Marktwirtschaft als genetischer Algorithmus


G. Heim, Aachen
Begonnen 1998



Alle Lebewesen – Pflanzen, Tiere und Menschen – führen Eigenbewegungen durch und erbringen besondere Leistungen. Ihre Lebensdauer ist begrenzt. Aber da ihnen die Fähigkeit der Fortpflanzung innewohnt, setzt sich die Lebensentfaltung insgesamt fort.

Hans Hass
Energon. Das verborgene Gemeinsame. Wien, 1970




Themensprung: lebende Unternehmen als nächster Evolutionsschritt?

Symbiose von Geld und Genetik



Als Charles Darwin im letzten Jahrhundert seine Theorie der Evolution  ausarbeitete, hatte er sich angeblich stark von wirtschaftlichen Theorien und Betrachtungen inspirieren lassen, die er dann auf sein Modell der biologischen Evolution übertrug. Warum soll nicht auch der umgekehrte Weg denkbar sein: der Rücktransfer der an biologischen Systemen beschriebenen Erkenntnisse auf das Wirtschaftsgeschehen?

In der biologischen Evolution konkurrieren viele Individuen in einem Kampf aller gegen jeden um begrenzte Ressourcen. Dabei bedienen sich manche Lebewesen in ihrem lebenstechnischen Tagesgeschäft vielerlei Sinnesapparaturen und Intelligenzleistungen. Aber über viele Generationen hinweg, über die Jahrmillionen, sorgen die von Darwin und seinen Nachfolgern beschriebenen Mechanismen der Evolution und Genetik für die Optimierung der Lebensformen.

Ein Einzelindividuum, wie etwa ein Tiger, verfügt über keinerlei Intelligenzhilfen um die optimale Färbung seines Felles, den richtigen Säuregrad seiner Magenflüssigkeit, den besten Baustoff seiner Zähne und ähnliches selbst zu ergründen. Dies bewerkstelligen die Mechanismen der Evolution in einem kontinuierlichen "Online-Benchmarking".

Werden sich zukünftig Unternehmen bei Erfolg nicht nur vergrössern, sondern zunehmend ihre Merkmale verbreiten? Liessen sich dann solche Unternehmensmerkmale die man nur schwer mit den gewünschten Unternehmenszielen kausal verknüpfen kann sozusagen als Gene kodieren und über statistisch wirksame Populationen von Einzelindividuen indirekt bewerten - nämlich durch Selektion? Wird die Börse oder werden Investmentfonds Mechanismen genetischer Optimierung von Unternehmenspopulationen erzwingen? Solche Fragen werden auf diesen Seiten angedacht.

Sollte eine solche Entwicklung tatsächlich stattfinden, ist sie aus meiner Sicht ethisch bedenklich. Genetische Algorithmen stellen eine Art kollektiver Intelligenz dar, deren Leistungen das Fassungsvermögen der Individuen übersteigen. Im konkreten Falle genetischer Algorithmen werden über viele Generationsfolgen hinweg erfolgsrelevante Faktoren aus einer Population herausgefiltert. Je erfolgreicher der Algorithmus, desto orientierungsloser das Individuum. Eine Genetisierung der Wirtschaft stellt für mich einen Aspekt der Entstehung einer technologischen Singularität dar.

Ich möchte in diesem Kapitel für die Plausibilität einer Entwicklung unserer Marktwirtschaften hin zu unkontrollierbaren Evolutionsmechanismen argumentieren und damit gleichzeitig vor dieser Tendenz warnen.

Soll das menschliche Individuum wissender Gestalter bleiben, über sein Schicksal selbst bestimmen können, so sind Wege zurück zu einer planbaren, nicht evolutiv geprägten Wirtschafts- und Sozialform dringend notwendig.

Letzte Änderung: 4. August 2009
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