11. Juni 2009

Agroparks

Zur Plausibilität der Metapher des sozialen Organismus II



Gehen wir einer Zeit der kolossalen Organisationen und Kollektivgebilde entgegen oder wird das Verlangen unzähliger Menschen nach kleinen, übersehbaren Verhältnissen erfüllt?


Dietrich Bonhoeffer, 19441)


Zur Zweischneidigkeit großer Organisationen

Die menschliche Gesellschaft bildet immer mehr, immer verzwicktere Organisationen und Strukturen aus. Großunternehmen, internationale Abkommen, Militärbündnisse und Investmentfonds: all diese Einrichtungen stehen für einen Grad von Komplexität, der er uns als Indivdiuen nicht mehr erlaubt, Ursache und Wirkung des Geschehens nachzuvollziehen oder vorherzusagen. Wo solche kollektiven Gebilde bestehen, werden wir als Indivdiuen immer abhängiger von undurchsichtigen Abläufen um uns herum.

Die Undurchsichtigkeit der Abläufe ist die eine Gefahr, dich ich in komplexen, kollektiven Gebilden sehe. Die andere Gefahr großer Organisationen sehe ich ihrer Tendenz hin zur Effizienz. Wo Organisationen in ihrer Ganzheit einen Erfolg erbringen müssen, dort werden sie nach innen Funktionsvorgaben machen, die wir als Individuen in Form von Zwang erleben.

Aus der Sicht des Individuums können große Organisationen oder Strukturen kollektiver Intelligenz den Vorteil der Geborgenheit und vor allem gemeinschaftlicher Macht bieten. Schon in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte haben Gruppen dem Einzelnen Schutz vor Raubtieren und die Erschließung größerer Beutetiere geboten. Heutige Gruppen haben den Nutzen des Kollektivs vor allem auf die gemeinschaftliche Informationsverarbeitung erweitert: Wissenschaftlicher Fortschritt oder die Handhabung ökonomischer Prozesse fußt auf dem intelligenten Zusammenwirken vieler einzelner Köpfe (und Computer). Taucht ein neuer Krankheitserreger auf, so arbeiten Menschen koordiniert auf der ganzen Welt zusammen, um schnell geeignete Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Doch im Gegensatz zur jagenden Horde der Steinzeit ist die globalisierte Informationsarbeit jenseits der Nachvollzieharkeit einzelner Individuen. Wer immer schon einmal versucht einen Text aus einem wissenschaftlichen Journal leicht abseits seines eigenen Fachgebietes zu verstehen, wird spüren, was mit mangelnder Nachvollziehbarkeit gemeint ist.

Es ist diese Undurchsichtigkeit großer Organisation und ihrer komplexen Abläufe, die Unbehagen bereiten. Sie eröffnen dem Missbrauch durch Eingeweihte die Tür. Und auch selbst unter der Annahme, dass alle Menschen besten Willens sind, erlauben sie es nicht mehr, das Glück zuverlässig zu planen. Wer könnte heute schon sagen, ob eine Anhebung der Mehrwertsteuer unter dem Strich zu mehr oder weniger Arbeitslosen führe wird? Und wer kann sagen, ob die Anhebung von Arzthonoraren mehr oder weniger Qualität im Gesundheitswesen bringen würde?


Gesellschaft als Organismus: Organische Theorie

In einem eigenen Kapitel zur Organischen Theorie, also der Idee, dass soziale Gebilde in Analogie zu Lebewesen gedacht werden können, habe ich einen kurzen historischen Abriss des Gedankens bioanaloger Gesellschaftsstrukturen gegeben.

Setzt man im Sinne einer Analogie Individuen und Kollektive zweier getrennter Wirklichkeitsbereiche miteinander in Entsprechung, so lassen sich Beobachtungen aus dem einen Bereich als Hypothese auf den anderen Bereich übertragen. Je nach Perspektive ergeben sich unterschiedliche Verhältnisse von Individuum zu Kollektiv. So kann eine Zele je nach Blickwinkel als Kollektiv von Organellen als auch als Individuum innerhalb des Kollektivs Organismus aufgefasst werden:


Individuum - Kollektiv
Mensch - Firma
Zelle - Organismus
Tier - Horde
Unternehmen - Wirtschaftsraum
Mensch - Gesellschaft
Bakterie - Bakterienkolonie
Zellorganellen - Zelle


Grundlegend für meine Überlegungen ist die Annahme, dass es übertragbare Mechanismen und Strukturen kollektiver Leistungsfähigkeit gibt. Kollektive, die unter Erfolgszwang stehen und sich diesem erfolgreich anpassen können, werden über kurz oder lang ähnliche Eigenschaften aufweisen.2)

Die Idee, dass menschlich geschaffene Strukturen und Gesellschaften unter Erfolgsdruck Eigenschaften lebender Wesen annehmen können, möchte ich dem Begriff der organischen Theorie unterordnen.

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But the sailor, the shepherd, the miner, the merchant, in their several resorts, have each an experience precisely parallel, and leading to the same conclusion: because all organizations are radically alike.

Ralph Waldo Emerson, 1803-1882


Organbildung als Indiz für einen Nutzwert der organischen Theorie

Als praktischer Wert einer Theorie wird gerne eine Prognosekraft gefordert. Wenn man mit einer Theorie etwas vorhersagen kann, dann taugt sie möglicherweise zu etwas.

Betrachten wir den Einfluss eines bestehenden Effizienzdrucks auf die äußere Erscheinung eines Kollektivs, so können wir oft die Ausbildung klarer Organe erkennen, wo vorher bloße Anhäufungen von ununterscheidbaren Bestandteilen zu sehen waren.

Aus den Urozeanen heraus entwickelten sich Pflanzen von losen Zellverbänden zu weit ausdifferenziertenn Gebilden mit unterschiedlichen Blatt- und Gefäßarten, Generationswechsel und Fortpflanzungsorganen. In der Tierwelt lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Die nur schwach differenzierten Quallen und Urwürmer mit wenigen Organen und Zellarten stehen heute hochdifferenzierte Tiere mit mehr Organen und Zelltypen gegenüber.

Wenn wir nun Organismen mit Ökonomien gleichsetzen, dann dürfen wir möglicherweise auch in unseren Volkswirtschaften eine zunehmend erkennbare räumliche Ausdifferenzierung verschiedener Funktionen erwarten. Im Extremfalls sollte der Anblick der Erde aus dem Weltraum großräumige Organe erkennen lassen, etwa städtische Ansiedlungen, die ausschließlich der zentralisierten Informationsverarbeitung dienen, neben großen Landwirtschaftsräumen, die die Städe wiederum mit Energie und Materie versorgen oder auch große, zentralisierte Ausscheidungsorgane, die die Abfälle restverwerten.  In diese Richtung weisen Planungen zur Errichung sogenannter Agroparks.


Agroparks

Der Deutschlandfunk (Radio) brachte am 9. Juni 2009 einen Beitrag mit dem Titel "Agroparks wollen Versorgung sichern. Globale Überbevölkerung stellt Agrarindustrie vor neue Herausforderungen".

Beschrieben werden Pläne niederländischer Wissenschaftler3) zur Errichtung landwirtschaftlicher Produktionseinheiten zur Versorgung urbaner Metropolen.


Onkel Toms Farm
Agro-Farm aus Sicht des Braunschweiger Künstlers Jürgen Kirchhoff


Auf der Insel Chongming in der Yangste-Mündung vor der Großstadt Shanghai soll ein Agropark mit einer Fläche von 24km² entstehen. Es heisst: "In einem Agropark werden landwirtschaftliche Funktionsbereiche aller Art zusammen gezogen. Dazu gehören nicht nur Produktion, Verarbeitung und Handel, sondern auch mittelbar betroffene Branchen wie Forschung und Entwicklung, Ausbildung und schließlich auch der Tourismus, um das Ganze Interessierten zeigen zu können."

Als einen Verweis auf den Effizienzsdruck als Triebfeder der Entwicklung, betrachte ich das folgende Zitat aus dem Beitrag: "Der Trick des Agroparks ist, dass man die pflanzliche Produktion in Gewächshäusern und die Zucht von Fischen, Schweinen, Rindern und Geflügel ganz eng zusammen zieht, womit die Möglichkeit entsteht, die Ströme von Mineralen, Wasser, Gas und Wärme miteinander zu koppeln und so Verluste zu minimieren." Wo Rohstoffe zu einer erfolgsrelevanten Ressource werden, dort müssen Länder früher oder später zu ähnlichen Strukturen wie den Agroparks gelangen.

Weitere solche Greenparks seien geplant bei Venlo (für das Ruhgebiet) sowie der Greenpark India zwischen den Städte Bangalore, Haiderabad und Chennai.

Ich betrachte diese Greenparks einen Schritt hin zu Ausprägung von Organen auf gesellschaftlicher bzw. geographischer Skala und damit auch ein Indiz für die Gültigkeit der Organischen Theorie.


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Literaturhinweise und Fußnoten

1) Bonhoeffer, Dietrich: Gedenken zum Tauftag von D. W. R. In: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Ch. R. Kaiser Verlag München. 1962 (Seite 205)
2) Eine empirisch sehr weitgreifend fundierte Herausarbeitung gemeinsamer Eigenschaften erfolgreicher Gruppen hat der US-Amerikaner Howard Bloom geleistet. Siehe dazu: Global Brain. Die Evolution sozialer Intelligenz. Sowie: Das Luzifer-Prinzip.
3) Genannt wird Madeleine van Mansfeld von der Universität Wageningen.


Links innerhalb des Kapitels "Endomorphose"

2008: Undurchsichtige Logistikabläufe
2007: Organbildung im Bild (Metapher des Urtieres)
2006: Wirtschaftsbionik (Wirtschaft als Organismus)
2005: Organische Theorien: Gesellschaften als Organismus
2003: Posse: Emulierte Konsumenten in China

Links innerhalb der Webstruktur www.seelengrund.de:

1999: Neuro-Unternehmen: Räumliche Ballung von Funktionen
1999: Neuro-Unternehmen: Am Beispiel eines Tagebaureviers
1999: Neuro-Unternehmen: Bio-Architektur der Hauptverwaltung


Letzte Änderung: 11. Juli 2010
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