-Unis, Drang an die Spitze, Gerangel und dann: endgültiges Aus (totaler Ressourcenentzug!). Ja, es ist halt Krieg, was mit dem Wort verheerend in Erinnerung gehalten wird. Verheert waren die Landstriche, durch die ehedem die Söldnerheere gezogen waren. Und zum Schluss werden noch intellektuelle PS nachgeschoben, derweil der Schulbeginn auch nicht unbewertet bleiben darf: er ist zu früh. Aber Mathefans beglücken uns mit einem Weltrekord.    
Man fragt sich beim Lesen so gehaltener Texte, ob denn wirklich alles nur im Format des Wettkampfes, der Bewertung und der Selektion daherkommen muss. Ist es die Kundschaft, die dies gerne so liest? Ist es das spezielle Klientel des Spiegel, das einen Stand vertritt, in dem man gerne so denkt und alles nur so wahrnimmt? Oder ist es tatsächlich das Erfolgsrezept unserer westlichen Gesellschaften, dass wir nämlich ständig darum bemüht sein müssen, alles und jeden im Wert zu vergleichen und sogleich auch die Ressourcen vor Verschwendung schützen und dem besten Talentenvermehrer zuschieben? Von welcher Zukunft ist diese proto-darwinistische Gesellschaftsform das Vorstadium?    

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Letzte Änderung: 7. Juni 2005