Chronik einer Endomorphose, 7. Juni 2005 Der Alltag als
Kampfbahn Gunter Heim |
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| Ich habe an anderer Stelle |
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| Möchte man eine darwinistisch verstandene Evolution nachbilden, so muss man zwei Vorgänge in ständiger Verzahnung miteinander laufen lassen: Erstens, eine fortlaufende Bewertung von was immer Ressourcen benötigt. Dabei müssen vor allem Gewinner und Verlierer klar benannt werden. Und zweitens müssen die Ressourcen, deren Gebrauch es zu optimieren gilt, von den Verlierern zu den Gewinnern umgeschichtet werden. (Daher müssen eben diese auch stets klar bekannt sein.) Führt man dies mit beharrlicher Konsequenz durch, dürften sich allmählich minimale aber dafür stetige Verbesserungen der Ressourcennutzung einstellen. | ||
| Nun nimmt ein Mensch den Jargon, den er an einem Ort gelernt hat und der ihm dort hilfreich war, oder der ihm auf sonst eine Weise imponiert hat, gerne mit in andere Lebensbereiche. So könnte sich erklären, dass dort, wo der Darwinismus sich bewährt hat, und sei es nur mangels erfolgreicher Alternativen, die Herkunft der Sprache zu suchen ist, die auch um sich greift, wo Bewertung in Gewinner und Verlierer und Ressourcenschieberei an sich nicht nötig sind. | ||
| Betrachten wir einige Kurzzusammenfassungen auf der Titelseite des Online Spiegel. Die roten Markierungen stammen von mir und zeigen Wörter an, die etwas mit Bewertung, Ressourcenverteilung und Kampfstimmung zu tun haben: | ||
| SPD Gerücht um Kanzler- Rücktritt und Verzicht auf Neuwahl Seit Schröders Neuwahl-Coup in der Nacht der schmerzlichen Wahlniederlage in NRW gilt im politischen Berlin nichts mehr als undenkbar. Jetzt kursiert ein Gerücht, wonach Die SPD ernsthaft daran denkt, den Kanzler auszuwechseln und auf Neuwahlen zu verzichten. Die SPD dementierte umgehend...
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| Mobilfunkkrise IG Metall kritisiert Verkauf der Siemens-Handy-Sparte 6000 Beschäftigte des Siemens-Konzens stehen vor einer ungewissen Zukunft. Nach der Entscheidung die Handy-Sparte an den taiwanesischen BenQ-Konzern abzugeben fürchten die Arbeitnehmervertreter im Siemens-Aufsichtsrat um die Handy-Produktion in Deutschland...
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| Überraschungsfund 141 Jahres altes U-Boot könnte "Nautilus"-Vorbild sein An der Küste Panamas hat ein britischer Forscher ein gusseisernes U-Boot aus der Zeit des amerikanischen Brügerkrieges entdeckt. Das mehr als 140 Jahre alte Relikt könnte Jules Verne als Vorbild für die "Nautilus" von Kapitän Nemo gedient haben... |
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| Münchner
Allianz-Arena Powerrasen im Eimer Nur eine Woche nach den Eröffnungsspielen der Hausherren TSV 1860 München und FC Bayern ist der hochgelobte Rasen der neuen Allianz-Arena total ramponiert. Dennoch entschieden die Verantwortlichen, den Rasen vorerst nicht auszutauschen...
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| Kultur "Beckmann": Jubiläums-Chichi für den "Tatort" Auch wenn Moderator Reinhold Beckmann 20 "Tatort"-Kommissare zum Jubiläums-Talk geladen hatte: Eine dramaturgische Linie im Gespräch ließ sich nicht ermitteln. Zum Glück gab es Ulrike Folkerts: Die Fernsehfahnderin brillierte mit kriminell souveräner Schnoddrigkeit...
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| Unispiegel Phantom Elite-Uni: Drang an die Spitze Deutsche Hochschulrektoren träumen von einer neuen akademischen Elite. Doch nach monatelangem Gerangel droht dem milliardenschweren Förderprogramm der Bundesregierung durch die geplanten Neuwahlen das endgültige Aus- mit verheerenden Folgen für den Bildungsstandort Deutschland...
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| Soweit einige ausgewählte, aber nicht untypische, Beispiele. Zugestanden ist, dass der erste Artikel, wo es um einen politschen Schachzug des Bundeskanzlers geht, von Neuwahlen und generellem Auswechseln von Personen handelt. Und dementieren, bedrängen, warnen und hart abrechnen gehören zum politischen Handwerkszeug. Im nächsten Artikel wird die unanangenehme Stimmungslage weitergeführt. Da gibt es eine Krise. Es wird kritisiert und man muss abgeben. Die Börse jubelt, trotzdem muss ausgegliedert werden. Man sieht schon, wie ständig alles bewertet wird, das Gute und das Schlechte hervorgehoben werden und immer auch gleich die Konsequenz gezogen wird: Die Schlechten müssen gehen und kriegen alles weggenommen. Darüber jubelt dann das Publikum. | ||
| Etwas befremdlich, aber doch
ganz im Einklang mit der einmal erzeugten Stimmung, kommt
dann der Artikel über den beschädigten Fußballrasen
daher. Aber es ist ja nicht die Rede von einem
Spielrasen, nein es ist ein Power-Rasen (Immer voller
Einsatz!). Aber der ist jetzt nicht bloß beschädigt,
sondern total ramponiert. Und das, obwohl er vorher nicht
nur gelobt sondern sogar hochgelobt worden war. Dass man
auch nicht vergisst, dass sich alles um
Ressourcenverteilung dreht, wollen auch noch schnell die
Wörter "austauschen" und "Transfer" genannt sein. Aber auch
in der Kultur muss brilliert werden, während andere auf
unterstem (für die effiziente Selektion ist vor allem
der Superlativ interessant, nicht das Mittelmaß) Niveau
angetroffen werden. Wieder andere sind erfolgreich.
Ständig muss das Magazin hier bewerten und man fragt
sich, ob es denn überhaupt etwas Interessantes jenseits
von Super-Gut und Grottenschlecht gibt und ob auch immer
gleich geklärt werden muss, wer zu gehen hat.
Anscheinend ist dem so. Denn auch das nächste Beispiel,
der Artikel über die Elite-Unis, kündet ja schon im
Titel vom ewigen Geschäft des künstlichen Darwinierens |
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| Man fragt sich beim Lesen so gehaltener Texte, ob denn wirklich alles nur im Format des Wettkampfes, der Bewertung und der Selektion daherkommen muss. Ist es die Kundschaft, die dies gerne so liest? Ist es das spezielle Klientel des Spiegel, das einen Stand vertritt, in dem man gerne so denkt und alles nur so wahrnimmt? Oder ist es tatsächlich das Erfolgsrezept unserer westlichen Gesellschaften, dass wir nämlich ständig darum bemüht sein müssen, alles und jeden im Wert zu vergleichen und sogleich auch die Ressourcen vor Verschwendung schützen und dem besten Talentenvermehrer zuschieben? Von welcher Zukunft ist diese proto-darwinistische Gesellschaftsform das Vorstadium? | ||
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Letzte Änderung: 7. Juni 2005 |