22. März 2009

Expeditionen in terram utopicam

Ersteintrag



THE BRAIN is wider than the sky,
  For, put them side by side,
The one the other will include
  With ease, and you beside.
 
The brain is deeper than the sea,
  For, hold them, blue to blue,
The one the other will absorb,
  As sponges, buckets do.
 
The brain is just the weight of God,
  For, lift them, pound for pound,
And they will differ, if they do,
  As syllable from sound.

Emily Dickinson
1830-1886


Das Ziel

Die letzte Utopie, der perfekte Zustand der Welt, ist das Ziel, mit welchem ich mich auf dieser Webseite auseinandersetze. Was ich darunter verstehe, behandele ich im Kapitel über die Letzte Utopie. Hier, im Kapitel Expeditionen in terram utopicam, geht es mir um die Konzeption individueller Haltungen und gesellschaftlicher Konstellationen, die zur Realisierung einer Letzten Utopie führen können.

Absage an Pragmatismus und Positivismus

Die letzte Utopie, so wie ich sie fordere, liegt jenseits heute fassbarer Logik. Und wo die Welt logisch erklärbar sein soll, transzendiert meine Utopie auch die uns gegebene Welt. Mentalitäten, die unsere Welt aber bloß hinnehmen und sich in ihr eine günstige Stellung verschaffen wollen, sind für die Verfolgung transzendentaler Ziele nutzlos. Hierunter fallen für mich namentlich Vertreter eines evolutionären Positivismus, die im Prinzip des ewigen Wettkampfes und der ständigen Konkurrenz einen unüberwindbaren Sachzwang sehen und vielleicht auch sehen wollen. Aber auch ein physikalistischer Positivismus, der sich auf die reine Beschreibung von gegebenen Gesetzlichkeiten reduzieren will, muss als Lebenseinstellung verworfen werden. Ihm fehlt die Zielsetzung. Und zuletzt auch die oft nur scheinbar toleranten Pragmatiker, die immer nur die nächsten kleinen und machbaren Schritte gehen wollen, sind mit Skepsis zu behandeln. Indem sie die Beschäftigung mit dem Großen Ganzen abtun, unterstützen sie nur jene Kräfte, die ihnen, den Pragmatikern, den greifbarsten Vorteil versprechen. Damit sind sie aber so leicht zu missbrauchen, wie man einen Hund mit einer Wurst in die Falle locken kann.

Der herrschende gesellschaftliche Zustand

Konkret sehe ich Positivismus und Pragmatismus zur Zeit als herrschende Geisteshaltungen in unserer Gesellschaft an. Eingebettet in eine verborgene Theorie der Optimierung durch Evolution festigen sie einen Status Quo der die Mächte biologischer Evolution institutionell in die gesellschaftliche Sphäre überträgt. Es wird dann mit Sachzwängen argumentiert, dass dies und jenes notwendig und alternativlos sei, da der Markt es anders nicht zulasse. Wer sich aber schon solch kleinen Sachzwängen unterordnet wird nicht für die Verwirklichung ferner Utopien taugen.

Im Gegenteil, das herrschende System ständigen Wettkampfes, zur Zeit verkörpert durch die Weltwirtschaft, drängt auf Expansion und Vereinnahmung aller ihm erreichbaren Ressourcen. Der Zwang zur Zahlung von Steuern, die räumliche Ausdehnung der Zivilisationen und möglicherweise auch die Folgen des Klimawandels werden Bestrebungen einer indivduellen Freimachung von den Systemzwängen erfolgreich entgegenwirken. Unter dem Strich wird unsere Schaffenskraft weitgehend vereinnahmt, die bloße Existenz zu sichern, anstatt der Widmung ideeller Ziele und utopischer Experimente. Hiervon gilt es sich freizumachen.

Den herrschenden gesellschaftlichen Zustand interpretiere ich als eine Ausprägung evolutionärer Optimierungsstrategien nach darwinistischer Machart. Drei Kapitel innerhalb der Webseite www.seelengrund.de beschäftigen sich mit unserer Gesellschaft als Fortsetzung biologischer Evolution mit den Mitteln von Technik und Verwaltung:

Die Wirtschaft als Population: Evolutionäre Ökonomie
Unternehmen als Indivdiuen: Bioanaloge Unternehmen
Die gesellschaftlichen Folgen: Endomorphose

Der erste Schritt: Abkehr vom System

Die Verfolgung einer Utopie, und sei es nur, um sie gedanklich zu konzipieren, erfordert die Freimachung von den herrschenden Zwängen am System mitzuarbeiten. Wer im Strudel von Wirtschafts- und Umweltkatastrophen oder Kriegen vereinnahmt wird, einen Großteil seiner Lebensenergie auf die Sicherung von Grundbedürfnissen zu verwenden, wird nicht effektiv neue Realitäten entwerfen können. Und wer tagein tagaus das Denken in Kategorien des Wettkampfes und der gegenseitigen Täuschung im geistfreien ökonomischen Alltag trainieren muss, dessen Gedanken werden bestenfalls widerwillig Konzepte von Frieden und Sinn entwerfen können.

Es gilt also, sich in einem ersten Schritt vom herrschenden System zu emanzipieren. Ich will ausdrücklich betonen, dass ich damit nicht einen Angriff auf das System meine. Nur: Wer sein Denken und Schaffen auf eine Utopie weit abseits des heutigen Denkuniversums richten will, der der braucht Freiräume.

Freimachen heisst zunächst die Selbstimmung über die Inhalte des eigenen Tuns zurückzuerlangen. Hierzu können verschiedene Maßnahmen dienen:

- Minderung des Gelderwerbszwanges: Bescheidung des Lebensstils
- Autarkie im Lebensstil: Energie, Wasser, Nahrungsmittel etc.
- Vermeidung werbeintensiver Milieus
- Absage an die Massenmedien
- Bildung von Gruppen Gleichgesinnter

Wo aber das System der globalen Massen uns seine Wirkungen aufzwingt, werden diese individuellen Strategien versagen. Sollte sich etwa der einsetzende Klimawandel entgegen bisheriger Vorhersagen beschleunigen, so wird es möglicherweise zu großen Umsiedlungsaktionen, Kriegen und Versorgungskrisen kommen. In ihrer Bewältigung werden die Staaten wahrscheinlich auf die Individuen zugreifen. So wie der Staat in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise die Individuen über erhöhte Steuern vereinnahmt, wird er sie dann vielleicht durch Zwangseinquartierung von Flüchtlingen, Kriegsdienst oder Zwangsabgaben fordern. Aber auch ohne direkte Eingriff der Machtstrukturen werden die Folgen einer solchen Katastrophe das Indivdiuum stark in Beschlag nehmen.

Wer sich also ganz frei machen will von den Vereinnahmungen und schadhaften Auswirkungen der gegenwärtigen Kampfkultur, der kann nur auf eine weitgehende physische Entkopplung von eben diesem System setzen. Die Geschichte bietet Beispiele solcher Abkehr. Die Benediktiner Klöster im zerfallenden Westrom, religiöse Gemeinschaftssiedlungen wie die der Amish in den USA oder Aussteigersiedlungen der 70er Jahre. Wer solch eine Möglichkeit in Betracht zieht, sollte jedoch sorgfältig die Bedingungen des Erfolges solcher Projekte erforschen, denn viele Projekte sind nach kurzer Zeit gescheitert.

Sollte sich aber die Systemmacht der gegenwärtigen Wettbewerbskultur in der Art einer Globalisierung weiter ausbreiten und sollte dieser Prozess gar durch Katastrophen (Peak Oil, Klimakollaps) beschleunigt werden, so muss ernsthaft über ein Ausweichen auf Lebensräume außerhalb der Erde nachgedacht werden. Autarkie in der Bestimmung der eigenen Lebensinhalte muss das oberste Ziel eines ersten Schrittes hin zu Letzten Utopie bleiben.

Der zweite Schritt: Zuwendung zur Utopie

In dem Maße, wie man sich von Alltagszwängen freimachen kann, entsteht verfügbare Lebenskraft zur Konzipierung und Erprobung des Utopischen. Ernst Bloch verwendet in seinem Werk Das Prinzip Hoffnung die Wendung "Expeditionen in terram utopicam". Die Beschaffenheit der von mir geforderten Letzten Utopie als logische Unmöglichkeit erfordert es, dass sich die Utopisten an die Grenzen der Logik begeben und diese auszudehnen versuchen. Das ist zweifelsohne eine Expeditionen mit ungewissen Erfolgschancen.

An die Grenzen der Logik zu gehen ist nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit schwärmerischen Phantasien, mit esoterischer Beliebigkeit oder Irrationalismus. Die Sinneserfahrungen und die gegenwärtige Logik sind uns gegeben, sie konstituieren weite Teile der von uns erfassbaren Welt. Die strengen Methoden der klassischen Wissenschaft sind geeignet, die Grenzen von Logik und empirischer Welterfahrung sozusagen von innen heraus zu suchen: Man muss Logik und Empirie stringent auf möglichst viele Seins- und Denkbereiche anwenden, um damit haltbare Inkonsistenzen aufzuspüren. Dort, wo die evidente Logik hartnäckig versagt, dort besteht Hoffnung auf ihre Durchbrechung.

Das Bemühen, das ich hier konzipieren will, geht über das Vermögen heutiger Individuen hinaus. Zwei Wege bieten sich an: erstens die technische oder biologische Veränderungen unseres Körpers und zweitens Gruppenarbeit. Bei der zweiten Möglichkeit ist es wichtig, dass Gemeinschaften von Utopisten einerseits ihre Bemühungen koordiniert auf einzelne Fragen und Probleme richten. Andererseits darf dies nicht zur dauerhaften Unterdrückung divergierender Forschungsansätze führen. Als geeigneten Modus betrachte ich die Idee von Tochterkolonien. Wächst in einer Gruppe von Utopisten eine Strömung abweichlerischer Gedanken heran, so sollte die Gruppe den Abweichlern die Gründung einer eigenen Kolonie ermöglichen. Ebenso sollte mit Dissidenten verfahren werden, die nicht die Ziele der Letzten Utopie teilen. Ihnen sollte das würdige Verlassen der Kolonie ermöglicht werden.



Letzte Änderung: 21. Januar 2010 // Vorheriger Eintrag

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