6. Mai 2009

Expeditionen in terram utopicam

Landor's Cottage I



It is not the purpose of this work to do more than give in detail, a picture of Mr. Landor's residence–as I found it. How he made it what it was–and why–with some particulars of Mr. Landor himself- may, possibly form the subject of another article.

Edgar Allan Poe, 18491)



Landor's Cottage

In seinem letzten Lebensjahr schrieb Poe eine Kurzgeschichte, die er selbst nur eine Skizze nannte. Fast ganz ohne Handlung, stellt Landor's Cottage im Wesentlichen eine bildreiche Beschreibung einer romantischen und aus Poe's Sicht vermutlich idealen Realität dar. Poe verzichtet ganz auf rationalisierende Erörterungen, geht nicht auf die Realisierbarkeit dieser Welt ein und vermeidet in seiner Schilderung alles Unangenehme. Man könnte die Geschichte auch als Fragment einer größeren Utopie sehen.2)

Nach diesem Muster eines handlungslos skizzierten Fragments aus einer größeren, noch ungedachten Utopie, möchte ich im Folgenden Schnappschüsse eines idealen Alltags beschreiben.3)


Im Wald

Ein helles, reiches Grün kleidet die hohen Buchen und Eichen. Ruhig tröpfelt es von den  Bäumen. Der feine Nieselregen ist gerade vorüber und zarte Dunstschleier ziehen die steilen Hänge entlang. Vogelgezwitscher ist zu hören. Auf dem Weg ziehen Schnecken ihres Weges. Es duftet nach frischem Moder. Ab und zu erhellt die Sonne mit warmen Strahlen den Wald. Der breite Weg folgt sanft den Höhenlinien der licht bewaldeten Hügel.


Jürgen Kirchhoff: Eifelmoor


Das Dorf

Die Häuser des Dorfes stehen lose angeordnet vielleicht 80m voneinander entfernt, umgeben von Wiesen und Hecken. In der Mitte dieser kleine Siedlung steht eine große Linde neben einem ummauerten Brunnen. Holztische und Bänke verraten, dass hier wohl öfters zusammengekommen wird. Die geschwungenen, selten gerade geführten, fein geschotterten Wege bieten einen zugleich festen wie weichen Tritt. Die Menschen sind schlicht aber zwanglos gekleidet. Einfache Jeans-Hosen und einfarbige T-Shirts sieht man oft. Die Häuser haben alle ein Fundament aus ortsüblichem Sandstein, das bis etwa 1m über den Boden reicht. Darauf befindet sich ein Fachwerk aus dunklem Holz, mit Gefache aus glattem Lehm. Kein Haus reicht über das zweite Geschoss. Auf den Dächern sieht man überall Solaranlagen. Vor jedem Haus ist eine große Verandah, auf der gerne einige Menschen sitzen und plaudern. Manche verrichtet dabei ruhig etwas Handarbeit.


Auf der Verandah

Das Alte Ehepaar hört den jungen Leuten aufmerksam zu. Die junge Leute reden viel, aber ruhig; von ihrem Studium in den Städten, von Reisen, von ihren Lebensplanungen und von den großen Theorien über die Welt. Im Garten spielen Kinder. Hin und wieder füllt ein Frau mittleren Lebensalters die Gläser mit Getränken auf oder sie stellt leckere Happen zum Essen auf den Tisch.

Die Alten fragen ab und zu nach dem genauen Ort, der gerade beschrieben wird, nach dem Namen eines neuen Studienganges und nach den neuesten Erkenntnissen auf diesem oder jenen Wissensgebiet. Dann erzählen sie, warum sie diese oder jene Denkrichtung früher begeistert unterstützt hatten, in ihr aber heute eher eine Sackgasse vermuten. Sie erzählen, wie die Orte früher aussahen, die die jungen Leute besuchen wollen.


Im Kaufhaus

Das Kaufhaus bietet alles, was man zum täglichen Leben benötigt. Frische Backwaren, Gemüse und Obst aus der Gegend, in einer kleinen Ecke auch exotische Waren aus der Ferne. Werkzeug, Elektronikartikel und Kleidung sind in eigenen Räumen untergebracht. In den jeweiligen Räumen haben die Handwerker des Ortes Stände. Sie beraten die Kunden. Die Auswahl ist klein, doch es heißt, die Ware sei gut, die Geräte würden lange halten und ihren Zweck stets erfüllen.


Der Verkehr

Die Menschen ziehen oft Karren hinter sich her, doch ohne jede Mühe, auch wenn sie voll beladen sind mit schweren Dingen. Die Karren haben in ihren Naben leise Elektromotoren. Sie folgen damit dem Zug, den sie über die Deichsel erhalten.

Am Rande der Siedlung stehen einige Elektrotaxen, die jeweils gut 10 Personen Platz bieten. Je nach Witterung, kann das Dach der Taxen zurückgefahren werden und man sitzt als Passagier unter freiem Himmel. Die Taxen dienen vor allem dem Verkehr mit anderen Dörfern und der Stadt. Die Reise in die Stadt, eine Strecke von etwa 35km, dauert gut anderthalb Stunden und führt in gemächlichem Tempo durch idyllische Täler, Wälder und über die vielen Wiesen rundum.

Eilige Transporte, etwa im Krankheitsfall, werden per Flugzeug erledigt. Eine Asphaltbahn bietet den sechsitzigen Propellermaschinen bei fast jeder Witterung Start- und Landemöglichkeiten. Auch für sehr große Entfernungen werden gerne die auffällig leisen Propellermaschinen eingesetzt.
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Neben den Taxen steht der Flugzeughangar und an ihn angebaut befindet sich eine kleine, helle Hütte mit wohnzimmerartigem Inneren. Dies ist zugleich der Warte- als auch der Schalterraum. Alle Dorfbewohner mit Führerschein dürfen die Taxen fahren, viele verfügen auch über die Flugberechtigung.


Das Haus des Wissens

Am Dorfrand gegenüber jenem mit dem Taxistand befindet sich ein größerer Gebäudekomplex, das Haus des Wissens. Im Stil eines altehrwürdigen Colleges aus Oxford oder Cambridge, doch alles sehr viel kleiner, sind hier verschieden Häuser um Mustergärten, Teiche, Innenhöfe und große, technische Ausstellungsstücke angeordnet. Die Anordnung beinhaltet Elemente aus Museen, Bibliotheken, maurischen Lustgärten, orientalischen Hamams, ruhigen Biergärten, dörflichen Grundschulen und modernen Hochschulen. Verstreut über die Anlage finden sich auch kleine Pensionszimmer. Architektonisch sind die einzelnen Stilrichtungen klar voneinander getrennt. Nirgends sieht man große Menschenmengen.

Alle Räume stehen jedem Besucher offen. An den Wänden hängen oft große Tafeln. Auf ihnen stehen unter anderem die Belegungspläne der Räume:

- Konferenz über die aktuellen Möglichkeiten interstellarer Siedlungsprojekte
- Kleiner Zirkel Botanik
- Erfahrungsaustausch Krankenpflege
- Einführung in die Grammatik neuer Sprachen (ab 12 Jahren)

In einer großen Bibliothek findet man in fester Buchform die Standardwerke der Geistesgeschichte. Über gediegene Computerschittstellen kann man sich aber auch jede andere elektronisch verfügbare Werke auf E-Papier herunterladen. Zum Aufenthalt laden gemütliche Sitzecken (Leder, Rattan, solide Schreibtische) ein. Personal kann Getränke und Kleinigkeiten zu Essen reichen. Die Menschen hier arbeiten und lesen oft alleine, sind aber auch manchmal in Kleingruppen anzutreffen. Ihre offenen Mienen zeigen, dass man sich ihren Gesprächen gerne anschließen darf.
5)


Tagesablauf

Mit dem Aufgang der Sonne mischen sich unter die Töne der Natur langsam auch menschliche Geräusche. Man hört Wasserleitungen rauschen, Menschenstimmen, Türen gehen und so weiter. Im Sommer frühstücken die Bewohner und Besucher gernne auf den Verandahs ihrer Häuser. An der Dorflinde wird bei gutem Wetter auch oft ein Frühstücksbuffet aufgebaut. An Stehtischen finden dann allerlei ruhige Gespräche statt. Etwa drei Stunden nach dem Aufstehen beginnt der eigentliche Arbeitsalltag. Die Mechaniker warten und reparieren die Maschinen. Schüler und Lehrer treffen sich im Haus des Wissens, das Kaufhaus ist geöffnet. Da die materiellen Bedürfnisse der Bewohner nicht allzu groß sind und das Miteinander mit der Natur gut geregelt ist, ist die notwendige Arbeit nicht viel. Man arbeitet pro Tag etwa drei Stunden netto, doch verteilt über viele mehr Stunden. Einkäufe, Gespräche, Besuche und so weiter lassen sich bequem in den Arbeitsalltag integrieren. Das Mittagessen wird gerne in kleinen Schenken rund um die Dorflinde gemeinsam eingenommen. Wenn es abends dunkler wird, ziehen sich die Menschen wieder in ihre Häuser oder in Gemeinschaftsräume zurück. Das Abendessen ist eher privat. Auch finden wochentags kaum Abendveranstaltungen statt. Die Abende unter der Woche gehören persönlichen Besuchen oder der Privatsphäre.


Im Reisebüro

Im Warteraum des Taxi- und Flugplatzgebäudes befindet sich auch ein kleiner Tresen mit einigen Prospketen an der Wand und einem Computer. Dies ist das Reisebüro. An einem tiefen, runden Tisch nebenan sitzt ein älterer Herr, der Reiseberater. Man erfährt von ihm über andere Dörfer und Städte. Er weiß oder kann in Erfahrung bringen, welches Interesse die Bewohner in den jeweiligen Orte verfolgen, welchen Lebensstil sie pflegen, welche Besucher sie wünschen. Etwa 4 Flugstunden entfernt, auf einer Nordseeinsel, gebe es ein Dorf, dessen Bewohner sich seit einigen Jahren intensiv mit der Gnosis beschäftigten. Sie heißen jeden Gast willkommen, der offiziell oder im privaten Rahmen, etwa in Caféhäusern, darüber das Gespräch suche. In Frauenburg, in Polen, plane man im Sommer eine dreimonatige Beschäftigung mit den Lehren des Nikolaus Kopernikus. Dazu wolle man mit den Beobachtungsmitteln und Kenntnisständen des ausgehenden 15ten Jahrhunderts Kopernikus' Denken nachvollziehen. Häufige Sternenbeobachtungen stünden dazu ebenso auf dem Programm wie Diskussionen und Vorträge. Einige am Thema interessierte Privatleute böten gerne Mitwohngelegenheiten an. Für eine angemessene Mithilfe an den Alltagspflichten, böten sie die Unterkunft auch gerne kostenfrei an. Wie ein guter Antiquar meine Leseinteressen aus kurzen Gesprächen erahnt, so kennt der Reiseberater meine Interessen und empfiehlt mir mögliche Reiseziele und -wege.


Ein Ausbildungsabschluss

Ein Gruppe von etwa 25 Menschen hat einen Ausbildungsgang zum Programmierer abgeschlossen. Die Leute im Alter von 17 bis 68 Jahren hatten gut ein Jahr lang zusammen in dem Dorf gelebt. Untergebracht waren sie bei Privatleuten; 5 von ihnen hatten sich zu einer Wohngemeinschaft im Gästehaus der Ausbildungsstätte zusammengetan. Die Gruppe tritt gerade mit ihren Lehrern, Ausbildern und anderen interessierten Personen aus dem Hauptportal des Hauses des Wissens und stellt sich dort für ein Erinnerungsphoto auf. Auf einer Wiese sind Holztische aufgebaut. Gutes Essen, eine Biertheke und Leute aus dem Dorf stehen für einen geselligen Tag bereit. Der Leiter der Ausbildungsstätte schüttelt jedem einzelnen die Hand und spricht einige persönliche Worte. Darüberhinaus aber gibt es keinerlei Zeremoniell. Man hört kein Klatschen, keine Reden, keine Gratulationen, keine Urkunden werden überreicht. Stattdessen angeregtes Reden und viel Ausgelassenheit. Einige Personen stehen oder sitzen abseits, was aber niemand - auch die Personen selbst - nicht stört.6) Später wird ein Trio Musik spielen. Die stilistisch sehr abwechslungsreiche Musik ist so leise, dass sie kein Gespräch stört. Will man die Musik genießen, muss man sich sehr nahe an die etwas abseits platzierten Musiker heranbegeben.



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Quellen und Literaturhinweise

1) Das Zitat stammt aus der 1849 geschriebenen Kurzgeschichte Landor's Cottage von Edgar Allan Poe.
2) Weitere Fragmente utopischer Realitäten Poe's sind The Domain of Arnheim (1847) und The Landscape Garden (1842)
3) Eine ähnliche Idylle zeichnet der 2002 veröffentlichte Spielfilm Dinotopia, nach der Romanvorlage von James Gurney.
4) Das Idyll eines beschaulichen Landlebens findet sich in vielen Idealwelten, etwa in dem Mystery-Horror-Film The Village aus dem Jahr 2004. In meinem Traum spielt jedoch die Technik eine förderliche Rolle.
5) Eine ähnlliche Hochschätzung von Bildung und Wissen findet sich auch in Thommaso Campanellas Sozialutopie Sonnenstaat (um 1602). Sie ist möglicherweise an den typischen Charakter des Beobachters in der Typologie des Enneagramms geknüpft.
6) Während des Schreibens kommt mir das entworfene Bild kitschig, naiv und versponnen vor. Ähnliche Gefühle hatte ich bei der Lektüre von Louis-Sébastien Merciers Zukunftsutopie  L'an deux mille quatre cent quarante. Rêve s'il en fût jamais (Das Jahr 2440. Ein Traum aller Träume.) aus dem Jahr 1771 sowie bei H. G. Wells The World Set Free aus dem Jahr 1913. Je konkreter, je alltäglicher und detaillierter die Bilder der Utopie werden, desto fragwürdiger scheinen sie mir auch. Aber letztendlich muss doch eine erstrebte Zukunft im Detail bestehen können! Als raumzeitliche Kreaturen leben wir im täglichen Detail, im Hier und Jetzt. Und nur aus solchen Bildern des Hier und Jetzt kann die konkrete Utopie gezeichnet werden. Seltsamerweise gelingt es mit solchen Detailbildern sehr viel einfacher (auch unfreiwillig) Skurrilitäten zu erzeugen, als ernstzunehmende Vorschläge einer besseren Welt.

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Andere Fragmente des Utopischen auf www.seelengrund.de

2003: Drummers in Space (Traum)
2003: Marskolonie (Utopie mit zynischem Selbstzweifel)

Letzte Änderung: 29. August 2010 // Vorheriger Eintrag

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