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Chronik
einer Endomorphose
G. Heim, Aachen, 2007
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Kurzbiographie 1935 erschien das Buch "Entstehung und Entwickklung einer wissenschaftlichen Tatsache". Der Untertitel lautete "Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv"1. Der Autor, Ludwik Fleck, war polnischer Jude. Geboren 1896 im damaligen Lemberg verbrachte Fleck seine Schul- und Studienzeit im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Seine spätere wissenschaftliche Wirkungsstätte sollte der nach dem ersten Weltkrieg neu entstandene polnische Staat sein. Während der deutschen Besatzung Polens verbrachte Fleck mehrere Jahre in deutschen Konzentrationslagern. Nach dem Krieg etablierte er sich als Professor auf dem Gebiet bakteriologischer und serologischer Arbeiten zur Diagnose von Infektionskrankheiten. Fleck starb 1961 in Israel. Beispiel eines vergangenen Denkstils Neben seinen medizinischen Arbeiten beschäftigte sich Fleck intensiv mit Idee, dass Wissen niemals als individuelle Eigenschaft aufgefasst werden kann, sondern stets nur in einem sozialen Umfeld entsteht und in einem solchen verstanden werden kann. Unterschiedliche Denkkollektive entstehen nicht nur durch fachliche Abgrenzung sondern auch durch zeitliche Distanz. Fleck liefert ein besonders alltagsnahes Beispiel und zitiert dazu aus einem Buch 17552 . Wir lesen darin über eine heute seltsam anumtende Theorie zur Schwere des menschlichen Körpers: "Warum ist ein Mensch nüchtern schwerer als nach dem Essen? Weil durch die Speisen die Geister vermehrt werden, welche wegen ihrer luftigen und feurigen Natur den menschlichen Cörper erleichtern, denn Feuer und Lufft machen insgemein leicht. Dahero ist auch ein fröhlicher Mensch viel leichter, als ein trauriger, weil ein fröhlicher Mensch mit mehreren Geisterlein begabt ist, als ein betrübter. Auch ist ein Todter weit schwerer, als ein noch Lebendiger; weil dieser voller Geisterlein ist, jener aber derselben beraubt ist." Soweit die von Fleck aus dem Jahr 1755 zitierte Beschreibung. Uns mutet die Beschreibung heute phantastisch und haltlos an. Aber noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts soll der amerikanische Arzt Duncan McDougall auf experimentellem Weg das Gewicht der Seele auf 21 Gramm bestimmt haben. Wer eine normale Schulausbildung genossen hat, wird sofort den Widerspruch zum Satz von der Erhaltung der Masse erkennen: Wenn ein Mensch Masse in Form von Essen zu sich nimmt, so kann er dadurch nicht leichter werden. Seine Masse nimmt zu und somit auch sein Gewicht. Fleck sieht in der Betrachtung jedoch den Teil eines in sich abgeschlossenen Denkstils. Fleck schreibt darüber: "Das Gefühl der Schwere (Trägheit), die heutige physikalische Schwere, Schwermut und die Schwierigkeit (Unhandlichkeit) eine Leiche zu heben, werden hier als identische Erscheinungen betrachtet und aus einer gemeinsamen Ursache erklärt: Fehlen der feurigen und luftigen Geisterlein, die, wie Luft und Feuer immer, alles leichter machen. Es liegt hier ein geschlossenes, logisches und auf einer Art Analyse der Empfindungen (wenigstens auf Identität der Empfindungen) aufgebautes System vor. Und doch ist es dem unseren vollkommen unähnlich. Diese Menschen [aus dem 18. Jahrhundert] haben beobachtet, nachgedacht, Ähnlichkeiten gefunden und verbunden, allgemeine Prinzipien aufgestellt - und doch ein ganz anderes Wissen als wir aufgebaut. Die >>Schwere<< des letzten Beispiels und unsere physikalische Schwere sind ganz verschiedene Dinge. Solcher Beispiele kann man sehr viele angeben und sie beweisen, daß jenem Denken ein dem unseren ähnliches Erfassen der Gegenstände und Erscheinungen vollkommen fremd war: unsere physikalische Wirklichkeit exisitierte für jene Menschen nicht. Andrerseits waren sie aber bereit, manches andere als wirklich zu betrachten, wofür wir keinen Sinn mehr besitzen. Und das gibt eben jene Symbole, Parallelen, tiefe Vergleiche und befremdende Aussagen." Denkkollektive lassen sich nicht nur im zeitlichen Längsschnitt sondern auch im Querschnitt einer Epoche ausmachen. "Wir sehen", so Fleck, "Denkgemeinschaften eines Berufes (z. B. kaufmännische Denkgemeinschaft3, Soldatendenkgemeinschaft), des Sportes, der Kunst, der Politik, der Kleidermode, einer Wissenschaft4, einer Religion usw." Auf der Erfahrungsgrundlage einer innigen Kenntnis der Medizin und der in ihr ablaufenden Erkenntnisprozesse verallgemeinert Fleck nun charakteristische Eigenschaften von Denkkollektiven und Denkstilen. Definition von Denkkollektiv und Denkstil Fleck kennzeichnet Denkkollektive über den Begriff der Prävalenz kollektiver Motive und kollektiver Mittel. Für ihn benötigt eine Denkgemeinschaft als nicht zwangsläufig ein klar ausformulierte Verfassung oder einen jedermann bewussten Gesetzeskodex. Es genügt eine dem Individuum unbewusste Neigung in bestimmter Weise wahrzunehmen und zu handeln: "Wir können ... Denkstil als gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen, definieren. Ihn charakterisieren gemeinsame Merkmale der Probleme, die ein Denkkollektiv interessieren; der Urteile, die es als evident betrachtet; der Methoden, die es als Erkenntnismittel anwendet." Man denke bei dieser Definition etwa an das Denkkollektiv des Naturwissenschaftlers im Gegensatz zum Kollektiv der als Anwälte und Richter praktizierenden Juristen. Naturwissenschaftler interessieren sich für Phänomene der Natur, Juristen für an sie herangetragene Rechtsstreitigkeiten. Für viele Naturwissenschaftler ist es evident, das heißt unmittelbar ersichtig, dass der Mensch keinen Freien Willen besitzt, sondern in seinem Verhalten ganz durch die Naturgesetze bestimmt ist. Für Juristen hingegen ist die Freiheit des menschlichen Willens notwendige Denkgrundlage ohne die der Begriff der Schuld ja sinnlos wäre. Und während Naturwissenschaftler als Erkenntnismethode oft quantifizierende Verfahren der Mathematik anstreben erkennt der Jurist das verhandelte Urteil verschiedener Personen an. Man spürt die Denkstilgebundenheit vor allem dann, wenn man Stilelemente über Kollektivgrenzen hinweg transportiert. Kein Astrophysiker würde es etwa gelten lassen, zur letztinstanzlichen Klärung des Alters des Universums eine Jury aus repräsentativen Personen des Alltags entscheiden zu lassen. Ich möchte nun kurz einige Merkmale von Denkkollektiven und Denkstilen umreißen, die Fleck als wichtig herausgestellt hat. Ausschluss bestimmter Fragen Ein Denkkollektiv richtet seine Aufmerksamkeit auf eine Auwahl von Themen und Problemen, die es mit seinen Methoden bearbeiten kann (oder will?). Das heißt im Umkehrschluss, dass manche Themen ausgeschlossen werden: "Die organische Abgeschlossenheit jeder Denkgemeinde geht parallel einer stilgemäßen Beschränkung der zugelassenen Probleme: es müssen immer viele Probleme unbeachtet oder als unwichtig oder sinnlos abgewiesen werden." Um sich Flecks Gedanken nahe zu bringen, betrachte man wieder ein alltagsnahes und skurriles Gedankenspiel. Man stelle sich Evolutionsbiologen vor, die über den evolutiven Vorteil des Parasitismus oder der Klauen eines Adlers reden. Käme irgendjemand aus einer solchen Runde auf die Idee, an dieser Stelle nach Gnade und Gerechtigkeit zu fragen? Die Frage wäre für Evolutionsbiologie treibende Biologen einfach sinnlos. Überindividualität von Denkgrundlagen Axiome sind Grundsätze, die keines Beweises bedürfen. Evidenzen sind völlig klare, deutliche Gegebenheiten. Fleck verwendet beide Begriffe. Unterschiedliche Axiome und Evidenzen sind ebenfalls typisch für unterschiedliche Denkkollektive. Nach Fleck sind diese positiven Denkgrundlagen den Mitgliedern eines Denkkollektivs aber nicht immer bewusst, sie können sogar ganz unbewusst entstehen und existieren dann sozusagen als überindividuelle und gemeinsame Grundlage des gemeinschafltichen Denkens.5 Zur Illustration beschreibt Fleck ein Streitgespräch zwischen zwei Fachpersonen der Medizingeschichte. Es ging um die Frage, ob man anhand eines alten Textes über einen Krankheitsfall rückwirkend eine Diagnose des Erkrankten stellen könne. Zu Beginn der Diskussion stellte einer der Diskutanten die beiläufige Behauptung auf, dass dies sehr wohl möglich sei, da sich das Krankheitsbild ja nicht geändert habe. Man diskutierte dann über eine Stunde und kam dabei immer mehr ins Grundsätzliche. Sozusagen als gemeinsames Axiom habe man die ganze Zeit über stillschweigend die Annahme gebraucht, dass sich das Krankheitsbild nicht verändert habe. Nach der Diskussion, so Fleck, wollte jedoch keiner der beiden die Urheberschaft dieser Annahme anerkennen. Sie hielt wohl einer näheren Betrachtung nicht stand. Fleck über solche überindividuellen Axiome: "... sehr oft findet man keinen Autor des Gedankens, der während der Diskussion und während der Kritik entstand, seinen Sinn einige Male änderte, sich anpaßte und Allgemeingut wurde. In dieser Eigenschaft erwirbt er dann überpersönlichen Wert: er wird zu Axiom und Richtlinie des Denkens." Eigenleben von Gedanken Fleck geht noch weiter und behauptet, dass Gedanken ein Eigenleben innerhalb eines Denkkollektivs entfalten können. Sie existieren und entwickeln sich losgelöst von einzelnen Personen, an denen sie fest gemacht werden könnten: "Gedanken kreisen vom Individuum zum Individuum, jedesmal etwas umgeformt, denn andere Individuen knüpfen andere Assoziationen an sie an. Streng genommen versteht der Emfpänger den Gedanken nie vollkommen in dieser Weise, wie ihn der Sender verstanden haben wollte. Nach einer Reihe solcher Wanderungen ist praktisch nichts mehr vom ursprünglichen Inhalte vorhanden. Wessen Gedanke ist es, der weiter kreist? Ein Kollektivgedanke eben, einer, der keinem Idividuum angehört. Ob Erkenntnisse vom individuellen Standpunkte Wahrheit oder Irrtum, ob sie richtig oder mißverstanden scheinen, sie wandern innerhalb der Gemeinschaft, werden geschliffen, umgeformt, verstärkt oder abgeschwächt, beeinflussen andere Erkenntnisse, Begriffsbildungen, Auffassungen und Denkgewohnheiten.6" Gruppenbildende Wirkung von Worten Die weitreichende soziale Wirkung von Worten ist nach Fleck typisch für Gruppen: "Wenn auch die Organisation der Geisteswissenschaften weniger ausgeprägt ist, so knüpft schon jedes Lernen einer Tradition und einer Gesellschaft an; Worte und Sitten verbinden bereits zu einem Kollektiv." In Worten sind aber auch bereits Theorien enthalten, die freilich über dem Individuum stehen: "Schon in demAufbau der sprache liegt eine zwingende Philosophie der Gemeinschaft, schon im einzelnen Worte sind verwickelte Theorien gegeben7. Wessen Philosophien, wessen Theorien sind das?" Fleck erwähnt auch die gruppenbildende Wirkung von Worten, die die individuelle Rationalität umgehen kann: "... sie [Worte] erwerben magische Kraft, denn sie wirken geistig nicht mehr durch ihren logischen Sinn - ja, oft gegen ihn -sondern durch bloße Gegenwart. Man vergleiche die Wirkung der Worte "Materialismus" oder "Atheismus", die in einigen Ländern sofort diskreditieren, in anderen freilich erst kreditfähig machen ... Findet sich so ein Wort im wissenschaftlichen Text, so wird es nicht logisch geprüft; es macht sofort Feinde oder Freunde." Ich denke hierbei zum Beispiel an die konkurrierenden Worte Atomkraft und Kernernergie. Atomkraft wird vorzugsweise von Gegnern dieser Energieart verwendet, Kernenergie hingegen eher von Befürwortern. Mit Vorsicht ist auch das Wort Kapitalist zu gebrauchen. Zwar herrscht heute ein Einverständnis darüber, dass wir in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem leben und dass dies auch gut so ist. Einen Besitzer von Produktionsgütern, etwa einer Fabrik oder von Landwirtschaftsflächen als Kapitalisten zu bezeichnen verkneift man sich jedoch. Trotzdem der Begriff sachlich zutrifft, ist mit ihm gleichsam seine Kritik verbunden, die den Sprecher des Wortes als Systemkritiker suspekt macht. Geschichtliche Verwurzelung Für die Denkstile eines Denkkollektivs lassen sich nach Fleck immer historische Wurzeln ausmachen, die mit ihrer zeitlichen Ferne auch außerhalb des gegenwärtigen Individuums liegen. Es zeigt dies sehr detailliert am modernen Begriff der Syphilusbegriffs. Die von Fleck genannten Denkkollektiven, aus denen sich der zu seiner Zeit gültige Syphilusbegriff letztendlich entwickelt hatte, waren schon zu seiner Zeit weitgehend historischer Bedeutung: "Wie sehr jede wissenschaftliche Arbeit Kollektivarbeit ist, zeigt deutlich die ... Geschichte der Syphilislehre. Erstens stammen alle Motive des Ideenganges aus Kollektivvorstellungen: Krankheit als Strafe für Lust - ist Kollektivvorstellung einer religiösen Gemeinschaft. Krankheit als Sterneneinfluß - gehört der Gemeinschaft der Astrologen zu. Die spekulative Metallotherapie praktischer Ärzste zeugte die Quecksilberidee. Den Blutgedanken holten sich die ärztlichen Theoretiker von dre alten vox populi ("Blut ist ein ganz besonderer Saft"). Der Erregergedanke führt über die neuzeitliche ätiologische Etappe bis zur Kollektivvorstellung vom Krankheitsdämon zurück."8 Urideen Die geschichtliche Verwurzelung vieler neuer Gedanken zeigt sich nach Fleck unter anderem auch an der Existenz von Urideen: "Die griechische Antike schenkte der modernen Atomtheorie ihre Präidee, die besonders Demokrit in seiner Ur-atomistik lehrte. Die Historiker der Naturwissenschaften ... sind sich darin einig, "daß die moderne Atomenlehre durch schrittweise Umwandlung aus der Atomistik Demokrits hervorgegangen ist". Immer wieder konstatiert man mit Staunen, wie viele Motive der modernen Atomtheorie in den Thesen der antiken Atomistiker vorgebildet sind: die Bedeutung von Verbindung und Trennung der Atome; ihre gegenseitigen Fallbewegungen und deren Ergebnisse; Druck- und Stoßwirkungen etc."9
Bedeutung der
Lehre Flecks für die Idee Ein zentrales Thema dieser Webseite ist die Vorstellung, dass auf der Erde zur Zeit ein oder mehrere Überorganismen entstehen könnten, die sich aus Menschen, Computern und Maschinen zusammensetzen. Organisatorisch könnten sie etwa als Staatsgebilde, am ehesten aber als Großunternehmen zusammengehalten werden. Neben der Frage, ob eine solche Vorstellung mehr als eine bloß anschauliche Metapher ist, scheint mir auch das Gedankenspiel von Bedeutung zu sein, was es für unsere individuelle Existenz bedeuten könnte, bloße Zelle in einem höheren Organismus zu sein. Ich erinnere mich gut an einen kindlichen Gedanken, der mir wahrscheinlich in den letzten Jahren an der Schule kam und der typisch für manche Jugendliche ist: Was würde eine Gehirnzelle von den Gedanken des ganzen Kopfes mitbekommen? Wahrscheinlich nicht sehr viel. Eine Gehirnzelle kann an sehr vielen verschiedenen neuronalen Erregungsmustern teilhaben, die wahrscheinlich mit sehr vielen unterschiedlichen Gedanken, Sinneserlebnissen und Gefühlszuständen korrelieren. Aber kann eine Nervenzelle das Erlebnis einer Symphonie oder eines Sonnenuntergangs in Gänze erfassen, wenn gleichzeitig Millionen anderer Gehirnzellen aktiv sind? Denkt man diesen Gedanken im übertragenen Sinne für einen globalen Überorganismus fort, so wären auch wir nicht mehr in der Lage, die Gedanken des Übergebildes zu erfassen. Sind dann vielleicht die von Fleck beschriebenen Denkkollektive in Analogie zu Neuronenverbänden zu sehen, die gemeinsam an einem Gedanken beteiligt sind? Sind Diskurse, die sich über Jahrhunderte hinwegziehen, dann die Gedankenregungen kollektiver Überwesen? Eine zweite Bedeutung von Flecks Lehre der Denkkollektive betrifft nicht spezielle Inhalte des eigenen Denkens, etwa die Idee eines sozialen Überorganismus, sondern die Fundierung der eigenen Gedanken überhaupt. Mir scheint Flecks Argumentation sehr überzeugend, dass wir nur einen sehr kleinen Teil unserer Tatsachen überhaupt bewusst als solche wahrnehmen und einen noch kleineren Teil überhaupt kritisch hinterfragen können. So machte es mich sehr stutzig, als ich vor etwa 10 Jahren immer mehr Literatur zur Vorstellung eines globalen Überorganismus fand. Vor 20 Jahren hatte ich noch gedacht, der einzige Mensch auf der Welt mit dieser Idee zu sein. Was aber bedeutet es, wenn ich zum Einen eigenständig auf die Idee eines globalen Überorganismus komme und zum anderen aber damit eigentlich nur einem Motiv genüge, das seit dem frühen 19. Jahrhundert ausgeprägt war? Nach dem Durchlesen von Flecks Buch erscheint es mir naheliegend zu sein, dass meine individuellen Ideen das nicht besonders ungewöhnlich Ergebnisse zur Zeit weit verbreiteteter Denkstile und Prä-Ideen ist. Diese habe ich möglicherweise über Kinder- und Jugendliteratur sowie die Ausprägung des naturwissenschaftlichen Unterrichts und das Fernsehen aufgenommen. Ich denke hierbei etwa an die Bücher aus der Was-Ist-Was Reihe, Das Neue Universum, die Science-Fiction Serie Raumschiff Enterprise oder die Sterntagebücher von Stanislaw Lem. Flecks Lehre vom Denkkollektiv liefert also einerseits vielleicht Indizien für die Denkvorgänge eines entstehenden Überorganismus. Wir wären dann eine individuelle Zelle im Kollektiv globaler Gehirnstrukturen. Andererseits macht Flecks Buch auch skeptisch gegenüber der Objektivität der eigenen Gedanken, indem er diese als mehr oder minder unbewusst entstandenes Ergebnis sozialer Vorgänge ausmacht.
Endnoten 2) Odilon Schreger: Studiosus jovialis. Pedeponti, 1755 3) Zur Entstehung der gegenwärtigen kaufmännischen Denkgemeinschaft ist das folgende Buch sehr zu empfehlen. Klaus P. Hansen: Die Mentalität des Erwerbs. Erfolgsphilosophien amerikanischer Unternehmer. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1995. 4) Sehr anschaulich werden die vier wissenschaftliche Disziplinen Physik, Biologie, Literaturwissenschaften und Geschichte in einem Buch aus dem Jahr 2004 beschrieben. Markus Arnold, Roland Fischer (Hg): Disziplinierungen. Kulturen der Wissenschaft im Vergleich. Turia + Kant, Wien 2004. 5) Ein neuerer Ausdruck aus der Wissenssoziologie ist der von Michael Polanyi verwendete Begriff "tacit knowledge", was so viel heißt wie unausgesprochenes Wissen. Um neben den spezifischen Denksstilen einer Wissenschaft auch Normen und Äußerlichkeiten anzudeuten, spricht man heute auch von Wissenschaftskulturen oder, wenn es um eher außerakademische Kollektive geht, Milieus. Geht es um die Ausprängung eines Individuums, dann spricht man von dessem Habitus (siehe hierzu unter anderem das umfangreiche Werk des französischen Soziologen Pierre Bourdieu). 6) Eine solche Eigenständigkeit kultureller Produkte, wie etwa Sprache, findet sich in einen evolutionstheoretischen Kontext übertragen und als "Mem" bezeichnet in dem Buch "Das egoistische Gen" von Richard Dawkins.
7) Ein Beispiel hierfür ist das einfache Wort Ich. Der
Neurowissenschaftler Wolf Singer stellt in seinem Buch "Der
Beobachter im Gehirn" (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main,
2002) die These auf, "daß die Ich-Erfahrung bzw. die
subjektiven Konnotationen von Bewußtsein kulturelle
Konstrukte sind, soziale Zuschreibungen, die dem Dialog zwischen
Gehirnen erwuchsen und deshalb aus der Betrachtung einzelner
Gehirne nicht erklärbar sind." Das Konzept eines Ich
wurde auch von einflußreichen indischen Philosophien
hinterfragt, etwa der Sânkhyaphilosophie oder dem
Buddhismus. Man kann darüber lesen in: Hermann Oldenberg.
Buddha. J. G. Gotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und
Berlin. 7. Ausgabe, 1923. Seite 62 ff. und 3002 ff. |
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____________________________ Dez.
2005: Robotik und Marcuse
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Letzte
Änderung: 28. Sept. 2008 // Vorheriger
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