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Physik und Freier Wille
Charakterisierung des Freien Willens I
realised with awful force that no exercise of my own feeble wit and
strength could save me from my enemies, and that without the assistance
of that High Power which interferes in the eternal sequence of causes
and effects more often than we are always prone to admit, I could never
succeed.
Winston Churchill, 1930 1) Vorgedanke Winston Churchill bescheibt in seinen Erinnerungen an seine frühen Lebensjahre lebhaft die abenteuerlichen Umstände, unter denen er während der Burenkriege aus einem Gefangenenlager in Pretoria ins damals portugiesische Lourenço Marques (heute Maputo) floh. Churchills Erzählung nach hätte das Unterfangen an verschiedenen Kleinigkeiten immer wieder scheitern können. Nur das günstige Zusammenwirken vieler Nebensächlichkeiten ließ die große Sache glücken. In dem Zitat oben beschwört Churchill das Eingreifen einer göttlichen Macht, die die ewige Abfolge der Kausalität, das ständige Wechselspiel zwischen Ursache und Wirkung, zu durchbrechen vermag: that High Power which interferes in the eternal sequence of causes and effects. Das Durchbrechen der Kausalität im Ablauf der Welt spielt für die Diskussion eines Freien Willens eine bedeutende Rolle. Viele anerkannte Naturwissenschaftler haben sich ausdrücklich mit der Verknüpfung dieser beiden Themen auseinandergesetzt. Ich möchte hier eine modellhafte Vorstellung eines Freien Willens im Bezug auf eine klar festgelegte Welt entwicklen. Auf einer anderen Seite innerhalb dieser Webpräsenz habe ich beschrieben, was ich unter einer Welt verstehe. Der Wille und die Welt im Modell Einen Willen stelle ich mir als eigenes Wesen vor. Vor meinem geistigen Auge entsteht oft ein gnomhaftes Geschöpf oder eine vorsichtig anthropomorphe Wolke zur Verkörperung der abstrakten Idee eines Willens. Der Wille kann nicht identisch sein mit einem körperlichen Wesen. Der Wille ist vielmehr eine Eigenschaft eines Wesens. Als Wille verstehe ich den erlebten Wunsch zur Herbeiführung eines bestimmten Zustandes. Der Wille ist für mich also zunächst eine Erlebnisqualität, die an ein empfindsames Subjekt gebunden ist. Bezüglich seiner Freiheit will ich den Willen immer nur im Hinblick auf eine klar benannte Welt diskutieren. Der Begriff der Freiheit muss nun zweigeteilt werden. Man kann die Freiheit des Willens in seiner Entstehung und die Freiheit des Willens in seiner Wirkung unterscheiden. Beide Freiheiten können einzeln für sich betrachtet zu unterschiedlichen Ergebnissen und Sinnhaftigkeiten führen. Der Einwand der Biologie: Wille als Funktion der Welt Stellen wir uns eine Vierziffernwelt vor, der wir ein Wesen beistellen, dessen Willensfreiheit wir untersuchen wollen. Wenn das Ziel des Willens stets eindeutig einem Zustand der Vierziffernwelt zugeordnet werden kann, dann schließe ich, dass er eine Funktion der Weltzustände ist, von ihnen also determiniert ist. Er wäre somit nicht frei. Im folgenden Beispiel ist der Wille immer so, dass die Summe der ersten und letzten Ziffer in der Welt 9 ergibt:
Die Entstehung des Willens lässt sich also eindeutig aus der Kenntnis der Vierziffernwelt ableiten. Ist die erste Ziffer eine Vier, wünscht sich der Wille die fehlende Differenz zur Neun, also die Fünf. Somit wäre der Wille in seiner Ausprägung festgelegt und nicht frei. Wille wäre bloß eine eindeutige Funktion des momentanen Weltzustandes. In die Richtung eines vom Weltablauf ganz abhängigen Willens zielen insbesondere mit Erkenntnissen der Biologie gestützte Argumente. Den Prototypen dieser Argumentationsweise findet man bereits bei La Mettrie2): "Erkenntnisse über das Wesen des Menschen kann man [...] nur a posteriori gewinnen, d.h. indem man den Zugang zru Seele gleichsam über die Organe des Körpers sucht." Als Beispiel aus dem Alltag führt La Mattrie ein Zitat von Pope an: "Man betrachte einmal ein und denselben Menschen, wenn er gesund und wenn er krank ist; wenn er einen guten Posten hat und wenn er ihn gerade verloren hat; und man wird sehen, wie er das Leben liebt und haßt."3) La Mettrie macht Zustände
in der Welt aus und leitet aus diesen
die entsprechenden Seelenregungen - einschließlich des Willens -
der Menschen her. Im Prinzip ist dies auch die Argumentation, derer
sich am aktuellen Diskurs um die Willensfreiheit der Erkenntnisse aus
der Hirnforschung bedient wird. Im Zuge bildgebender Verfahren zur
Analyse von materiellen Gehirnprozessen wird in Veröffentlichungen
immer wieder von neu gefunden Korrelationen zwischen mentalen und
materiellen Zuständen berichtet. Der Tenor ist dann oft, dass
diese oder jene Willensregung bloß eine Folge bestimmter
neuronaler Erregungsmuster sei.4)Die Animation links soll karikaturhaft die Idee
veranschaulichen, dass mentale Zustände bloße Produkte
materieller Gehirnzustände sind.
Einen Ansatz zur Erklärung der beobachteten Korrelationen von materiellen und mentalen Gehirnzuständen liefert die Soziobiologie.5) Man geht davon aus, dass der Mensch Ergebnis eines biologischen Evolutionsprozesses ist und letztendlich alle tierischen und menschlichen Merkmale darauf hinauslaufen, dass sie nur deshalb entstanden sind, weil sie unseren Vorfahren einen Vorteil in der Evolution verschafften. Für die Freiheit des Willens ist der gewagte Umkehrschluss wichtig: Da Evolution in der materiellen Welt stattfindet, können nur solche mentalen Zustände entstehen, die einen evolutionären Vorteil bieten. Damit aber sind sie - mehr oder minder - determiniert durch die Evolutionsgeschichte. Ich möchte den biologischen Einwände gegegenüber dem frei entstehenden Willen an dieser Stelle nur beschreiben und nicht kritisieren. Dies soll andernorts geschehen. Der Einwand der Physik: Der Wille als wirkungsloser Geist Lässt sich die freie Entstehung des Willens mit biologisch fundierten Argumenten anzweifeln, so lieferte die klassische Physik Zweifel an einer Wirkmächtigkeit eines Willens. Als klassische Physik verstehe ich hier jenes Gedankengebäude welches bis zum Formulierung einer geschlossenen Quantenphysik in den 1920er Jahren galt. Das Programm der klassischen Physik sah eine vollständige Beschreibung der Welt mit Hilfe mathematischer Gesetzmäßigkeiten vor. Die reale Wirklichkeit sollte dabei als eine Ansammlung von Materiepunkten und Feldern modelliert werden. Das Ideal der klassischen Physik war es, die Veränderungen der gesamten Welt auf die rein naturgesetzlich beschreibbaren Veränderungen der Materie zurückzuführen. Eine Welt, in der alle Veränderungen vollständig bis in jedes Detail durch Naturgesetze beschrieben werden können wäre determiniert. Ein von Naturgesetzen freier Wille hätte in einer solchen Welt per Definition keine Einflussmöglichkeit. Die Animation unten zeigt links eine vollständig durch Naturgesetze determinierte Welt. Die Welt besteht aus dem schwarzen Schirm und der gelben Kugel. Die Kugel bewegt sich immer gerade. An einer Wand prallt sie nach der Regel Einfallswinkel=Ausfallswinkel ab. Rechts greift ein Wille ein. Seine Freiheit besteht darin, dass er die naturgesetzlichen Abläufe durchbrechen kann: Die Existenz eines in der Wirkung freien Willens ließe sich also an einer Mißachtung von Naturgesetzen erkennen: Das Wunder als Beleg einer jenseitigen Herkunft des Geschehens. Anders gesagt: Ein Freier Wille kann nur dort wirken, wo die Naturgesetze nicht alles abschließend regeln. Abweisung der beiden Zweifel am Freien Willen Der biologische motivierte Zweifel am Freien Willen will in ihm bloß ein Abbild gesetzmäßiger Abläufe sehen, nicht mehr als ein Begleitphänomen. Zwei prototypische Argumente sind: Dieser messbare Körper/Hirnzustand bringt immer eindeutig diesen mentalen Willenszustand hervor: Wenn der Blutzuckerspiegel unte einen bestimmten Wert fällt, dann empfindet man Hunger, also den Willen etwas zu essen. Und, in einer zweiten Variante: Man kann bestimmte mentale Zustände immer einem bestimmten Gehirnzustand, einem neuronalen Erregungsmuster zuordnen: Wenn jemand Haß empfindet, dann ist immer dieser Hirnbereich aktiv. Um den Beweis zu erbringen, dass mentale Zustände und damit auch der empfundene Wille eindeutig von Zuständen der Materie abhängig sind, müsste eine eindeutige Abbildung materieller Zustände auf mentalen Zuständen empirisch belegt werden. Davon sind wir aber weit entfernt. Neurowissenschaftler können zwar statistische Korrelationen zwischen bestimmten Erlebnisqualitäten und materiellen Zuständen eines Gehirns herstellen. Es existiert aber nirgends eine vollständige Liste aller möglichen Erlebnisqualitäten und Willen einerseits, die eindeutig auf eine Menge aller materiellen Zustände der Welt abgebildet werden kann. Solange diese eindeutige Zuordnung nicht existiert, der frei entstehende Wille nicht widerlegt. Der in seiner Wirkung freie Wille ist ebenfalls nicht widerlegt. Die Ohnmacht des Willens wäre erst dann vollständig bewiesen, wenn der Ablauf der Welt als vollständig deterministisch bewiesen wäre. Ein radikaler Determinismus mag als Forschungsideal existieren, aber bewiesen ist er weder empirisch noch logisch. Somit ist die Freiheit des Willens auch bezüglich der Wirksamkeit eine weiterhin offene Möglichkeit. Das Desiderat: die offensichtliche Gesetzmäßigkeit der Welt Zwar gibt es noch keinen endgültigen Beweis, dass die Welt vollständig durch Naturgesetze determiniert ist und es gibt auch noch keinen Beweis, dass unsere Bewusstseinsinhalte bloß eindeutige Funktionen des Weltzustandes sind. Aber dennoch entdecken wir rund um und in uns überall Gesetzmäßigkeiten. Körper bewegen sich zuverlässig nach den newtonschen Gesetzen und unsere Psyche hängt doch in erheblichen Maße vom chemisch-physikalische Zustand des Gehirns ab. Ein Mindestmaß an Gesetzmäßigkeit in der Welt lässt sich nicht leugnen. Hier tut sich eine Lücke auf: Der Bereich zwischen offensichtlicher Gesetzmäßigkeit und noch nicht widerlegter Freiheit ist, in dem das sinnhafte unserer Welt zu suchen ist. Auf den Punkt gebracht: Was könnte der Sinn einer Welt, in der vieles, aber eben nicht alles, nach strikten Naturgesetzen geregelt ist? Das ist die zentrale Frage, mit der ich mich hier auseinandersetzen will. ___________________ Literaturhinweise 1) Churchill, Winston: My Early Life. Ersterscheinung 1930. Das Zitat stammt aus der Erzählung von Churchills Flucht aus der Kriegsgefangenschaft während eines Burenkrieges im Jahr 1899. 2) La Mettrie, Julien Offray de: Der Mensch als Maschine. Das Buch erschien 1748 unter dem französischen Titel L'homme machine. La Mettrie wurde wegen seiner konsequent materialistischen Ansichten von den meisten seiner Zeitgenossen verschmäht. Er fand Zuflucht bei König Friedrich II von Preußen. 3) Pope, Alexander: Moral Essays. Epistle I. (1733) 4) Im Diskurs über den Freien Willen spielt das sogenannte Libet-Experiment eine herausragende Rolle. Libet hatte gezeigt, dass man messbare Zellaktivitäten im Gehirn feststellen kann, die eindeutig einer gefühlten Willensentscheidung von Probanden vorausgingen. Libet, Benjamin et al.: Time of conscious intention to act in relation to onset of cerebral activity (readiness-potential). The unconscious initiation of a freely voluntary act. In: Brain, 106:623-642. 1983 5) Ein Standardwerk der Soziobiologie ist: Wilson, Edward O.: Sociobiology. 1975 Links innerhalb der Webseite www.seelengrund.de 2009: Die philosophische Relevanz des Materiebegriffs ![]() 2001: Platon über den Ursprung der Bewegung ![]() 2001: Albert Einstein zum Freien Willen ![]() 1997: John Eccles über den Freien Willen ![]() 1994: Karl Popper und John Eccles über den Freien Willen
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