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17. März 2009 Widerstand am Rio São
Franciso Zur Totalität westlicher Gesellschaften
Es
gibt keine freie Gesellschaft ohne Stille,
ohne einen inneren und äusseren Bereich der Einsamkeit, in dem sich die individuelle Freiheit entfalten kann. Herbert Marcuse, 19691 |
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Autoritäre
Totalität Als eines von mehreren
Merkmalen totalitärer Gesellschaften gilt die Kontrolle des
Privatlebens durch die herrschende Macht. In den Diktaturen Hitlers und
Stalins wurde diese Kontrolle durch eine Kombination aus Staatsterror
und erzwungener Gleichschaltung aller Lebensbereiche2 bewirkt. George Orwells Dystopie 19843
und Ray Bradburys Roman Fahrenheit
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sind zwei literarische Beispiele für solche Staaten. Letztendlicher
Zweck der Gleichschaltung war die weitgehende Nutzbarmachung der
menschlichen Arbeitskraft. Der totalitäre Staat verlangte nicht bloß
Duldung durch seine Untertanen sondern aktive Mitwirkung. Dieses Ziel
teilen unsere gegenwärtigen Marktwirtschaften westlicher Prägung mit
den totalitären Diktaturen des 20ten Jahrhunderts: Jedes Individuum
muss möglichst seine gesamte Schaffenskraft für die Ziele des Systems
hergeben. Der Unterschied besteht in der Wahl der Mittel, wie der Staat
die Mitarbeit erreicht. In klassischen Diktaturen waren die Mittel
Terror, Zwang und Bespitzelung. In den Industriegesellschaften
westlicher Prägung sind die Mittel differenzierter und subtiler. Totalitäre
Kontrolle
über
die
Förderung falscher Bedürfnisse Der deutsch-amerikanische
Philosopoph und Soziologe Herbert Marcuse (1898-1979) setzt sich im
ersten Kapitel seines Buches Der
Eindimensionale Mensch5 explizit mit den "neuen Formen der Kontrolle" auseinander.
In der Vorrede zu seinem Buch schreibt Marcuse: "In dieser Gesellschaft
[gemeint ist die moderne Industriegesellschaft] tendiert der
Produktionsapparat dazu, in dem aße totalitär zu werden, wie er nicht
nur die gesellschaftlich notwendigen Betätigungen, Fertigkeiten und
Haltungen bestimmt, sondern auch die individuellen Bedürfnisse und
Wünsche. Er ebnet so den Gegensatz zwischen privater und öffentlicher
Existenz, zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen
ein." Im Kapitel Die neuen Formen
der Kontrolle heisst es dann: "... der Apparat erlegt der
Arbeitszeit und der Freizeit, der materiellen uund der geistigen Kultur
die ökonomischen wie politische Erfordernisse seinner Verteidiung und
Expansion auf." Ein wirksames Mittel hierzu ist die Förderung falscher
Bedürfnisse: "Wir können wahre und falsche Bedürfnise unterscheiden,
'Falsch' sind diejenigen, die dem Individuum durch partikuläre
geselschaftliche Mächte, die an seiner Unterdrückung interessiert sind,
auferlegt werden: diejenigen Bedürfnisse, die harte Arbeit,
Aggressivität, Elend und Ungerechtigkeit verewigen." Und weiter: "Die
meisten der herrschenden Bedürfnisse, sich im Einklang mit der Reklame
zu entspannen, zu vergnügen, zu benehmen und zu konsumieren, zu hassen
und zu lieben, was andere hassen und lieben, gehören in diese Kategorie
falscher Bedürfnisse." Marcuse schrieb seine Gedanken
zum Wesen falscher Bedürfnisse Anfang der 1960er Jahre auf. Betrachten
wir einige Beispiele aus dem Alltag 50 Jahre später, um die Aktualität
von Marcuses Analysen abzuschätzen. Die Werbe- und
Unterhaltungsindustrie stellt das Automobil als selbstverändlichen
Bestandteil des Lebens da. Typisch hierfür finde
ich etwa längere Sequenzen in Kriminalfilmen, die lediglich zeigen, wie
eine Person mit einem Personenkraftwagen unterwegs ist, das Auto
abstellt, abschließt und es verlässt. Die Handlung wird durch solche
Sequenzen nicht vorangebracht, doch ergibt sich beim Zuschauer
möglicherweise eine Identifikatiosmöglichkeit, eine Brücke zur eigenen
Lebensrealität. Die automobile Kultur, wie sie de facto vorherrscht,
braucht Platz, sie produziert Lärm und fördert den begonnenen
Klimawandel. Der kurzen Befriedigung des Fahrens stehen lärmbedingter
Stress bei Anwohnern, fehlende Spielräume für Kinder, versiegelte
Flächen, Verkehrstote und ein zerstückelter Alltag (eben noch schnell
die Kinder zum Sport fahren und dann kurz bei Benno vorbeischauen)
gegenüber. Um den ungewollten Folgen zu entgehen, zieht man gerne in
ruhige Lagen, weg von der Stadt. Am besten aber mit nahem
Autobahnanschluss. Wer aber nicht wegziehen will oder kann, etwa weil
er selbst kein Auto fahren will, muss in der lauten Stadt bleiben und
er hat es immer schwerer, seine Einkäufe zu erledigen. Gab es um 1975
noch in fast jeder Kleinstadt kleine Eisenwärenläden, so ist man heute
gezwungen, in die Gewerbegebiete vor der Stadt zu fahren und dort in
großen Einkaufszentern einzukaufen. Das Bedürfnis des Autofahrens
produziert auf diese Weise die Notwendigkeit zur Beseitigung
unerwünschter Folgen. Beispiele für falsche Bedürfnisse liefern
eigentlich alle Fälle von Konsum über Kredit. Wo der Wunsch nach einem
eigenen Auto, Eigenheim, Urlaub, Status etc. nur über Kredite
verwirklicht werden kann, droht bei wirtschaftlicher Not die
Abhängigkeit vom Gläubiger. Der Freude des Konsums steht das Leid des
Schuldners gegenüber. Anschauliche Berichte liefert zur Zeit der
weltweiten Wirtschaftskrise die Presse.6 De facto verstärkt die Erfüllung eines jeden Konsumwunsches
die Abhängigkeit vom Wirtschaftsapparat. Damit hat der Apparat eine
direkte Kontrolle über die Schaffenskraft eines jeden Menschen.
Der Wunsch nach intellektueller
Eigenständigkeit ging schon immer eng mit dem Wunsch nach materieller
Autarkie einher. Klostergemeinschaften etwa erwirtschafteten oft alles
Lebensnotwendige selbst. Religiöse Lebensgemeinschaften wie die der
Hutterer oder Amish in den USA versuchen sich in der Befriedigung ihrer
Grundbedürfnisse weitgehend unabhängig von ihrer Umwelt zu halten. Und
auch westliche "Aussteiger" in den 1970er und 1980er Jahren richteten
ihre utopisch ausgerichteten Kommunen am Autarkieprinzip aus. Nicht
selten beschränkten solche Gemeinschaften ihre Bedürfnisse stark ein
und verzichteten weitgehend auf Luxus. Autarkie und Bescheidenheit sind aber
Störfaktoren in einem System, das auf eine kontrollierte Mobilisierung
möglichst aller Produktionsfaktoren abzielt. Intellektuelle
Unabhängigkeit macht noch zusätzlich verdächtigt, ist aber nicht
unbedingt notwendig, um Vereinnahmungsreflexe des auf Expansion
trachtenden Apparats auszulösen. Im südlichen Afrika lebten noch im
20ten Jahrhundert viele schwarze Einwohner autark auf kleinen
Landschollen ohne den Bedürfnissen der Industriegesellschaft erlogen zu
sein. Entsprechend sahen sie wenig Anlass, sich als Arbeitskräfte in
den Industrien anzubieten. Das aber wäre insbesondere für die
Bergbaubetriebe Süd-Afrikas mit ihrem hohen Personalbedarf wünschenwert
gewesen. Die "Lösung" bestand in der Einführung einer Kopfsteuer, die
wirksam die Subsistenzwirtschaft als Lebensgrundlage verhinderte: Die
Steuer wurde so hoch bemessen, dass zu ihrer Erbringung die eigene
Arbeitskraft verkauft werden musste.7
So gerieten ehemals autarke, schwarze Einwohner Süd-Afrikas unter die
polizeiliche und ökonomische Kontrolle des Industrieapparats und seiner
helfenden Organe. Die Folgen für das Land Süd-Afrika können unter den
Stichworten Apartheid, Townships und Homelands recherchiert werden.
Eine literarische Gegenüberstellung der Kultur der Schwarzen und weißen
Einwohner während der Apartheid-Zeit in Süd-Afrika ist das Buch July's People.8 Verhinderung
von Autarkie am Rio São Francisco In diesem Kontext einer expansiven Vereinnahmung aller Produktivkräfte durch moderne Industriegesellschaften sehe ich auch den jahrelangen Kampf brasilianischer Kleinbauern gegen die Umleitung des Rio São Francisco. Der Rio São
Francisco
ist
rund
3200km lang und mündet in den Atlantik. Der Fluß
durchfließt mehrere Stauseen und ist somit von wirtschaftlicher
Bedeutung. Auf dem Fernsehsender Phoenix wurde am
14. März 2009 um 15.30 Uhr unter dem Titel Nur noch Wasser für die Reichen9
eine Reportage über eine geplante Umleitung des Flusses
ausgestrahlt.Auf
der Webseite des Fernsehsender heisst es: "Der ständige Hunger nach
neuen Anbauflächen treibt die Großunternehmen auch in die
Trockengebiete des brasilianischen Nordostens und verdrängt die
Bevölkerung, die seit Generationen dort lebt. Jetzt soll der Rio Sao
Francisco, der zweitgrößte Fluss Brasiliens, mit einem gigantischen
technischen Aufwand umgeleitet werden, um die neuen Plantagen zu
bewässern." Es wird darauf verwiesen, dass ein zentrales Motiv für die
Anlegung von Plantagen der steigende Bedarf an Biotreibstoffen ist. Die Weltbank habe, so der Text auf der
Webseite von Phoenix, die Finanzierung des Projektes aus ökologischen
Gründen verweigert. Der Film geht ausführlich auf den Widerstand der
Bauern ein, der von dem Bischof Dom Luiz Cappio angeführt wird. Bilder
zeigen bewaffente Soldaten, die die Baustelle bewachen, ergrünende
Anbaufläche von Kleinbauern, denen die Wasserzufuhr abgesperrt wird und
Brücken über trockengefallene Flussbetten. Die Reportage legt es nahe,
dass den Bauern jede Chance auf eine Selbstversorgung genommen wird und
sie letztendlich dazu genötigt sein werden, ihre Arbeitskräfte in den
Großstädten anzubieten. Indem die Regierung Brasiliens das
benötigte Wasser für eine Subsistenzwirtschaft der lokalen Bevölkerung
verweigert, zwingt sie diese Bevölkerung de facto, sich in den
Arbeitsmarkt zu integrieren und sich somit der Kontrolle des
ökonomischen Apparates zu unterwerfen. Quellen und Literaturhinweise 1) Marcuse, Herbert: Über Revolte, Anarchismus und Einsamkeit. Ein Gespräch. Verlags AG Die Arche, Zürich, 1969 (Original auf Französisch). Das obige Zitat findet sich auf der Titelseite des Büchleins. 2) Die feinfaserige Durchwirkung der Gesellschaft im Zuge der Gleichschaltung nach der Machterlangung der NSDAP 1933 wird eindringlich geschildert in: Fest, Joachim: Ich Nicht. 3) Orwell, George: 1984. Erstausgabe 1949 4) Bradbury, Ray: Fahrenheit 451. Ersterscheinung 1953 5) Marcuse, Herbert: Der Eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Im englischsprachigen Original zuerst 1964 in den USA erschienen 6) Im Online-Spiegel vom 5. April 2009: Zeltstädte in Amerika: Amerikas Alptraum kehrt zurück. Oder: in der Welt Online vom 2. Dez. 2008: Schuldnerberatung. Wie bleibt man schuldenfrei, Herr Zwegat?s 7) Ich glaube, Zweck und Wirkung der Kopfsteuer in Süd-Afrika sind beschrieben in: Lapping Brian: Apartheid. A History. Ersterscheinung 1986 8) Gordimer, Nadine: July's People. Ersterscheinung 1981 9) Phoenix (Fernsehsender): Nur noch Wasser für die Reichen. 14. März 2009, 15.30 10) Spencer, Herbert: The Man Versus The State by Herbert Spencer. Ersterscheinung 1884. Gängelungen des Indivdiuums durch den Staat werden aufgezeigt. Spencer plädiert für eine weitgehende Autarkie von Individuen. Links innerhalb diese Kapitels
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Letzte Änderung: 11. Juli 2010 |