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31. Dezember 2008 Die Welt als Märchenland Über ganzheitliches Erleben
im Alltag
Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir
in uns tragen,
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Als Kind war ich fast jedes
Jahr mehrere Wochen am Stück bettlägerig krank, meist im Frühjahr und
Herbst. Ich erinnere mich gerne an diese Krankzeiten zurück. Echte
Schmerzen hatte ich nie, ich war nur meist matt und schläfrig. So lag
ich stundenlang in Decken auf einer Couch und hörte Märchen, welche
mit dem anheimelndem Knistern von Schallplatten abgespielt wurden. Der
Hohnsteiner Kasper, Plitsch, Platsch und Plum (oder wie hießen sie
noch?), der Räuber Hotzenplotz,
Rumpelstilzchen und Tölpelhans sind mir in guter Erinnerung geblieben.
Manche der Platten konnte ich fünfmal hintereinander hören, ohne zu
ermüden. Zunächst war in den Geschichten
alles bedeutungsvoll. Kleine Begebenheiten verwiesen stets auf den
großen Zusammenhang oder fügten sich ihm zumindest. Die mahnenden Worte
der Großmutter waren kein leeres Reden. Sprach die Großmutter mit
ahnungsvollem Unterton, war etwas Großes im Anzug, brummelte ein Riese
in seiner Höhle, deutete dies auf reale Gefahren hin. Jedes Teil
gehörte zum Ganzen. Ich glaube, ich hätte als Kind enttäuscht und
verwirrt reagiert, wenn in einer der Geschichten auch nur ein kleines,
für die Handlung durchaus bedeutungsloses, Detail gefehlt hätte. Jede
Geschichte war ein Ganzes und die Bedeutung des Ganzen haftete jedem
Detail an. Dies bezog sich auf alle beteiligten Figuren, also
auch die
Bösen. So gab es ein Abenteuer mit dem Hohnsteiner Kasper, in dem
dieser von einem Kobold in einem fliegenden Haus entführt wurde. Es
ging hier nicht um einen harmlosen Lausbubenstreich: Der Kobold sprach
klar aus,
was er mit Kasper vorhatte: Für immer solle dieser ihm dienen und nie
mehr
würde er seine Großmutter wiedersehen. Die Glaubwürdigkeit der Drohung
wurde durch boshaftes Lachen unterstrichen. Dennoch: so böse der Kobold
war, es war ja eben seine Rolle in der Geschichte, so zu sein, sonst
hätte es die Geschichte nicht gegeben. Und so war ihm eigentlich im
voraus schon vergeben. Ich hatte sogar mit den Bösen Mitleid, etwa wenn
ein egoistischer Riese, der bloß Süßigkeiten klaute, totgeschlagen
wurde. Aber in
meinem kindlichen Erleben erhöhte diese Ungerechtigkeit sogar noch den
Zauber. Denn, das war mir klar, da das Ganze sinnvoll war, musste auch
jedes Detail Sinn tragen. Und wenn ich den Sinn nicht erkannte, war es
eben nur umso geheimnisvoller und ich hatte noch viel zu lernen in der
Welt. Eine weitere Eigenart des Zaubers dieser
Geschichen war ihre Abgeschlossenheit. Dass Kasper immer nur eine
Großmutter hatte und keine Eltern, dass er auf keine Schule gehen
musste kam mir ebensowenig in den Sinn, wie die Frage nach der
Geographie jener Länder, über die der Kobold im fliegenden Haus den
Kasper führte. Die Geschichten waren ganz und vollständig. Es waren
abgeschlossene Welten voller Bedeutung. Ein drittes Merkmal des
Märchenmodus meiner Wahrnehmung war mein fehlender Handlungswille. Ich
war nur Zuschauer und ging ganz in dieser Rolle auf. Ganz gleich wie
gemein die Ungerechtigkeit oder wie schön die Belohnung, ich wollte
niemals den Helden helfen oder selbst einmal Held sein: stets nahm ich
nur wahr, ja, ich analysierte noch nicht einmal. Der US-amerikanische
Wissenschaftshistoriker Morris Berman bezeichnet in seinem 1981
erschienen Buch The Reenchantment of
the World einen von ihm unterstellten Geisteszustand des
mittelalterlichen Menschen als partizipativ. Der Mensch ist Teil seiner
Welt und erlebt sich so. Wenn der mittelalterliche Mensch tatsächlich
in einem Kometen drohendes Unheil sah oder der Bohne gemäß der
Signaturenlehre eine Heilwirkung bei Nierenleiden zusprach, weil ihre
Frucht Nierenform hatte, dann sehe ich in dieser Geisteshaltung eine
Analogie zu meinem kindlichen Erlebnis der Märchengeschichten. Die
Gemeinsamkeit besteht in der vielleicht unbewussten Annahme, dass alles
miteinander zu einem höhere Sinn verwoben ist. Die Begriffe Gut und
Böse werden in diesem Gefühlsmodus stark relativiert. Das Böse, etwa
das Wirken der Hexe in Hänsel und Gretel, war bloß die empfundende
Bedrohung für mein Wohlsein, nicht aber ein absolut Böses, das an sich
bekämpft werden müsste. Wenn ich in meinen
Kindheitserinnerungen zurückgehe bis zu einem Lebensalter von
vielleicht vier bis sechs Jahren, so glaube ich, ahnen zu können, dass
ich in dieser Zeit sehr viel öfters in diesem Märchenmodus der
Wahrnehmung war, nicht nur während einer längeren Krankheit. Neben
Krankheitszeiten ragt in meiner Erinnerung hier vor allem die Advents-
und Weihnachtszeit hervor. Hier nahm ich die Dinge um mich wie in eine
andere Wirklichkeit entrückt wahr. Das Brummen der am Haus
vorbeifahrenden Autos, der Schein der Straßenlaternen, die Buntheit des
Weihnachtsbaumes und die überall aufgebauten Krippen verbanden sich zu
einem große Zauber, der mein ganzes Empfinden auf eine ähnliche Weise
wie die Märchen erfüllte. Es gab in dieser Weihnachtswelt keine
störenden Dissonanzen, alles fügte sich der Weihnachtsstimmung und
erlangte durch die Teilnahme an diesem Ganzen ein neues Wesen.
Nassgraue Landschaften auf dem Weg zu Bekannten wurden zu geweihten
Weihnachtswäldern. Ich bestaunte vor kurzem noch
eine öffentlich ausgestellte Krippe in einer Aachener Fußgängerpassage.
Nach einigen Minute stellte sich plötzlich ein Hauch der alten
Märchenstimmung wieder ein. Ich spürte, wie die Szene zu einer
abgeschlossenen Welt in sich wurde. Und alles hatte seine Bedeutung und
seinen Platz. Nichts verwies auf Risse in der Einheit des Sinnes. Die
einfältigen Tiere huldigten dem Jesuskind auf ihre Weise genauso wie
die drei demütigen Weisen aus dem Morgenland. Die einfache Herberge und
die Sterne darüber gehörten ebenso zur Gesamterscheinung, wie das Stroh
auf dem Boden. Tatsächlich prägt dieser
Märchenmodus der Wahrnehmung auch im Erwachsenenalter immer wieder mein
Bewusstsein, wennauch meist kurz und eher schwach. Das Ereignis ist an
ganz bestimmte Begleitumstände geknüpft. Es kann durch konzentriertes
Musikhören (z. B. Enigma, Vangelis) oder meditatives Betrachten
geschnitzter Figuren oder Bilder (z. B. Tilman Riemenschneider)
zumindest eingeladen werden. Auch in jenen kurzen, halbwachen Minuten
vor dem Einschlafen tritt es gelegentlich auf. Aber interessanterweise
ist es weiterhin der Anflug einer Krankheit, der es am sichersten
herbeiführt. In den kalten Jahreszeiten erkenne ich den Beginn einer
Erkältung am sichersten daran, dass ich die normale Welt um mich herum
plötzlich wieder märchenhaft wahrnehme, manchmal über mehrere Minuten
hinweg. Hierzu möchte ich ein kürzlich erlebtes Beispiel anführen. In den Nachrichten und
Wochenmagazinen sind zur Zeit drei Themen recht präsent: Die
Beschleunigung der arktischen Eisschmelze (sowie überhaupt der
Klimawandel), die starken Schwankungen des Ölpreises (wobei das
Stichwort Peak-Oil wenig Beachtung findet) sowie die Erhöhung der
Staatsausgaben zur Stützung der durch die internationale Finanzkrise
bedrohten Konjunktur. Im üblichen Modus meiner Wahrnehmung nehme ich
diese Themen mit einer Mischung aus Angst und Unverständnis über das
Handeln der Menschen wahr. Mein Kopf analysiert dann etwa so: Dass ein
Klimawandel kommt ist inzwischen von allen seriöse Wissenschaftlern
akzeptiert. Ständig werden Prognosen dahingehend aktualisiert, dass
alles sehr viel schneller und härter kommen könnte als bisher
vorhergesagt. Dennoch werden zur Handhabung der Finanzkrise große
Geldsummen dafür verplant, neue Straßen zu bauen und die
Automobilindustrie zu stützen. Dennoch werden Flughäfen (Frankfurt
Main) und Hafenkapazitäten (Wilhelmshaven) spürbar erweitert. Und
dennoch äußern sich Politiker und fast alle Medien erfreut über den
stark gefallenen Ölpreis und hoffen auf steigenden Konsum der
Privatbürger. Im normalen Erlebensmodus bleiben mir diese Phänomene
vollkommen inakzeptabel. Aus der Sicht meiner üblichen Wachrationalität
stellen der Meeresspiegelanstieg und ökologische Veränderungen infolge
der Klimaänderungen Bedrohungen mindestens vergleichbar mit den beiden
ersten Weltkriegen dar. Die einzig verantwortbare Antwort auf diese
Bedrohung ist der bedingungslose Verzicht auf klimaschädliches
Verhalten. Wer längere Strecken mit dem Auto pendelt, sollte umziehen.
Projekte, die häufige Flüge der Mitarbeiter nach sich ziehen, müssen
sollten oder aufgebeben werden. Infrastrukturmaßnahmen die auf ein mehr
von Verkehr abzielen sollte aufgegeben werden. Häuser müssen konsequent
gedämmt werden. Es sollten Planungen zur etwaigen Umsiedlung mehrerer
Millionen Menschen weg von den Küsten eingeleitet werden. Und eine
Rhetorik, die auf mehr Konsum zwecks Wirtschaftswachstum abzielt sollte
unterbleiben. Meine Rationalität konstruiert eine große Dramatik, die
drastische Beschneidungen unserers bisherigen Verhaltens als
offensichtlich erscheinen lässt. Dass nun die Äußerungen von
Politikern, Wissenschaftlern und den Medien von einer solchen Dramatik
nichts erkennen lassen, kann ich mir nur mit instinktiven
Besitzstandswahrungsreflexen erklären. Die für mich offensichtlich
nötigen Maßnahmen würden fast durchweg die Preisgabe unsere bisherigen
Wirtschaftsziele (Verkehr, materieller Konsum, Rüstung, Ausweitung der
Produktion etc.) nach sich ziehen. Damit wären aber auch die Positionen
der bisherigen Nutznießer in Frage gestellt. So, glaube ich, gibt es
unter den Sachbearbeitern, Managern, Politikern und Konsumenten des
Status Quo ein unausgesprochenes Übereinkommen, dass keine Maßnahme die
bisherigen Denk- und Machtstrukturen wirklich umkrempeln darf. Und
Wissenschaftler sind vorsichtig mit der Veröffentlichung von
Unglücksszenarien, die niemand lesen will. Der eigenen Karriere
fürderlich sind sie sicherlich nicht, da ja letztendlich auch die
großen Fördermittelgeber nicht unabhängig von der Politik und
Interessensgruppen sind. Die von Industrieverbänden und Politikern oft
benutzte Formel, dass der Klimawandel durch bessere Technologie
bekämpft werden müsse passt in diese Logik: Nicht weniger Technologie
sondern eine bessere Technologie führen zur Lösung. Wenn ich derart
über unsere Haltung zum Klimawandel nachdenke, so gerate ich bald in
Gefühlszustände wie etwa Fatalismus, Unverständnis oder Selbstzweifel.
Ein großer Anteil Angst schwingt dabei immer mit. Nun spürte ich vor einigen
Tagen die ersten körperlichen Vorboten einer Erkältung. Dass eine
Erkältung wirklich im Anzug war, wusste ich spätestens mit Sicherheit,
als mein Empfindungsmodus bei einem erneuten Durchkauen der obigen
Gedanken zum Klimawandel ohne Einleitung auf den Märchenmodus
umschaltete. Wo ich vorher mit Angst reagierte, stellte sich nun
ahnungsvolle Abenteuerlust ein. Die Politikeraussagen, die ich vorher
als zynisches Kalkül wahrnehm, fühlten sich jetzt wie die possierlichen
Hanswurstiaden eines gutmütigen Königs an. Die Bedrohlichkeit
betriebsunfähiger Hafenstädte und steigender Meeresspiegel wurde zum
wunderlichen Naturgeschehen, dessen bedeutungsvolle Zeichen wir lesen
müssen. Mir kam alles vor, wie eine fertige Geschichte, die bloß
erzählt werden will und voller Bedeutung ist. Auch die
Abgeschlossenheit stellte sich im Gefühl ein. Die Geschichte würde eine
vollständige Wirklichkeit in sich selbst sein. Was nach dem Klimawandel
kommen sollte, ob die Sache gut oder schlecht sei und wie es überhaupt
dazu kam, interessierte nicht. Und auch meine eigene Rolle wechselte in
Übereinstimmung mit dem Märchenmodus der Wahrnehmung. Im normalen
Wachmodus fühle ich mich aufgefordert, in irgendeiner Form im Bezug auf
den drohenden Klimawandel zu handeln. Im Märchenmodus schwindet dieses
Motiv vollkommen und wird zu dem bloßen Wunsch, zu schauen. Ich werde
zum teilnahmslosen Betrachter. Dieses Gefühl kann soweit gehen, dass in
meinem Kopf eine Spaltung vorbereitet wird. Demnach kann ich zwar
durchaus in die Geschehen hineingeraten. Im Märchenmodus würde ich mich
aber selbst wie einen Teil der Geschichte betrachten und am liebsten in
der dritten Person über mich selbst reden. Verantwortung für das eigene
Tun gäbe es in diesem Modus nicht. Die beiden Fragen, die sich mir
in Anbetracht solcher Fluktuationen im eigenen Erleben von Wirklichkeit
stellen, sind folgende: Erstens, entsprechen denn alle
Empfindungssqualia letztendlich irgendwelchen Aspekten einer äußerlich
existierenden Realität? Ein Beispiel: Wir kennen das Empfinden
'gelb'. Tatsächlich schreiben wir einigen der von uns konstruierten
Objekte der Realität die Eigenschaft der Gelbheit zu, z. B. einer
Zitrone. Ebenso kennen wir die Empfindung des Lärms und - ganz analog -
weisen manchen Objekten der Realität dieses Attribut zu, etwa
Hundegekläffe. Ist es erlaubt, zu verallgemeinern und als Quellen aller
Empfindungen real existierende Objekte oder Begebenheiten zu
unterstellen? Verwiese also das märchenhafte Gefühl einer
ganzheitlichen Bedeutung von Geschichten auf real existierende
Bedeutungszusammenhänge? Zweitens, könnte es sein, dass
dieses märchenhaft ganzheitliche Erleben, bei dem die eigene Rolle so
in den Hintergrund gerät, Ausdruck des Erlebens eines entstehenden
Überorganismus ist? Der vorrangige Gedanke auf diesen Webseiten ist die
Vorstellung eines aus Menschen & Technologie entstehenden, globalen
Superorganismus. Aus der Sicht eines solchen Überorganismus wären wir
Individuen weit weniger bedeutsam als wir es aus unserer alltäglichen
Sicht selbst glauben. Und die Bedrohung des Klimawandels wäre für das
Empfinden des globalen Überorganismus vielleicht wirklich mehr ein
Abenteuer denn eine Gefahr. Literaturhinweise: Morris Berman: The Reenchantment of The World
(1981) Wolfgang Pauli: Ein Briefwechsel 1932-1958. In dem
Buch ist der jahrelange Briefwechsel des Physiknobelpreisträgers Pauli
mit dem Psychiater C. G. Jung dokumentiert. Pauli vergleicht an vielen
Beispielen seine Denkprozesse mit Hilfe alchemistischer Denkfiguren,
die von Jung im Bezug zu seiner Theorie der Archetypen interpretiert
werden. Julian Jay: The Origin of
Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind (1976) Aldous Huxley: The Doors of Perception &
Heaven and Hell (1954) H. G. Wells: The Door in the Wall
(Kurzgeschichte, etwa 1911) E. A. Poe: Island of the Fay (Kurzgeschichte, etwa 1841) H. P. Lovecraft: Celephais
(Kurzgeschichte, etwa 1920) Links innerhalb dieser
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Letzte Änderung: 13. März 2009 // Vorheriger
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