Juni 2009

Vom Wesen der Utopie

Die Kennlinie der Annäherung an die Utopie



Sie hatten gemütliche Parkanlagen; aber an jedem Baum hing wer. Die Eingeborenen freilich spazierten herum dazwischen und hatten nichts weiter dabei. Ich konnte mich aber nicht recht daran gewöhnen.



Wilhelm Busch
Eduards Traum, 1891
1)



Nicht kritisieren! Zur Idee des Brainstorming

Im Geschäftsleben, zumal wo viel gemanagt und kreativ gearbeitet werden soll, findet manchmal die Methode des Brainstorming2) Anwendung. Das Wesen dieser Methode ist es, dass alle Ideen zunächst kritiklos und unkommentiert gesammelt werden. Erst nach Abschluss dieser Phase erfolgt die Sichtung und Analyse.

Ich möchte die Methode des Brainstorming gerne auf das Ersinnen der letzten Utopie, des endgültig erstrebenswerten Zustandes der Welt, anwenden. Denn stets wird das utopische Denken durch das reflexartige Hinzutreten unüberwindbarer Hürden behindert. Ja, ja träume nur, aber so sind die Menschen nicht. So heisst es oft. Noch arger als die Mängel in der Natur von uns Menschen sind die logischen Unmöglichkeiten, die sich beim Versuch der Erschaffung einer Utopie ergeben. Hier, im Kapitel 'Vom Wesen der Utopie' meiner Webseite www.seelengrund.de möchte ich mich weitgehend von der Frage einer Realisierbarkeit der Utopie freimachen und stattdessen im Sinne eines Brainstorming wild und ohne Analyse Eigenschaften der letzten Utopie formulieren.

Doch manchmal beflügelt die Kritik die Phantasie, vor allem wenn sie in so herrlichen Assoziationen daherkommt wie in Wilhelm Buschs kleinem Büchlein Eduards Traum
aus dem Jahr 1891.


Eduards Traum

Eduards, ein friedvoller Ehemann, schläft neben seiner Frau ein und verfällt in einen phantastischen Traum, in dem er als winziger Punkt in mathematische unmögliche Geometrien versetzt wird, dem Tod bei der Verrichtung seines Geschäfts zusieht, einen Wissenschaftler trifft, der das Ding an Sich hergestellt hat und unterwegs auch ein Land besucht, in dem die Menschen im utopischen Zustand leben.


Kirchhoffs Grauer Mann aus dem Jahr 1997

Ein mathematisches Wesen in einer Fabelwelt
J. Kirchhoff, 1997


Ich möchte die betreffende Passage hier einfügen, da sie doch einige Elemente der realen Utopie enthält, obgleich Busch ja auch gleich die sie begleitenden Mängel benennt: Dem Zustand der absoluten Zufriedenheit eng beigestellt ist ja die Gleichgültigkeit, die Antriebslsogkeit, die aus dem Fehlen echter Aufgaben rührt.

Der folgende Ausschnitt aus Buschs Geschichte sieht den träumenden Helden Eudard als insektenhaft kleines Wesen auf der Erde umherreisen. Hier nun das Original von Wilhelm Busch:

Wilhelm Buschs schale Utopie

Die geographische Lage des Ortes, wo ich mich niederließ, war mir ganz und gar unbekannt. Ich weiß nur, daß ich auf der linken Hand eines jungen Mädchens saß, welches mich scharf fixierte, während es mit der Rechten zu einem Klapse ausholte, der mich sicher zermatscht hätte wie eine Stechmücke, wär' ich nicht schnell auf und davon gewitscht.
   So war ich denn zum erstenmal auf meiner Reise unter Menschen geraten, welche scharfsinnig genug waren, mich trotz meiner Wenigkeit zu bemerken.
   Um zu probieren, ob ich auch verstanden wurde, näherte ich mich einem Schäfer, der, unter einem schattigen Baume liegend, sein Vesperbrot verzehrte, bestehend aus einer Flasche Rotwein nebst drei gebratenen Tauben.
   Ohne irgendwelches Erstaunen, ohne seine Tätigkeit auch nur im geringsten zu unterbrechen, nickte er mir auf meinen Gruß: Prostemahlzeit! sein gemütsruhiges: Danke! zu.
   Während er nach Erledigung der Flasche seine dritte Taube entknöchelte, sagt' ich zu ihm:
   »Ihr lebt hier scheint's im Reiche der Behaglichkeit, guter Freund!«
   »Mag wohl sein!« gab er schon halb träumend zur Antwort. Dann mümmelte er noch ein Weilchen so hin an dem letzten Taubenflügel, der ihm halb aus dem Munde stand, und verfiel in einen dermaßen erquicklichen Schlummer, daß es weithin vernehmlich war.
   Eduard schnarche nicht so!
   ließ sich wieder die Stimme verlauten.
   Wieso? dacht ich und flog wohlgemut weiter, um über Sitten und Bräuche des Landes meine näheren Erkundigungen einzuziehen.
   Durch das einmütige Zusammenwirken sämtlicher Forscher auf allen Gebieten der Wissenschaft war hier in der Tat ein solch angenehmes Kommunalwesen zustande gekommen, daß selbst ein im Hergebrachten verhärteter Kopf hätte zugeben müssen, es sei mehr, als er jemals für möglich gehalten.
   Gewöhnliches Mehl, soviel man brauchte, wurde einfach aus Sägespänen gemacht, das feinere für die Konditer auf etwas weitläufigerem Wege aus Bettstroh und Seegrasmatratzen. Zucker hatte man gelernt ohne weiteres herzustellen, ohne auch nur einer einzigen Rübe ein gutes Wort geben zu müssen. Aber das wichtigste war, daß man keine Kohlen mehr nötig hatte. Vermittelst sinnreicher Brennglasapparate sammelte man während der guten Jahreszeit nicht bloß so viel Sonnenwärme, als zum Betrieb aller Maschinen, Öfen, Lampen, Töpfe und Wärmeflaschen des Landes erforderlich war, sondern auch zu bloßen Belustigungszwecken noch immer was drüber. Daß dadurch den Leuten hier die Einrichtung einer bequemen bürgerlichen Gemeinschaft bedeutend erleichtert wurde, war überall ersichtlich. Man tut gleich weniger und hat gleich viel. Nur der, welcher grad Dünger fährt, kriegt einen Schnaps extra. Mit dem fünfunddreißigsten Jahre zieht man auf die Leibzucht. Stehlen hat keiner mehr nötig; höchstens wird von kleinen Knaben noch mal hin und wieder eine Zigarre stibitzt. Man betrachtet dergleichen als angeborenen Schwachsinn, wo der Betreffende im Grunde nichts für kann, und bringt ihn deshalb in die Anstalt für Staatstrottel zu den übrigen. Auch andere Krankheiten gibt's wohl noch, doch hat man Mittel gefunden, daß keine mehr weh tut, und was das Faulfieber betrifft, welches, besonders in den wärmeren Monaten, nicht eben sehr selten ist, so kuriert man es nach und nach durch Wohlwollen und nachsichtige Behandlung. Man muß nur Geduld haben.
   Der Tod ist freilich auch hierzulande nicht ausgeschlossen; nur ist man viel zu aufgeklärt und besitzt im Hinblick auf die Höhe der eigenen Leistungen ein viel zu edles Selbstgefühl, um sich der Befürchtung hinzugeben, es könne hernach am Ende doch etwas passieren, woran niemand eine rechte Freude hat.
   So weit wäre ja alles recht schön! dacht' ich. Aber wie sah's aus mit der Neidhammelei der Dummen gegen die Gescheiten und der Garstigen gegen die Wohlgeformten, besonders bei den Herren? Wie, vor allen Dingen, verhielt es sich mit der Strebsamkeit der Liebe, so daß der Zappermentshansel immer oben drauf sein möchte im Herzen der Grete und es partout nicht leiden will, daß sie den Malefizjochen noch lieber hat als ihn?
   »Jah!« sagte mir ein phlegmatischer Leibzüchter. »War schlimm! Früher auch viel Last gehabt damit. Jetzt vorbei. Schon längst die Kon-kurrr-renz-drrrüüse-!"
   Eduard schnarche nicht so!
    rief die Stimme. Ich hörte aber nicht hin danach.
   »- die Konkurrenzdrüse entdeckt!« fuhr der Leibzüchter fort; und dann beschrieb er das Weitere. Sie sitzt hinter dem einen Ohre, tief in der Gehirnkapsel. Ausbohrung obligatorisch. Erfolg durchschlagend.
   Er hatte recht. Mit dem Gedrängel und der Haßpasserei war's aus daselbst. Man gönnte jedem seine Schönheit und seine Gescheitheit und seine Frau auch, sie mochte so verlockend sein, wie sie wollte, und ob die Grete den Hans kriegte, oder den Jochen, oder den alten Nepomuk, das war ihr und überhaupt jedem egal.
   So lebten denn da herum die Leute in einer solch wöhnlichen und wohldurchdachten Gemeinschaft, daß sie unsern Herrgott und seine zehn Gebote nicht mehr nötig hatten.
   Nur eins war schade. Das Lachen hatte aufgehört. Zwar hatte man Lachklubs und Lachkränzchen für jung und alt; man läßt sich den dümmsten Stoffel und die garstigste Trine aus dem Spital kommen und besichtigt sie von allen Seiten; man lacht, aber es geht nicht so recht. Es ist ein heiseres, hölzernes, heuchlerisches Lachen.
   Und natürlich, meine Lieben! Jenes selige Gefühl, wobei das ganze Gesicht glanzstrahlend aus dem Leime geht; jenes wonnige Bewußtsein, daß wir wen vor uns haben, der noch dümmer oder häßlicher ist als wir selber; diese aufrichtige Freude an der Bestätigung unserer überwiegenden Konkurrenzfähigkeit, deren lauten oder leisen Ausdruck wir Lachen oder Schmunzeln nennen, konnte unter derartig geregelten Verhältnissen nicht mehr vorkommen. Daß sich aber dagegen eine gewisse sanfte Eintönigkeit herbeischleichen würde, deren Wert man nur selten zu schätzen weiß, das ließ sich wohl annehmen.
   Und so war's. Sie hatten gemütliche Parkanlagen; aber an jedem Baum hing wer. Die Eingeborenen freilich spazierten herum dazwischen und hatten nichts weiter dabei. Ich konnte mich aber nicht recht daran gewöhnen.

Pro & Contra des Schlaraffenlandes

Busch hat die folgenden positiven Eigenschaften der Utopie herausgestellt:

- Kaum Arbeitszwang
- Kein Schmerz
- Keine Kriminalität
- Keine Todesfurcht
- Kein Neid und Hass (Entfernung der Konkurrenzdrüse)

Dem stellt Busch aber mäkelnd gegenüber:

- Fehlen von echter Motivation
- Fehlendes Interesse am Mitmenschen
- Das echte Lachen wurde verlernt
- Fehlen von Mitleid


Stanislaw Stanislaw Lems MASTEN

Noch drastischer als Wilhelm Busch karikierte der polnische Meister philosophischer Phantastik Stanislaw Lem diesen widrigen Umstand, dass der Zustand absoluter Utopie gleichzeitig auch absurde Züge annehmen muss. In seiner Kyberiade aus dem Jahr 1965 erzählt Lem von den sagenhaften MASTEN.3) Das sind Wesen, die die MAximale STufe der ENtwicklung erreicht haben. Man kann sie auf Planeten finden, die eckige Sonnen umkreisen. Dort ahlen sich die MASTEN im Sand und geben nur wirres Gebrabbel von sich. Zu einem intelligenten Dialog lassen sie sich nicht verleiten. Der Held der Geschichte kommt nun auf die Idee, einen Supercomputer zu bauen, der den gesamten Kosmos und damit auch die MASTEN emulieren kann. Die Simulation erlaubt es aber, die Geschwätzigkeit der MASTEN als frei wählbaren Paramter zu definieren. So reden die MASTEN letzten Endes doch. Es stellt sich heraus, dass sie tatsächlich alles im Kosmos verstanden haben und dass ihr Nichtstun eben davon ein Ausdruck ist. Der Held provoziert seinen simulierten MASTEN zu einer Begründung, warum sie nicht zumindest anderen Wesen im Kosmos zum Zustand der maximalen Entwicklung verhelfen. Die MASTEN geben zu, dass sie dies zig mal versucht hätten, aber wenn man den zu bekehrenden Wesen ihren Willen gelassen habe, dann sei der Versuch stets gescheitert. Der einzige Weg zum Erfolg sei es gewesen, die Wesen in ihrer mentalten Ausstattung umzugestalten. Das aber sei im Endeffekt Mord an den ursprünglichen Wesen und könne der Sache nicht dienen. Hier, wie bei überhaupt allen Aktionen, sei Nichtstun das einzig vertretbare Gebot.

Der Asynchronmotor als Metapher

Irritierend ist, dass die negativen Eigenschaften der Utopie erst mit der Vollendung der positiven Eigenschaften entstehen. Die Antriebslosigkeit und das Desinteresse an der Welt resultieren direkt aus dem Umstand, dass ja alles Erstrebenswerte erreicht ist. Je näher man dem Ziel kommt, desto zweifelhafter wird es.

Ein treffendes Sinnbild dieses ärgerlichen Umstandes ist der Asynchronmotor. Diese Art von Elektromotor verfügt über eine Synchrondrehzahl, die er stets zu erreichen versucht. Bauartbedingt tritt aber folgender Effekt auf: Steigt zunächst mit wachsender Annäherung des Motors an die Drehzahl erfreulicherweise das Moment, mit dem er der Synchrondrehzahl (der Utopie) zustrebt, sie sinkt dieses antreibende Moment plötzlich drastisch ab. Man spricht vom Kippmoment. Auf seinem weiteren Weg der Beschleunigung hin zur Synchrondrehzahl sinkt das antreibende Moment (die Kraft, quasi) beharrlich weiter ab. Je näher der Motor an die Sychrondrehzahl herankommt, desto näher geht das Antriebsmoment (die Motivation) gegen Null. Dieser frustrierende Umstand wird in typeigenen Kennlinien dargestellt, die ich in Anwendung auf das utopische Denken etwas umkommentiert habe.

Asynchron-Kennlinie des Utopischen

Die Kennlinie der Annäherung an die Utopie


Wo der Antrieb etwas zu tun, die Motivation, das Streben zur Vorstellung eines utopischen Zustandes gehören, tut sich bei der Annäherung an die Utopie das Dilemma auf, dass mit Erreichen aller Wünsche auch die Motivation selbst verschwinden müsste. Dieses  Dilemma muss in der endgültigen Utopie aufgelöst sein. Denn:

Ein Leben ohne Hindernisse, die es zu überwinden gilt
wäre fast so schlimm wie ein Leben,
das nur aus Hindernissen besteht,
die nicht überwunden werden können.

Sir John Eccles, 19744)

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Quellen und Literaturhinweise

1) Wilhelm Busch: Eduards Traum. Ersterscheinung 1891

2) A. F. Osborn: Applied Imagination. New York: Charles Scriber’s Sons. 1957. In diesem Buch wird die Methode des Brainstorming von ihrem Erfinder erläutert.

3) Stanislaw Lem: Kyberiade. 1965. Die Geschichte über die MASTEN findet sich in dem Kapitel: 'Altruizin oder Der wahre Bericht darüber, wie der Eremit Bonhomius das universelle Glück im Kosmos schaffen wollte, und was dabei herauskam'.

4) Karl R. Popper; John C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn. R. Piper Verlag, München. 6. Auflage, 1997. Seite 657



Letzte Änderung: 31. August 2010
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