4. Juli 2010

Dadaisierung des Alltags III

Optik an der Schule



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Kurt Schwitters1)


Kollektive Intelligenz als Hintergrund

Unsere Gesellschaft entwickelt sich hin zu einer techno-sozialen kollektiven Intelligenz. Über lange, generationsübergreifende Zeiträume Dabei droht dem einzelnen Individuum damit eine Rückbildung seiner Autonomie und eine Zurechtstutzung seiner Intelligenz und Interessen. Das Individuum verliert zunehmend an Autarkie und wird funktionsgerecht in übergeordnete Strukturen eingebunden.

Psychologisch gesehen muss die Kollektivierung der Menschen hin zur kollektiven Überintelligenz Spuren in der Psyche des Einzelnen hinterlassen. Das Individuum muss seine Mentalität den neuen Umständen anpassen. Das heisst vor allem: Der individuelle Mensch sollte keine Mühe mehr darauf verwenden, das Ganze - sei es das Unternehmen, der Staat oder gar das Leben - zu verstehen. Entweder weil es ihm ohnehin nicht gelingen würde oder weil intrapersonale oder organisatorisch-technische Prozesse kollektiver Intelligenz dies sehr viel effizienter leisten.


Die Dadaisierung des Alltags als Tendenz

Ich glaube in unserem Alltag einige Tendenzen ausmachen zu können, die ein geschmeidiges, widerstandsloses Hineingleiten des Einzelmenschen in die formenden Strukturen einer Überintelligenz fördern. Darin sehe ich vor allem eine Gefahr. Ein bestimmte Tendenz möchte ich Dadaisierung des Alltags nennen. Als Dadaismus bezeichnet man eine um 1915 in Zürich entstandene Bewegung die unter anderem vordergründige Sinnlosigkeit und den Zufall als Kunstmittel propagierten. Das Publikum bekommt Fragmente, Bruchstücke und offensichtlichen Unsinn vorgesetzt. Eine Zusammenfassung des Ganzen zu einem Sinngebilde, eine Auflösung von Widersprüchen ist gar nicht angestrebt.


Dadaistische Optik

Man gehe ich eine Schulbücherei oder an sonst einen Ort, wo man leicht verschiedene Physikbücher für die Mittelstufe einsehen kann. Man wird dann oft im selben Buch zwei Gesetze dargestellt finden:


Dadaistische Optik
Warum wird der Mittelpunktstrahl nicht gebrochen?


Zunächst heisst es nach dem Brechungsgesetz, dass ein Lichtstrahl (oder ein Lichtteilchen) seine Richtung ändert, wenn er schräg auf eine Grenzfläche zweier durchsichtiger Medien mit unterschiedlicher Lichtgeschwindigkeit trifft. Wie aber passt das zu der gängigen Darstellung eines Strahlenganges an Sammellinsen? Der Mittelpunktstrahl geht vollkommen ungebrochen durch die Linse. Tatsächlich müsste er nach dem Brechungsgesetz zweimal gebrochen werden, nämlich beim Ein- und beim Austritt aus der Linse. Geschähe dies, so würde er aber nach dem Austritt auf der rechten Seite der Linse keinesfalls mehr kollinear mit dem Ursprungsstrahl sein können. Ein Jugendlicher stieß mich zuerst auf diesen Widerspruch. Ich frug anschließend einige Physiklehrer, die mir aber auch nicht weiterhelfen konnten. Selbst die Frage, welches der beiden Gesetze denn den wahren Sachverhalt wiedergebe und welches möglicherweise eine Vereinfachung oder ein Sonderfall sei, konnte nicht beantwortet werden.

Das Befremdliche ist, dass der Widerspruch über lange Zeiten tradiert werden kann, ohne dass es überhaupt auffällt. Tatsächlich aber ist der Widerspruch offensichtlich, denn er fiel ja einem 15-jährigen direkt auf. Die Anreicherung unsere Lebenswelt mit leicht erkennbaren aber de facto unerkannten oder zumindest unaufgelösten Widersprüchen bezeichne ich als Dadaisierung des Alltags.


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Literaturhinweise und Fußnoten

1) Mit diesen Lauten beginnt Kurt Schwitters Ursonate, die er in verschiedenen Varianten zwischen den Jahren 1923 bis 1932 entwickelte. Schwitters gilt als ein Vertreter des Dadaismus.


Links innerhalb von www.seelengrund.de

2010: Dadaisierung II: Bahnkunden
2010: Dadaisierung I: Wettervorhersage
2010: Verzwergung (der Parlamentarier)
2009: Singularität & Soziointegrative Degeneration
2008: Soziointegrative Degeneration & Logistikkonzepte
2008: Gestaltungsmüdigkeit
2006: Evolution als Ideologie
2005: Das Individuum in der kollektiven Intelligenz
2003: Autonome Agenten als Lebenshülle
2002: Pisa-Schock: Ein Versuch à la Big Brother


Zuletzt bearbeitet: 11. Juli 2010
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