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Chronik einer Endomorphose, 21. Mai 2006 Die Idee der Freiheit als Zukunftsaufgabe Zwischenresumee
nach 20 Jahren Gunter
Heim
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Freiheit als Utopie und Aporie Wenn ich nach etwas gleichsam Unveränderlichem wie auch Erstrebenswertem im Inneren meiner Psyche suche, so bleibt einzig über die Vision der Freiheit von Zwang in einer Gemeinschaft von Freien Wesen. Freiheit von Zwang heißt zuerst Freiheit von der Physik. Wo sich mein Denken und Werten auf formulierbare Gesetzmäßigkeiten zurückführen lässt, bin ich bloß Teil eines Kausalgeflechts. Und wo mir die Natur die Wirkung meines Willens versagt, bin ich ebenso unfrei. Die drückende Hitze im Sommer, der ich nicht entfliehen kann, ist die Grenze meines freien Wirkens. Eine wichtige Frage in der Suche nach Freiheit ist also jene nach den naturwissenschaftlich fassbaren Gesetzmäßigkeiten: wo man sie findet, kann keine Freiheit sein. Wo man uns zum Objekt von Gesetzmäßigkeiten macht, wird Freiheit verneint. Daher eine unbedingte Abneigung gegen jede Form professioneller Werbung. Freiheit von Zwang kann aber nicht als bloßes Gegenteil von Gesetzlichkeit gedacht werden. Das nicht mehr weiter zu Erklärende, das Kontingente also und der Zufall, bestehen in der Welt ohne dass wir ihren Grund kennen. Ein Freier Wille darf aber nicht in diesem Sinne grundlos sein. Schopenhauer: "Der Mensch kann was er will; er kann aber nicht wollen was er will." Wie aber kann eine gleichzeitig begründbare wie auch von Zwang freie Quelle von Wille gedacht werden? Hier sehe ich eine Aporie, die - falls überhaupt - nur jenseits menschlicher Logik überwunden werden kann. Freiheit setzt voraus die Urteilskraft, über Gut und Schlecht in der Wahl der Ziele zu entscheiden. Wäre ich frei, wenn mein ganzes Trachten darauf auswäre, Geld zu erwerben oder leidende Menschen zu pflegen, wenn ich niemals über den Sinn dieser Willen nachgedacht und über ihn befunden hätte? Könnte ich frei sein gegen das Schlechte wenn ich niemals ernsthaft seine Herkunft und Berechtigung geprüft hätte? Freiheit erfordert es also zunächst, die eigenen Triebe und Wünsche herauszulösen aus dem Selbstverständlichen, dem Common Sense. In unserer modernen Produktionsgesellschaft jedoch wird bereits der Wille zur Kritik gegenüber den eigenen Motiven ersetzt durch eine kritiklose Haltung gegenüber den gesellschaftlich vorgegebenen Zielen. Diese dienen letztendlich der Stabilität und Expansionsfähigkeit des politisch-ökonomischen Kollektivs. Das Individuum erfährt die Befriedigung erlaubter Triebe durch die Erfüllung gesellschaftlich nützlicher Funktionalitäten. Es greift die Metapher eines Überindividuums, das uns als Zellen assimiliert; die Evolution von mehrzelligen Organismen wiederholt sich auf der Ebene techno-sozialer Gebilde. Freiheit ist für mich nicht denkbar ohne Gemeinschaft. Wäre ich der einzige erkennende Wille in der Welt und würde diese Welt auch ganz jedem meiner Gedanken gehorchen, so würde ich mich doch gefangen fühlen in der Einsamkeit. Freiheit ist die Gemeinschaft von Freien. Doch wie lässt sich eine Gemeinschaft von Freien denken, ohne dass der eine dem anderen wiederum seine Freiheit begrenzt? Das theologische Problem der Theodizee, der Rechtfertigung des Übels in der Welt angesichts der Allmacht Gottes, bestünde in jeder Gemeinschaft von Freien. Es bleibt als unbefriedigendes Ergebnis meines Wunsches nach Freiheit eine doppelte Enttäuschung: Erstens, ein mir erstrebenswerter Begriff von Freiheit scheint jenseits der Logik zu liegen. Die Erschaffung von totaler Freiheit ist zunächst kein historisch-empirisches Problem sondern schlicht undenkbar im eigentlichen Wortsinn. Zweitens, die modernen Produktionsgesellschaften richten das Individuum ganz darauf hin aus, vorgegebene Funktionen zu erfüllen. Intelligenz nimmt nicht per se ab, aber es werden Denkrichtungen vorgegeben und andere beschnitten. Die Zukunft braucht Intellektualität, die sich nicht auf die die Erfüllung von Aufgaben im Rahmen des Offensichtlichen beschränkt, sondern mit Pioniergeist sich müht und sucht, wo die Logik, die Physik und unsere biologische Herkunft den Weg zu einer besseren Welt als unmöglich erscheinen lassen. Gegenwärtige Schwerpunkte des Interesses Meine Interessen kreisten bisher weitgehend um die Frage, wie die Welt tatsächlich beschaffen sein könnte und welche Bedeutung die Inhalte des Bewusstseins darin haben könnten. Erst seit etwa zwei Jahren löst sich die Frage nach der logischen Struktur einer besseren Welt von jenem ersten Fragekomplex ab. Die folgenden Themen beschäftigen mich vor allem. Kann die Welt vollständig mit Hilfe von Naturgesetzen beschrieben werden? Was ist die Bedeutung quantenphysikalischer Wahrscheinlichkeiten hinsichtlich einer Freiheit des Willens? Erzeugt die Physik Geist oder der Geist Physik? Wie weit reichen soziobiologische Theorien, um unser Verhalten als eine reine Anpassung an die Sachzwänge der Evolution zu beschreiben? Sollten wir uns mit Hilfe der Technik von unserer biologischen Herkunft befreien? Woher kommen die Inhalte unseres Bewusstseins? Sind sie bloße Abbilder materieller Strukturen, etwa neuronaler Zustände? Ich glaube, dass Bewusstsein einem eigenen Seinsbereich entspringt, der sich gezielt an materielle Strukturen unserer Welt heftet, über die sich mit wenig Aufwand viel Wirkung erzielen lässt. Demnach könnten auch Landschaften, Computernetzwerke oder Wetterphänomene Korrelate von Bewusstsein sein. Wie erklärungsstark ist die Vorstellung, dass sich auf der Ebene komplexer sozio-technischer Gesellschaften Strukturen biologischer Individuen und Arten ausbilden? Vor allem: Reproduziert sich die genetische Optimierung von Arten auf der Ebene von Unternehmenspopulationen und lassen sich deren Kommunikationsstrukturen in Analogie zu Formen biologischer Informationsverarbeitung deuten? Verschiedene Philosophen, insbesondere der Frankfurter Schule, analysierten die Mentalität des modernen Menschen ganz so, wie man auch die "Mentalität" von reduzierten Funktionsträgern in einem Überorganismus gestalten würde. Die Erschaffung künstlicher Sozietäten, etwa durch die Sozionik oder die Robotik könnte hier aufschlussreiche Entsprechungen hervorbringen. Inwiefern kultiviert unsere ökonomische Welt eine Mentalität, deren zwei Angelpunkte Effizienz und Kampf sind? Sollten wir uns mit den Gedanken eines Philosophen beschäftigen (ich glaube, es war Amery), der im Dritten Reich nicht das letzte Aufbäumen einer alten Zeit sondern das erste Aufflackern einer neuen Zeit sah? Tatsächlich mutet die ganz auf Effizienzsteigerung ausgerichtete Politik dieser Diktatur in vielen Zügen befremdlich modern an. Die Schilderung der Mentalität der Deutschen durch Zeitgenossen aus jener Zeit würde glatt als Charakterisierung des ideal an die Ökonomie angepassten Menschen durchgehen. Einzelne Menschen sind Träger eines Willen nach Freiheit und der intellektuellen Fähigkeit, diesen Willen in Taten zu übersetzen. Die Konformität erzeugenden Tendenzen der Gesellschaft werden jedoch in dem Maße an Kraft gewinnen wie alle gesellschaftlichen Kräfte für den ewigen Kampf um den besten Produktionsstandort, die größte Attraktivität für das Kapital mobilisiert werden müssen. Welten jenseits des hegemonialen Zukunftsentwurfs eines ewigen Wettbewerbs werden nur in Abgeschiedenheit von eben dieser Welt entstehen können. Die Besiedlung des Weltraums scheint mir genau hierzu die Möglichkeit zu bieten. Es wäre zu erkunden, ob nicht Gemeinschaften ähnlich gesinnter Menschen den Weltraum zum Zweck sozialer, ästhetischer und philosophischer Unternehmungen kolonisieren sollten. Seit einigen Jahrzehnten exisitiert, ausgehend von den USA, eine Bewegung mit dem Namen Philosophy for Children. Aufbauend auf der Beobachtung, dass viele Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren genuin philosophische Fragen stellen wurden Methoden entwickelt, dieses Interesse aufzugreifen: Ist die Welt noch da, wenn man selbst stirbt? Wenn Gott allmächtig ist, kann er dann einen Kreis mit vier Ecken machen? Woher weiß ein Stein, wo unten ist? Ich möchte nach Wegen suchen, wie man Jugendlichen Einstiege in philosophische Welterkundungen anbieten kann. Hierzu experimentiere ich zur Zeit mit Schülerseminaren, bei denen die Programmierung von Lego-Robotern zu Diskussionen über Lebendigkeit, Personalität, Kollektivierung und so weiter führt. Zu den Seminaren werden kommentierte Lesehefte mit Beiträgen aus der aktuellen Forschung, der Poesie und Philosophie ausgegeben. |
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Letzte Änderung:
22. Mai 2006 //
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