26. April 2009

Expeditionen in terram utopicam

Toleranz und Abkehr



  I have never known much good done by those who affected to trade for the public good.

Adam Smith, 17761)




Jedem sein Paradies

Ich staune immer wieder über die Verschiedenartigkeit menschlicher Vergnügungen. So auch wieder gestern. Ich war mit Bekannten in einem großen - ja was war es eigentlich? Ich versuche es zu beschreiben:

In einem Gewerbegebiet mit breiten Straßen, vielen Parkmöglichkeiten und einer großen Schokoladenfabrik befand sich ein ganz besonders großer Parkplatz, vollgestellt mit Autos. Dahinter ein riesiges, kastenförmiges Gebäude mit allerlei Aufschriften und einer kleinen Terasse, auf der Gastronomiebetrieb stattfand. Über einen Seiteneingang, der anscheinend der Haupteingang war, gelangte man zunächst in das erste Obergeschoss. In einem ausgedehnten Raum standen Billardtische, Tische zum Sitzen und allerlei Spielgeräte herum. Es gab einen Tresen mit Ausschank. Die Musik war zu laut, als dass man sich bequem mit seinem Gegenüber unterhalten konnte. Nebenan im gleichen Geschoss, war ein Fitnessstudio untergebracht. Die Gäste wechselten zwischen den Einrichtungen hin und her. Wir gingen als Gruppe in das Erdgeschoss, wo wir die Bowlingbahnen fanden. Auch hier sehr laute Musik. Aber auch Ausschank und eine kleine Speisekarte. Direkt über den Bahnen hingen Computerbildschirme, auf denen durchgängig Werbung eingeblendet wurde. Ab und zu erschien ein Schriftzug, dass dort eigentlich auch meine Werbung eingeblendet werden könne.

Nach zweieinhalb Stunden Bowling drängte es mich nach draußen, etwas Ruhe genießen. Ich setzte mich auf die Terasse über dem Parkplatz und schaute auf die Schokoladenfabrik. Nebenan ein Lidl-Supermarkt oder ein Aldi oder Kaufland. Ich kann mir die Namen schlecht merken. Auf der schmucklosen Straße herrschte Betrieb, inzwischen war es dunkel geworden und Spica leuchtete tief im Südosten auf. Über die Schokoladenfabrik hinweg konnte man eine hohe Juxmaschine auf einem Rummelplatz sehen: Ein Kettenkarussell wird entlang einer senkrechten Achse in atemberaubende Höhen gefahren. Buntes Neonlicht inmitten der Beton-Asphalt-Ziegel-Szenerie. Ich rauchte einen melancholischen Zigarillo und wanderte gedanklich in den Film Blade Runner2) ab. Es war das gesamte Bühnenbild des Films vorhanden, es fehlten nur der Regen und die fliegenden Autos.

Ich wanderte dann etwas in den zwei Geschossen des Gebäudes umher und betrachtete mir die Gesichter der Menschen dort. Die meisten Gäste kamen in Gruppen und sie wirkten entspannt, gelöst, heiter. Im Spiel wirkten sie entweder sehr konzentriert oder sehr lustig. Die Bedienung der kleine Gastronomie war sehr höflich und hilfsbereit. Und wenn sie kurze Zeiten für sich und unbeobachtet waren, wirkten die Kellnerinnen zufrieden. Wie anders schienen sie doch die Situation wahrzunehmen als ich!

Ich störte mich bereits an der Lage. Gewerbegebiete empfinde ich als häßliche, seelenlose Orte, auf keinen Fall als Orte der Erholung. Ich nehme gerne längere Umwege mit dem Fahrrad in Kauf, um sie zu umfahren. Muss ich über eine größere Parkplatz laufen, kommen mir sofort Gedanken über unseren verantwortungslosen Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten, über die Stillosigkeit unserer Zeit und den drohenden Klimawandel. Und wenn ich dann noch in ein großes, kastenförmiges Betongebilde hineinmuss, dann verfalle ich gänzlich kulturpessimistischen Stimmungen. Laute Musik setzt mich - wie überhaupt alles Laute - direkt unter Stress und ich versuche normalerweise, schnell wieder in die Stille zu kommen. Kam noch die Werbung über den Bowlingbahnen hinzu. Werbung ist mir in jeder Form ein rotes Tuch, umso mehr noch, wenn sie aufdringlich in mein Gesichtsfeld geschoben wird.

Wieder einmal ist mir bewusst geworden, wie sehr meine Wünsche und Sehnsüchte von
denen vieler anderer Menschen abweichen. Was ich ich meide, zieht andere an. Die Beobachtung lässt sich auf weitere Bereiche modernen Lebens ausdehnen. Mir sind Parkhäuser, Einkaufszentren, Rummelplätze, Gewerbegebiete, Autobahnen, Luxusläden, Discounter, Werbung in jeder Form, größere Menschenmengen, Funktelefone, Konkurrenz,  Kaffeeautomaten mit Mahlwerk, Modegeschäfte und Fast-Food-Ketten Ausdruck einer bedrohlichen, häßlichen und expansiv-geistlosen Welt. Für andere Menschen hingegen stehen diese Dinge gerade für das Angenehmen dieser Welt. Der eine isst gerne Sauerkraut, der andere fährt gerne Fahrrad. Mit diesem laxen Spruch haben die Alten in meiner Kindheit die Verschiedenartigkeit menschlicher Wünsche früher kommentiert.

Eine schlechte Folgerung aus dem Missmut über die Welt

Man kann nun leicht dem Reflex unterliegen, diese Welt, die einem so wenig gefällt, als falsch zu betrachten. Und die Menschen, die sie hervorbringen sind böse. Und die Menschen, denen diese Welt gefällt, müssen aufgeklärt werden. Man muss ihnen klarmachen, dass ihre Bedürfnisse falsch sind, dass sie nur einer raffinierten Werbeindustrie aufsitzen und sich letztendlich im kombinierten Konsum-Produktionsapparat versklaven lassen. Man muss die Menschen darüber aufklären, dass ihr jetziges Konsumverhalten strukturelle Armut anderswo auf unserem Planeten verursacht, dass die Folgen des Klimawandel die beiden Weltkriege übertreffen könnten. Man muss sie von ihrem Konsumtrip herunterbringen. Man muss sie missionieren.

I have never known much good done by those who affected to trade for the public good. Mir ist kaum Gutes bekannt, welches von Leuten herrührte, die im Namen des Gemeinwohls handelten. So schrieb 1776 der englische Ökonom Adam Smith in seinem Buch Über den Wohlstand der Nationen. Er mag dabei vielleicht an den englischen Diktator Oliver Cromwell aus dem 17ten Jahrhundert gedacht haben, der zur Wiederherstellung der Sitten neben dem Glücksspiel auch gleich das Tanzen verbieten ließ. Männer wie Wladimir Iljitisch Lenin, Fidel Castro und Robert Mugabe lagen noch in Smiths Zukunft. Auch sie traten an, ihren Völkern Gutes tun zu wollen und errichteten doch letztendlich Zwangsherrschaften.

Tatsächlich kann der Gedanke einer Bekehrung der Vertreter der vermeintlich kaputten Welt auch in der Errichtung einer Diktatur enden. Das wird mir immer dann deutlich, wenn ich mit Befürwortern der von mir so verteufelten "Konsumwelt" rede. Entgegen der Annahme, sie wüßten nicht Bescheid über ihr Tun, wissen viele sehr genau, dass die Werbung einen großen Einfluss hat, dass der Klimawandel wahrscheinlich "kommen wird", dass Armut und Ungerechtigkeit in der Welt irgendwie mit unserm Wirtschaftssystem zusammenhängen und dass es immer Verlierer produziert. Manche, mit denen ich mich unterhalte, argumentieren aber überzeugend, wie man die Welt letztendlich zu einem schönen Ort für alle Menschen machen könnte, unseren Wohlstand mit allen teilend. Dazu dient moderne Technologie, dazu muss man weltweit die Bildung fördern, die Korruption in der Dritten Welt bekämpfen und Demokratien stärken sowie die Industrie ökologisch ausrichten. Wenn das alles gelingt, dann haben alle Menschen Zugang zu den Produkten und Dienstleistungen, die eine intelligente Marktwirtschaft bieten kann. Dieser Utopie kann ich nicht erfolgreich widersprechen. Auch wenn ich skeptisch bin, ob diese Ziele noch vor einer verheerenden Klimakatastrophe oder der Gefahr einer unkontrollierten technologischen Singularität erreicht werden können, so muss ich doch zugestehen, dass die Sache irgendwann machbar sein sollte. Und dann werden alle Menschen Gewerbegebiete, Parkplätze für eine weitreichende Auto-Mobilität und Funktelefone immer und überall genießen können. Was mich in einer letzten Analyse meiner Umwelt stört, sind die Wünsche vieler meiner Mitmenschen.3) Diese teile ich nicht. Meine Wünsche und ihre Wünsche sind nicht vereinbar am gleichen Ort.

Toleranz geht auch nicht

Andere Menschen zu meinen eigenen Wünschen und Ansichten bekehren zu wollen, erscheint mir einerseits wenig erfolgversprechend. Die meisten solchen Versuche endeten in Diktaturen. Und es erscheint mir auch unsympathisch. Das Toleranzgebot, welches ich recht hoch ansetze, wäre dadurch verletzt. Und würde man nicht die Menschen zu Marionetten oder Robotern machen, wenn man ihre Wünsche manipuliert, verändert man dadurch nicht den Kern einer Persönlichkeit (das ist es gerade, was mich an der Werbung stört)?

Nach und nach komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass unsere jetzige Konsumgesellschaft einen ersten großen Schritt hin zur Errichtung einer Utopie der Mehrheit ist. Wenn alles glatt läuft, man nicht von Arbeitslosigkeit betroffen ist, das eigene Treiben keine allzugroßen Ungerechtigkeiten und Gefahren bewirkt, dann sind die meisten Menschen doch in einer Welt aus Autos, Kaufhallen, Unterhaltungselektronik, spaßigen Arbeitsplätzen (die Arbeit muss Spaß machen), mit Wettbewerbskultur, Kurzurlauben im Süden und so weiter zufrieden. Und warum auch nicht, wenn all das für alle Menschen einigermaßen dauerhaft und sicher zur Verfügung gestellt werden kann? Warum sollte man Menschen bekehren, von ihrem Weg abringen, wenn sie doch möglicherweise erfolgreich ihre Utopie errichten?

Also könnte ich doch mein privates Glück für mich alleine suchen! Vielleicht zusammen mit einigen Gleichgesinnten irgendwo hinziehen, wo es ruhig ist, wo die philosophische Erkundung der Welt einen hohen Stellenwert hat, ein materiell bescheidener Lebensstil gepflegt wird.


Bambus als Symbol von Ruhe und Weisheit
J. Kirchhoff: Bambus - für mich ein schönes Bild
von Weisheit und Ruhe



Doch der Weg des toleranten Rückzuges von der Welt erscheint mir leider wenig realistisch. Eine Analyse der menschlichen Triebe legt es mir nahe, dass ein Großteil des menschlichen Verhaltens (nicht alles!) soziobiologisch erklärt werden kann.4) Unser Verhalten und unsere Psyche sind so gestrickt, dass sich unsere Gene bestmöglich weiterverbreiten können. Aggression, Expansionismus und Ausmerzung von Ineffizienzen gehören zum zwangsläufigen Werkzeugkasten der Evolution. Was sich die Mehrheit der Menschen zurzeit als Utopie errichtet, ist in meiner Analyse eine weitgehende Übertragung evolutionärer Prinzipien in die Sphären der Ökonomie und Kultur. Expansion ist dabei Programm. Das Aussteigerdorf im bayrischen Wald oder im Orinoco-Delta wird früher oder später einer Biospritplantage oder einem zentral verwalteten Nationalpark Platz machen müssen. Oder es werden Menschen, die sich nicht in den Produktionsapparat eingliedern lassen wollen, mit Gewalt, Therapien, Medikamenten oder sonst einer Rafinesse zwangseingegliedert. In jedem Fall glaube ich nicht, dass ein Rückzug vom Treiben der Mehrheit auf diesem Planeten dauerhaft glücken wird.


Kolonien im All: Expeditionen in terram utopicam5)

Das Gebot der Toleranz und ein Respekt vor der Utopie der Mehrheit (Konsumwelt) führte mich zu der Idee einer Trennung meines Lebens vom Lebensstil eben der Mehrheit. Aber auch das schien mir keine dauerhaft gute Lösung zu sein, denn die Kultur der Mehrheit betrachte ich als Ergebnis und technologische Erweiterung althergebrachter Evolutionsstrategien, die allesamt auf Expansion abzielen.


Ich möchte ein Wort zu meiner häufigen Verwendung von Personalpronomen der ersten Person einfügen. Das ständige "ich" und "mein" soll nicht eine besondere Hervorhebung der Bedeutung, Originalität oder Richtigkeit meiner Gedanken unterstreichen. Vielmehr soll damit die Unsicherheit erkennbar bleiben, die erfahrungsgemäß mit Ideen verbunden ist, welche nicht von mehreren kompetenten Menschen überprüft oder zumindest ernsthaft diskutiert wurden. Was ich hier auf der Webseite www.seelengrund.de zusammenstelle, greift an vielen Stellen auf wissenschaftliche Veröffentlichungen, Werke großer Denker und Presseartikel zurück. Die Verknüpfung der Gedanken aber zu einem Weltbild, die Ableitung von Wegen zu Utopien und die Verwebung des ganzen mit sehr persönlichen Wünschen und Abneigungen ist aber an so vielen Stellen spekulativ, tastend und gestaltsuchend, dass ich nicht vorgeben kann, die daraus entstehenden Gedankenknäuel würden von mehreren Menschen getragen. Gleichwohl hoffe ich, dass es mehrere Menschen meiner Prägung gibt, doch sind mir derer nur sehr wenige bekannt.

Also hoffe ich, dass es mehrere Personen gibt wie ich
. Menschen mit dem Wunsch, nach einer ruhigen Erkundung der Geheimnisse der Welt, nach einem einfachen Lebensstil, nach Wissen und konkurrenzloser Gemeinschaft, nach reichen menschlichen Beziehungen ohne Anonymität, nach Wahrhaftigkeit ohne dem Zwang zur Verstellung, nach Geborgenheit ohne Effizienzzwang.

Für eine oder mehrere Gruppen solcher Menschen möchte ich Lebenswege entwerfen, die von längerer Dauer sein können. Aufgrund der oben geschilderten Expansionsneigung
der herrschenden Mehrheitskultur messe ich Kolonien im Weltraum eine gewisse Bedeutung bei. Wie diese aussehen könnten, möchte ich an anderer Stelle, später, beschreiben. Hier ging es mir nur darum, den Ursprung der Idee von der Absonderung von der Mehrheit und den Verzicht auf eine "Bekehrung" der Mehrheit zu skizzieren.


________________________________

Quellen und Literaturhinweise

1) Smith, Adam: An Inquiry Into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Ersterscheinung im Jahr 1776
2) Scott, Ridley (Director): Blade Runner. Science Fiction Dystopie mit Harrison Ford. 1982
3) Mit den Wünschen der Konsumgesellschaft setzt sich unter anderem die Soziologin Eva Illouz auseinander. Zum Beispiel in: Der Konsum der Romantik : Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus. Campus-Verlag, Frankfurt am Main/New York 2003
4) Zwei Standardwerke der Soziobiologie sind: Wilson, Edward O.: Sociobiology. A New Synthesis (1975); Dawkins, Richard: The Selfish Gene (1976)
5) Die Wendung "Expeditionen in terram utopicam" habe ich Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung (Ersterscheinung 1953) entnommen.
6) Spencer, Herbert: The Man Versus The State by Herbert Spencer. Ersterscheinung 1884. Gängelungen des Indivdiuums durch den Staat werden aufgezeigt. Spencer plädiert für eine weitgehende Autarkie von Individuen.

_____________________________________
Links zu anderen Themen innerhalb der Webseite www.seelengrund.de

2002: Kyberland: eine ambivalente Utopie/Dystopie

Letzte Änderung: 8. August 2010 // Vorheriger Eintrag

Eine Ebene höher         Oberste Ebene