August 2009

Expeditionen in terram utopicam

Grenzdenken: Wünsche nicht analysiert



Aber der Mensch in seinem unablässigen Drange kann sich mit dieser Grenze nicht begnügen, er will und muß über sie hinausdringen...

Max Planck, 19141)




Jürgen Kirchhoffs Puritaner


Die Grenzen der Logik als Grenzen der Utopie

Die Logik2) setzt dem, was wir uns als Paradies im Sinne einer perfekten Welt denken können Grenzen. Wer sich Allmacht wünscht und gleichzeitig in einer Welt allmächtiger anderer Wesen leben will (Ideal der Gemeinschaft) der wird nicht umhin können, die Einschränkung der Allmacht im Falle konkurrierender Wesen anerkennen zu müssen. Eine Gemeinschaft allmächtiger Wesen, die ohne Einschränkung ihrer Allmacht existieren, ist logisch nicht denkbar.

Ich möchte gezielt die logischen Grenzen der Utopie aufsuchen. Doch der Schluss soll nicht sein, die Utopie an diesen Stellen aufzugeben, sondern nach einer Überwindung der logischen Barrieren zu suchen.


Denken an der Grenze der Vorstellungskraft

Das eigene Denken und die Logik als möglicherweise unzureichend aufzufassen ist der Ansatz, den ich hier verfolgen will. Das Ziel ist es, ein widerspruchfreies Denken zu entwerfen, welches die Verwirklichung der Utopie ermöglicht. Das setzt die Überwindung der gängigen Logik voraus.

Es kann aber nicht richtig sein, die gängige Logik einfach zu verwerfen und irrationale Aussagen oder offensichtliche Widersprüche unaufgelöst hinzunehmen. Vielmehr muss unser Denken zu Einsichten fähig werden, die als uneingeschränkt wahr erkannt werden und mit den utopischen Wünschen widerspruchsfrei koexistieren können. Wie ein solches Denken aussehen kann, ist mir unklar.

Als Weg der Annäherung an ein solches translogisches Denken scheint es mir nützlich zu sein, zunächst die Grenzen unserer Logik, unseres Denkvermögens zu verinnerlichen, sich lange dort aufzuhalten.3)





Dabei sollen logische Grenzen aus verschiedenen Bereichen des Denkens gemeinsam betrachtet werden. Dies birgt zweierlei Chancen. Zum einen könnten Lücken oder Fehler in der Logik aus einer Gesamtschau heraus erkennbar werden. Zum anderen wäre es denkbar, dass ein neues Denken in einem Bereich, etwa der Physik, sich fruchtbar auf einen anderen Bereich, etwa die Ethik übertragen lässt.


Grenzen ontologisch-physikalischen Denkens

  1. Der Kosmos ist begrenzt: Wenn der Kosmos aus einer endlichen Zahl von Elementen besteht, die eine endliche Zahl von Zuständen einnehmen können, dann sind auch die möglichen Gestalten des Kosmos, also die Gesamtzustände, begrenzt. Dies setzt dem Willen nach unbegrenzter Freiheit in der Gestaltung Grenzen. Unser Wille kann bezüglich der Gestaltung der Welt bestenfalls aus vorgegebenen Möglichkeiten wählen. Das fühlt sich unbefriedigend an.  
  2. Die Unvorstellbarkeit des Unendlichen: Bereits als Kind erkennen viele Menschen die Faszination aber auch die Auswegslosigkeit des Versuches, sich das Unendliche vorzustellen. Dass zum Beispiel der Raum niemals aufhören soll, das können wir uns nicht vorstellen. Aber auch das Gegenteil ist unvorstellbar, denn was käme nach dem Ende des Raumes oder nach dem Ende der Zeit? Dies ist für mich eine der stärksten Indizien dafür, dass mit unseren menschlichen Denkkategorien grundsätzlich etwas nicht ganz ausgegoren ist. Schopenhauer sagt im § 20 seines Werkes Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde: "...eine erste Ursache ist gerade und genau so undenkbar, wie die Stelle, wo der Raum ein Ende hat, oder der Augenblick, da die Zeit einen Anfang nahm".
  3. Das Nichts: Können wir uns ein Nichts vorstellen? Angenommen der Raum sei begrenzt und hinter der Grenze beginne das Nichts. Was passiert dann mit einer Kugel die mit beharrlicher Geschwindigkeit die Grenze des Raumes erreicht hat und nun eigentlich ins Nichts eintauchen müsste? Verschwindet sie? Prallt sie an der Grenze ab? Bleibt sie einfach stehen in der Ewigkeit? Oder passiert einfach nichts?
  4. Pi = 4 oder Gottes Allmacht: Wenn Gott allmächtig sein soll, dann muss er alles können, nichts darf ihm unmöglich sein. Kann Gott dann machen, dass Pi=4 ist? Kann Gott also den Kosmos so einrichten, dass der Durchmesser eines Kreises viermal in seinen Umfang passt? Falls nein, muss sich Gott dann an die gleichen Gesetze der Mathematik halten wie wir Menschen? Und wenn er das muss, macht dann die Vorstellung von einem Gott überhaupt noch Sinn? Oder aber kann es sein, dass die Bedeutung des menschgeschaffenen Begriffes "Allmacht" in sich unschlüssig ist, wir uns mithin nichts vorstellen können, das einem Allmachtsanspruch genügt und gleichzeitig nicht in Widerspruch zu anderen menschlichen Denkkategorien gerät?
  5. Akausalität: Können wir uns vorstellen, dass etwas ohne jegliche Ursache geschieht? Können wir uns einen Stein im leeren Weltraum vorstellen, der plötzlich von sich seine Bewegungsrichtung ändert?

Grenzen existenziellen Denkens
  1. Die Entbehrlichkeit von Bewusstsein: Bewusstsein im Sinne der grundlegenden Fähigkeit zu Erleben, Wahrzunehmen ist im momentanen Weltbild der Naturwissenschaften zwar nicht störend (solange es keine Wirkung hat) aber auch nicht notwendig, Dennoch gibt es Bewusstsein. Wozu also ist es gut?
  2. Der Zweck des Seins ist nicht vorstellbar: Welchen Sinn könnte das Sein haben, wenn die Welt zeitlich begrenzt ist? Wenn doch alles irgend wann einmal endgültig vorbei ist, dann macht doch auch nichts auf Dauer Sinn. Sinn kann es nur in der Ewigkeit geben. Welchen Sinn aber sollte aber ein Wandel in einer ewiglichen Welt machen? Denn: Muß das Ziel des Seins nicht perfekt, vollendet sein um unseren Ansprüchen an ein wirkliches Ziel zu genügen? Muß sich das Vollendete nicht dadurch auszeichnen, dass es keinerlei Verbesserung mehr bedarf? Im Zustand der Vollendung müßte die Welt also quasi-statisch sein. Nichts von Bedeutung in ihr dürfte sich mehr verändern. Welche Sinn könnte aber ein solchermaßen eingefroreren Zustand haben?
  3. Gottes Güte und Allmacht: Wenn Gott allmächtig ist, wie kann er dann all das Leiden unschuldiger Wesen (Neugeborene) zulassen? Dieses Problem wird in der christlichen Theologie unter dem Stichwort "Theodizee" behandelt. Es zählt zu einem der größten Vorbehalte gegen die Vorstellung eines allmächtigen Gottes. Das Problem muss in allen Religionen auftauchen, die einem Gott Güte und Allmacht zugleich zuschreiben.
  4. Logischer Zirkel: Kann Gott (oder sonst etwas Allmächtiges) einen Stein machen, der so schwer ist, dass er ihn nicht heben kann?   
  5. Freier Wille: Macht die Vorstellung eines freien Willens Sinn in einer Welt, die vollständig durch kausal-determinierte Abläufe geregelt ist? Wie frei wäre ein Gott, wenn er sich an Naturgesetze halten müsste? Wie frei sind wir Menschen, wenn sich all unser Tun behavioristisch oder sonstwie naturwissenschaftlich erklären ließe?
  6. Allmächtige Einsamkeit oder Minderpotenz: Gedanklich fassbar wäre eine Existenz, in der ich vollkommen die mich umgebende Welt bestimmen kann. Ich wäre mit göttlicher Allmacht ausgestattet. Was mich an dieser Vorstellung aber stört ist die Einsamkeit. Also wünsche ich mir Gesellschaft herbei. Diese würde mich aber nur befriedigen, wenn sie nicht meinem Willen unterstehen, ich also in Gesellschaft freier Personen wäre. Das aber wäre eine Einschränkung meiner Allmacht, was ich auch nicht akzeptieren will. Ein Ausweg wäre der folgende Gedanke: Alle empfindsamen Wesen unserer Welt können durch Erkenntnis eines endgültigen Wissens teilhaft werden, welches diese Wesen aus freier Überzeugung und individuellem Antrieb eine perfekte Welt erschaffen lässt. Doch dann tritt das Problem auf, dass mich die überlegene Logik des endgültigen Wissens in meiner Freiheit einschränkt.
  7. Gemeinschaft freier Individuen: Ich hätte gerne Gemeinschaft. Ich hätte es gerne, dass die anderen Wesen in der Welt freiwillig mir wohlgesonnen sind. Das verträgt sich aber nicht mit ihrer Freiheit.
  8. Das Dilemma der Kausalität: Shakespeares Macbeth hat von Hexen die Prophezeihung erhalten, dass er König würde. Angesichts der Möglichkeit, diese Vorhersage durch einen Mord an König Duncan zu verwirklichen sinniert er: "If Chance will have me King, why, Chance may crown me, Without my stir". Dieses Problem stellt sich der praktischen Rechtssprechung in der Form, dass zu beurteilen ist, ob ein Täter Opfer seiner Vergangenheit war oder aus eigenem Antrieb handelte. Welche Konsequenz müsste eine Rechtssprechung ziehen, wenn die Wissenschaft einmal belegen sollte, dass alle Ereignisse vollständig durch Naturgesetze vorherbestimmt sind?
  9. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit schließen sich gegenseitig aus. Versteht man Gerechtigkeit als die Anwendung eines klaren Regelwerkes zur Vergeltung von guten und bösen Taten oder Absichten (im Sinne des Karma-Gesetzes) und versteht man unter Barmherzigkeit oder Gnade gerade die Hinwegsetzung über solche Gesetze, so sind die beiden Begriffe widersprüchlich.
  10. Der Widerspruch der Gefühle oder: ist das Angenehme auch das Gute? Können menschliche Gefühle Ausdruck göttlichen Willens sein, Ausdruck eines zielstrebigen in sich widerspruchsfreien Willens den Gang des Kosmos zu beeinflussen? Sind unsere Gefühle vielleicht nichts anderes als göttliches Mitgefühl? Ist das was wir als Lust empfinden gleichzusetzen mit dem Guten, Gottes Wille? Falls ja, dann taucht das Problem auf, dass die unterstellten Emotionen eines Sadisten oder lebensverachtenden Tyrannen genauso ein und dem selben Ziel dienlich sein müssen, wie die Gefühle deren Opfer. Und es stellt sich die Frage, warum wir uns dann als isolierte Einzelindividuen empfinden und nicht bewusst eine Teilhabe an einem göttlichen Überwesen empfinden.

Grenzen ethischen Denkens
  1. Gottes Grausamkeit: Diesse Problem bezieht sich nur auf den biblischen Gott und hinterfragt somit den Anspruch des christlichen Glaubens, alle Fragen erschöpfend beantworten zu können. Denn im Alten Testament finden sich Passagen, in denen Gott als Rächer auftritt, in denen er aus Zorn Leid erzeugt. Das Neue Testament zeigt dann einen ganz anderen Gott. Wie kann für einen allmächtigen Gott ein solcher Sinneswandel nötig werden?
  2. Das Demokratie-Dilemma: Sollte eine Demokratie es akzeptieren, wenn sich die Mehrheit der Wahlberechtigten für die Abschaffung der Demokratie entscheidet? Beispiele: Die NSDAP kam 1933 über legitime Wahlen an die Macht, die FIS in Algerien 1991 ebenso.
  3. Das Dilemma der offenen Gesellschaft: viele Gesellschaften bezeichnen sich als "offen" in dem Sinn, dass das menschliche Individuum weitgehende Rechte auf persönliche Entfaltung gegenüber dem Gesellschaftskollektiv genießt. Ein Feind offener Gesellschaften sind Überwachungstätigkeiten des Staates. Wie soll eine offene Gesellschaft mit nicht legitimierter Gewalt umgehen, die von Individuen ausgeht, wenn die Gewalt durch eine Ausdehnung staatlicher Überwachungstätigkeit eingedämmt werden könnte?
  4. Das Pharma-Dilemma: Pharma-Konzerne investieren große Geldsummen in die Entwicklung von Medikamenten. In einer Marktwirtschaft können sie dies dauerhaft nur dann tun, wenn sie über den Verkauf von Medikamenten Erlöse erwirtschaften. Ein Konzern kann Medikamente im großen Mittel nicht unter Preis verkaufen, ohne dass er seine eigene Existenz gefährdet. Wie aber soll sich ein Konzern verhalten, wenn sich nicht jeder Patient die Medikamente leisten kann? Gibt er die Medikamente aus humanitären Gründen unter Preis ab, so fehlt im womöglich das Geld für zukünftige Forschungen und zukünftige Patienten müssen auf die Weiterentwicklung von Medikamenten verzichten. Besteht der Konzern aber auf dem Marktpreis für das Medikament, so sterben oder leiden womöglich Menschen denen ansonsten unmittelbar geholfen werden könnte. Diese Thematik ist im Zusammenhang mit der AIDS-Epidemie Gegenstand von Gerichtsverhandlungen in Süd-Afrika (um 2000).
  5. Das Pazifismus-Dilemma: Wie soll sich eine pazifistische Gesellschaft verhalten, wenn ein gewaltbereiter Gegner droht, sie abzuschaffen und seine eigene - gewaltbasierte - Herrschaft an ihrer Statt zu errichten? Verteidigt sich die pazifistische Gesellschaft mit Gewalt, so ist sie genauso hinfällig, als wenn sie sich dem Aggressor durch Gewaltverzicht ausliefert.
  6. Töten um zu Überleben: Um als Menschen zu überleben müssen wir zwangsläufig den Tod anderer Geschöpfe in Kauf nehmen: wir müssen Pflanzen und Tiere essen, wir können es kaum vermeiden, beim Gehen Kriechtiere zu zertreten oder beim Atmen Insekten einzuatmen. Die einzige Möglichkeit das zwangsläufige Töten anderen Lebens auszuschließen ist der eigene Verzicht auf Leben. In Tibet soll es eine Religion geben, deren Anhänger Atemmasken vor dem Mund tragen, um Flugtiere vor dem Tod durch Einatmung zu schützen und der Buddhismus kommt zu dem Schluss, dass Leid Ungerechtigkeit untrennbar mit dem Leben selbst verknüpft sind und schlägt deshalb (nach gewissen Deutungen) die Einstellung der Fortpflanzung der Menschen vor. Nach welchen Maßstäben sollen wir uns hier verhalten?
  7. Töten um gut zu leben: Über das Töten anderen Lebens zum Zwecke des eigenen Überlebens hinaus gibt es auch ein Töten oder Leiden lassen anderen Lebens, um selbst besser zu leben: Wenn wir einen Vergnügungspark bauen, so sterben ganz sicher viele Erdbewohner aufgrund der nötigen Erdbewegungen. Viele Maulwürfe, Hamster oder Füchse werden in ihren verschütteten Höhlen ersticken. In der maschinell betriebenen Landwirtschaft kommen vielleicht unvermeidlich bodenbrütende Vögel ums Leben. Ist dies gerechtfertigt, wenn eine Landwirtschaft mehr Nahrung produziert als zum gesunden Leben nötig wäre? Ist der Konsum von billig hergestelltem Fleisch unter die Duldung artfremder Tierhaltung gerechtfertigt wenn es Alternativen gibt? Nach welchen Maßstäben sollen wir uns hier verhalten?
  8. Das Dilemma der symbolischen Gesten: Im Wissen, dass in der Welt viele Menschen Hunger leiden, lehren wir unseren Kindern, dass sie mit Essen nicht spielen sollen. Gegenüber einem trauernden Menschen zeigen wir unser Mitgefühl durch Stille und Zurückhaltung. Auf die Anschläge in New York und Washington im September 2001 wurden aus Anteilnahme viele Sportspiele, Feste aber auch sonstige nicht unbedingt spaßbezogenen Veranstaltungen abgesagt. So selbstverständlich wie uns diese Gesten erscheinen, so selbstverständlich sind wir zu anderen Zeitpunkten ausgelassen, wir scherzen und lachen derweil wir aber genau wissen, dass weltweit überall viel Leid herrscht. Sollten wir also auf Gesten der Pietät verzichten, da wir sie zwangsweise auf ausgewählte Ereignisse beschränken müssen und dies einer schwierig begründbaren vergleichenden Bewertung von Leid gleichkommt? Oder sollen wir, wie es etwa Oliver Cromwells Gottestaat im England des 17. Jahrhunderts verordnet hatte, ganz auf Spiel und Spaß verzichten? Beide Lösungen scheinen gleichermaßen unpassend. Was aber hilft uns dann zu entscheiden, ob wir etwa eine fröhliche Bierrunde mit alten Freunden fortsetzen sollen, derweil im Hintergrund aus dem Gaststättenradio die Meldung eines großen Fährunglücks mit einer unbekannten Anzahl an Toten verkündet wird?
  9. Das Dilemma gerechtfertigter Lügen: Selbst wer Lügen grundsätzlich für eine schlechte Tat hält, wir nicht umhin können, dass es Fälle gibt, in denen Lügen kein erkennbares Leid verursacht, aber ganz sicher Leid verhindert. Soll man einem Kind die Wahrheit nahe bringen, wenn es an einer tödlichen Krankheit leidet? Soll man einem sterbenden Unfallopfer noch mitteilen, dass nahe Verwandte in dem gleichen Unfall ums Leben gekommen sind oder soll man lügen, dass sie zwar in einem Krankenhaus lägen und nicht ansprechbar sind, aber nicht in Lebensgefahr schweben? Kann es hierauf eine allgemeingültige Antwort geben?
  10. Das Präventivschlag-Dilemma: ein Staat vermutet, dass eine fremde Macht einen Angriff vorbereitet, ist sich der Erkenntnis aber nicht sicher. Ein Präventivschlag würde den Angriff sicher vereiteln, im schlimmsten Fall wäre er aber vollkommen unnötig gewesen. Welche Ethik hilft uns, im Falle von unsicherem Wissen zu entscheiden? Gibt es eine probabilistische Ethik?
  11. Das Dilemma der "Kollateralschäden": In der militärischen Bekämpfung eines Gegners werden die Entscheidungsträger immer wieder vor das Problem gestellt, dass neben rein militärischen Einrichtungen oder Personen auch zivile Objekte und Menschen (aber auch Tiere) betroffen sind. Wonach sollen Entscheidungsträger hier handeln? Ein drastisches Beispiel ist das Leiden der irakischen Bevölkerung infolge der UNO-Sanktionen seit dem Golf-Krieg Anfang der 1990iger Jahre. Aber auch bei den Operationen der NATO auf dem Balkan im gleichen Jahrzehnt kamen immer wieder ungewollt Zivilisten ums Leben. Das Problem ist letztendlich identisch mit der Frage, ob denn ein Zweck die dazu nötigen Mittel rechtfertigen kann. Man könnte dieses Problem auch das Dilemma der Kollektivhaftung nennen.
  12. Das Dilemma der Geisel-Versicherung: Viele Staaten verbieten es ihren Bürgern, sich gegen Lösegeldforderungen infolge einer Geiselnahme zu versichern. Dies soll verhindern, dass Geiselnahmen als lukratives Geschäft entdeckt werden. Denn statistisch gesehen dürfte es sicherlich wahr sein, dass die Anzahl von Geiselnahmen mit Lösegeldforderungen in dem Maße ansteigen würde, wie Lösegelder auch tatsächlich bezahlt werden können. Wonach sollen wir entscheiden, ob hier der Schutz der Gemeinschaft vor der Solidarität mit einem Individuum (im Sinne einer Versicherung) Vorrang hat?
  13. Das Dilemma der geheimen Lösegeldzahlung: Im Jahr 2000 wurde von den Medien umfangreich über eine Geiselnahme von unter anderem Europäern und Amerikanern auf der philipinischen Insel Jolo berichtet. Letztendlich kamen die Geiseln nach langwierigen Verhandlungen mit den Entführern frei. Es wurde vermutet, dass eine hohe Lösegeldsumme dafür bezahlt wurde, aber keiner der beteiligten (auch nicht die Täter) ließen darüber etwas verlautbaren. Was soll uns helfen zu entscheiden, ob Geiselnehmer überhaupt ihre Lösegeldforderungen erfüllt bekommen sollen, auch wenn dies im Geheimen geschieht? Bestätigt dies nicht gleichermaßen wie eine öffentliche Lösegeldzahlung das Verhalten der Geiselnehmer?
  14. Das Dilemma der Tyrannensouveränität: Wie soll man sich gegenüber einem souveränen Staatsgebilde verhalten, in welchem die Untertanen unterdrückt werden: Artikel 20, Absatz 4 des deutschen Grundgesetzes: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung (das Grundgesetz) zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."
  15. Das Dilemma des reinen Herzens: Sollen wir Taten tun, wenn sie zwar objektiv einen guten Zweck erfüllen, wir aber eher aus niederen Beweggründen handeln? In der christlichen Lehre gibt es Deutungsrichtungen, die die Reinheit des Willens in seiner Heilswirkung über den erzielten Effekt stellen. Praktische Bedeutung erlangt dieses Dilemma, wenn sich utilitaristische Gedanken mit Selbstsucht vermischen und die eigene Motivation nicht mehr klar ist: Man stelle sich vor, man sei ein navigationskundiger Segler auf einer Yacht. Aufgrund widriger Umstände treibt die Yacht mit einer größeren Anzahl von Passagieren und Besatzungsmitgliedern auf unbestimmter Position auf dem Ozean. Es wird ersichtlich, dass manche Menschen sterben könnten und man kann Einfluß darauf nehmen, wer zuerst eher stirbt und wer später. Wenn man selbst der einzige Navigationskundige an Bord ist, dürfte es schwer sein, im eigenen Kopf auseinanderzuhalten, ob man sich auf die Liste der länger Überlebenden setzt, nur um seine eigene Haut zu retten oder ob man dies nur deshalb tut, weil dies der größten Anzahl aller Schiffbrüchigen die größte Überlebenschance bietet.
  16. Das Dilemma der selbstverleugnenden Sünde: Wie ist ein Mensch zu beurteilen, der selbst bewusst sündigt, um damit andere Menschen zu retten?
  17. Das Dilemma der reinen Weste: Waffenexporte in Krisengebiete dürften aller Regel nach Leid eher vermehren als vermindern. Verzichtet ein Land freiwillig auf solche Exporte während aber ganz sicher andere Länder in die Lücke springen, wie ist dann der Verzicht moralisch zu bewerten? Wenn faktisch die Lage in dem Krisengebiet durch den eigenen Verzicht nicht verbessert wird, ist dann der Verzicht des Exportes in seinem Effekt nicht gleich mit dem Export zu setzen? Hier taucht wieder die Frage auf, ob die Motivation oder das Ergebnis einer Handlung Leitfaden für Entscheidungen sein soll.
  18. Das Dilemma der Zahl: ein wohl bekanntes Dilemma wird immer wieder in Versuchen zum moralischen Verhalten von Menschen benutzt: Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges überlegten die US-Amerikaner, ob sie den Krieg gegen Japan vorzeitig durch den Abwurf von Atombomben beenden könnten. Sie addierten dazu Tote gegeinander auf: Ohne Atombombenabwürfe stürben wesentlich mehr Amerikaner (und Japaner) aufgrund der zu erwartenden Widerstände der Japaner. So war der Abwurf der Bomben der Weg mit weniger Toten unter dem Strich. Gibt es eine Arithmetik der Moral? Kann der Wert von Menschenleben aufaddiert werden oder ist ein Leben soviel Wert wie eine beliebige Anzahl anderer Leben?
  19. Das Entwicklungshilfe-Dilemma: Die Gewährung von Hilfestellungen kann den Antrieb zur Selbsthilfe mindern. Wenn die Individuen einer Gesellschaft durch eine gewisse Anspruchshaltung an ihren Staat oder fremde Gemeinschaften geprägt sind, so kann Hilfe durchaus Abhängigkeitsstrukturen schaffen, die einer nachhaltigen Entwicklung einer Region hin zu Selbständigkeit schaden können. Es ist denkbar, dass auf Seite der Bedürftigen erst ein gewisser Leidensdruck entstehen muss, bevor sie bereit sind, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Wie soll man sich hier verhalten, wenn es um unmittelbar nötige humanitäre Hilfe geht? Soll man beispielsweise unterernährte Kinder verhungern lassen, dass deren Väter einen ausreichend hohen Leidensdruck verspüren, Bürgerkriegsaktivitäten einzustellen?
  20. Das Dilemma vom verhöhnten Anstand: "Die Ehrlichen sind die Dummen" lautet der Titel eines Buches aus den 1990er Jahren. Hierfür gibt es viele Trivialbeispiele aus dem Alltag: An deutschen Bahnhöfen herrscht das Recht des schnelleren vor, wenn es um das Besteigen von Zügen geht. Jeder drängelt sich so gut er kann nach vorne, das beobachtet man immer wieder. Soll man Mitdrängeln und somit den Wert des Anstandes für diesen Moment aufgeben? Oder: in einem Supermarkt wird neben einer langen Warteschlange eine neue Kasse aufgemacht. Meistens ist es so, dass die hintersten Wartenden der bestehenden Schlange an den vorderen Leuten vorbeilaufen und diese überholen. Von den Tätern wird dies in der Regel nicht als Drängeln verstanden (als was eigentlich sonst? Als Pfiffigkeit?). Oder: auf deutschen Autobahnen sind bei mäßig dichtem Verkehr die linken Spuren in der Regel dichter befahren als die rechten Spuren. Der Grund hierfür ist wahrscheinich die Tatsache, dass generell sehr dicht aufgefahren wird, also Sicherheitsabstände zwischen den Wagen fehlen. Weicht man also auf die rechte Spur aus, um etwa einem schnelleren Auto Platz zu geben, so wird man oft damit bestraft, dass dem Nutznießer eine lange Schlange weiterer Autos folgt, deren Fahrer einem keine Chance lassen, wieder nach links auszuscheren. Die Konsequenz ist, dass man erst gar nicht nach rechts herüberfährt, sondern gleich links bleibt. Unter dem Strich fahren also alle Verkehrsteilnehmer etwas langsamer, weil jeder der schnellste sein will und Sicherheitsabstände nicht respektiert. Soll man sich nun in dieses niedere Verhalten mitbegeben oder generell das Nachsehen haben? Diese Frage gewinnt eine sehr viel ernstere Bedeutung, wenn es um die Flucht von einem sinkenden Schiff geht! Gibt es eine Ethik die eine Antwort auf die Frage liefert, ob sich in diesem Moment jeder selbst der nächste sein darf, wenn kein diszipliniertes Gruppenverhalten erkennbar ist?
  21. Das Dilemma vom Raubbau am Gruppennutzen: Das Dilemma vom verhöhnten Anstand und das Dilemma vom Raubbau am Gruppennutzen sind eng verwandt und oft identisch. In vielen Beispielen verschafft sich ein Individuum einen momentanen Nutzen, was aber mittelbar zu einer Minderung des Gruppennutzens und letztendlich auch des individuellen Einzelnutzens führt. Beispiele werden durch die Ausbeutung potentiell nachwachsender Rohstoffe geliefert: Die Fischgbestände weltweit sind stark dezimiert durch Überfischung. Sicherlich könnte die Fischereiwirtschaft als Ganzes mehr erwirtschaften, wenn Fangbeschränkungen zur Realisierung einer nachhaltigen Wirtschaft durchgesetzt werden würden. Aber jeder einzelne Fischer oder jede einzelne Firma die auf kurzfristige Fangerfolge verzichtet schadet sich selbst ohne dem Gesamtinteresse zu nützen, denn ein Konkurrent wird sicherlich den Fang machen. Mit dieser Logik haben sich ganze Wirtschaftszweige ihrer eigenen Existenzgrundlage beraubt (z. B: die Austernfischer in der Nordsee), ohne dass ein Individuum hätte etwas dagegen tun können. Nach welchen Maßgaben soll sich ein Individuum hier verhalten? Gibt es eine Ethik, die hierzu Aussagen macht?
  22. Das Dilemma der Familienverantwortung: Viele Menschen können nicht für sich alleine entscheiden, sondern von ihren Entscheidungen sind oft auch mehr oder minder Familienangehörige betroffen. Gibt es eine Ethik die eine Aussage dazu macht, ob Eltern einen Großteil ihres Vermögens wohltätigen Zwecken Spenden dürfen und somit ihren Kindern dieses Geld als "Startkapital ins Leben" vorenthalten? Gibt es eine Ethik, welche einem Widerständler gegen Terrorregimes bei der Entscheidung hilft, ob er sein eigenes Leben aufs Spiel setzen darf, auch gegen den flehentlichen Wunsch seiner Familienangehörigen sie nicht alleine zurück zu lassen?
  23. Das Dilemma der Wahrhaftigkeit: Gibt es eine Ethik, die die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit von Ansichten berücksichtigt? Der katholische Heilige Thomas Morus verweigerte seinem König, Heinrich dem VIII von England, eine rein verbal bekundete Treue indem er nicht dazu bereit war, Heinrichs Scheidung von seiner Frau, Katharina von Spanien, gegen den Willen des Papstes gut zu heißen. Morus berief sich auf sein Gewissen und nahm sehenden Auges seine Enthauptung dafür in Kauf. Er hinterließ eine trauernde Familie, die ihn stets gebeten hatte, das Lippenbekenntis zugunsten Heinrichs um ihres Willen zu leisten.
  24. Das Dilemma der Minderheit: Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl von Personen zu verwirklichen lautet eine immer wieder benutzte Maxime für menschliches Handeln. Wie aber soll man verfahren, wenn man dies "Gesamtglück" durch die Minimierung des Glückes einer Minderheit maximieren kann?
  25. Das Dilemma von der Tyrannenfreundschaft: bei der Diskussion darüber, ob Peking Austragungsort für olympische Spiele werden dürfe wurden zwei gegensätzliche Standpunkte vertreten: durch diese zur Schau gestellte Kumpanei mit einem totalitären Regime, so die Einen, würde man die ständigen Menschenrechtsverletzungen in dem Land ignorieren und somit tolerieren. Die andere Meinung - die auch oft von Wirtschaftsleuten vertreten wird - weist darauf hin, dass freundschaftliche Beziehung zu China letztendlichen den demokratischen Kräften zugute kämen und eine Verwirklichung der Menschrechte eher fördere als behindere. Gibt es eine Ethik, die generell Aussagen dazu macht, welche Art von Kontakten man mit moralisch zweifelhaften Regierungen pflegen darf und welche nicht?
  26. Das Dilemma von der verschütteten Milch: In England gibt es ein Sprichtwort: Don`t cry over spilt milk (beklage nicht die verschüttete Milch). Es ist allgemein bekannt, dass Tiere ein qualvolles Leben dafür führen müssen, dass nutzbringende Medikamente für Menschen entwickelt werden können. Wie soll man sich verhalten, wenn man ein Medikament bräuchte, welches eindeutig mit Hilfe von Tierversuchen entwickelt wurde, wenn man genau weiß, dass nichts von dem geschehenen Leid wieder gut gemacht werden kann? Moralisch ergreifend ist die Verwertung medizinischen Wissens, welches anhand unmenschlicher Versuche an Häftlingen von deutschen Konzentrationslagern im dritten Reich erworben wurden.
  27. Das Dilemma von der Nichtigkeit: Es macht doch eh keinen Unterschied, was ich tue. Diese ernüchternde Erkenntnis gilt für viele Sachverhalte. Man ist einer von etwa sechs Milliarden Menschen auf der Erde und dementsprechend gering ist der eigene Einfluß auf den Gang der Dinge. Welche Aussage trifft eine Ethik dazu, ob man trotz des Wissens um die Nichtigkeit des eigenen Tuns sich aus der Verantwortung stehlen darf. Praktischer Anwendungsfall: wenn man der Meinung ist, dass Autofahren der Umwelt schade und somit auch anderen Menschen, ist man dann automatisch in der ethisch begründbaren Pflicht, das eigene Auto weitgehend stehen zu lassen, wenn man gleichzeitig genau weiss, dass dies so gut wie gar keinen Einfluß auf das globale Klimageschehen hat?
  28. Das Dilemma vom rechtmäßigen Terrorismus: Angenommen eine Regierung erkennt in Folge eines Terroristischen Anschlages gegen das eigene Land vergangene Fehler in der eigenen Politik an. Wie soll sich die Regierung verhalten? Bereinigt sie die Fehler, so erkennt sie rein formal die Wirksamkeit von Terrorismus an und gesteht eigene Fehler ein. Dies Entscheidung mag Ermutigung sein für weitere terroristische Akte und somit den Weg bereiten für mehr Leid. Behebt die Regierung die begangen Fehler aber aus gerade dieser Angst heraus nicht, so wird vielleicht altes Leid fortgesetzt (z. B. im Falle einer unmoralischen Wirtschaftspolitik).
  29. Das Dilemma der Selbstausbeutung: Gesetzlich geforderte Mindestlöhne sollen Arbeitnehmer vor einer Ausbeutung durch Arbeitgeber schützen. Wie soll sich der Staat verhalten, wenn in Zeiten großer Arbeitslosigkeit viele Arbeitnehmer freiwillig bereit wären sich "unter Lohn" zu verkaufen?
  30. Das Dilemma der beschleunigten Katastrophe: Um das Jahr 2000 ist klar, dass die Erde eventuell vor einem größeren Klimawandel stehen könnte. Gesetzt der Fall, man erwartet, dass dieser dramatische Folgen für viele Menschen haben wird, wie sollte man sich dann verhalten? Sollte man sein Herbeikommen beschleunigen oder noch aufzuhalten versuchen? Für die Antwort bräuchten wir Kenntnisse die wir nicht haben. Denn: es könnte ja sein, dass ein Klimawandel nicht mehr aufzuahlten ist. Zu groß ist der Anteil an Treibhausgasen in der Atmosphäre, zu sehr sind bereits hochdynamische Prozesse in den Ozeanen eingeleitet als dass man sie noch verhindern könnte. Jeder Versuch, den Wandel aufzuahlten führt bloß dazu dass er nur verzögert wird um dann mit umso stärkerer Wucht zuzuschlagen. Es könnte nach dieser Logik also sinnvoll sein, die Katastrophe sogar gezielt herbeizuführen, sie zu beschleunigen. Vielleicht sind jene Zyniker die den ungebremsten Ausbau unserer automobilen Gesellschaft fordern in diesem Sinne gar keine Zyniker sondern beinharte Realisten. Wie sollte man sich angesichts dieser Ungewissheit verhalten?
  31. Das Dilemma des toleranten Besserwissers: Gesetzt, ich wäre überzeugt davon, das Wohl anderer Menschen besser zu verstehen, als diese selbst. Beispiel: Ich glaubte fest, dass die Freude meiner Mitmenschen am Autofahren zur globalen Klimakatastrophe beiträgt. Soll ich meiner näheren Umgebung diese Freude miesreden? Oder müsste ich nicht den Menschen ihre Freude belassen, zumal dann, wenn sie mir bewusst entgegnen, die Gefahr des Klimawandels selbst bedacht zu haben? Müsste ich mich dann in menschelnder Toleranz bescheiden oder zum aggressiven Widerstand übergehen? Vorausgesetzt bei diesem Dilemma sei, dass ich das Wohl der anderen im Auge hätte.
In der Auseinadersetzung mit solchen Fragen müsste der Denkprozess immer wieder auf sich selbst reflektieren. Welche mir unbewussten Prämissen lassen überhaupt das Dilemma entstehen? Unter welchen Annahmen könnte ich das Dilemma auflösen?

 
Gesellschaftliche Emanzipation nötig

Ich schreibe an anderer Stelle auf dieser Webseite über den vereinnahmenden Charakter unserer modernen Gesellschaftssystseme
:

Dabei interpretiere ich unsere Marktwirtschaften als Fortsetzung biologischer Evolutionsstrategien auf einer nächst höheren Komplexitätsebene. Alle Individuen werden so weit wie möglich in die Produktions- und Kampfprozesse konkurrierender Abteilungen, Firmen, Staaten oder Marktwirtschaften eingebunden.4) Freie Zeit der Muße, insbesondere für die Beschäftigung mit Dingen, die im Konkurrenzkampf nutzlos sind, muss konsequenterweise möglichst eingeschränkt werden.

Wer sich ernsthaft mit dem utopischen Denken im Grenzbereich des Denkbaren beschäftigen will, muss Strategien einer Freimachung von der gesellschaftlichen Vereinnahmung machen. Diese Vereinnahmung sehe ich nicht nur über die formale Anforderung eines 8-stunden Arbeitstages gesehen. Immer wieder produzieren die gegenwärtigen Gesellschaften Kriege oder Krisen (Klimawandel), die das Individuum zu Anpassungsmaßnahmen zwingen und ihm darüber frei verfügbare Zeit wegnehmen. Hier gilt es meiner Ansicht nach, einen der freien Kontemplation gewidmeten Lebensstil jenseits der herrschenden Wettkampfgesellschaft zu ermöglichen.



Transhumanismus?

Versteht man das Denken als Ausdruck des materiellen Substrates Gehirn und geht man davon aus, dass sich Gehirne über evolutionäre Zeiträume hinweg entwickelt haben, dann spricht nichts dafür, dass dieser Prozess gerade jetzt zum Abschluss gekommen sein soll und das menschliche Gehirn das bestmögliche Erkenntnisorgan in der Geschichte des Kosmos darstellen soll.

Ist es also denkbar, dass wir durch die Veränderung unserer Gehirne ähnliche Qualitätssprünge in unserm Denken erreichen können, wie wir sie zwischen dem Denken eines Lemuren und dem unseren vermuten dürfen?
Link zu archaischem Denken Liessen sich gänzlich neue Formen der Logik, qualitativ neue Kriterien einer Wahrheitsbeurteilung, ganz neue Denkkategorien durch einen Um- oder Ausbau unserer Gehirne verwirklichen?

Angesichts der Gefahren, die allen solchen Versuchen innewohnen, bräuchte es einen neuen Entdeckergeist, eine Pionierhaltung, die Menschen mit eben dieser Absicht hervorbrächte. Könnte es sein, dass neue Gehirne Zugang zu einer Logik finden, mit Hilfe derer sich die obigen Denkaufgaben alle lösen ließen?


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Literatur

Wierenga, Edward R.: The Nature of God. Cornell University Press. 1989

Stock, G.: The Book of Questions. Workman Publishing Company, 1991, ISBN: 156305034X

Du Bois-Reymond, Emil: Über die Grenzen des Naturerkennens. In der zweiten allgemeinen Sitzung der 45. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig am 14. August 1872 gehaltener Vortrag.



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Fußnoten und Literaturhinweise

1) Planck, Max: 'Dynamische und statistische Gesetzmäßigkeit'. Vortrag gehalten am 3. August 1914
2) Den Begriff der Logik selbst möchte ich noch nicht zu sehr einschränken. Auf keinen Fall möchte ich mich auf ein logisches Kalkül festlegen. Ich gebrauche das Wort Logik in einer allgemeinen Form im Sinne von widerspruchsfrei vorstellbar, denkbar, unmittelbar als richtig erkennbar (etwa im Sinne einer platonischen Idee).
3) Die Praxis, sich möglichst intensiv mit scheinbaren logischen Ungereimtheiten oder Paradoxien zu beschäftigen gibt es wohl auch im buddhistischen Kulturkreis. Sogenannte Koans sind Kurzgeschichten und Anekdoten, deren Auflösung oder Moral der Vernunft zu widersprechen scheint oder deren Logik zunächst gar nicht erkennbar ist.
4) Zur Analyse moderner Marktwirtschaften als Wettkampfgesellschaften siehe Der Eindimensionale Mensch von Herbert Marcuse, zuerst in den USA 1964 veröffentlicht.
5) Rosenkrantz, G. S. and Hoffman, J., 1980, “The Omnipotence Paradox, Modality, and Time,” Southern Journal of Philosophy 18, pp. 473-9.
6) Wierenga, E., 1989: The Nature of God: An Inquiry into Divine Attributes (Ithaca, NY: Cornell University Press).


Links innerhalb der Webseite www.seelengrund.de:

2004: Humanismus nicht erfüllbares Ideal
2001: Liste von Aporien und Widersprüchen


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