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27. Juni 2008
Gestaltungsmüdigkeit
Wer redet noch über die großen Themen?
G. Heim
Vaals, NL
Sie sollten nicht die
Fehler
der Weimarer Republik wiederholen und sich in privater Distanz halten.
Günter
Grass
in einem Spiegel-Interview
(15.08.2010) über junge Autorenkollegen
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You will have no gods but yourselves...
K.
P. Dick in Valis, 1981
Von jeher nahm ich gerne an
Gruppenverpflegungen teil. Nicht dass mir das Essen dort besser als
zuhause geschmeckt hätte. Das war eher selten der Fall. Doch ich genoss
es immer, etwas vorgesetzt zu bekommen, dass mir dann entweder gefiel
oder eben nicht. Noch heute konsumiere ich lieber die Entscheidung, was
es denn am Sonntag zu essen geben soll, anstatt selbst meine Wünsche zu
äußern. Auf den Punkt gebracht: Ich bekomme lieber langweilige
Tortellini vorgesetzt als dass ich vorher selbst die mir liebe Lasagne
wähle.

Kraftloses Wesen
J. Kirchhoff, 2009
Kann es sein, dass diese Faulheit im Bezug auf gestaltende
Willensäußerungen mehr als nur einen kleinen Anteil von Menschen
zueigen ist? Und bezieht sich diese Gestaltungsfaulheit möglicherweise
auf weitreichendere Dinge als die individuelle Essenswahl?
Hier sind einige Überschriften aus den Online Nachrichten des heutigen
Tages (27. Juni 2008):
Öl und Sprit so teuer wie noch nie. Fast täglich erreicht der Ölpreis
jetzt neue Rekorde: Heute übersprang er die Marke von 142 Dollar. Die
Börsen reagierten mit weltweiten Kurseinbrüchen. Auch an den Zapfsäulen
müssen Verbraucher wieder mehr zahlen: Ein Liter Benzin kostet nun im
Durchschnitt 1,58 Euro je Liter. (www.tagesschau.de)
Hurra, wir sinken. Die Weltbörsen taumeln, das Öl kostet so viel wie
nie, und die Inflation in den Industrieländern zieht deutlich an. Ein
Katastrophenszenario, wie es schlimmer nicht sein könnte. Wer noch
Prognosen wagt, ist selbst schuld. (www.heute.de)
Tauende Arktis: Nordpol könnte im Sommer erstmals eisfrei sein. Große
Schmelze in der Arktis: Forscher machen dramatische Vorhersagen für das
Eis am Nordpol. Es taut in einem brutalen Tempo ab, viel schneller als
vom Weltklimarat vorhergesagt. (www.spiegel.de)
Seit etwa zwei Jahren nimmt die Dringlichkeit in den Schlagzeilen zu
drei Themen merklich zu: Ölknappheit, Klimawandel und - eng damit
verbunden - das Wirtschaftsgeschehen. Noch vor wenigen Monaten war es
eine gängige Polemik vieler Medien, die Vertreter von
Katastrophenszenarien als Weltuntergangsapostel, Pessimisten oder
verschrobene Außenseiter zu verniedlichen. Unter der Mehrheit herrschte
ein Konsens, dass der Ölpreis nur aufgrund vorübergehender Ereignisse
steige: Rebellen attackierten im Nigerdelta Ölförderanlagen, ein
Hurrikan beeinträchtigte Fördereinrichtungen im Golf von Mexiko oder
der Dollar hatte sich abgeschwächt. Die aktuelle Entwicklung des
Ölpreises wurde nur von wenigen Kennern der Rohstoffbranche
vorausgesagt. Privatleute kauften weiterhin Autos mit hohem
Spritverbrauch, Politiker setzen sich
weiterhin für den Ausbau von Flughäfen ein. Und
Fluglinien lobbyieren weiterhin für billiges Kerosin.
Ähnliches
gilt
für den Klimawandel: Bisher gängige Prognosen sagten
katastrophale Entwicklungen frühestens für die zweite Hälfte unseres
Jahrhunderts voraus. Ein neuer Tenor vieler Zeitungsmeldung hingegen
ist die Revision dieser Prognosen. Man sei verwundert über die
Geschwindigkeit der Abläufe und wage keine Voraussagen mehr.
Alles in allem liefern die frei zugänglichen Medien Stoff für
Horrorszenarien, die viele Privatleute sehr beunruhigen müssten. Was
soll ein Pendler tun, der 60 Kilometer entfernt von seiner Arbeit wohnt
und in der Nähe seines Wohnortes keine neue Arbeit finden wird? Werden
ärmere Menschen im Winter wieder in kalten Wohnungen leben? Werden
Arbeitsplätze rund um energie- und rohstoffreiche Branchen abgebaut?
Wird ein denkbarer Meeresspiegelanstieg zuerst die Immobilienpreise in
bedrohten Regionen einbrechen lassen und werden dann womöglich
tatsächlich weite Landstriche unter Wasser gesetzt? Wird es
Lebensmittelknappheiten auch in Europa geben?
Ich wundere mich sehr, dass diese Themen von NIEMANDEM in meinem
privaten Umfeld angesprochen werden. Kein Kollege, kein Vereinskamerad,
kein Verwandter und kein Freund spricht von sich aus diese Themen an.
NIEMAND sucht das Gespräch darüber, ob möglicherweise das Ölangebot
bald schon rückläufig sein könnte, welche Partei diesbezüglich welche
Position vertrete oder wie man sich privat verhalten solle. NIEMAND
fragt oder äußert sich zu den Prognosen der Klimaforscher. Bekannte,
die ihr Haus nur 3m über dem Meeresspiegel direkt an der Küste (ohne
Deich) gebaut haben, blenden das Thema aus. Kollegen, die täglich über
100km mit dem Auto pendeln müssen fragen nicht nach der
energiepolitischen Qualifikation unserer Politiker und deren Berater.
NIEMAND
wundert
sich darüber, dass keiner die Krisen vorhergesagt hat.
Einen Leidensdruck gibt es wohl. In Nebensätzen klagen viele über die
gestiegenen Nebenkosten der Mieten, die hohen Sprit- und
Lebensmittelpreise und die drohenden Heizkosten für den nächten Winter.
Solche Klagen bleiben aber meist auf knappe Äußerungen beschränkt, die
NIE zu politischen Diskussionen führen.
Es ist als seien die großen Themen aus dem täglichen Miteinander
ausgeschlossen. Dort wo Politik aktiv
gestaltet werden müsste, konsumieren die Bürger jedes noch so
unangenehme Szenario. Man nimmt anscheinend lieber in Kauf, dass man
sich demnächst als Klimaflüchtling ohne Chance auf Arbeit im Winter mit
kaltem Wasser in einer kalten Wohnung waschen muss anstatt sich jetzt
möglichst sachkundig zu machen, die Dinge zu diskutieren und politisch
oder privat zu steuern versucht. Theoretisch erklären ließe sich dieses
Verhalten möglicherweise über das Phänomen einer entstehenden
kollektiven Überintelligenz (das eigentliche Thema dieser Webseite).
Die Intelligenz unseres Sozialverbandes bildet sich gerade nicht mehr
im Gestaltungs- und Verstehenswillen des Individuum ab, sondern
vielmehr in dessen Selbtpreisgabe an übergeordnete Prozesse. Man lässt
entscheiden und passt sich dann an. Entscheiden lässt man "das System",
"die Wirtschaft", "die Zukunft" oder auch "die Politik". Lange fiel es
mir schwer, diese Gestaltungsmüdigkeit der Menschen um mich herum
nachempfinden zu können. Doch erkannte ich durch eine
zufällige zeitliche Nähe an sich entfernter Gedanken, dass hier doch
von der Art her nichts anderes vorliegt, als mein Unwille, über mein
Essen zu entscheiden. Der einzige Unterschied liegt in der möglichen
Tragweite: Wenn ich mir lieber Tortellini servieren lasse, obwohl ich
mit nur einem Wort mein Lieblingsessen hätte haben können, beschränkt
sich der Schaden auf einen kleinen Zeitabschnitt meines privaten
Lebens. Wenn wir als Menschheit aber tatsächlich gleichzeitig mit einer
Rohstoffkrise und einem Klimawandel zu kämpfen haben sieht, sieht es
anders aus.
Die Bedeutung der hier geschilderten Beobachtungen liegt für mich
weniger in den möglichen Folgen eines Klimawandels und der
Rohstoffkrise. Diese werden wir als Menschheit genauso überwinden wie
die Pest und zwei Weltkriege. Von großer Bedeutung für mich ist aber
die enttäuschende Beobachtung, wie wenig demokratisch organisierte
Gruppen selbst ihr Schicksal bestimmen möchten und sehenden Auges
Katastrophen in Kauf nehmen. Eine Entwicklung jedoch, die weit mehr
Gestaltungswille erfordert als das Management einer Klima- und
Rohstoffkrise ist meiner Meinung nach die sich abzeichnende
Hybridisierung der Gesellschaft; das heißt die Durchsetzung
menschlicher Gesellschaften mit Robotern und biologisch-technischen
Mischwesen unter gleichzeitiger Ausbildung technisch-organisatorischer
Mechanismen kollektiver Intelligenz. Die Lässigkeit, mit der wir zur
Zeit die drohenden Umweltkatastrophen an uns herankommen lassen, lässt
es als sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass wir kompetenter mit der
sich anbahnenden Hybridisierung umgehen werden. Diese pessimistische
Einschätzung legt Gedanken über einen möglichen Widerstand oder einer
Flucht vor dieser Entwicklung (Auswandern auf einen anderen Planeten?)
nahe. Beides wiederum zwingt zur Formulierung ernstzunehmeder
Alternativen zur gegenwärtigen Form unseres Zusammenlebens. Diese
Gedanken müssen an anderer Stelle formuliert werden. Ich wollte hier
nur das Phänomen der Gestaltungsmüdigkeit unserer modernen Gesellschaft
anskizzieren.
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