27. Juni 2008

Olympia als Top und Flop

Alltägliches aus einer kollektiven Intelligenz


I fell indeed into the morbid state, deep and enduring, alien to fear, which  has left permanent scars upon my mind. I must confess I lost faith in the sanity of the world when I saw it suffering the painful disorder of the island. A blind fate, a vast pitiless mechanism, seemed to cut and shape the fabric of existence, and I, Moreau by his passion for research, Montgomery by his passion for drink, the Beast People, with their instincts and mental restrictions, were torn and crushed, ruthlessly, inevatibly, amid the infiinite complexity of its incessant wheels.

H. G. Wells
The Island of Dr. Moreau, 1896

Gunter Heim

Während der Olympischen Spiele in Peking 2008 hörte ich täglich Radio und las verschiedene Online-Zeitungen. Als Schwimmtrainer hätten mich neue Schwimmtechniken, ein Vergleich von Trainingsmethoden und die Vorbereitung der Schwimmer auf den Wettkampf sehr interessiert. Doch leider wurde darüber wenig berichtet. Zwar wurde im morgendlichen Olympia-Beitrag des WDR 5 vor den halbsieben-Nachrichten häufig über den Schwimmsport berichtet. Doch beschränkten sich die Berichte fast ganz auf den Medaillenspiegel der Länder, Platzierungen der Sportler und die Chancen bei noch ausstehenden Läufen. So wurde auch nichts über den Schwimmstil oder den Menschen Michael Phelps berichtet, sondern fast ausschließlich darüber, dass er den Rekord seines Landsmannes Mark Spitz brechen wolle indem er acht Goldmedaillen erringt. Ein Tag nach dem Ende der Olympiade gab es noch ein Interview, in dem eine Fachperson nach den größten Enttäuschungen (Flops) und den größten Überraschungen (Tops) wurde. Solche Mitteilungen sind typisch für einen Großteil der Informationen im Radio: Mit leichten Abwandlungen drehte es sich meist um die Frage, wo wer in einer Rangfolge steht. Mal waren die Akteure Länder, mal waren es Mannschaften und mal waren es Einzelsportler.

Ich untersuche auf dieser Webseite die Hypothese, dass unsere marktwirtschaftlich organisierte Gesellschaft als kollektive Intelligenz interpretiert werden kann. Das Kollektiv besteht aus Individuen, die in ihrem Zusammenspiel auf gemeinschaftliche, eben kollektive, Ziele hin optimiert werden (sollen). Im Verhältnis Kollektiv-Individuum können z. B. Staaten (Kollektiv) und Unternehmen (Individuen) oder auch Unternehmen (Kollektiv) und Einzelmenschen (Individuen) stehen. Hinzu kommt auch die Beziehung Einzelmensch als Individuum zum Staat als Kollektiv. Von den vielen möglichen Mechanismen einer kollektiven Intelligenz kommt für unsere Gesellschaft die evolutionäre Optimierung in Betracht.

Die evolutionäre Optimierung fußt auf einigen wenigen Prinzipien, die man in ihrem Kern als darwinistisch bezeichnen kann: Vor dem Hintergrund einer gemäßigten Veränderlichkeit der Individuen (Variation) wird immer wieder der Beitrag der einzelnen Individuen zum gemeinsamen Erfolg (z. B. wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit) verglichen. Dann werden die Ressourcen von jenen Individuen mit dem geringsten gemessenen Beitrag zu diesem Erfolg (Flops: Geringverdiener, Arbeitslose, Rentner) hin zu jenen Individuen mit hohem gemessenen Beitrag (Tops: Manager, IT-Fachleute, Unternehmer) umgeschichtet. Wie dies letztendlich im darwinistischen Sinne zu einer Optimierung des Individuums führt habe ich an anderer Stelle Presseartikel zu hybriden Menschen etwas ausführlicher skizziert. Wichtig ist mir hier die Deutung gewöhnlicher Alltagselemente westlichen Lebens als Indiz einer sich herausbildenden individuellen Mentalität, die zunehmend gut an das Leben INNERHALB und ALS TEIL einer kollektiven Intelligenz angepasst ist. Es muss dem Individuum darauf ankommen, auf allen möglichen Ranglisten immer oben zu stehen. Die Angst, durch einen Abstieg auf solchen Listen (z. B. Verkaufszahlen eines Vertreters), Ressourcen entzogen zu bekommen (z. B. Arbeitsplatz-, Prestige- oder  oder Lohnverlust) muss zu einer ständigen Motivation zur Teilnahme am kollektiven Ziel (z. B. Produktion, Kriegsfähigkeit) führen. Darüberhinaus ist es dem kollektiven Optimierungsprozess zuträglich, wenn unter den Individuen eine lebendige Bereitschaft vorhanden ist, alles mögliche (und sich selbst) auf Erfolgslisten (Rankings) anzuordnen. Vielfältige Beispiele hierfür liefern Online-Magazine wie etwa Focus Spiegel Presseartikel zu hybriden Menschen oder Stern. Eine sehr häufige Schablone für Artikel sind eben solche Vergleiche. Städte werden bezüglich ihre Mietpreise weltweit verglichen, Automarken werden an ihren Marktanteilen gemessen und Bundesländer werden nach 'Bildungserfolg' geordnet. Als Individuen gewöhnen wir uns immer mehr daran, dass irgendetwas an uns ständig gemessen und verglichen werden muss. Und wir sind auch dauernd an den Ergebnissen solcher Vergleiche interessiert. Auf ein solches Publikum ist dann auch die Berichterstattung zur Olympiade zugeschnitten: Individuen, die sich damit arrangieren, innerhalb einer kollektiven Intelligenz um ständig bewegliche Ressourcen (z. B. freier Kapitalverkehr) zu konkurrieren.

Es ist mir an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass ich sehr wohl erkenne, wie sehr die kollektive Optimierung gesunden individuellen Bedürfnissen zuwiderlaufen kann, ja geradezu vom ewig unzufriedenen Individuum profitiert1. Doch in Ermangelung bewährter oder auch nur realistischer Gegenentwürfe zu unserer heutigen Gesellschaft ist Vorsicht geboten, das fein austarierte Gebilde von Produktion und prduktionslenkendem Konsum anzutasten. Politischen Forderungen nach den zweifelsohne nötigen, tiefgreifenden Veränderung an unserem Gesellschaftssystem müssen gut durchdachte Visionen vorangestellt werden. Sie jedoch sind heute leider Mangelware.


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Ausgewählte Links innerhalb dieser Webstruktur

Presseartikel zu hybriden Menschen 2007: Denkkollektive nach Ludwik Fleck

Presseartikel zu hybriden Menschen 2006: Evolution als verborgene Ideologie

Presseartikel zu hybriden Menschen 2005: Kollektiv Intelligente Gesellschaft

Presseartikel zu hybriden Menschen 2004: Soziontegrative Degeneration


Letzte Änderung: 31. Januar 2009 // Vorheriger Eintrag
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1Eine dahingehende Analyse des Menschen in modernen Marktwirtschaften leistete Herbert Marcuse in seinem Buch "Der Eindimensionale Mensch".