Chronik einer Endomorphose, 26. April 2006

Das Evolutionäre als ideologischer Kern der modernen Industriegesellschaft?

Gunter Heim
Mai 2006


Man hält es heute für eine Selbstverständlichkeit, daß die vom Menschen geschaffenen Berufsstrukturen und Betriebe etwas grundsätzlich anderes sind als die tierischen und pflanzlichen Körper. Eine Schusterwerkstatt mit einer Heckenrose zu vergleichen oder einen Tausendfüßler mit einer Versicherungsgesellschaft erscheint völlig absurd.

Hans Hass, 19701


Kirchhoff'sche Nahrungskette
Das Prinzip Fressen-und-gefressen-werden
J. Kirchhoff, 2008

Es mag uns heute befremdlich erscheinen, dass berühmte Größen wie Platon und Aristoteles keinen großen Anstoß an der Existenz von Sklaverei nahmen. Schwer nachvollziehbar für den Menschen des 21. Jahrhunderts dürfte auch das existenzielle Ringen um die Gnade oder das Verstehen Gottes sein, die doch das Motiv für viele Forschungen war, etwa die von Descartes oder Leibniz. Und es mag uns heute seltsam erscheinen, dass sich Staatstheorien des 17. Jahrhunderts ernsthaft mit dem göttlichen Recht des Königtums beschäftigten und kluge Argumente auf ein Für oder Wider verwendet wurden.

Ich sprach vor kurzem mit einer Bekannten, die ihre Kindheit und Jugend in der ehemaligen DDR verbrachte. Sie berichtete davon, wie ihr heutiges Bild des Sowjetmenschen geprägt wurde und noch heute in ihrem Denken fortlebt. Geformt durch die öffentliche Meinung in der DDR wuchs sie mit einem Bild des Sowjet-Russen als moralisch überlegenem Menschen auf, dessen Typ letztendlich Nazi-Deutschland besiegte. Ein Russe, so die Bekannte über sich selbst, konnte nichts Falsches tun und war per se ein guter Mensch. Diese Schilderung machte mir wiederum bewusst, wie sehr auch ich, aufgewachsen im Westen, mit sozial vermittelten Selbstverständlichkeiten älter wurde. Für mich war es bis zum Alter von etwa 30 Jahren selbstverständlich, dass die West-Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatten. Der wirtschaftlich und militärisch rückständigen Sowjetunion wurde aus Solidarität aus der Patsche geholfen, dachte ich damals. Heute neige ich eher zu der Ansicht, dass Deutschland im Krieg vor allem am Widerstand Russlands gescheitert ist und dass ohne eine Beteiligung der Sowjetunion der Krieg für die West-Alliierten durchaus auch hätte anders ausgehen können. Aber wer nun den Krieg gewonnen oder verloren hätte, oder ob die Russen nun moralisch bessere Menschen waren als wir, ist hier nicht von Bedeutung. Wichtig ist mir die Einsicht über die Stärke kulturell vermittelter Denkgewohnheiten, die uns in vielen Fällen noch nicht einmal als solche bewusst werden.2

Herbert Marcuse, ein Philosoph der sogenannten Frankfurter Schule, veröffentlichte im Jahre 1962 eine in vielerlei Hinsicht lesenswerte und immer noch aktuelle Studie zum Zustand der Industriegesellschaft. Dabei versuchte er unter anderem deutlich zu machen, wie alleine durch unseren alltäglichen Sprachgebrauch Werturteile von der Gesellschaft auf das Individuum übertragen werden, ohne dass dies dem individuum unbedingt bewusst wird. Das geschieht, so Marcuse, zum Beispiel durch die fast reflexartige Zusammenfügung bestimmter Worte zu festen Floskeln.3 Als ein Beispiel hierfür führte er die Kombination von Freiheit und Demokratie an. Ein Beispiel zur eigenen Anschauung. Welcher Wortreflex eilt uns heute zur Hilfe, wenn man die Lücke in dem folgenden Satzfragment ergänzen sollte:

Unsere freiheitlich-_________ Grundordnung?

Fällt hier nicht den meisten (in Westdeutschland aufgewachsenen) Personen sofort "demokratische" ein?

Was aber bewirkt eine solche eingeschliffene Wortkopplung, eine sogenannte Katachrese? Entsteht nicht in den Köpfen der Menschen, die dies immer wieder hören, der Eindruck, als gingen Freiheit und Demokratie stets miteinander einher?4 Prägt nicht nur unser Denken die Sprache, sondern prägt nicht auch Sprache unser Denken?

Heute morgen (26. April 2006) hörte ich im Radio, entweder auf WDR 5 oder im Deutschlandfunk, wie im Zusammenhang mit russischen Gaslieferungen an Deutschland die beiden Worte "Liberalisierung" und "Versorgungssicherheit" so beieinander gestellt verwendet wurden, dass man es als selbstverständlich erachten muss, dass die beiden Dinge auch kausal miteinander verknüpft wären. Tatsächlich aber kann eine Deregulierung von Industrien auch zu unsicheren Versorgungslagen führen.5

Das Bedenkliche an solchen Wortgruppierungen ist, dass sie Selbstverständlichkeiten suggerieren, wo doch eigentlich viel eher kritikbedürftige Vermutungen, Meinungen oder Theorien vorliegen. Haben wir schon einmal darüber nachgedacht, ob Demokratie für jeden Bürger Freiheit bedeutet oder eben nur für die momentane Mehrheit? Und kann Freiheit nur in einer Demokratie verwirklicht werden? Je mehr man über solche Fragen anhand konkreter Fälle nachdenkt, desto schwieriger dürfte einem die Antwort fallen. Wer sich die Reichweite und Fruchtbarkeit einer solchen Fragerichtung deutlich machen möchte, dem sei die Politeia des Aristoteles empfohlen.

Ich glaube, dass wir auch heute sehr stark von historisch gewachsenen Denkstilen geprägt sind, die wir als Individuen in den seltensten Fällen kritisch analysiert haben. Das, was man als eine Art gesellschaftlichen Konsens, als Common Sense unseres Zusammenlebens beschreiben könnte, lässt sich durch die enge Verzahnung einiger meist positiv besetzter Begriffe charakterisieren.

In der Politischen Sphäre:

Freiheit - Demokratie - sozial - Marktwirtschaft - international - individualistisch - pluralistisch - zukunftsfähig - wettbewerbsorientiert - leistungsorientiert - ohne ideologische Scheuklappen - Mittelstand - Wachstum

In der Politik und unter wirtschaftsnahen Gruppen wie überhaupt im Management sind mit diesen Worten weitere Begriffe eng verschränkt, die den Aspekt der Marktwirtschaft präzisieren. Auch diese Worte sind im öffentlichen Sprachgebrauch überwiegend positiv aufgeladen, jedoch meist nicht definitorisch festgelegt.

In wirtschaftsnahen Kreisen:

(freier) Wettbewerb - Konkurrenz - Kooperation - Team - Effizienz- Wirtschaft - leistungsbezogen - Innovation - flexibel - anpassungsfähig - Privatinitiative - Netzwerk - pragmatisch - organisch - Evaluation - best practice

Weitgehend negativ besetzt sind die folgenden Begriffe, die zum Teil in polemischer Absicht aus zunächst wertneutralen Worten abgeleitet wurden. Sie kennzeichnen das Gegenteil der unausgesprochenen Ideologie unseres gegenwärtigen Gesellschaftsideals.

Im Milieu des politischen Liberalismus:

Zentralisierung - Regulierungswut - Verstaatlichung - Dirigismus - Planung (klingt nach Bürokratie) - Wasserkopf - Fürsorge - verkopft - theoretisch - Ideologie - Elfenbeinturm

Sehr aussagekräftig ist eine seit etwa dem Jahr 2000 vermehrt zu beobachtende Verwebung des ökonomisch-politischen Diskurses mit Worten naturwissenschaftlicher Herkunft. Diese stehen zwar nicht immer aber doch recht häufig in assoziativer Nähe zu biologischen Evolutionstheorien:

Im Umfeld der Forschungsförderung6

Bionik - organisch - kollektiv - dynamisch - system - adaptiv - komplex - bio-inspired (auch im deutschen Sprachraum) - Schwarmintelligenz - Selbstorganisation - robust - verteilt - autonom - evolutionary (eher als evolutionär) - als Präfix: selbst oder self - emergent

Mein Eindruck ist, dass die bisher genannten Begriffe Ausdruck einer unausgesprochenen Ideologie unserer gegenwärtigen Sozialordnung sind. Dass es sich hierbei um ein zusammenhängendes Begriffsgeflecht, sozusagen ein Denkuniversum handelt, wird besonders dort sichtbar, wo politische, ökonomische und wissenschaftliche Entscheidungsträger an wichtigen Schaltstellen von Macht zusammentreffen oder in Personalunion mehreren dieser Bereiche zugehören7.

Biologistisch-evolutionäre Theorien stellen ein weitverzweigtes Geäst verschiedener Paradigmen dar. So stehen den Anhängern einer Gruppenselektion zum Teil unversöhnlich die Verfechter eines am Individuum ansetzenden Gen-Egoismus gegenüber. Der Lehrmeinung, dass sich Arten langsam über lange Zeiträume verändern, dem sogenannten Gradualismus, steht die Vorstellung gegenüber, dass die Evolution vor allem durch Katastrophen vorangetrieben wird. Ebenfalls offen diskutiert wird die Frage nach der Wirkungsweise der Gene und deren Anteil an der letztendlichen Ausprägung von Individuen. Kurz: Was ist angeboren und was ist später erst erworben?

Doch trotz ihrer Widersprüchlichkeiten entspringen all diese theoretischen Zweige einem gemeinsamen Stamm. Als Handlungsanweisung ließe sich das Prinzip der biologischen Evolution wie folgt fassen:

Definiere ein einheitliches Erfolgsmaß. Messe den Nutzen und Erfolg jedes Ressourcenverbrauchers. Schichte dann die Ressourcen um vom Erfolglosen in die Nähe der Erfolgreichen. Reproduziere dort die Merkmale des Erfolgreichen. Fange wieder von vorne an.

Ich möchte an einem einfachem Beispiel die Wirksamkeit dieses Prinzips veranschaulichen. Die Animation unten zeigt eine hügelige Fläche, die sogenannte Erfolgsfläche. Der Begriff der Erfolgsfläche spielt in theoretischen Betrachtungen von Optimierungsstrategien, der Heuristik, eine Rolle. Wir gehen davon aus, dass auf dieser Fläche Individuen platziert werden können, unten dargestellt durch kleine graue Bälle. Je höher nun ein Individuum auf der Fläche angesiedelt ist, desto erfolgreicher sei es. Ferner gehe man davon aus, dass die Individuen keinerlei Kenntnis der Flächenform oder ihrer Lage innerhalb der Fläche haben. Gehen wir ferner davon aus, dass es sich nicht um ein Individuum handelt, sondern um mehrere. Die Gesamtzahl der Individuen nennen wir in Anlehnung an biologische Evolutionstheorien eine Population. Ziel ist es nun, den aufsummierten Erfolg aller Individuen, der Population also, zu maximieren. Das lässt sich durch eine ganz einfache Regel bewerkstelligen, wie die folgende Animation zeigt:





Folgende Schritte führen zum Erfolg:

  1. Bestimme die schlechtesten und die besten Individuen (das Mittelmaß ist unbedeutend).

  2. Gestalte die Ressourcen der Schlechtesten nach den Merkmalen der Besten.

  3. Fange wieder von vorne an.

Ich glaube, zwei große Phänomenbereiche zu erkennen, in denen dieses Prinzip wirkt. Erstens, mit zunehmender Schlüssigkeit, in den Mechanismen unserer Marktwirtschaft. Die Ressource, auf die alles hin gemessen werden kann, ist das Kapital. Die Mechanismen der Börse, der Investmentfonds sowie des Kreditwesens sorgen dafür, dass Kapital vorzugsweise dorthin fließt, wo man eine weitere Vermehrung von Kapital erwarten darf. Wachstumsbranchen, Unternehmen mit einer Historie sicherer Rendite und einkommensstarke Privatpersonen sind die Empfänger von Kapital. Erfolglose Unternehmen, strukturschwache Regionen und erwerbsschwache Einzelpersonen hingegen erwirtschaften im Kontext des Marktes kaum oder kein eigenes Einkommen. In letzter Konsequenz - ohne soziale Korrektive oder ererbte Privilegien - würden sie jeglichen Zugriff auf Ressurcen verlieren. Zweitens glaube ich, dass wir Menschen als Produkt einer biologischen Evolutionsgeschichte das Prinzip der Ressourcenverteilung vom Erfolglosen zum Erfolgreichen in unserem innersten Wesen tragen. Wir sind das Ergebnis einer Gruppenselektion, in der jene Gruppen unserer Vorfahren bevorzugt sich durchsetzten konnten, die Mitglieder aus ihren eigenen Reihen entfernt haben, die nicht erkennbar zum Gesamterfolg der Gruppe beitragen.

Hier sind einige Indizien dafür, dass wir menschliche Gruppen als Gemeinschaften auffassen dürfen, die sich selbst von Ineffizienzen befreien:

  • Arbeitslose Menschen berichten davon, dass sie eine soziale Isolation erleiden: Sie werden in Geschäften nicht mehr gegrüßt, bei Feiern gemieden oder offen diskriminiert, etwa dadurch, dass ein Verkäufer in einem Geschäft (auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt) ihnen vor Publikum anteilsvoll die verbilligte Ware von gestern anbietet.

  • Krankheit, Schwäche und Misserfolg wirken auf viele Personen abstoßend: man distanziert sich von so stigmatisierten Menschen.

  • Das Messen von Leistungsfähigkeit scheint ein elementares Bedürfnis des Menschen in Industriegesellschaften zu sein. Eines der stärksten Indizien hierfür ist die hohe Popularität von wettkampforientierten Sportarten, Fernsehshows und zunehmend auch Werbeformaten.Über den Zwang zur Konkurrenz

  • Menschen ohne sozialen Rückhalt haben ein höheres Risiko an stressbedingten Symptomen zu sterben als Personen, die in eine Gemeinschaft eingebunden sind.8 In ihnen wird ein genetisches Programm zum Verzicht auf Gruppenressourcen aktiviert9.

  • Umgekehrt ließe sich die Plazebo-Wirkung vieler Medikamente oder Behandlungsmethoden darüber erklären, dass Menschen alleine schon die ihnen gewährte Zuwendung unbewusst als sozialen Rückhalt interpretieren.

Der amerikanische Autor Howard Bloom prägte einmal den Begriff des Luzifer-Prinzips. Ihm Zufolge ist der Akt des Schöpfens im Rahmen begrenzter Ressourcen untrennbar mit dem Akt der Zerstörung verknüpt. Bloom denkt und argumentiert eng angelehnt an naturwissenschaftliche Konzepte von Evolution. Ganz losgelöst von naturwissenschaftlichen Kategorien beobachtete und analysierte der Soziologe Herbert Marcuse die Industriegesellschaften des 20ten Jahrhunderts. Seine Analysen führten ebenfalls zu dem zentralen Befund einer scheinbar paradoxen Verknüpfung von Produktivität und Destruktion10. Dieses Paradoxon kann jedoch aus evolutionärer Sicht aufgelöst werden: Um die Produktivität des Ganzen zu steigern, müssen wir dazu bereit sein, Ineffizienzen im Kleinen zu beseitigen. Dies ist die Destruktion.

Sucht man nun nach den tatsächlich gültigen Richtlinien menschlichen Verhaltens, nach jenen Kriterien, die unsere Handlungen ohne eine Maske von Humanismus und sozialer Verantwortung bestimmen, dann wird man, so vermute ich, in vielen Bereichen auf das Prinzip der Ressourcenverschiebung vom Nutzlosen hin zum Nützlichen stoßen. Es ist unser biologisches Erbe und wir institutionalisieren es zur Zeit auf der Ebene abstrakter Wirtschaftsgefüge in vielfältiger Weise. Der Kern ist, dass wir als Individuen nur so viele Ressourcen erhalten dürfen, wie es unserem Nutzen zur Vermehrung von Kapital entspricht. Und da wir Kapital in der Regel in Gruppen erwirtschaften, nämlich in Unternehmen, fügt sich das biologische Erbe der Gruppenselektion einfach in den Kontext einer Marktwirtschaft ein.

Der ideale Mensch, wie er im Kontext einer Gruppenselektion und ohne das Korrektiv einer von Effizienz unabhängigen Barmherzigkeit zu fordern wäre, wäre durch zwei Verhaltenskomplexe gekennzeichnet:

Zur Verteidigung der Gruppeneffizienz:

  • Er trägt bei zu einem Klima der ständigen Konkurrenz aller gegen alle, einem spürbaren Druck, ständig Rechenschaft über seine Leistungsfähigkeit abzulegen. "Leistung" ist "in".

  • Er bewertet andere Menschen danach, wieviel sie zum Gruppenziel beitragen. Kann er die Menschen nicht selbst bewerten, orientiert er sich am Urteil anderer.

  • Er fördert die Mobilisierung des Privaten für den Gruppennutzen. Freizeit und Arbeit werden in seinem Lebensideal eins.

  • Er ist dazu bereit, als ineffizient markierten Gruppenmitgliedern Ressourcen zu entziehen. ("Wir sind kein Sanatorium")

  • Er bejaht ausdrücklich das Prinzip des Wettbewerbs.

  • Er sucht Allianzen zu schmieden oder schließt sich diesen an, um nutzlose Individuen aus der Gruppe zu entfernen.

  • Er bekennt sich zum "Team". Seine öffentliche Ideologie ist die des Gruppennutzens (Standort, Staatsräson, Unternehmen etc.).

  • Im Extremfall: Er ist bereit, sich selbst Ressourcen zu entziehen, falls ihm die Gruppe seine Nutzlosigkeit signalisiert (Apoptose).

  • Er kann seine Ziele den von außen vorgegebenen Gruppenzielen ständig neu unterordnen (mobile truth).

Um seine eigene "Haut zu retten" zeigt er folgende Verhaltensweisen:

  • Er macht seinen Nutzen für die Gruppe deutlich wo er kann.

  • Er sucht Orte auf, an denen er sich sichtbar nützlich machen kann.

  • Er lenkt den Verdacht der Nutzlosigkeit auf andere, um Aufmerksamkeit von sich abzulenken.

  • Er schmälert den Gruppennutzen, wenn er dadurch schadlos selbst in einem besseren Licht erscheint.

  • Er bekennt sich nur dort zu Ideologien der Barmherzigkeit, wo Einvernehmen herrscht, dass man über unerreichbare Utopien spricht, es also nicht allzu ernst meint.

  • Er lässt sich lieber extrinsisch motivieren (Geld, Status) als dass er nach eigenen Grundsätzen gegen den Willen der Gruppe handelt.11

  • Wo er selbstbestimmt die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wählen kann, observiert er ständig die Lage, um sich den zukünftigen Siegern zuzuschlagen.

Es würde eine Ethik und womöglich auch eine Metaphysik erfordern, wolle man eine solche Mentalität bewerten. Ich möchte an dieser Stelle zunächst als Hypothese festhalten: Unsere moderne Gesellschaft übersetzt das Prinzip der Gruppenselektion von der Sphäre individueller genetischer Veranlagungen in die Sphäre objektiv institutionalisierter Sachzwänge. Aus der materiellen Realität der Gene wird die materielle Realität eines marx`schen Unterbaus. Damit ergibt sich eine Rückkopplung zwischen zwei Stufen der Komplexität: Die grundsätzlich kampforientierte Mentalität der Gruppenoptimierung konstituiert sich als ökonomischer Sachzwang. Um zu existieren muss das Individuum eben jene Mentalität weiter entwickeln. Vom Erfolg losgelöste Solidarität und Barmherzigkeit werden zu einem gefährlichen Luxus.

Ich möchte den hier in Ansätzen skizzierten Gedanken mit einem Zitat von Herbert Marcuse beenden. Marcuse kam durch seine Analysen in der frühen zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts zu dem Schluss, dass die Bedürfnisse des modernen Menschen repressiver und letztendlich zerstörerischer Natur sind. Es sind womöglich, so glaube ich, genau jene Triebe, die sich zwangsläufig aus einem Zwang zur Gruppenselektion ergeben. Um eine Gesellschaft zu realisieren, die frei ist vom Existenzkampf, müssen eben jene Triebe negiert werden. Marcuse:

"... zum Beispiel die Negation des Bedürfnisses nach dem Existenzkampf ... oder auch die Negation des Bedürfnisses, das Leben zu verdienen, des Existenzkampfes, Negation des Leistungsprinzips, der Konkurrenz, Negation des heute ungeheuer starken Bedürfnisses nach Konformität, nicht aufzufallen, kein Außenseiter zu sein, Negation des Befürfnisses nach einer verschwendenden, zerstörenden Produktivität, die mit Destruktion untrennbar verbunden ist, Negation des vitalen Bedürfnisses nach verlogener Triebunterdrückung. Diese Bedürfnisse werden negiert in dem Bedürfnis nach Frieden, das heute ... auch kein Bedürfnis der Majorität ist, dem Bedürfnis nach Ruhe, dem Bedürfnis nach Alleinsein, der Sphäre der Privatheit..."12



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Letzte Änderung: 7. März 2009 // Vorheriger Eintrag

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1Das Zitat stammt aus dem Buch Energon. Das verborgene Gemeinsame, erschienen im Jahr 1970 im Verlag Fritz Molden.

2Der Philosoph Günther Anders (1902-1992) formulierte die kritiklose Aufnahme von Denkinhalten über einen Dialog:
"Die Inhalte, gleich ob 'schwarze Löcher' oder 'permissive Gesellschaft', die uns alle durch die Massenmedien TV oder Illustrierte oder dergleichen erreichen, werden von uns weder geglaubt nocht gewußt."
"Sondern?"
"Konsumiert. ..."
Das Zitat stammt aus der Glosse "Im Zugabteil" aus dem Buch Ketzereien, erschienen 1996 in München in der Beck`schen Reihe.

3Die Verwendung von fertig fabrizierten Floskeln als ein Grund für den Niedergang der Denk- und Kritikfähigkeit prangerte George Orwell in seinem 1946 geschriebenen Essay "Politics and the English Language" an.

4Wer sich für die Vorstellung kulturell übermittelter Denkstile interessiert, findet vielleicht unter den folgenden Titeln und Autoren wertvolle Anregungen: Die Idee, dass der Wissenschaftsprozess sehr stark von tradierten Denkkollektiven geprägt wird, wurde bereits in den 1930 Jahren von dem Polen Ludwig Fleck (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache) formuliert und nach dem Krieg von C. P. Snow weiterentwickelt (The Two Cultures). Heute beschäftigt sich unter anderem die Wissenssoziologie mit diesem Phänomen. Seit den 1970er Jahren war es vor allem der Franzose Michel Foucault, der in zahlreichen Schriften die Vorstellung von komplexen, gesellschaftlichen Diskursen entwarf. Diskurse sind nicht etwa Gespräche zwischen lebenden Menschen, sondern vielmehr Denk- und Sprechströmungen, die sich meist um ein Thema ranken und über Jahrhunderte hinweg sich entwickeln können. So gibt es Ausländerdiskurse, Gewaltdiskurse oder auch Bildungsdiksure. In Deutschland ist unter anderem der Name Jürgen Link mit der Methode einer Diskursanalyse verknüpft. Ein schönes Beispiel dafür, wie Denkstile über lange Zeiträume hinweg evoluieren können, ist das Buch Die Mentalität des Erwerbs von Klaus P. Hansen. Der Untertitel lässt den Bezug zum Thema dieser Internetseite erkennen: Erfolgsphilosophien amerikanischerUnternehmer.

5Im Sommer 2000 drohte Kalifornien eine ernstzunehmende Beeinträchtigung der Stromversorgung. Die Beinahe-Katastrophe wird heute als ein Beispiel für die Grenzen der Verlässlichkeit einer deregulierten Wirtschaft angesehen.

6Wer nach entsprechenden Dokumenten sucht wird wahrscheinlich über eine Schlagwortesuche im Internet schnell fündig, wenn er die angegebenen Begriffe kombiniert mit den Namen zur Zeit relevanter Forschungsfördereinrichtungen oder bestimmter Forschungsprogramme: BMBF, EU, Cordis, 6. Rahmenprogramm, 6th Framework, 7th Framework, Future and Emerging Technologies, FET, Science and Society, Volkswagenstiftung.

7Solche Stellen können zum Beispiel Dezernate im Umfeld einer zenrtralen Hochschulverwaltung sein. Hier stehen die Akteure sowohl mit Ministerien der Landesregierung, Lokalpolitikern, Vertretern der Wirtschaft (Drittmittelförderung) als auch einer Vielzahl von meist regionalen Verbänden in enger Verbindung. Aufschlussreich dürfte die Analyse von Präsentationen, Zielvereinbarungen zwischen Hochschule und Landesregierung, interne Strategiepapiere, Protokolle von Sitzungen und Mitschriften offizieller Ansprachen von Hochschulvertretern sein.

8Ein Beispiel dafür, dass Menschen mit dem Gefühl einer wichtigen sozialen Rolle erhöhte Überlebenschancen haben liefert die Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht im zweiten Weltkrieg. Leider habe ich die Quellen vergessen, doch habe ich an mehreren Stellen Schilderungen gelesen, dass jene Menschen, die sich im Hungerkampf der sowjetischen Bevölkerung für andere Menschen engagierten trotz der erhöhten körperlichen Arbeit eher überlebten als Menschen, die ihre "Kräfte schonten" und nichts für andere taten.

9Diesen Gedanken hat unter anderem Howard Bloom in seinem Buch Global Brain. Die Evolution Sozialer Intelligenz entwickelt.

10Siehe hierzu vor allem das Buch Der Eindimensionale Mensch. Es wurde 1962 zunächst in englischer Sprache in den USA veröffentlicht. 1967 erschien es auf Deutsch.

11Die Rolle von Status und Geld als extrinsische Motive von Managern ist sehr anschaulich in dem Buch Die Pyramidenkletterer von Vance Packard beschrieben. Das Buch erschien 1967 in deutscher Sprache.

12Das Zitat stammt aus einen kleinen Heft, welchem Tonbandprotokolle von Diskussionen an der Freien Universität Berlin aus dem Jahre 1967 zugrunde lagen: Herbert Marcuse: Das Ende der Utopie. Verlag v. Maikowski, 1967