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Das Private ist jener
Lebensbereich, den man ganz selbstbestimmt gestalten kann, der nicht
von anderen Menschen beeinflusst werden kann. Welche Bücher ich lese,
welche Filme ich sehe, welche Gespräche ich führe, welche Ansichten ich
habe: dies definiere ich als meinen Privatbereich, in den mir niemand
unaufgefordert hineinreden soll. Das Gegenteil des Privaten ist das
Öffentliche oder, etwas weiter gefasst, die Fremdbestimmung.
Es gehört zum Wesen totalitärer Diktaturen, das Private abzuschaffen.
Der Publizist Sebastian Haffner (1907-1999) beschrieb, wie er von
Schergen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (kurz:
NSDAP) in ein Lager geschickt wurde, in dem er
offensichtlich in seiner politischen Gesinnung umerzogen werden sollte.
Haffner war verwundert, dass auf die Insassen kein offener Druck
ausgeübt wurde. Wohl aber war der Alltag vollständig von
gemeinschaftlichen, kameradschaftlichen Aktivitäten geprägt: Wandern,
Singen, Sport. Hier blieb kein Raum mehr für Privates. Im Entzug des
Privaten lag der Umerziehungseffekt.
Angehörige der Frankfurter Schule, einer Gruppe von Soziologen und
Philosophen, diagnostizierten in ihren Schriften eine Erosion des
Privaten durch die moderne Massenkultur. Bedeutende Schriften
entstanden während und kurz nach dem letzen Großen Krieg. Sie geben
einerseits
die Erfahrungen der deutschen Diktatur wider, andererseits spiegeln
sich in ihren Schriften auch Züge der US-amerikanischen
Konsumgesellschaft.
Im 21. Jahrhundert mag es befremdlich klingen, dass Marcuse etwa die
"Eroberung des Schlafzimmers durch das Radio" als Indiz für einen
Verlust des Privaten anführt - heute ist ein solches Gerät eine
Selbstverständlichkeit in vielen Wohnräumen.
Die totalitäre Vereinnahmung des Individuums durch die Gesellschaft ist
ein befremdlicher Zug, der den europäischen Diktaturen bis 1945 (und im
Falle des Ostblocks bis in die 1990er Jahre) und den globalisierten
Konsumgesellschaften der Zeit danach gemeinsam ist. Wo Diktaturen auf
staatsterroristische Methoden wie Spitzelwesen, wahllose Verhaftungen
und das Verschwinden von Personen, angewiesen waren, da verfügen
fortgeschrittene Industriegesellschaften über feinere Mittel. In der
Literatur wird die im Ergebnis gleichermaßen zuverlässige Vereinnahmung
des Individuums in einer Diktatur und in einer Konsumgesellschaft durch
die Romane 1984 von George Orwell
(1903-1950) und Brave New World von
Aldous Huxley (1894-1963) belegt. Wo die Diktatur Bespitzelung und
Folter einsetzt, verwendet die Konsumgesellschaft nach Huxley eine
Kombination aus Drogen, ständiger Gemeinschaft, Sport, Sex und der
Unterdrückung von Unzufriedenheit. Beiden Welten gemeinsam ist das
Fehlen privater Rückzugsräume, in denen die Individuen frei und
selbstbestimmt denken und handeln.
Ein tragendes Motiv dieser Webseite ist die These, dass unsere moderne
Gesellschaft Übergemeinschaften ausbildet, die zum individuellen
Menschen so stehen wie etwa ein Ameisenstaat zur Ameise oder ein Körper
zur Zelle: Das Handeln des Einzelnen wird ganz auf die Ziele des
Kollektivs ausgerichtet. Wo Kollektive in einem evolutionären Kontext
untereinander konkurrieren, muss dies mit größtmöglicher Effizienz
geschehen. Es erscheint mir offensichtlich zu sein, dass Diktaturen
viel Energie in den Mechanismen des Zwangs und der Unterdrückung
verschleißen. Wo Menschen unter Angst handeln, sind ihre Leistungen oft
schlecht, sie bringen sich nicht von alleine ein und enthalten dem
Kollektiv ihre Motivation vor. So gelang es dem ehemaligen Ostblock
nicht, im Wettbewerb der Systeme gegen den Westen zu bestehen. Der
Westen erreichte nach dem zweiten Weltkrieg eine höhere
industrielle Produktivität und mehr wissenschaftliche Erfolge, was
unter anderem zu einem verbesserten Rüstungspotenzial führte.
Betrachtet man Unternehmen und Staaten als kollektive Übergebilde, die
wirtschaftlich gegeneinander im Wettbewerb stehen, so lassen sich
daraus wünschenswerte Eigenschaften der individuellen Menschen ableiten.
Sehr wichtig ist die ständige Bereitschaft zur Leistung, zur Aktivität
und zum Vergleich mit anderen. Ideal für die Steigerung der Produktion
sind Menschen, die freiwillig möglichst ihre gesamte Arbeitskraft mit
Arbeiten, Lernen, Konsumieren und dem Erhalt ihrer Arbeitskraft (z. B.
Sport) verbringen. Das geistige Klima, welches die Ausprägung solcher
Mentalitäten fördert ist geprägt von Statusdenken (Autos, Häuser,
Urlaub) und einer Bejahung von Wettbewerb. Wenig förderlich hingegen
wären selbstgenügsame Menschen, die sich der stillen Kontemplation
hingeben, die aufgrund geringer materieller Bedürfnisse auch wenig
Einkommen benötigen und die deshalb gewerbliche Arbeit möglicherweise
als ein Übel betrachten, dass es zu verrringern gilt. Wer sein Glück im
rückgezogenen Privaten sucht und sich Produktion und Konsum verweigert,
entzieht sich der Bestimmung durch das Kollektiv. Aus Sicht des
Kollektivs wäre es daher folgerichtig, solche Tendenzen zu schwächen.
Diktaturen mobilisierten ihre Bürger unter anderem mit direktem Zwang:
Kinder im Dritten Reich wurden in die Hitlerjugend gegängelt,
Erwachsene mussten an Aufmärschen teilnehmen und machten sich
verdächtig, wenn sie auf öffentlichen Loyalitätsbekundungen nicht
erschienen. Die gleiche Funktion einer
Einschwörung des Individuums auf die gemeinsame Sache erfüllen in der
modernen Konsumgesellschaft bestimmte Fernsehsendungen.
Sie erodieren die Hemmschwellen, die zur Zeit noch den Privatbereich
gegen den Zugriff der Öffentlichkeit schützen. Gegenwärtig wäre es kein
akzeptiertes Verhalten, würde man etwa öffentlich in einem Supermarkt
laut über eine alte Frau lachen, die mit ihrem Rollator ausrutscht und
auf den Boden fällt. Ebenso als schlechter Geschmack wäre es heute wohl
noch angesehen, würde man in einer vollen Gaststätte laut über die
schlechten Schulnoten eines anwesenden Kindes reden und dann
überleiten, zu den missglückten Erziehungsversuchen der Eltern, zu
deren Eheprobleme und innersten Ängsten. Ob aus angeborenem Anstand
oder anerzogenem Brauch: wir verspüren hier eine Hemmung, andere
Menschen öffentlich abzuwerten. Diese Hemmung aber wird durch
Sendungen wie die Sonja & Dirk Show hinterfragt.
Die Sendung ist eingebettet in eine Konsum- und Wettkampfmentalität. Zu
gewinnen gibt es alle Produkte eines kompletten Werbeblocks. Ähnliches
gab es auch schon in den 1970er Jahren. In Sendungen wie Der Große
Preis, Am Laufenden Band oder Dalli Dalli ging es
auch um Wettkampf und den Gewinn von Gütern oder Geld. Die Kandidaten
und die Zuschauer traten jedoch noch würdevoll und selbstbestimmt auf.
Dies ändert sich zur Zeit. In der
Sonja & Dirk Show etwa wurde eine
Zuschauerin, Beate, ohne Einwilligung in die Öffentlichkeit des
Fernsehens gebracht. Sie hatte zuvor einmal in kleinem Rahmen Karaoke
gesungen. Ein Bekannter hatte dann die Filmaufnahmen an die
Filmgesellschaft RTL weitergegeben. In einem Artikel im Online Spiegel
wird beschrieben, wie das Filmunternehmen dann verfuhr: "Durch Beates
Heimatstadt, dem kleinen Waschbeuren, ist ein Wagen mit einer Leinwand
gefahren und die zeigt - Beate singend. Im Elektromarkt wurden die
Bilder auf die TV-Geräte gespielt, im Stadion von Gelsenkirchen auf die
Großbildleinwand, ebenso wie auf die Leinwand bei der DSDS-Vorauswahl
im Hamburger Schauspielhaus, auch fährt ein Screen-Truck mit der
krächzenden Beate durch New York. Dazu die Kommentare, die Pfiffe der
Zuschauer, das Grauen in ihren Gesichtern. Das Grauen in Beates Gesicht
kann der RTL-Zuschauer live mitverfolgen, wenn die junge Frau
krampfhaft versucht, locker zu bleiben..." Um eine Reise nach Thailand
zu gewinnen, soll die Frau Texte singen wie "Wenn ich mal lache, klinge
ich wie ein Schwein", "Ich bin scharf wie ein Beil und zeig mein
Hinterteil."
Menschen richten sich in Ihrem Verhalten stark nach der akzeptierten
Norm ihrer Umwelt. Wenn niemand in einem Restaurant einen Hut aufhat,
dann nehme auch ich meine Kopfbedeckung ab. Wenn niemand in der
Öffentlichkeit andere Menschen offen herabwürdigt, dann unterlasse auch
ich es.
Was die gegenwärtige TV-Kultur leistet ist eine Verschiebung von Normen
zuungunsen von Opfern. Wir lernen es zu akzeptieren, dass einzelne
Menschen
ohne Einwilligung aus der Privatsphäre in die Öffentlichkeit gezogen
werden. Wir lernen es zu akzeptieren, dass sie in der
Öffentlichkeit erniedrigt und ihrer Selbstbestimmung beraubt werden.
Wir lernen es, unser Mitgefühl zu kontrollieren und gegebenenfalls zu
unterdrücken. Es gibt Opfer, die es
verdienen, schlecht behandelt zu werden.
Es ist an dieser Stelle nicht wichtig, zu welchen Zwecken die
schützende Hülle des Privaten aufgebrochen wird, sondern die Tatsache,
dass sie einerseits überhaupt so brachial beschädigt wird und
andererseits ein breites Publikum sich damit unterhalten lässt und den
Tabubruch somit toleriert.
Empörung, Widerstand und Boykott wären aus meiner Sicht angemessen,
nicht aber Zustimmung oder auch nur Duldung.
Im größeren Bild eines Kollektivs, welches die Energien seiner
Individuen möglichst vollständig mobilisieren und kontrollieren will,
ist zunächst wichtig, dass dem Individuum die Kontrolle über seine
Privatsphäre wirksam entzogen wird. Sollten wir uns tatsächlich hin zu
einem kollektiven Überstaat entwickeln, wären die nächsten Schritte,
dass Individuen einer ständigen Kontrolle durch die Öffentlichkeit
unterliegen und sich daran nicht stören. Weicht ihr Verhalten vom
kollektiv Gewünschten ab, lassen sie sich willig korrigieren. Gelingt
dies nicht, werden ihnen die Ressourcen entzogen. Und niemand beschwert
sich.
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