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Physik und Freier Wille
Der Begriff des Jenseits ...
wir
sind wohl alle mit Newton darin einig, daß die eigentliche
Grundlage der Wissenschaft in der Überzeugung besteht, daß
die Natur unter denselben Bedingungen immer dieselben
Gesetzmäßigkeiten aufweist.
Niels Bohr, 1932 1) Jenseits als sinnvereißendes Wort Verschiedene Religionen und Philosophien kennen die Abtrennung eines von unserer Alltagserfahrung verschiedenen Seinsbereiches. Nach den meisten Schilderungen haben normale Menschen keinen beliebigen Zugang zu dieser anderen Welt. Die anderen Welten existieren in der Religion und Mythologie etwa als Reich der Toten, der Geister oder als Ort der Götter. Häufig kennzeichnend für diese anderen Welten und die aus ihnen stammenden Wesen ist die Durchbrechung der in unserer Welt üblichen Gesetzmäßigkeiten. Die Überschreitung diesseitiger Naturgesetze bürgt als Wunder für den Einbruch etwas Jenseitigen in unsere Welt. In der griechischen Mythologie könnten die Götter das Wetter beeinflussen und die Wünsche der Menschen steuern. Jesus soll kranke auf wundersame Weise geheilt und über Wasser gelaufen sein. Schamanen und Zaubermänner können mit Toten und mit Geistern kommunizieren und teilweise Erkenntnisse über die Zukunft erlangen. Der Ausgangspunkt meines Interesses an der Physik war die in der Jugend empfundene Unzufriedenheit mit einem Weltbild, in dem alles nach strikten Naturgesetzen ablaufen soll, einer gleichsam mechanischen und toten Welt. Die ins Jenseits ausgelagerten, in anderen Welten angesiedelten Seinsbereiche der Mythen und Religionen hingegen verheißen oftmals Sinnstiftung außerhalb unseres diesseitig erfahrbaren Alltags. Der Spannungsbereich zwischen physikalistischer Sinnfreiheit und schwärmerischen Sinngehalten wird für mein Empfinden gut durch die Worte Diesseits und Jenseits wiedergegeben. Das Ziel meiner Betrachtunggen auf dieser Seite ist es, die suggestiven Begriffe des Diesseits und Jenseits mit klaren Attributen auszustatten, um sie in einer Diskussion über die Freiheit des Willens verwenden zu können. Welt als Betrachtungsgegenstand Als Welt betrachte ich eine festgelegte Menge von beobachtbaren oder zuverlässig konstruierbaren Größen.2) Einige Beispiele sollen diesen Weltbegriff verdeutlichen. Ein bestimmtes Haus in einer Stadt sei eine Welt. Die Wände des Hauses seien die räumlichen Grenzen der Welt. Als zeitliche Grenzen kann man den Beginn und das Ende eines bestimmten Jahres nennen. Die Geschichten und Veränderungen, die in dem Haus ablaufen, machen den Ablauf dieser Welt aus. Beobachtbare Größen in dieser Welt können die Orte der in ihr befindlichen Personen, deren Worte, die Farbe von Einrichtungsgegenständen und so weiter sein. Ein luftdichter Glaswürfel mit der darin befindlichen Luft sei eine andere Welt. Die Bewegung der Luftteilchen und möglicherweise auch chemische Veränderungen bestimmen den Ablauf dieser Welt. Beobachtbare Größen in dieser Welt können etwa die makroskopischen Zustände des Gases wie Temperatur und Druck oder auch mikroskopische Zustände wie die momentane Lage und Geschwindigkeit von Molekülen sein. Die Bilder auf der Oberfläche eines Bildschirms zwischen Anfang und Ende eines Spielfilms seien das dritte Beispiel einer Welt. Beobachtbare Größen sind hier die Zustände der Pixel des Bildschirms. Im Wesentlichen möchte ich darauf hinaus, unter dem Begriff Welt eine beliebige Teilmenge der von uns angenommenen gesamten Welt zu verstehen. Die beobachtbaren Größen in den drei Welten oben können sich verändern. In der Diskussion um einen Freien Willen ist die Art der Regeln - der Naturgesetze - dieser Veränderungen von Bedeutung. Zur Veranschaulichung der weiteren Betrachtungen möchte ich eine einfache Welt konstruieren. Sie besteht nur aus vier Ziffern, die hintereinander aufgeschrieben sind. Die Ziffern können sich nach bestimmten "Naturgesetzen" verändern. Unsere kleine Welt beginne stets mit der Ziffernfolge 3946. Kausal abgeschlossene, diesseitig determinierte Welt Das Gesetz der Veränderung dieser Vier-Ziffern-Welt sei einfach: Jede Ziffer wird um eins erhöht. Aus einer 9 wird eine 0. Die Abfolge in der Welt sieht dann so aus: 3946 => 4057 => 5168 => 6279 => 7380 => 8491 und so weiter. Die Ursache einer neuen Ziffer findet sich stets in einem früheren Zustand dieser Welt, nämlich im vorherigen. Es spielen keine Einflüsse von außerhalb in den Ablauf dieser Welt hinein, sie ist deshalb kausal3) geschlossen. Der Ablauf dieser Welt ist mit der Festlegung eines Startzustandes für beliebig viele Folgezustände genau vorhersagbar. Die Welt ist somit ganz aus sich selbst determiniert. Kausal offene Welt mit Einfluss aus einem Jenseits Wieder bestehe unsere Welt ausschließlich aus den vier Ziffern, wie oben. Die Regel der Veränderung lautet: Die ersten drei Ziffern werden wie oben verändert, also stets um eins erhöht, wobei aus der 9 eine 0 wird. Die vierte Ziffer werde jedoch gemäß der Augenzahl eines außerhalb der Welt geworfene Würfel festgelegt. 3941 => 4054 => 5163 => 6273 => 7386 => 8495 und so weiter. Da das Würfeln der vierten, unterstrichenen Ziffer außerhalb der Welt passiert, liegt eine Ursache für die Veränderungen in der Welt eben außerhalb ihrer selbst. Diese Welt ist kausal offen. Manche Zustandsänderungen in ihr, nämlich die der ersten drei Ziffern, sind kausal abgeschlossen zu beschreiben. Die Veränderung der vierten Ziffer aber verweist auf ein Geschehen außerhalb, auf ein Jenseits der Welt. Die Frage, ob die Abläufe im Diesseits der Welt determiniert sind, nötigt zu einer Betrachtung des Jenseits der Welt. Ist das Jenseits strikt determiniert, so folgt daraus zwingend, dass auch das Diesseits determiniert ist. Der Nachweis kann aber nur durch eine Untersuchung des Jenseits erfolgen. In unserem Beispiel wäre zu klären, ob das Würfeln jenseits der Vier-Ziffern-Welt nach strikt deterministischen Gesetzen verläuft oder nicht. Kausalität als sichere Abfolge genau definierter Zustände Ein Bestreben der Wissenschaften ist es, Zustände in der Welt aufzufinden, die in zuverlässiger Weise aufeinanderfolgen. Zwischen diesen Zuständen kann dann ein Naturgesetz formuliert werden. Man sagt manchmal, dass der zeitlich vorangehende Zustand den darauffolgenden Zustand ursächlich bewirkt.Schopenhauer) Die Ursache geht der Wirkung zeitlich voraus. Ein Beispiel sollen veranschaulichen, was ich damit meine. Die Welt bestehe nun aus einer physikalischen Versuchsanordnung und einem Experimentator: Eine Metallkugel wird von einer Zange in etwa 2,5m Höhe über einem Lichtschalter gehalten. Legt der Experimentator einen Hebel um, öffnet sich die Zange und die Kugel beginnt nach unten zu fallen. Sie fällt bis sie den Lichtschalter erreicht. Dadurch geht das Licht an. Es stellt sich heraus, dass die Falldauer der Kugel bei wiederholten Versuchsdurchläufen stets genau eine halbe Sekunde beträgt. Der erste Zustand kann wie folgt beschrieben werden: Kugel in Zange, Hebel gerade umgelegt, elektrischer Schalter in bekannter Entferung darunter mit Glühbirne verbunden. Der zweite Zustand wäre wie folgt zu beschreiben: Die Glühbirne in der Versuchsanordnung beginnt zu leuchten. Man könnte nun folgendes Naturgesetz formulieren: Tritt Zustand 1 ein, so folgt stets nach einer halben Sekunde Dauer der Zustand 2.Hume) Worauf ich hinaus will, ist aber die umgekehrte Denkrichtung, nämlich die instinkthafte Rekonstruktion eines möglichen Zustandes 1 bei gegebenen Zustand 2. Betrachten wir die kleine Laborwelt mit der Fallkugel, dem Experimentator und der Glühbirne von außen und beobachten wir plötzlich, dass das Licht angeht, so konstruiert uns kausal veranlagtes Denken sofort einen plausiblen Vorgängerzustand. Wir wissen sofort, dass der Experimentator den Schalter umgelegt hat. Sehen wir aber, wie der Experimentator den Hebel zwar wie gewohnt umlegt, aber kurz darauf die Glühbirne dennoch nicht angeht, so ist unser erster, an der Erfahrung geschulter Denkreflex, dass der Zustand 1 nicht genau so wie gefordert gegeben war. Möglicherweise fehlte die Kugel in der Zange oder es fehlte gar die Glühbirne. Unser Denken wird es dann zufriedengestellt sein, wenn wir die Abweichung vom Zustand 1 gefunden haben, die das Angehen der plausibel Birne vereitelte. Ähnlich unbefriedigt wäre unser Denken, wenn die Glühbirne plötzlich ohne ein vorheriges Umlegen des Hebels erleuchte. Auch hier würden wir sofort nach Abweichungen vom Zustand 1 forschen. Die Annahme wäre, dass es auch andere vorherige Zustände außer dem Zustand 1 geben könnte, die ein Angehen der bewirken. So könnte zum Beispiel der Experimentator die Birne direkt an eine Steckdose angeschlossen haben. Da wir aus der Erfahrung wissen, dass dies zum Aufleuchten der Birne führen kann, ist unser Bedürfnis nach einem plausiblen Vorgängerzustand der Welt befriedigt. Ist aber Zustand 1 ganz sicher in jedem Detail gegeben, dann muss sicher Zustand 2 darauf folgen. Das glaube ich, ist, was Niels Bohr mit dem obigen Zitat meint: ... wir sind wohl alle mit Newton darin einig, daß die eigentliche Grundlage der Wissenschaft in der Überzeugung besteht, daß die Natur unter denselben Bedingungen immer dieselben Gesetzmäßigkeiten aufweist. Das erkenntnistheoretische Jenseits Stellen wir uns wieder die Welt des Labors vor, in dem ein Experimentator einen Hebel umlegen kann, was den Fall eines Balles auslöst, der wiederum auf einen Schalter trifft, wodurch eine Glühbirne angeht. Jetzt trete aber der Fall auf, dass der Zustand 1 nur manchmal vom Zustand 2 gefolgt sei. Der Zustand 1 war das Umlegen eines Hebels, was den Fall des Balles auslöst. Und Zustand 2 war das Aufleuchten der Lampe. Führt das Umlegen des Hebels nur manchmal zum Aufleuchte der Birne, so wird unser Denken nach Unterschieden im Zustand 1 suchen. Vielleicht gibt es einen Wackelkontakt in einer Leitung. In Wirklichkeit gäbe es dann zwei zu unterscheidende Zustände 1. Im Zustand 1a wäre der Wackelkontakt so, dass kein Strom fließen kann, im Zustand 1b wohl. Könnten wir solche Unterschiede finden, wärend unser Kausalbedürfnis wieder befriedigt. Was aber, wenn man trotz genauester Untersuchung aller beobachtbaren Details in der Welt keinerlei Unterschiede feststellen kann? Hierauf kann man zum einen antworten, dass man dann weiter nach den Unterschieden suchen muss. Bisher war man eben noch nicht erfolgreich. Zum zweiten kann man aber auch vermuten, dass der Zustand 1 in der Welt des Labors - dem Diesseits in unserer Betrachtung - die Sache nicht vollständig beschreibt, sondern erweitert werden muss um jenseitige Zustände außerhalb des Labors. Es wäre denkbar, dass die außerhalb des Labors, und damit außerhalb der als Diesseits definierten Welt, die Stromversorgung hin und wieder unterbrochen ist. Wäre es uns unmöglich, dies in Erfahrung zu bringen, ja wären wir in unseren Beobachtungen ganz auf die Geschehnisse der Welt beschränkt, so könnten wir bloß vermuten, dass Zustand 1 der Welt zur vollständigen Beschreibung erweitert werden müsste um uns verborgene Zustände im Jenseits außerhalb des Labors. Das so verwendete Jenseits möchte ich als erkenntnistheoretisches Jenseits beschreiben. Wir können das erkenntnistheoretische Jenseits stets dann bemühen, wenn ein in unserer diesseitigen Erfahrungswelt bewährtes Gesetz der Abfolge von Zuständen verletzt wird und wir keinerlei in unserem Erfahrungsschatz plausiblen Erklärungen finden können. Philosophische Relevanz des erkenntnistheoretischen Jenseits Wie eingangs formuliert, hängt ein Sinn des Lebens eng mit einer Beeinflussbarkeit des Weltgeschehens zusammen. Eine Welt aber, die in ihrer Abfolge erfolgreich vollständig durch Gesetze beschrieben werden kann, eine kausal abgeschlossene und diesseitig vollständig determinierte Welt, wäre nicht mehr als ein Film, der vor den Augen unseres Bewusstseines abliefe. Gelänge es der Wissenschaft, die Welt vollständig bis in jedes Detail vorherzusagen, so wäre die Hoffnung auf ihre Gestaltbarkeit durch uns, durch einen von Naturgesetzen freien Willen vernichtet. Ich möchte diesen Gedanken mit zwei Zitaten abschließen. Religions
die when they are proved to be true.
Science is the record of dead religions. Oscar Wilde, 1897 ![]() Eine
Religion, die durch und durch wissenschaftlich erkannt werden soll, ist
am Ende dieses Weges zugleich vernichtet.
__________________________ Literaturhinweise und Fußnoten 1) Bohr, Niels: Atomphysik und menschliche Erkenntnis I. Friedrich Vieweg & Sohn, Braunschweig 1958. Das Buch beinhaltet Vorträge der Jahre 1932 bis 1956. Ausleihbar über die Hochschulbibliothek der RWTH Aachen. Das Zitat stammt aus dem 1932 gehaltenen Vortrag "Licht und Leben". 2) Mach, Ernst: Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen. Erstausgabe 1896. In diesem auf spätere Physiker sehr einflußreichen Buch legt Mach seine Gründe für seine Zweifel an der Existenz einer materiell eigenständigen Welt, sprich Materie, dar. Mach bevorzugt es, statt von einer realen Außenwelt stets nur von zweifelsfrei gegebenen Sinneseindrücken zu reden und zwischen diesen Gesetzmäßigkeiten in der Abfolge aufzuspüren. Da ich Machs Vorbehalte gegenüber dem Materiebegriff teile, möchte ich mich selbst auch sehr vorsichtig diesbezüglich äußern. 3) Ich verwende hier einen Kausalitätsbegriff, der lediglich an die eindeutige, gesetzesmäßige Kopplung eines Zustandes an einen anderen Zustand gebunden ist. Durch welchen Wirkmechanismus diese Kopplung herbeigeführt wird, ist für diesen Kausalitätsbegriff ohne Bedeutung. Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung entwickelte im Kontext seines Sychnronizitätsbegriffs eine Vorstellung von Kausalität, die einen physikalisch plausiblen Übertragsmechanismus von Wirkung voraussetzt. Wo die Physik dies nicht liefert, kann folglich auch keine Kausalität gelten. Gemeinsam mit dem Physiker Wolfgang Pauli entwickelte Jung sein Konzept der Synchronizität, in dem physikalische Zustände eng mit sinnstiftenden Bedeutungszusammenhängen verwoben sind: C.G. Jung und Wolfgang Pauli: Naturerklärung und Psyche. Rascher Verlag, Zürich, 1952 Links innerhalb der Webseite www.seelengrund.de 2010: Diesseitiges und jenseitiges Denken nach Mattiesen ![]() 2009: Die philosophische Relevanz des Materiebegriffs ![]() 2001: Platon zur Wirkung der Seele ![]() 2001: Albert Einstein zum Freien Willen ![]() 1997: John Eccles über den Freien Willen ![]() 1994: Karl Popper und John Eccles über den Freien Willen ![]() Letzte Änderung: 19. Juni 2009 Diese Seite im Archiv (1999) Eine Ebene höher Oberste Ebene |