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3. Juli 2010 Dadaisierung des Alltags
I Sinnfreie Wettervorhersage ~ ~ ~ Karawane
jolifanto bambla o falli bambla großiga m'pfa habla horem egiga goramen higo bloiko russula huju hollaka hollala anlogo bung blago bung blago bung bosso fataka ü üü ü schampa wulla wussa olobo hej tatta gorem eschige zunbada wulubu ssubudu uluwu ssubudu tumba ba-umf kusa gauma ba - umf Hugo Ball, 19171) |
| „Der Dadaismus stellte die gesamte bisherige Kunst in Frage,
indem er ihre Abstraktion und Schönheit [...] zu reinen
Unsinnsansammlungen machte, z. B. in sinnfreien
Lautgedichten.” So heisst
es im Online Lexikon Wikipedia.2) „Sinnfrei” und „Unsinnansammlung”: über solche Worte wird die Kunstrichtung des Dada also charakterisiert. Und mir scheint, diese Charakterisierung trifft auch ganz gut auf immer mehr Bereiche der menschgemachten Alltagskulisse zu. Zerrissene, unausgegorene, bloß nebeneinandergestellte Bedeutungsfragmente fordern hier zur eigenen Interpretation auf und enthalten damit die eigentlich angepriesene Leistung vor. Ich will später, an anderer Stelle, die verbreitete Hinnahme dieses Phänomens als Indiz für unsere schleichende Anpassung an eine Mentalität der kollektiven Intelligenz und der indivudellen Degeneration interpretieren.3) Hier und jetzt geht es mir zunächst bloß um die beispielhafte Andeutung dessen, was ich mit Dadaisierung des Individuums meine. In der heutigen Wettervorhersage des Online-Angebotes des Westdeutschen Rundfunks (WDR) findet sich die folgende Darstellung: Wettervorhersage für Aachen, 3. Juli: Erste Spalte Samstag, letzte Spalte Dienstag Gehe wir einige Unklarheiten einmal durch. In der Tabelle wird für den heutigen Samstaga (erste Spalte) eine Höchsttemperatur von 31°C angegeben. Im Fließtext unterhalb der Tabelle ist dann aber die Rede von Höchstwerten bis zu 34°C. Was gilt denn jetzt? Haben wir es mit örtlichen Schwankungen innerhalb des Stadtgebietes von Aachen zu tun oder mit Vorhersageungenauigkeiten? Wozu werden die mehrdeutigen Angaben gemacht, wenn der Leser keine Möglichkeit hat, sie zuverlässig zutreffend zu deuten? Ebenso schwer deutbar finde ich die Kombination einer Niederschlagswahrscheinlichkeit von 50% mit erwarteten Niederschlägen von 0,0 l/m² pro Tag. Verdampft der Regen auf dem Weg zum Boden? Und was meint überhaupt eine Niederschlagswahrscheinlichkeit von 50%? Heisst es, dass es die Hälfte der Zeit des Tages über regnet, egal wie stark? Heisst es, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von Fift-Fifty mindestens für 5 Minuten Regen fällt, der ganze restliche Tag aber trocken sein darf? Heisst es dass es flächenmäßig in der Hälfte des Vorhersagegebiete zu Niederschlägen von zum Beispiel mindestens 1,85mm kommen wird? Ich fand vor gut 15 Jahren einmal eine Definition zur Niederschlagswahrscheinlichkeit. Die Sache ist also irgendwo klar niedergelegt. Doch ist diese Definition kaum einem normalen Menschen geläufig. Und so ergeben stichprobenartige Befragungen von Mitmenschen auch die ganze oben angedeutete Deutungspalette. Damit aber wird die Angabe doch recht sinnfrei: tumba ba-umf kusa gauma ba - umf. ___________________________________ Literaturhinweise und Fußnoten 1) Hugo Ball lebte von 1886 bis 1927. Er gilt als Mitbegründer der Dada-Bewegung. 2) Wikipedia Artikel „Dadaismus”. Entnommen am 3. Juli 2010. 3) Siehe zur hypnotischen Wirkung einer Zusammenbindung unverträglicher Begriffe vor allem Herbert Marcuses Der Eindimensionale Mensch aus dem Jahr 1964. In Kapitel Vier 'Die Absperrung des Universums der Rede' heisst es etwa bezüglich einer „sauberen Bombe”, „gemütlicher Luftschutzbunker”: „Und gerade der ausgesprochene, schreiende Widerspruch wird zu einem Rede- und Reklamemittel gemacht.” Oder: „Die Wirkung ist wiederum eine magische und hypnotische - die Projektion von Bildern, die eine unwiderstehliche Einheit und Harmonie von Widersprüchen übermitteln.” |
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Zuletzt bearbeitet: 16. Juli 2010 |