Februar 2010

Vom Wesen der Utopie

Die innere Stimme als Methode



  ...if the sages ask thee why
This charm is wasted on the earth and sky,
Tell them, dear, that, if eyes were made for seeing,
Then beauty is its own excuse for Being
1)



Cranes Watanabe Shuseki
 
Watanabe Shuseki: Cranes2)


Schönheit und Glück

Schriftsteller wie der Ire Oscar Wilde oder der Amerikaner Ralph Waldo Emerson erhoben die Schönheit zu einem eigenen Grund für das Sein. Sie entrückten sie von jeder weiteren Notwendigkeit einen Zweck zu erfüllen.

Etwas in mir regt sich und will Widerspruch dagegen einlegen.

Ich stellle mir eine harmonische Welt reinster Schönheit vor. Die Bilder der französischen Impressionisten, ätherische Melodien
3) und edle Gerüche vermitteln eine Ahnung erhabener Schönheit. Ich stelle mir eine solche Welt vor, wie sie von gravitätischen Menschen von schöner Gestalt und würdevollem Auftreten durchwandelt wird. Frieden und Harmonie werden nirgendwo gestört. Und dennoch regt sich in meiner Seele ein Widerspruch: Es fehlt der Sinn.

Die großen Religionen versprechen als Belohnung für ein Gutes Leben einen Zustand ewigen Glücks. Auch die volkstümlichen Märchen handeln oft vom Glück und dem Streben danach. Ich stelle mir unter Glück zuerst einmal Freiheit von Leid vor. Und hinzu kommt eine ständige Freude; Glück muss gefühlt werden. Doch ist Glück in sich ein ausreichender Grund für das Sein? Darf ich mir das perfekte Sein - das Paradies, die Utopie - als einen Ort ewigen Glücksgefühls vorstellen? Wieder regt sich der Widerspruch mit der Frage nach dem Sinn.

Der österreichische Psychologe Viktor Frankl, der während des Dritten Reiches enge Familienangehörige und seine Frau verlor und selbst mehrere Jahre in Konzentrationslagern zubrachte, schreibt:

Je mehr er [der Mensch] nach Glück jagt, um so mehr verjagt er es auch schon. Um dies zu verstehen, brauchen wir nur das Vorurteil zu überwinden, daß der Mensch im Grund darauf aus sei, glücklich zu sein; was er in Wirklichkeit will, ist nämlich, einen Grund dazu zu haben.
4)

Auch hier wieder das Motiv, dass etwas nach einem Grund, einem Sinn begehrt. Wie man sich diesem Etwas annähern kann, möchte ich im Folgenden versuchen zu erkunden.


Über die Autorität innerer Stimmen

So rätselhaft die Vorstellung von Sinn mir zur Zeit noch erscheint, so rätselhaft ist mir aber auch der einzige Weg hin zu einer näheren Erfassung des Begriffs. In keinem Buch fand ich eine befriedigende Definition des Wortes Sinn. Man findet zwar Auflistungen verschiedener Sinnangebote und Kategorisierungen, aber nirgends fand ich objektive Kriterien, an denen man den Sinn messen könnte. Es bleibt mir einzig, auf die innere Stimme zu hören.

Woher die innere Stimme kommt, ist mir ganz unklar. Sind es evolutionsbiologisch erklärbare Motive? Sprechen durch die innere Stimme die Werte meiner mich umgebenden Gesellschaft? Rührt die Stimme aus einer übernatürlichen, möglicherweise göttlichen Quelle? Ist sie bloß ein zufälliger Konstsruktionsversuch unbewußter Seelenelemente? Ich weiß es nicht.

Welche Autorität messe ich also der inneren Stimme bei, wenn ich über ihre Herkunft zwar viel vermuten aber nicht Genaues sagen kann?

Drei Arten von Autorität will ich ihr zugestehen. Zwei erhält sie aus eigener Kraft, die dritte muss sich ergeben.

Die erste Art von Autorität, die meine innere Stimme sich zu erzwingen vermag, fußt auf ihrer Macht.
5) Immer wieder meldet sich die Stimme, meist verneinend. Spiele ich im Kopf mögliche Lebenswege für mich durch oder gehe ich zu einer Veranstaltung, so spricht die Stimme oft zu mir warnend, ablehnend. Und ihre Macht scheint mir über das reine Sprechen hinauszugehen. Wenn ich mich ihr zu lange widersetze, dann scheint mir ihr Urheber auch Zugriff auf meinen Körper zu haben. Ich glaube, so manchen Angriff auf meine Gesundheit auf das Wirken der inneren Stimme zurückführen zu können.6)

Die zweite Art der Autorität, die ich meiner inneren Stimme zum Sinn zubillige ist das sie begleitende Gefühl der unmittelbaren Wahrheit. Es ist ein primäres Gefühl, welches ich nicht weiter fassen kann, doch welches eine eigenartige Wahrhaftigkeit ausstrahlt. Ich fühle mich bei der Anerkennung dieses Umstandes aber keineswegs in schlechter Gesellschaft, gestehen doch auch viele große Forscher die letztendliche Unbeweisbarkeit ihrer Grundannahmen ein.
7)

Die dritte Art von Autorität kann sich die innere Stimme aber nicht selbst verschaffen. Sie kann sich nur aus der erfolgreichen Prüfung durch eine weitere, offenbar unabhängige Instanz, ergeben: die Stimme der Logik. Wasimmer ich aus dem Begriff des Sinns heraushole, es wird an Überzeugungskraft für mich gewinnen, wenn es widerspruchsfrei in sich und gegen andere mir wichtige Erkenntnise oder Ziele ist. Bewusst offen lassen muss ich jedoch, wer im Konfliktfall das Vorrecht genießen soll: Sinnempfinden oder Logik. Welches höherere Leitprinzip soll hier gelten? Harmonie? Kohärenz im Weltbild?8) Ich kann mir die Frage nicht beantworten.

Und noch eine Frage muss unbeantwortet bleiben: Spricht durch die Sinnstimme eine mir überlegene Erkenntnis? Könnte ich mich vielleicht der Stimme überantworten und auf ihre Einsicht in höhere Wahrheiten verlassen? Oder stellt meine Geistestätigkeit zur logischen Überprüfung und zur Einbindung des Sinnempfindens in eine Weltanschaung erst die Voraussetzung für höherwertiges Wissen dar? Im schlimmsten Fall: Ist die Forderung der Stimme nach Sinn letztendlich vielleicht gar nicht erfüllbar?

Doch mir scheint es zur Zeit noch nicht vorrangig, die Fragen nach der Autorität und Zuverlässigkeit der Sinnstimme zu stellen. Denn mein Begriff vom Sinn ist noch ganz vage, ich weiß gar nicht so genau, was die innere Stimme eigentlich sagen will. Bevor ich also den Wunsch, meine inneren Stimme mit anderen Konzepten in Beziehung setzen und prüfen kann, muss ich doch erst einmal näher fassen, was die Stimme mir sagen will.


Zur Methode des inneren Dialogs

Ich will nun ganz aufmerksam der inneren Stimme zuhören, der ich den Namen Sinn gebe. Ich stelle mir still als Gedanken nach innen die Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Was ist Sinn überhaupt? Woran kann ich Sinn erkennen.

Was geschieht auf diese Fragen in meinem Bewusstsein? Ich werde fragmentarischer, flüchtiger Wort- und Bildgefüge gewahr. Es quellen wie pawlow'sche Reflexe Worte hoch wie Ewigkeit, letztendlich oder Gott. Es tauchen zarte Bilder parkähnlicher Landschaften, ruhiger Küstenstreifen auf. Still kommen erdachte Szenen des Stroms der Geschichte hinzu. Bauern in einer Kate am Moorrand, sarazenische Schlachtenszenen, Urmenschen am Höhlenrand. Versuche ich nun den Bilderstrom eng am Sinnbegriff zu halten und fordere ich von ihm auch Propositionen ein, so wird es bald still und grau in meinem Inneren. Erst wenn ich konkrete Vorstellungen (gleich ob in Bild oder Sprache) in meinen Bewusstseinsraum stelle, erst dann meldet sich die Stimme zum Sinn. Stelle ich mir das naiv-christliche Paradies ewiger Glücklichkeit vor, so höre ich von ihr ein klares Nein. Stelle ich mir eine zeitlich begrenzte Welt vor, so höre ich wieder das Nein. Ich höre aber seltsamerweise kein Ja bei der Vorstellung einer ewigen Welt.

Wie aber soll ich mit einer solchen Stimme in Dialog treten, um von ihren Absichten eine klare Bedeutung zu erfassen, wenn sie doch meist Nein sagt? Sie sagt nicht immer nur nein. Denn ich kann nun meine Logik danach befragen, was möglicherweise an einer Idee zum Sinn falsch sei. So produziert mir die logische Analyse etwa die Vermutung, dass in einem naiven Paradies ja ein höherer Zweck fehlt. Mit dieser Vermutung trete ich dann wieder an die innere Stimme heran und sie sagt: Ja, das ist es, was fehlt.

Es ist die Eigenart dieser inneren Stimme zum Sinnempfinden, dass sie manchmal ja und meistens nein oder ein vorsichtiges "Hm, mal sehen" zu äußern scheint. Selbst macht sie keinerlei Vorschläge. Die Vorschläge muss Ich (ein weiterer, sehr schwer fassbarer Begriff) im Wechselspiel mit anderen Stimmen erzeugen.
9)


Fazit

Will ich also einen tieferen Zusammenhang, stimmige Konzepte oder zumindest doch erkennbare Richtungen hinter der inneren Stimme zum Sinnempfinden aufdecken, so bleibt mir nichts anderes, als immer wieder Bilder und Aussagen zu formulieren, die ich der Stimme zur Bewertung vorlege. Das Ergebnis kann dann analysiert und möglicherweise verallgemeinert werden. Im Ergebnis erhalte ich dann eine Rohliste mit zwei Spalten: Die linke Spalte enthält Aussagen und Bilder, die ich der inneren Stimme zur Bewertung übergeben habe. Die linke Spalte enthält dann die jeweilige Bewertung durch die Stimme.

Die Durchführung des inneren Dialogs mit meinem Sinnempfinden will ich später durchführen. Hier wollte ich nur die Schwierigkeiten und den Versuch einer Methode erläutern.

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Quellen und Fußnoten


1) Das Zitat stammt aus dem Gedicht "Rhodora" des amerikanischen Dichters Sir Ralph Waldo Emerson, 1847
2) Watanabe Shuseki:"Cranes". Farbe auf Seide. Edo Periode (17. Jh.) Das Bild stammt aus dem Public Domain Bereich von Wikipedia.
3)  Melodien, die in mir zuweilen eine nahezu numinose Ahnung transzendenter Schönheit erzeugen können sind etwa: Jacaranda der englische Pop-Gruppe Sailor, Concerto pour deux voix des französischen Komponisten Saint-Preux (interpretiert durch seine Tochter Clémence und den Sänger Jean-Baptiste Maunier) und The Dream of the Dolphin von Enigma.
4) Frankl, Viktor E.: Der Wille zum Sinn. Ausgewählte Vorträge über Logotherapie. München: Piper, 1991. Erweiterte 4. Auflage
5) Die Macht einer inneren Stimme aber auch gleich mit ihrer Berechtigung gleichzusetzen erscheint mir ungerechtfertigt. Ich erkenne noch keinen Weg, wie man die inneren Stimmen nach Gut und Böse, echt und eingebildet, wahr und falsch oder real und illusioniert einteilen soll. Das Ziel der Asketen, innere Stimmen zu brechen, zum Schweigen bringen ist mir keinersweg weltfremd oder absurd. Eine beeindruckende Darstellung der Konsequenz mancher Askten findet sich in dem folgenden Text: Hiestand, Rudolf. "Der Säulenheilige". In: Alternative Welten in Mittelalter und Renaissance. Ludwig Schrader (Herausgeber). Droste Verlag, Düssedorf 1988 (Studiosa humaniora: Band 10)
6) Wir sind hier beim Bild des inneren Teams, der Idee, dass unser psychisches Erleben von mehr oder minder autonomen Wesen innerhalb unseres Kopfes erzeugt wird. Ein sehr anschauliches Buch dazu ist Friedemann Schulz von Thuns Buch: Miteinander reden 3 – Das 'innere Team' und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt, Reinbek 1998
7) So betrachteten die beiden Mathematiker Bertrand Russell und Alfred North Whitehead ihr Projekt "Principia Mathematicia" als gescheitert. In dem gleichnamigen Buch hatten sie den Versuch unternommen, die Mathematik auf einfache Grundevidenzen der Logik zurückzuführen. Und Gödels Satz von der Unbeweisbarkeit eines logischen Systems aus sich selbst heraus spricht auch dafür, dass letzten Endes die Grundannahmen unseres Denkens selbst unbeweisbar sind, sondern als Glauben oder Evidenz hingenommen werden müssen. Wir dürfen hier also mit Anselm von Canterbury übereinstimmen, wenn er sagt, dass er glaube, um zu wisssen: credo ut intelligam.
8) Die Kohärenz als Anspruch an eine befriedigende Weltanschauung ist kurz erläutert in einem anderen Text auf dieser Webseite: "The Nature of Utopia: Alfred North Whiteheads Speculative Philosophy"
9) Bedeutsam erscheinen mir in diesem Kontext die Vermutungen mancher Neurowissenschaftler und Physiker zum Verhältnis von Geist und  Materie. Zur Interpretation des sogenannten Libet-Experiments heisst es, dass der Geist möglicherweise nur eine Veto-Funktion zur Steuerung unseres Verhaltens habe. Das Libet-Experiment besagt kurz gefasst, dass es im Gehirn messbare Spannung bzw. Ströme gibt, die eine wiederum messbare Handlung vorwegnehmen und dass man diese Spannungen messen kann, bevor sich eine Person des Handlungsimpulses bewusst wird.

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Links innerhalb der Webseite www.seelengrund.de

2009: Die Seele als Quelle von Wahrheit
2003: There should be a meaning to life
2001: Widersprüche, die es zu überwinden gilt
1999: Zur rätselhaften Pluralität des Ich?
1999: Ist der Weltsinn erkennbar?


Zuletzt bearbeitet: 21. August 2010
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