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Nicht
kritisieren!
Zur
Idee
des
Brainstorming
Im Geschäftsleben, zumal wo viel gemanagt und
kreativ gearbeitet werden soll, findet manchmal die Methode des
Brainstorming2) Anwendung. Das Wesen dieser
Methode ist es, dass alle Ideen zunächst kritiklos und unkommentiert
gesammelt werden. Erst nach Abschluss dieser Phase erfolgt die Sichtung
und Analyse.
Ich möchte die Methode des Brainstorming gerne auf das Ersinnen der
letzten Utopie, des endgültig erstrebenswerten Zustandes der Welt,
anwenden. Denn stets wird das utopische Denken durch das reflexartige
Hinzutreten unüberwindbarer Hürden behindert. Ja, ja träume nur, aber
so sind die Menschen nicht. So heisst es oft. Noch arger als die Mängel
in der Natur von uns Menschen sind die logischen Unmöglichkeiten, die
sich beim Versuch der Erschaffung einer Utopie ergeben. Hier, im
Kapitel 'Vom Wesen der Utopie' meiner Webseite www.seelengrund.de
möchte ich mich weitgehend von der Frage einer Realisierbarkeit der
Utopie freimachen und stattdessen im Sinne eines Brainstorming wild und
ohne Analyse Eigenschaften der letzten Utopie formulieren.
Doch manchmal beflügelt die Kritik die Phantasie, vor allem wenn sie in
so herrlichen Assoziationen daherkommt wie in Wilhelm Buschs kleinem
Büchlein Eduards Traum aus dem Jahr 1891.
Eduards Traum
Eduards, ein friedvoller
Ehemann, schläft neben seiner Frau ein und verfällt in einen
phantastischen Traum, in dem er als winziger Punkt in mathematische
unmögliche Geometrien versetzt wird, dem Tod bei der Verrichtung seines
Geschäfts zusieht, einen Wissenschaftler trifft, der das Ding an Sich
hergestellt hat und unterwegs auch ein Land besucht, in dem die
Menschen im utopischen Zustand leben.

Ein mathematisches Wesen in einer Fabelwelt
J. Kirchhoff, 1997
Ich möchte die betreffende
Passage hier einfügen, da sie doch einige Elemente der realen Utopie
enthält, obgleich Busch ja auch gleich die sie begleitenden Mängel
benennt: Dem Zustand der absoluten Zufriedenheit eng beigestellt ist ja
die Gleichgültigkeit, die Antriebslsogkeit, die aus dem Fehlen echter
Aufgaben rührt.
Der folgende Ausschnitt aus
Buschs Geschichte sieht den träumenden Helden Eudard als insektenhaft
kleines Wesen auf der Erde umherreisen. Hier nun das Original von
Wilhelm Busch:
Wilhelm
Buschs
schale
Utopie
Die geographische Lage des
Ortes, wo ich mich niederließ, war mir ganz und gar unbekannt. Ich weiß
nur, daß ich auf der linken Hand eines jungen Mädchens saß, welches
mich scharf fixierte, während es mit der Rechten zu einem Klapse
ausholte, der mich sicher zermatscht hätte wie eine Stechmücke, wär'
ich nicht schnell auf und davon gewitscht.
So war ich denn zum erstenmal auf meiner Reise unter
Menschen geraten, welche scharfsinnig genug waren, mich trotz meiner
Wenigkeit zu bemerken.
Um zu probieren, ob ich auch verstanden wurde, näherte ich
mich einem Schäfer, der, unter einem schattigen Baume liegend, sein
Vesperbrot verzehrte, bestehend aus einer Flasche Rotwein nebst drei
gebratenen Tauben.
Ohne irgendwelches Erstaunen, ohne seine Tätigkeit auch
nur im geringsten zu unterbrechen, nickte er mir auf meinen Gruß:
Prostemahlzeit! sein gemütsruhiges: Danke! zu.
Während er nach Erledigung der Flasche seine dritte Taube
entknöchelte, sagt' ich zu ihm:
»Ihr lebt hier scheint's im Reiche der Behaglichkeit,
guter Freund!«
»Mag wohl sein!« gab er schon halb träumend zur Antwort.
Dann mümmelte er noch ein Weilchen so hin an dem letzten Taubenflügel,
der ihm halb aus dem Munde stand, und verfiel in einen dermaßen
erquicklichen Schlummer, daß es weithin vernehmlich war.
Eduard schnarche nicht so!
ließ sich wieder die Stimme verlauten.
Wieso? dacht ich und flog wohlgemut weiter, um über Sitten
und Bräuche des Landes meine näheren Erkundigungen einzuziehen.
Durch das einmütige Zusammenwirken sämtlicher Forscher auf
allen Gebieten der Wissenschaft war hier in der Tat ein solch
angenehmes Kommunalwesen zustande gekommen, daß selbst ein im
Hergebrachten verhärteter Kopf hätte zugeben müssen, es sei mehr, als
er jemals für möglich gehalten.
Gewöhnliches Mehl, soviel man brauchte, wurde einfach aus
Sägespänen gemacht, das feinere für die Konditer auf etwas
weitläufigerem Wege aus Bettstroh und Seegrasmatratzen. Zucker hatte
man gelernt ohne weiteres herzustellen, ohne auch nur einer einzigen
Rübe ein gutes Wort geben zu müssen. Aber das wichtigste war, daß man
keine Kohlen mehr nötig hatte. Vermittelst sinnreicher
Brennglasapparate sammelte man während der guten Jahreszeit nicht bloß
so viel Sonnenwärme, als zum Betrieb aller Maschinen, Öfen, Lampen,
Töpfe und Wärmeflaschen des Landes erforderlich war, sondern auch zu
bloßen Belustigungszwecken noch immer was drüber. Daß dadurch den
Leuten hier die Einrichtung einer bequemen bürgerlichen Gemeinschaft
bedeutend erleichtert wurde, war überall ersichtlich. Man tut gleich
weniger und hat gleich viel. Nur der, welcher grad Dünger fährt, kriegt
einen Schnaps extra. Mit dem fünfunddreißigsten Jahre zieht man auf die
Leibzucht. Stehlen hat keiner mehr nötig; höchstens wird von kleinen
Knaben noch mal hin und wieder eine Zigarre stibitzt. Man betrachtet
dergleichen als angeborenen Schwachsinn, wo der Betreffende im Grunde
nichts für kann, und bringt ihn deshalb in die Anstalt für
Staatstrottel zu den übrigen. Auch andere Krankheiten gibt's wohl noch,
doch hat man Mittel gefunden, daß keine mehr weh tut, und was das
Faulfieber betrifft, welches, besonders in den wärmeren Monaten, nicht
eben sehr selten ist, so kuriert man es nach und nach durch Wohlwollen
und nachsichtige Behandlung. Man muß nur Geduld haben.
Der Tod ist freilich auch hierzulande nicht
ausgeschlossen; nur ist man viel zu aufgeklärt und besitzt im Hinblick
auf die Höhe der eigenen Leistungen ein viel zu edles Selbstgefühl, um
sich der Befürchtung hinzugeben, es könne hernach am Ende doch etwas
passieren, woran niemand eine rechte Freude hat.
So weit wäre ja alles recht schön! dacht' ich. Aber wie
sah's aus mit der Neidhammelei der Dummen gegen die Gescheiten und der
Garstigen gegen die Wohlgeformten, besonders bei den Herren? Wie, vor
allen Dingen, verhielt es sich mit der Strebsamkeit der Liebe, so daß
der Zappermentshansel immer oben drauf sein möchte im Herzen der Grete
und es partout nicht leiden will, daß sie den Malefizjochen noch lieber
hat als ihn?
»Jah!« sagte mir ein phlegmatischer Leibzüchter. »War
schlimm! Früher auch viel Last gehabt damit. Jetzt vorbei. Schon längst
die Kon-kurrr-renz-drrrüüse-!"
Eduard schnarche nicht so!
rief die Stimme. Ich hörte aber nicht hin danach.
»- die Konkurrenzdrüse entdeckt!« fuhr der Leibzüchter
fort; und dann beschrieb er das Weitere. Sie sitzt hinter dem einen
Ohre, tief in der Gehirnkapsel. Ausbohrung obligatorisch. Erfolg
durchschlagend.
Er hatte recht. Mit dem Gedrängel und der Haßpasserei
war's aus daselbst. Man gönnte jedem seine Schönheit und seine
Gescheitheit und seine Frau auch, sie mochte so verlockend sein, wie
sie wollte, und ob die Grete den Hans kriegte, oder den Jochen, oder
den alten Nepomuk, das war ihr und überhaupt jedem egal.
So lebten denn da herum die Leute in einer solch
wöhnlichen und wohldurchdachten Gemeinschaft, daß sie unsern Herrgott
und seine zehn Gebote nicht mehr nötig hatten.
Nur eins war schade. Das Lachen hatte aufgehört. Zwar
hatte man Lachklubs und Lachkränzchen für jung und alt; man läßt sich
den dümmsten Stoffel und die garstigste Trine aus dem Spital kommen und
besichtigt sie von allen Seiten; man lacht, aber es geht nicht so
recht. Es ist ein heiseres, hölzernes, heuchlerisches Lachen.
Und natürlich, meine Lieben! Jenes selige Gefühl, wobei
das ganze Gesicht glanzstrahlend aus dem Leime geht; jenes wonnige
Bewußtsein, daß wir wen vor uns haben, der noch dümmer oder häßlicher
ist als wir selber; diese aufrichtige Freude an der Bestätigung unserer
überwiegenden Konkurrenzfähigkeit, deren lauten oder leisen Ausdruck
wir Lachen oder Schmunzeln nennen, konnte unter derartig geregelten
Verhältnissen nicht mehr vorkommen. Daß sich aber dagegen eine gewisse
sanfte Eintönigkeit herbeischleichen würde, deren Wert man nur selten
zu schätzen weiß, das ließ sich wohl annehmen.
Und so war's. Sie hatten gemütliche Parkanlagen; aber an
jedem Baum hing wer. Die Eingeborenen freilich spazierten herum
dazwischen und hatten nichts weiter dabei. Ich konnte mich aber nicht
recht daran gewöhnen.
Pro & Contra
des Schlaraffenlandes
Busch hat die folgenden
positiven Eigenschaften der Utopie herausgestellt:
- Kaum
Arbeitszwang
- Kein Schmerz
- Keine Kriminalität
- Keine Todesfurcht
- Kein Neid und Hass (Entfernung der Konkurrenzdrüse)
Dem stellt Busch aber mäkelnd
gegenüber:
- Fehlen von echter Motivation
- Fehlendes Interesse am Mitmenschen
- Das echte Lachen wurde verlernt
- Fehlen von Mitleid
Stanislaw Stanislaw Lems MASTEN
Noch drastischer als Wilhelm
Busch karikierte der polnische Meister philosophischer Phantastik
Stanislaw Lem diesen widrigen Umstand, dass der Zustand absoluter
Utopie gleichzeitig auch absurde Züge annehmen muss. In seiner Kyberiade aus dem Jahr 1965 erzählt
Lem von den sagenhaften MASTEN.3)
Das sind Wesen, die die MAximale STufe der ENtwicklung erreicht haben.
Man kann sie auf Planeten finden, die eckige Sonnen umkreisen. Dort
ahlen sich die MASTEN im Sand und geben nur wirres Gebrabbel von sich.
Zu einem intelligenten Dialog lassen sie sich nicht verleiten. Der Held
der Geschichte kommt nun auf die Idee, einen Supercomputer zu bauen,
der den gesamten Kosmos und damit auch die MASTEN emulieren kann. Die
Simulation erlaubt es aber, die Geschwätzigkeit der MASTEN als frei
wählbaren Paramter zu definieren. So reden die MASTEN letzten Endes
doch. Es stellt sich heraus, dass sie tatsächlich alles im Kosmos
verstanden haben und dass ihr Nichtstun eben davon ein Ausdruck ist.
Der Held provoziert seinen simulierten MASTEN zu einer Begründung,
warum sie nicht zumindest anderen Wesen im Kosmos zum Zustand der
maximalen Entwicklung verhelfen. Die MASTEN geben zu, dass sie dies zig
mal versucht hätten, aber wenn man den zu bekehrenden Wesen ihren
Willen gelassen habe, dann sei der Versuch stets gescheitert. Der
einzige Weg zum Erfolg sei es gewesen, die Wesen in ihrer mentalten
Ausstattung umzugestalten. Das aber sei im Endeffekt Mord an den
ursprünglichen Wesen und könne der Sache nicht dienen. Hier, wie bei
überhaupt allen Aktionen, sei Nichtstun das einzig vertretbare Gebot.
Der
Asynchronmotor
als
Metapher
Irritierend ist, dass die
negativen Eigenschaften der Utopie erst mit der Vollendung der
positiven Eigenschaften entstehen. Die Antriebslosigkeit und das
Desinteresse an der Welt resultieren direkt aus dem Umstand, dass ja
alles Erstrebenswerte erreicht ist. Je näher man dem Ziel kommt, desto
zweifelhafter wird es.
Ein treffendes Sinnbild dieses
ärgerlichen Umstandes ist der Asynchronmotor. Diese Art von
Elektromotor verfügt über eine Synchrondrehzahl, die er stets zu
erreichen versucht. Bauartbedingt tritt aber folgender Effekt auf:
Steigt zunächst mit wachsender Annäherung des Motors an die Drehzahl
erfreulicherweise das Moment, mit dem er der Synchrondrehzahl (der
Utopie) zustrebt, sie sinkt dieses antreibende Moment plötzlich
drastisch ab. Man spricht vom Kippmoment. Auf seinem weiteren Weg der
Beschleunigung hin zur Synchrondrehzahl sinkt das antreibende Moment
(die Kraft, quasi) beharrlich weiter ab. Je näher der Motor an die
Sychrondrehzahl herankommt, desto näher geht das Antriebsmoment (die
Motivation) gegen Null. Dieser frustrierende Umstand wird in typeigenen
Kennlinien dargestellt, die ich in Anwendung auf das utopische Denken
etwas umkommentiert habe.

Die
Kennlinie der Annäherung an die Utopie
Wo der Antrieb etwas zu tun, die Motivation, das Streben zur
Vorstellung eines utopischen Zustandes gehören, tut sich bei der
Annäherung an die Utopie das Dilemma auf, dass mit Erreichen aller
Wünsche auch die Motivation selbst verschwinden müsste. Dieses
Dilemma muss in der endgültigen Utopie aufgelöst sein. Denn:
Ein Leben ohne Hindernisse, die es zu überwinden gilt
wäre fast so schlimm wie ein Leben,
das nur aus Hindernissen besteht,
die nicht überwunden werden können.
Sir
John Eccles, 19744)
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Quellen und Literaturhinweise
1) Wilhelm
Busch: Eduards Traum.
Ersterscheinung 1891
2) A. F. Osborn: Applied
Imagination. New York: Charles Scriber’s Sons. 1957. In diesem
Buch wird die Methode des Brainstorming von ihrem Erfinder erläutert.
3) Stanislaw Lem: Kyberiade. 1965. Die Geschichte
über die MASTEN findet sich in dem Kapitel: 'Altruizin oder Der wahre
Bericht darüber, wie der Eremit Bonhomius das universelle Glück im
Kosmos schaffen wollte, und was dabei herauskam'.
4) Karl R. Popper;
John C. Eccles: Das Ich und sein
Gehirn. R. Piper Verlag, München. 6. Auflage, 1997. Seite 657
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