30. August 2008

Die Sonja & Dirk Show

Die Demontage des Privaten

G. Heim, Aachen

Das Private ist jener Lebensbereich, den man ganz selbstbestimmt gestalten kann, der nicht von anderen Menschen beeinflusst werden kann. Welche Bücher ich lese, welche Filme ich sehe, welche Gespräche ich führe, welche Ansichten ich habe: dies definiere ich als meinen Privatbereich, in den mir niemand unaufgefordert hineinreden soll. Das Gegenteil des Privaten ist das Öffentliche oder, etwas weiter gefasst, die Fremdbestimmung.

Es gehört zum Wesen totalitärer Diktaturen, das Private abzuschaffen. Der Publizist Sebastian Haffner (1907-1999) beschrieb, wie er von Schergen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (kurz: NSDAP) in ein Lager geschickt wurde, in dem er offensichtlich in seiner politischen Gesinnung umerzogen werden sollte. Haffner war verwundert, dass auf die Insassen kein offener Druck ausgeübt wurde. Wohl aber war der Alltag vollständig von gemeinschaftlichen, kameradschaftlichen Aktivitäten geprägt: Wandern, Singen, Sport. Hier blieb kein Raum mehr für Privates. Im Entzug des Privaten lag der Umerziehungseffekt.

Angehörige der Frankfurter Schule, einer Gruppe von Soziologen und Philosophen, diagnostizierten in ihren Schriften eine Erosion des Privaten durch die moderne Massenkultur. Bedeutende Schriften1 entstanden während und kurz nach dem letzen Großen Krieg. Sie geben einerseits die Erfahrungen der deutschen Diktatur wider, andererseits spiegeln sich in ihren Schriften auch Züge der US-amerikanischen Konsumgesellschaft. Im 21. Jahrhundert mag es befremdlich klingen, dass Marcuse etwa die "Eroberung des Schlafzimmers durch das Radio" als Indiz für einen Verlust des Privaten anführt - heute ist ein solches Gerät eine Selbstverständlichkeit in vielen Wohnräumen.

Die totalitäre Vereinnahmung des Individuums durch die Gesellschaft ist ein befremdlicher Zug, der den europäischen Diktaturen bis 1945 (und im Falle des Ostblocks bis in die 1990er Jahre) und den globalisierten Konsumgesellschaften der Zeit danach gemeinsam ist. Wo Diktaturen auf staatsterroristische Methoden wie Spitzelwesen, wahllose Verhaftungen und das Verschwinden von Personen, angewiesen waren, da verfügen fortgeschrittene Industriegesellschaften über feinere Mittel. In der Literatur wird die im Ergebnis gleichermaßen zuverlässige Vereinnahmung des Individuums in einer Diktatur und in einer Konsumgesellschaft durch die Romane 19842 von George Orwell (1903-1950) und Brave New World3 von Aldous Huxley (1894-1963) belegt. Wo die Diktatur Bespitzelung und Folter einsetzt, verwendet die Konsumgesellschaft nach Huxley eine Kombination aus Drogen, ständiger Gemeinschaft, Sport, Sex und der Unterdrückung von Unzufriedenheit. Beiden Welten gemeinsam ist das Fehlen privater Rückzugsräume, in denen die Individuen frei und selbstbestimmt denken und handeln.

Ein tragendes Motiv dieser Webseite ist die These, dass unsere moderne Gesellschaft Übergemeinschaften ausbildet, die zum individuellen Menschen so stehen wie etwa ein Ameisenstaat zur Ameise oder ein Körper zur Zelle: Das Handeln des Einzelnen wird ganz auf die Ziele des Kollektivs ausgerichtet. Wo Kollektive in einem evolutionären Kontext untereinander konkurrieren, muss dies mit größtmöglicher Effizienz geschehen. Es erscheint mir offensichtlich zu sein, dass Diktaturen viel Energie in den Mechanismen des Zwangs und der Unterdrückung verschleißen. Wo Menschen unter Angst handeln, sind ihre Leistungen oft schlecht, sie bringen sich nicht von alleine ein und enthalten dem Kollektiv ihre Motivation vor. So gelang es dem ehemaligen Ostblock nicht, im Wettbewerb der Systeme gegen den Westen zu bestehen. Der Westen erreichte nach dem zweiten Weltkrieg eine höhere industrielle Produktivität und mehr wissenschaftliche Erfolge, was unter anderem zu einem verbesserten Rüstungspotenzial führte.4

Betrachtet man Unternehmen und Staaten als kollektive Übergebilde, die wirtschaftlich gegeneinander im Wettbewerb stehen, so lassen sich daraus wünschenswerte Eigenschaften der individuellen Menschen ableiten5. Sehr wichtig ist die ständige Bereitschaft zur Leistung, zur Aktivität und zum Vergleich mit anderen. Ideal für die Steigerung der Produktion sind Menschen, die freiwillig möglichst ihre gesamte Arbeitskraft mit Arbeiten, Lernen, Konsumieren und dem Erhalt ihrer Arbeitskraft (z. B. Sport) verbringen. Das geistige Klima, welches die Ausprägung solcher Mentalitäten fördert ist geprägt von Statusdenken (Autos, Häuser, Urlaub) und einer Bejahung von Wettbewerb. Wenig förderlich hingegen wären selbstgenügsame Menschen, die sich der stillen Kontemplation hingeben, die aufgrund geringer materieller Bedürfnisse auch wenig Einkommen benötigen und die deshalb gewerbliche Arbeit möglicherweise als ein Übel betrachten, dass es zu verrringern gilt. Wer sein Glück im rückgezogenen Privaten sucht und sich Produktion und Konsum verweigert, entzieht sich der Bestimmung durch das Kollektiv. Aus Sicht des Kollektivs wäre es daher folgerichtig, solche Tendenzen zu schwächen. Diktaturen mobilisierten ihre Bürger unter anderem mit direktem Zwang: Kinder im Dritten Reich wurden in die Hitlerjugend gegängelt, Erwachsene mussten an Aufmärschen teilnehmen und machten sich verdächtig, wenn sie auf öffentlichen Loyalitätsbekundungen nicht erschienen.6 Die gleiche Funktion einer Einschwörung des Individuums auf die gemeinsame Sache erfüllen in der modernen Konsumgesellschaft bestimmte Fernsehsendungen. Sie erodieren die Hemmschwellen, die zur Zeit noch den Privatbereich gegen den Zugriff der Öffentlichkeit schützen. Gegenwärtig wäre es kein akzeptiertes Verhalten, würde man etwa öffentlich in einem Supermarkt laut über eine alte Frau lachen, die mit ihrem Rollator ausrutscht und auf den Boden fällt. Ebenso als schlechter Geschmack wäre es heute wohl noch angesehen, würde man in einer vollen Gaststätte laut über die schlechten Schulnoten eines anwesenden Kindes reden und dann überleiten, zu den missglückten Erziehungsversuchen der Eltern, zu deren Eheprobleme und innersten Ängsten. Ob aus angeborenem Anstand oder anerzogenem Brauch: wir verspüren hier eine Hemmung, andere Menschen öffentlich abzuwerten. Diese Hemmung aber wird durch Sendungen wie die Sonja & Dirk Show hinterfragt.7

Die Sendung ist eingebettet in eine Konsum- und Wettkampfmentalität. Zu gewinnen gibt es alle Produkte eines kompletten Werbeblocks. Ähnliches gab es auch schon in den 1970er Jahren. In Sendungen wie Der Große Preis, Am Laufenden Band oder Dalli Dalli ging es auch um Wettkampf und den Gewinn von Gütern oder Geld. Die Kandidaten und die Zuschauer traten jedoch noch würdevoll und selbstbestimmt auf. Dies ändert sich zur Zeit. In der Sonja & Dirk Show etwa wurde eine Zuschauerin, Beate, ohne Einwilligung in die Öffentlichkeit des Fernsehens gebracht. Sie hatte zuvor einmal in kleinem Rahmen Karaoke gesungen. Ein Bekannter hatte dann die Filmaufnahmen an die Filmgesellschaft RTL weitergegeben. In einem Artikel im Online Spiegel wird beschrieben, wie das Filmunternehmen dann verfuhr: "Durch Beates Heimatstadt, dem kleinen Waschbeuren, ist ein Wagen mit einer Leinwand gefahren und die zeigt - Beate singend. Im Elektromarkt wurden die Bilder auf die TV-Geräte gespielt, im Stadion von Gelsenkirchen auf die Großbildleinwand, ebenso wie auf die Leinwand bei der DSDS-Vorauswahl im Hamburger Schauspielhaus, auch fährt ein Screen-Truck mit der krächzenden Beate durch New York. Dazu die Kommentare, die Pfiffe der Zuschauer, das Grauen in ihren Gesichtern. Das Grauen in Beates Gesicht kann der RTL-Zuschauer live mitverfolgen, wenn die junge Frau krampfhaft versucht, locker zu bleiben..." Um eine Reise nach Thailand zu gewinnen, soll die Frau Texte singen wie "Wenn ich mal lache, klinge ich wie ein Schwein", "Ich bin scharf wie ein Beil und zeig mein Hinterteil."

Menschen richten sich in Ihrem Verhalten stark nach der akzeptierten Norm ihrer Umwelt. Wenn niemand in einem Restaurant einen Hut aufhat, dann nehme auch ich meine Kopfbedeckung ab. Wenn niemand in der Öffentlichkeit andere Menschen offen herabwürdigt, dann unterlasse auch ich es.

Was die gegenwärtige TV-Kultur leistet ist eine Verschiebung von Normen zuungunsen von Opfern. Wir lernen es zu akzeptieren, dass einzelne Menschen ohne Einwilligung aus der Privatsphäre in die Öffentlichkeit gezogen werden. Wir lernen es zu akzeptieren, dass sie in der Öffentlichkeit erniedrigt und ihrer Selbstbestimmung beraubt werden. Wir lernen es, unser Mitgefühl zu kontrollieren und gegebenenfalls zu unterdrücken.8 Es gibt Opfer, die es verdienen, schlecht behandelt zu werden.

Es ist an dieser Stelle nicht wichtig, zu welchen Zwecken die schützende Hülle des Privaten aufgebrochen wird, sondern die Tatsache, dass sie einerseits überhaupt so brachial beschädigt wird und andererseits ein breites Publikum sich damit unterhalten lässt und den Tabubruch somit toleriert. Empörung, Widerstand und Boykott wären aus meiner Sicht angemessen, nicht aber Zustimmung oder auch nur Duldung.

Im größeren Bild eines Kollektivs, welches die Energien seiner Individuen möglichst vollständig mobilisieren und kontrollieren will, ist zunächst wichtig, dass dem Individuum die Kontrolle über seine Privatsphäre wirksam entzogen wird. Sollten wir uns tatsächlich hin zu einem kollektiven Überstaat entwickeln, wären die nächsten Schritte, dass Individuen einer ständigen Kontrolle durch die Öffentlichkeit unterliegen und sich daran nicht stören. Weicht ihr Verhalten vom kollektiv Gewünschten ab, lassen sie sich willig korrigieren. Gelingt dies nicht, werden ihnen die Ressourcen entzogen. Und niemand beschwert sich.

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Ausgewählte Links innerhalb dieser Webstruktur

Presseartikel zu hybriden Menschen 2005: Robotik & Marcuse: Kollektive Intelligenz als gesellschaftliche Realität
Presseartikel zu hybriden Menschen 2004: Robinson Crusoe und Freitag


Letzte Änderung: 25. September 2009 // Vorheriger Eintrag
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1Ich denke hierbei etwa an: Der Eindimensionale Mensch von Herbert Marcuse sowie dessen Feindanalysen, die Minima Moralia von Theodor W. Adorno und die Dialektik der Aufklkärung von Adorno und Max Horkheimer.

2George Orwell: 1984. Der 1949 erschienene Roman handelt vom Widerstand eines einfachen Mannes gegen die brutale Herrschaft einer Einparteien-Diktatur in England. Orwell schrieb den Roman als düstere Zukunftsvision. Mit Hilfe von Folter, einer Neugestaltung der Sprache (Newspeak) sowie einem bis ins Private gehenden Spitzelsystem kontrolliert die Partei jede Regung ihrer Bürger. Die Individuen leben in ständigem Mangel, Angst und Misstrauen.

3Der 1932 erschienene Roman des Briten Aldous Huxley beschreibt eine Welt äußerer Perfektion. Mit Hilfe von Konsumangeboten, Drogen und einer frühkindlichen Konditionierung des Verhaltens schafft sich das totalitäre Weltregime gleichsam gefügige wie zufriedene Bürger. 1959 erschien Brave New World Revisited. In diesem Buch stellt Huxley explizit Parallelen seiner Dystopie zur modernen Konsumgesellschaft amerikanischer Prägung her.

4Anschauungsmaterial sind die Bücher The Hidden Persuaders (1956) und The Pyramid Climbers (1963), beide von dem US-Amerikaner Vance Packard. Anhand vieler empirischer Beispiele wird die Mentalität des Menschen in einer von Konsum und Produktion bestimmten Gesellschaft beschrieben.

5Den Versuch, individuelle Mentalitäten aus den Erfordernissen ökonomischer Übergebilde abzuleiten unternimmt unter anderem Prof. Hans Hass in seinem 1970 erschienen Buch Energon. Das verborgene Gemeinsame.

6In dem Buch Ich nicht beschrieb der Autor Joachim Fest, wie sein Vater zu Beginn des Dritten Reiches seine Posten als Schuldirektor verlor und letztendlich ein vollständiges Arbeitsverbot erhielt. Fests Vater hatte sich geweigert, seine Loyalität gegenüber den Nationialsozialisten zu bekunden. Das Buch bietet auch Einblicke in das private Spitzelwesen und den Druck, den Schulen auf Kinder in Diktaturen ausüben.

7Ich beziehe mich in der Beschreibung der Inhalte auf einen Artikel im Online Spiegel vom 30. August 2008: "SONJA & DIRK SHOW" Pure Quälerei.

8Die Fähigkeit, menschliche Gefühle zur Verhinderung von Grausamkeiten zu kontrollieren war eine der Fähigkeiten, die Leiter und Bewacher in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zu lernen hatten. Man lese dazu die autobiographischen Aufzeichnungen des Rudolf Höss (Lagerkommandant von Auschwitz). Sie erschienen 1963 unter dem Titel Kommandant in Auschwitz.