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August 2009 Expeditionen in terram
utopicam Die Seele als Quelle von Wahrheit Die Seele ist eine Kreatur, die alle genannten Dinge empfangen kann, und ungenannte Dinge kann sie nur empfangen, wenn sie so tief in Gott empfangen wird, dass sie selbst namenlos wird. Meister Eckehart Die Seele auf der Suche nach Gott1) |
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Die
Seele
als Quelle von Wahrheit Für den mittelalterlichen Mystiker und Gelehrten Meister Eckehart bot die Seele die Möglichkeit zur Zusammenkunft mit Gott. Das Gotteserlebnisse war gänzlich dem weltlichen Sein entrückt und von unbeschreiblicher Freude geprägt. Gott war als Prinzip des Guten nicht rational fassbar. Eckehart sagt: "Zerginge das Feuer, so wäre kein Licht; zerginge die Erde, so wäre kein Leben; zerginge die Luft, so wäre keine Liebe; zerginge das Wasser, so wäre kein Raum. Darum ist Gott nicht Licht noch Leben noch Liebe noch Natur noch Geist noch Schein noch alles, was man in Worte fassen kann. Es ist Gott in Gott, und Gott ist aus Gott geflossen..."1) Gott ist nicht ableitbar aus
der Schau der Welt. Vielmehr ist die Welt ableitbar aus Gott. Und nach
Eckehart gibt es in der Seele einen Ort, der mit jenem Urprinzip,
welches Gott ist, eins werden kann: "...und Gott befindet sich in sich selbst als Gott und befindet sich in all seinen Kreaturen als Gott und befindet sich insbesondere in einer edeln Seele."1) Der Mystik war die Versenkung in die Innerlichkeit des Seelenlebens eine Methode zur Erlangung von Wahrheit und Einsicht. Die Wahrheit kann nicht aus dem Studium der äußeren Welt erfasst werden. Dies wäre der Weg, den die Wissenschaft seit der Neuzeit eingeschlagen hat. Nach einer heute gängigen
Lehrmeinung, sind die Regungen in unserem Bewusstsein nicht Ausdruck
eines eigenständigen Prinzips. Vielmehr reflektiert unser Bewusstsein
bloß materiell, ganz aus dem Ablauf der Welt, erklärbare Umstände: Wir
empfinden Hunger, weil unsere Körper über die Jahrmilliarden geformt
wurden, dass sie bei Nahrungsmangel eben dieses Gefühl empfinden, um im
Evolutionskampf besser bestehen zu können.2) Und genau so sind auch religiöse oder mystische
Gefühlszustände zurückführbar auf den jeweiligen Vorteil, den diese
Zustände in der Evolution verschaffen. Ich will an dieser Stelle meine Ablehnung dieser Haltung nicht begründen, sondern sie deutlich machen:3) Wengleich zwar in unserem Bewusstsein viele Regungen bloß äußere Umstände der Welt zu reflektieren scheinen, so glaube ich doch auf die Existenz einer Seele hoffen zu dürfen, deren Regungen nicht in der Welt wurzeln, sondern in einem eigenständigen Prinzip. Das folgende Schema soll die
mögliche Stellung von Seelenregungen und äußerer Welt zueinander
verdeutlichen:
Zum
Verhältnis von Seele und Welt
Glaubt man der zweiten
Hypothese, nämlich dass etwas Geistartiges die Welt erzeugt,4) so stellt sich unter anderem die Frage nach dem Stellenwert
unserer individuellen Seelenregungen. Sind die in ihr angelegten
Denkstrukturen und Wünsche bereits Ausdruck höchster Erkenntnis oder
weisen sie zumindest in Richtung höherer Erkenntnis? Dies möchte
ich unbedingt bejahen. Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden, Erkenntnis,
Freude
leuchten mir als erstrebenswerte Seinsweisen sofort ein. Nicht als
wünschenswert vorstellbar ist mir hingegen das Vorherrschen von
Ungerechtigkeit, Unfreiheit, Krieg, Unkenntnis und Freudlosigkeit. Nun
nehme ich diese Wünsche als gegeben hin und gerate damit in
Schwierigkeiten zweier Art: Ersten stehen diese Wünsche in krassem
Gegensatz zum sichtbaren Gang der Welt. Und zweitens gelange ich mit
diesem Wünschen immer in innere Widersprüche, wenn ich sie logisch mit
konkreten Inhalten füllen will. Der Reihe nach: Wie kann es
sein, dass der Geist eine Welt erzeugt, die seine eigenen Wünschen
zuwiderläuft?5) Eine mangelhafte Schöpfung ließe sich auf verschiedene
Weisen erklären: Das schöpfende Prinzip ist nicht allmächtig. Entweder
benötigt es für seine Schöpfung Zeit und wir sind Teil des
Schöpfungsaktes, der letztendlich gelingen wird. Oder aber selbst der
Erfolg der Schöpfung ist letzendlich unklar. Wir arbeiten
möglicherweise an der Schöpfung mit, sind zumindest in sie eingebunden,
es bleibt aber offen, ob es jemals einen besseren als den unsrigen
Zustand geben wird. Eine andere Erklärung wäre die, dass das Leid in
der Welt nur Illusion ist, das schöpfende Prinzip mit dieser Welt einen
höheren Zweck anstrebt, den wir aber nicht erkennen. Vielleicht will
das schöpfende Prinzip mit dieser Welt bloß Erfahrungen machen, in der
Gewissheit, dass sie vergänglich ist und jederzeit durch eine bessere
Welt ersetzt werden kann. Und zuletzt ließe sich die Mangelhaftigkeit
der Welt mit einem boshaften Schöpfer erklären, dem es gefällt, seine
Kreaturen leiden zu sehen. Zumindest stört es ihn nicht. Ich möchte der Sicht zuneigen,
dass die Welt sich noch im Akt der Schöpfung befindet und das Ergebnis
offen ist. Eine bessere Welt wird nicht von alleine durch den Fortgang
der Evolution entstehen. Im Gegenteil. Aber auch das schöpfende Prinzip
wird die Welt nicht zuverlässig besser machen. Denn: wir sind Teil des
schöpfenden Prinzips. Was wir nicht tun, bleibt ungetan. In unsere
Seele regen sich die Ziele, auf die hin wir die Welt weiterentwickeln
können. Und in Form von Verstand und Logik haben wir Werkzeuge, diese
Entwicklung voranzutreiben. Zwei Untersuchungen müssen die
Regungen unserer Seele unterzogen werden: Welche Regungen entspringen
tatsächlich der existierenden Welt und welche Berechtigung haben diese
Regungen angesichts der zu erstrebenden Utopie? Konkret als Beispiel:
Freude am Wettkampf, ja selbst an schärfster Konkurrenz bis hin zum
Krieg, kann als Produkt einer darwinistischen Evolution aufgefasst
werden. Rechtfertigt diese Herkunft damit auch gleich die Regungen oder
müssen sie vielmehr überwunden werden? Wie stünde es um die Regung nach
Frieden und Liebe, wenn es Naturwissenschaftlern gelänge, auch deren
Existenz ganz auf den Evolutionsprozess zurückzuführen? Mir erscheint
hier die Herkunft einer Regung nicht zu taugen, um ihre Berechtigung zu
betrachten. Wir müssen uns ganz zurück in das eigene Seelenerleben
begeben, um dort zu forschen, nämlich mit der Frage: Wollen wir diese
oder jene Regung, diesen oder jenen Umstand wirklich? Doch selbst hier,
in der Betrachtung der Seelenwünsche selbst, herrscht keine Klarheit.
Denn es finden sich dort Regungen, die beim Versuch ihrer Präzisierung
unklar und widersprüchlich werden. Auch hierzu ein konkretes Beispiel: Barmherzigkeit und
Gerechtigkeit sind beides Regungen in meiner Seele, die auf unbedingte
Zustände einer Utopie verweisen.6) Fülle ich nun Barmherzigkeit mit Sinn, so komme ich immer
dazu, die Vergebung von Schuld miteinzubeziehen. Der Bettler, der
aufgrund eines ausschweifenden Lebensstils in der Gosse landete, soll
auf Vergebung und Hilfe hoffen dürfen. Demgegenüber steht ein Prinzip
von Gerechtigkeit, das ein zuverlässiges System von Folgen für
Verhalten
beinhaltet. Wenn nun in diesem System selbstverschuldete Armut
vollständige Vergebung und volle Hilfe ausschließt, dann lässt sich
keine Barmherzigkeit denken. Lässt man aber die Barmherzigkeit nur
manchen Mitmenschen zuteil werden, so entsteht eine Ungerechtigkeit
gegenüber den anderen. Und verzichtet man ganz auf strafende,
vorenthaltende Elemente im System der Gerechtigkeit, so wird man von
der Welt schnell ausgenutzt und letztendlich bekriegen sich die
Ungerechten selbst untereinander. Dieser Widerspruch scheint mir
unauflösbar. Doch anstatt nun die Begriffe Barmherzigkeit und
Gerechtigkeit fallen zu lassen, möchte ich an ihnen festhalten. Ihre
logische Analyse und ihre Spiegelung an der realen Welt müssen auf
Mängel an unseren Denkkategorien, an unserer Logik oder an der
Beschaffenheit der Welt selbst verweisen. Diese Mängel in unserem
Denken oder an der Welt gilt es aufzuspüren. An ihnen soll sich das
unser Tun abmühen. Das meine ich, wenn ich von der Seele als Quelle von Wahrheit rede. In ihr gibt es Regungen, die ich als leitend und grundlegend erachte. Stossen sich diese Prinzipien an der Logik oder an der real existierenden Welt, so sollen Logik und Welt falsch sein. Die praktischen Probleme, die dieses Programm aufwerfen resultieren jedoch gerade aus dem Gang der Welt, den diese Regungen zu überwinden trachten: nämlich dem Zustand eines ständigen Kampfes ums Dasein, der all unserere Ressourcen beansprucht.7) Wer sich ernsthaft mit dem
Status der eigenen Logik
beschäftigen will, um eine friedvolle und sinnhafte Welt zu erschaffen,
der muss sich vom Einfluss jener Menschen frei machen,
die gerade ihre ganze Energie darauf verwenden, den Zustand des ewigen
Kampfes als das Nonplusultra selbst auszugeben. ________________________________ 1) Meister Eckharts mystische Schriften. Übertragen von Gustav Landauer, Berlin: Karl Schnabel, 1903 3) Ich betrachte
weniger die Inhalte als vielmehr die schiere Existenz von Bewusstsein
als ein Rätsel, welches nicht aus der materiellen Welt ableitbar ist.
Siehe hierzu: Emil du Bois-Reymond: Über
die
Grenzen des Naturerkennens. In der zweiten allgemeinen
Sitzung der 45. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu
Leipzig am 14. August 1872 gehaltener Vortrag 4) Als
Berechtigung, überhaupt in diese Richtung denken zu dürfen betrachte
ich die Existenz des quantenphysikalischen Prinzips der Verschränkung:
Nach neueren empirischen Untersuchungen zum Einstein-Podolsky-Rosen
Paradoxon ist es tatsächlich denkbar, dass Zustände der materiellen
Welt unmittelbar von unserem Bewusstein ERZEUGT werden. 6) Das Beispiel stammt von dem dänischen Quantenphysiker Niels Bohr. Er übertrug damit das physikalische Korrespondenzprinzip auf die Sphäre der Ethik. Ich glaube, die entsprechende Passage findet sich in: Bohr, Niels: Atomphysik und menschliche Erkenntnis I. Friedrich Vieweg & Sohn, Braunschweig 1958. 7) In welcher Weise die herrschende Realität unserer Produktionsgesellschaften die Menschen von ihren Sehnsüchten fernhält und sie für die eigenen Zwecke entfremdet kann man nachlesen in: Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Zuerst in den USA 1964 erschienen. |
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Letzte Änderung: 24. Januar 2010 // Vorheriger
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