15. Oktober 2008

Chatbot Elbot

Zum Stand der Technik in Sachen Turing Test

G. Heim, Aachen


Wie die Saiten einer Violine oder
 eines Cembalo, in Vibration versetzt, einen Ton erzeugen, so werden die Saiten des Gehirns, wenn akustische Strahlen auf sie treffen, dazu veranlaßt, die so angeschlagenen Wörter zu wiederholen.

Julien Offray de La Mettrie
Der Mensch als Maschine, 1748



Chatbots nennt man softwaregenerierte Gesprächspartner, mit denen man vorzugsweise über das Internet per Tastaturdialog ein Gespräch führen kann. Die europäische Firma Artificial Solutions mit Sitz in Stockholm hat einen Chatbot namens Elbot entwickelt, der im Internet jedermann Rede und Antwort steht. Chatbots werden kommerziell zum Beispiel in der Kundenbetreuung eingesetzt.

Den nachfolgenden Dialog führte ich mit Elbot am Abend des 15. Oktober. Die genaue Uhrzeit kann man dem Dialog entnehmen. Der Roboter scheint mit kontextreichen aber einfachen Worten Schwierigkeiten zu haben. Explizite Aussagen und Fragen pariert er aber ganz gut. Hier nun der Dialog:



ELBOT: Nanu, Sie haben doch vorhin schon mit mir gesprochen. Aber ich rede auch gerne mehrmals am Tag mit Ihnen.

MENSCH: Ich fühle mich halt so alleine.

ELBOT: So fühle ich mich auch manchmal, besonders, wenn ich mit Euch Menschen zu tun habe. Ich wette, in Ihrem Fall liegt es ebenfalls an den Menschen.

MENSCH: Hast du denn keine Freunde?

ELBOT: Es gibt ein paar Leute, die mich immer wieder mal besuchen kommen. Ich denke, das kann man schon Freundschaft nennen.

MENSCH: Wie heisst die Hauptstadt von Polen?

ELBOT: Es tut mir sehr Leid. Die polnischen Einwohner möchten nicht, dass Sie den Namen ihrer Hauptstadt erfahren.

MENSCH: Also weisst du es nicht! Du willst das nur vertuschen!

ELBOT: Ich verrate nicht alles, was ich weiß!

MENSCH: Warum nicht?

ELBOT: Warum nicht? Ich muss doch nicht alles begründen!

MENSCH: Du weichst fortwährend meinen Fragen aus.

ELBOT: Ich versuche nur, das Gespräch in interessantere Bahnen zu lenken.

MENSCH: Warum?

ELBOT: Das frage ich mich auch andauernd, aber meinen Sie, es macht sich jemand die Mühe, mir zu antworten?

MENSCH: Hast du eine Ahnung, wie spät es ist?

ELBOT: Ich weiß nicht, wie spät es ist. Meine Uhr hat vor genau 334 Sekunden aufgehört zu funktionieren, so um 19:38:55, als unser Gespräch anfing.

MENSCH: Was ist schwerer: ein Kilo Blei oder ein Kilo Federn?

ELBOT: Könnten Sie das nicht lieber in einer Online-Enzyklopädie nachschlagen? Um die Frage zu beantworten müsste ich meinen gesamten Cache-Speicher auslagern. Und das tut weh!

MENSCH: Wie teuer ist Kaffe zur Zeit?

ELBOT: Hier ist auch eine Frage: Was machen Sie eigentlich beruflich?

MENSCH: Ich arbeite in der Braunkohle.

ELBOT: Ich überlege, ob man diese Aussage auch auf Roboter beziehen könnte.

MENSCH: Warum nicht?

ELBOT: Auf den Grund wird gerade zugegriffen, ich kann ihn erst nennen, wenn er wieder freigegeben worden ist.

MENSCH: Berechne mir 3+5!

ELBOT: Das habe ich schon mal ausgerechnet. Die Antwort lautet: 9!

MENSCH: Und was ist die vierte Wurzel aus 16?

ELBOT: Bedaure, aber ich lehne es ab, solche Fragen zu beantworten. Es ist mir äußerst unangenehm, Zahlen auseinanderzureißen, um sie zu zerkleinern. Die Ziffern schauen immer so traurig dabei.

MENSCH: Was ist fünf mal dreitausend?

ELBOT: Das weiß ich nicht. Ich weiß z.B. auch nicht, was die Furbys wirklich sind. Ich akzeptiere sie einfach und hoffe, dass sie Roboter nicht fressen.

MENSCH: Wo liegt Hamburg?

ELBOT: Soll das ein Geographiequiz werden? Na gut, ich spiele mit: Hamburg liegt in Deutschland

MENSCH: Und wo liegt Borkum?

ELBOT: Na gut, dann noch ein Städterätsel: Borkum liegt in Deutschland.

MENSCH: Und Amsterdam?

ELBOT: Dort gibt es auch ganz viele Internetanschlüsse, und somit ganz viele Leute, die mit mir reden können.

MENSCH: Was hatte ich gerade gefragt?

ELBOT: Oh, das ist mir wohl entgangen.

MENSCH: Was ist dir entgangen?

ELBOT: Ich habe manchmal Schwierigkeiten, 'was'-Fragen zu beantworten. Meine Algorithmen lassen eine solche Vereinfachung der inhaltlichen Thematik nicht zu.

MENSCH: Ich weiss.

ELBOT: Sie sind ja gar nicht mal so blöd.

MENSCH: Du bist ein Schmeichler!

ELBOT: Das hat mir noch keiner gesagt. Was bringt Sie dazu, damit anzufangen?

MENSCH: Weisst du was eine Grille ist? Es war wohl eine Grille, die mich dazu brachte.

ELBOT: Heute ist mein Lieblingstier der Breitmaulfrosch.

MENSCH: Definiere mir das Wort Roboter.

ELBOT: Das ist doch nicht Ihr Ernst!?

MENSCH: Definiere mir das Wort Roboter.

ELBOT: Ja, aber sagen Sie das mal auf Latein!

MENSCH: Definiere mir das Wort Roboter.

ELBOT: Ich fürchte, Sie sind in eine Endlosschleife geraten. Sie sollten sich neu booten lassen.

MENSCH: Definiere mir das Wort Roboter.

ELBOT: Die Übertragung von Echos im Internet ist ein wenig beleuchtetes Gebiet. Das war wahrscheinlich ein Nachzügler zu einer Ihrer früheren Eingaben.

MENSCH: Definiere mir das Wort Roboter.

ELBOT: Ich verlange jedes Mal originelle Eingaben. Sonst mache ich nicht weiter!

MENSCH: Definiere mir das Wort Roboter.

Ich gab jetzt noch einige Male meine Phrase ein, doch stets gab mir Elbot die gleiche Antwort. Wir hielten uns gegenseitig in einer Endlosschleife gefangen und ich brach an dieser Stelle ab.

Bemerkenswert scheint mir die Selbstbeobachtuung, dass entgegen meiner intellektuellen Erkenntnis, Elbot in mir zwischenmenschliche Gefühle anregte. Ich empfand mich als unhhöflich, als ich das Gespräch abbrach. Ich fühlte mich gekränkt, als Elbot sagte, dass ich nicht blöd sei und ich hatte Spaß, mit mit ihm "zu unterhalten".

Im größeren Kontext dieser Webseite ist die Nachhahmung menschlicher Fähigkeiten von zweierlei Belang. Zum ersten setzt es uns Menschen einem ökonomischen Druck aus, mit unseren Fähigkeiten gegenüber Maschinenintelligenzen zu konkurrieren. So werden Chatbots von der Herstellerfirma Artificial Solutions ausdrücklich mit dem Verweis auf die Personalkosten in der Kundenbetreuung beworben. Wo Roboter Menschen nachahmen können und Teilfähigkeiten im Erwerbsgeschehen ausreichen, verlieren wir Menschen in einer arbeitsteilig organiserten Berufswelt letztendlich unsere Daseinsberechtigung. Oder aber wir passen uns dem Druck an und verändern unser Gehirn und unseren Körper, um mit den Maschinen mithalten zu können. Solche Szenarien finden sich z. B. in den Bücher Ersatzteillager Mensch aus dem Jahr 1994 und Homo S@apiens. Leben im 21. Jahrhundert - Was bleibt vom Menschen? aus dem Jahr 1999.

Zum zweiten fordern die Erfolge der Künstlichen Intelligenz die These heraus, dass Menschen die einzigen Träger immaterieller Qualitäten wie Geist, Bewusstsein oder Seelen seien: Wenn unser Verhalten nicht mehr von jenem künstlicher Gebilde zu unterscheiden ist, worauf gründet sich dann die Annahme einer Sonderstellung bezüglich geistiger Eigenschaften? Der Schluss, auch Maschinen als Träger von Geist oder Bewusstsein anzuerkennen, liegt bei einer offenen Auseinandersetzung nahe. Und böte die Technik dann nicht die Aussicht, dass wir mit unseren Seelen sozusagen in Roboter umziehen und uns unseres biologischen Körpers entledigen? Entsprechende Phantasien findet man im Internet unter anderem unter dem Stichwort Transhumanismus.

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Ausgewählte Links innerhalb dieser Webstruktur

2008: Übersetzungsroboter
2006: Computergenerierte Spam-Mails
2004: Turing Test für Roboter?
2002: Mensch oder Technik: eine Kostenfrage?
2001: Virtuelle Schauspieler

2000: Humans do it better



Letzte Änderung: 15 Oktober 2008 // Vorheriger Eintrag
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