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4. Juli 2010 Dadaisierung des Alltags
II Astronomie für Bahnreisende ![]() Kroklokwafzi?
Semememi!
Seiokrontro -- prafriplo: Bifzi, bafzi; hulalemi: quasti basti bo... Lalu lalu lalu lalu la! Christian Morgenstern, 19051) Hier kommt das zweite Beispiel zur Veranschaulichung dessen, was ich mit Dadaisierung des Alltags bzw. menschlicher Individuen meine: wir bekommen als Einzelmenschen immer öfters sinnfreie, bezuglose Fragmente vorgesetzt. Der Alltag wird immer mehr zu einem chaotischen Mosaik isolierter Info-Happen ohne erkennbare Muster. Das mobil-Heftchen der Bahn Die Deutsche Bahn AG legt in Intercity-Zügen ein Unterhaltungs-Magazin mit dem Titel „mobil” aus. Darin finden sich neben Tipps für verschiedene Reisen zum Beispiel auch Artikel über Geigerinnen, die Anforderungen der Logistik im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft in Süd-Afrika, Interviews mit Autoren gängiger Bücher oder ein Interview mit dem ehemaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer über das Project Desertec, also die Gewinnung solarthermischer elektrischer Energie in Nordafrika. Kuriositäten über die Sonne Auf der Seite 106 des Heftes vom Nr. 6, 2010 sieht man eine großformatig abgedruckte, sehr schön Farbdarstellung der Sonne. Fast über eine ganze DIN-A4-Seite strahlt die Sonne in grünen, gelben, orangen und blauen Farbtönen. Im knappen Begleittext wird zunächst auf die Prophezeihung der Maya Indianer verwiesen, derzufolge die Welt am 21. Dezember im Jahr 2010 untergehen werde. Ohne ersichtliches Ziel wird dann übergeleitet, dass die Astronomen für diese Tag vorhersagen, dass die Sonne im Zentrum der Milchstraße stehe. Dies geschehe nur alle 25700 Jahre und hänge mit der Rotation der Erdachse zusammen. Dann wird eine Legende zu der Sonnenaufnahme geliefert. Die unterschiedlichen Farbtöne stünden für verschiedene Gastemperaturen und zwar von 59726 °C bis 999726 °C. Another piece of useless knowledge, wie die Engländer oft so treffend kommentieren. Unklare Sinngebung Was sollen diese aneinandergereihten Informationen? Soll ich mich dank unserer überlegenen westlichen Astronomie den abergläubischen Mayas überlegen fühlen? Soll ich angesichts der Höllentemperaturen auf der Sonne in eine Staunstarre verfallen? Soll mein astronomisches Allgemeinwissen (die Sache mit der Erdachse) aufgefrischt werden? Kaputtne Geometrie? In dem Versuch mich fit für den ständig laufenden Wettbewerb (Job, Globalisierung, Bildung) zu halten, bemühte ich mich letztendlich, die Aussagen zur Sonne zu verstehen. Vielleicht lässt sich die erworbene Schläue irgendwann 'mal gut anbringen. Und jetzt fangen meine Schwierigkeiten an. Das mit den Mayas kann ich einfach schlucken, dass eben die Welt 2010 untergehen soll. Die Sache mit dem Zentrum der Milchstraße und der Erdachse kriege ich aber leider nicht zusammengereimt. Reflexartig versuchte mein Kopf sich ein Bild zu machen: ![]() Was es heißen
könnte, dass die Sonne
im Zentrum der Milchstraße steht Zugegeben, die Milchstraße sieht anders aus und Sonne und Erde sind bestimmt viel zu groß gezeichnet. Aber das Bild, welches ich mir machte, versuchte erst einmal nur zu veranschaulichen, was es heissen könnten, dass die Sonne im Zentraum der Milchstraße steht. Mir fällt nichts besseres ein als dass die Sonne auf der direkten Linie von der Erde zum galaktischen Zentraum steht, also die gedachte Sichtverbindung direkt unterbricht. (So darf man zum Beispiel die astronomische Aussage interpretieren, dass die Sonne im Sternbild des Löwen stehe.) Was aber hat dann die Ausrichtung der Erdachse damit zu tun? Ganz gleich wie die Erdachse ausgerichtet ist, dies kann nichts an der Konstellation von Erde, Sonne und galaktischem Zentrum ändern. Unterliege ich hier einem Denkfehler? Falls ja, wozu druckt man dann in einem Bahnheftchen überhaupt so komplizierte Sachen ab? Unklare Temperaturen Und jetzt zu den Farben. Der Großteil der Sonnenoberfläche war in dem Bild Blau und Grün dargestellt. Diese Farben stünden laut Legende für eine Temperatur von nahezu einer Million Grad Celsius. Was soll das bedeuten? Welche Temperatur von welchem Gas? Die Oberfläche der Sonne ist etwas kühler als 6000 Grad. Erst in den höheren und sehr dünnen Schichten der Korona steigen die Temperaturen auf über eine Million Grad an. Nochmals: was sollen mir der Zahlenzauber sagen? Ich konsumiere Ziffern und weiß nicht wozu. Und immer noch: was hat das mit den Mayas zu tun? Showdown Ganz ohne Lösungsidee stehe ich auch vor dem Rätsel der dem Bild zugeordneten Rubrik. Am äußeren Seitenrand finden sich in dem Heft oft Rubrikenbezeichnungen wie Reise, Bahn, Kultur oder Welt. Die eben beschriebene Seite zur Astronomie der Sonne gehört demnach zur Rubrik Showdown. Hierauf kann ich mir nun gar keinen Reim machen. Keine Böse Macht aber dennoch nicht ungefährlich Ich vermute keine böse Macht hinter solchen dadaistischen Infotainment-Fragmenten. Aber für bedenkenlos halte ich die weite Verbreitung dieser pseudo-klugen Unterhaltung dennoch nicht. Denn möglicherweise gewöhnt sie uns daran, widerspruchslos und unreflektiert zunehmend zusammenhangslose präsentierte Daten kritiklos zu konsumieren. Der Schaden entsteht durch die Absenkung unserer Ansprüche. Wir tolerieren es, im Alltag alles mögliche vorgesetzt zu bekommen und dass man uns einen Sinn und Zweck mitliefert. Wir tolerieren es, dass man uns Zahlen präsentiert ohne zu wissen, wofür sie stehen sollen. Wir gewöhnen uns an den Konsum von Daten im Gegensatz zu aufbereiteten Theorien, Thesen, Perspektiven, Sichten. Wenn wir aber den Drang zur Synthese der Erfahrungen, zum konsistenten Weltbild und letztendlich zur sinnsiftenden Weltanschauung aufgegeben haben, dann kann man uns vielleicht alles präsentieren. Dann fragt bald niemand mehr nach der Verträglichkeit einer konkurrenzbasierten Marktwirtschaft mit den Idealen einer fürsorglichen Gemeinschaft, dannn wundert sich niemand mehr über Inkonsistenz der Energiepolitik, die einerseits das Klima stabilen halten soll und andererseits jede neue entdeckte Öl- und Gasquelle feiert.2) Und es drängt niemand mehr auf den echten Fortschritt, der Altes auch zu überwinden vermag.3) ___________________________________ Literaturhinweise und Fußnoten 1) Die Strophe stammt aus Morgensterns Gedicht „Das große Lalula” aus dem Jahr 1905. Das Gedicht entstand vor der Gründung der Dada-Bewegung. 2) Wer hier mäkelt, dass eine Energiepolitik nicht feiern kann, mein Satz also semantisch falsch, hat noch genau jenen kritischen Reflex, den zu erhalten es gilt. 3) Gute Analysen vieler Widersprüche unserer modernen westlichen Gesellschaften brachte die sogenannte Frankfurter Schule hervor, eine Bewegung von Soziologen um Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Trotz ihres Alters meiner Einschätzung nach noch sehr aktuell sind etwa Marcuses Der Eindimensionale Mensch sowie Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung sowie Adornos Minimia Moralia. |
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Zuletzt bearbeitet: 1. September 2010 |