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Die
Grenzen
der
Logik als Grenzen der Utopie
Die Logik2) setzt dem,
was wir uns als Paradies im Sinne einer perfekten
Welt denken können Grenzen. Wer sich Allmacht wünscht
und gleichzeitig in einer Welt allmächtiger anderer Wesen leben will
(Ideal der Gemeinschaft) der wird nicht umhin können, die Einschränkung
der Allmacht im Falle konkurrierender Wesen anerkennen zu müssen. Eine
Gemeinschaft allmächtiger Wesen, die ohne Einschränkung ihrer Allmacht
existieren, ist logisch nicht denkbar.
Ich möchte gezielt die logischen Grenzen der Utopie aufsuchen. Doch der
Schluss soll nicht sein, die Utopie an diesen Stellen aufzugeben,
sondern nach einer Überwindung der logischen Barrieren zu suchen.
Denken an der Grenze der
Vorstellungskraft
Das eigene Denken und die Logik als möglicherweise unzureichend
aufzufassen
ist der Ansatz, den ich hier verfolgen will. Das Ziel ist es, ein
widerspruchfreies Denken zu entwerfen, welches die Verwirklichung der
Utopie ermöglicht. Das setzt die Überwindung der gängigen Logik voraus.
Es kann aber nicht richtig sein, die gängige Logik einfach zu verwerfen
und irrationale Aussagen oder offensichtliche Widersprüche unaufgelöst
hinzunehmen. Vielmehr muss unser Denken zu Einsichten fähig werden, die
als uneingeschränkt wahr erkannt werden und mit den utopischen
Wünschen widerspruchsfrei koexistieren können. Wie ein solches Denken
aussehen kann, ist mir unklar.
Als Weg der Annäherung an ein solches translogisches Denken scheint es
mir nützlich zu sein, zunächst die Grenzen unserer Logik, unseres
Denkvermögens zu verinnerlichen, sich lange dort aufzuhalten.3)
Dabei sollen logische Grenzen aus verschiedenen
Bereichen des Denkens gemeinsam betrachtet werden. Dies birgt zweierlei
Chancen. Zum einen könnten Lücken oder Fehler in der Logik aus einer
Gesamtschau heraus erkennbar werden. Zum anderen wäre es denkbar, dass
ein neues Denken in einem Bereich, etwa der Physik, sich fruchtbar auf
einen anderen Bereich, etwa die Ethik übertragen lässt.
Grenzen
ontologisch-physikalischen Denkens
- Der Kosmos ist begrenzt: Wenn der Kosmos aus
einer endlichen Zahl von Elementen besteht, die eine endliche Zahl von
Zuständen einnehmen können, dann sind auch die möglichen Gestalten des
Kosmos, also die Gesamtzustände, begrenzt. Dies setzt dem Willen nach
unbegrenzter Freiheit in der Gestaltung Grenzen. Unser Wille kann
bezüglich der Gestaltung der Welt bestenfalls aus vorgegebenen
Möglichkeiten wählen. Das fühlt sich unbefriedigend an.
- Die Unvorstellbarkeit des Unendlichen:
Bereits als Kind erkennen viele Menschen die Faszination aber auch die
Auswegslosigkeit des Versuches, sich das Unendliche vorzustellen. Dass
zum Beispiel der Raum niemals aufhören soll, das können wir uns nicht
vorstellen. Aber auch das Gegenteil ist unvorstellbar, denn was käme
nach dem Ende des Raumes oder nach dem Ende der Zeit? Dies ist für mich
eine der stärksten Indizien dafür, dass mit unseren menschlichen
Denkkategorien grundsätzlich etwas nicht ganz ausgegoren ist.
Schopenhauer sagt im § 20 seines Werkes Über die vierfache Wurzel des Satzes vom
zureichenden Grunde: "...eine erste Ursache ist gerade und genau
so undenkbar, wie die Stelle, wo der Raum ein Ende hat, oder der
Augenblick, da die Zeit einen Anfang nahm".
- Das Nichts: Können wir uns ein Nichts
vorstellen? Angenommen der Raum sei begrenzt und hinter der Grenze
beginne das Nichts. Was passiert dann mit einer Kugel die mit
beharrlicher Geschwindigkeit die Grenze des Raumes erreicht hat und nun
eigentlich ins Nichts eintauchen müsste? Verschwindet sie? Prallt sie
an der Grenze ab? Bleibt sie einfach stehen in der Ewigkeit? Oder
passiert einfach nichts?
- Pi = 4 oder Gottes Allmacht: Wenn Gott
allmächtig sein soll, dann muss er alles können, nichts darf ihm
unmöglich sein. Kann Gott dann machen, dass Pi=4 ist? Kann Gott also
den Kosmos so einrichten, dass der Durchmesser eines Kreises viermal in
seinen Umfang passt? Falls nein, muss sich Gott dann an die gleichen
Gesetze der Mathematik halten wie wir Menschen? Und wenn er das muss,
macht dann die Vorstellung von einem Gott überhaupt noch Sinn? Oder
aber kann es sein, dass die Bedeutung des menschgeschaffenen Begriffes
"Allmacht" in sich unschlüssig ist, wir uns mithin nichts vorstellen
können, das einem Allmachtsanspruch genügt und gleichzeitig nicht in
Widerspruch zu anderen menschlichen Denkkategorien gerät?
- Akausalität: Können wir uns vorstellen, dass
etwas ohne jegliche Ursache geschieht? Können wir uns einen Stein im
leeren Weltraum vorstellen, der plötzlich von sich seine
Bewegungsrichtung ändert?
Grenzen existenziellen Denkens
- Die Entbehrlichkeit von Bewusstsein
:
Bewusstsein im Sinne der grundlegenden Fähigkeit zu Erleben,
Wahrzunehmen ist im momentanen Weltbild der Naturwissenschaften zwar
nicht störend (solange es keine Wirkung hat) aber auch nicht notwendig,
Dennoch gibt es Bewusstsein. Wozu also ist es gut?
- Der Zweck des Seins ist nicht vorstellbar:
Welchen Sinn könnte das Sein haben, wenn die Welt zeitlich begrenzt
ist? Wenn doch alles irgend wann einmal endgültig vorbei ist, dann
macht doch auch nichts auf Dauer Sinn. Sinn kann es nur in der Ewigkeit
geben. Welchen Sinn aber sollte aber ein Wandel in einer ewiglichen
Welt machen? Denn: Muß das Ziel des Seins nicht perfekt, vollendet sein
um unseren Ansprüchen an ein wirkliches Ziel zu genügen? Muß sich das
Vollendete nicht dadurch auszeichnen, dass es keinerlei Verbesserung
mehr bedarf? Im Zustand der Vollendung müßte die Welt also
quasi-statisch sein. Nichts von Bedeutung in ihr dürfte sich mehr
verändern. Welche Sinn könnte aber ein solchermaßen eingefroreren
Zustand haben?
- Gottes Güte und Allmacht: Wenn Gott
allmächtig ist, wie kann er dann all das Leiden unschuldiger Wesen
(Neugeborene) zulassen? Dieses Problem wird in der christlichen
Theologie unter dem Stichwort "Theodizee" behandelt. Es zählt zu einem
der größten Vorbehalte gegen die Vorstellung eines allmächtigen Gottes.
Das Problem muss in allen Religionen auftauchen, die einem Gott Güte
und Allmacht zugleich zuschreiben.
- Logischer Zirkel: Kann Gott (oder sonst
etwas Allmächtiges) einen Stein machen, der so schwer ist, dass er ihn
nicht heben kann?
- Freier Wille
: Macht die Vorstellung
eines freien Willens Sinn in einer Welt, die vollständig durch
kausal-determinierte Abläufe geregelt ist? Wie frei wäre ein Gott, wenn
er sich an Naturgesetze halten müsste? Wie frei sind wir Menschen, wenn
sich all unser Tun behavioristisch oder sonstwie naturwissenschaftlich
erklären ließe?
- Allmächtige Einsamkeit oder Minderpotenz:
Gedanklich fassbar wäre eine Existenz, in der ich vollkommen die mich
umgebende Welt bestimmen kann. Ich wäre mit göttlicher Allmacht
ausgestattet. Was mich an dieser Vorstellung aber stört ist die
Einsamkeit. Also wünsche ich mir Gesellschaft herbei. Diese würde mich
aber nur befriedigen, wenn sie nicht meinem Willen unterstehen, ich
also in Gesellschaft freier Personen wäre. Das aber wäre eine
Einschränkung meiner Allmacht, was ich auch nicht akzeptieren will. Ein
Ausweg wäre der folgende Gedanke: Alle empfindsamen Wesen unserer Welt
können durch Erkenntnis eines endgültigen Wissens teilhaft werden,
welches diese Wesen aus freier Überzeugung und individuellem Antrieb
eine perfekte Welt erschaffen lässt. Doch dann tritt das Problem auf,
dass mich die überlegene Logik des endgültigen Wissens in meiner
Freiheit einschränkt.
- Gemeinschaft freier Individuen: Ich hätte
gerne Gemeinschaft. Ich hätte es gerne, dass die anderen Wesen in der
Welt freiwillig mir wohlgesonnen sind. Das verträgt sich aber nicht mit
ihrer Freiheit.
- Das Dilemma der Kausalität: Shakespeares
Macbeth hat von Hexen die Prophezeihung erhalten, dass er König würde.
Angesichts der Möglichkeit, diese Vorhersage durch einen Mord an König
Duncan zu verwirklichen sinniert er: "If Chance will have me King, why,
Chance may crown me, Without my stir". Dieses Problem stellt sich der
praktischen Rechtssprechung in der Form, dass zu beurteilen ist, ob ein
Täter Opfer seiner Vergangenheit war oder aus eigenem Antrieb handelte.
Welche Konsequenz müsste eine Rechtssprechung ziehen, wenn die
Wissenschaft einmal belegen sollte, dass alle Ereignisse vollständig
durch Naturgesetze vorherbestimmt sind?

- Gerechtigkeit und Barmherzigkeit schließen
sich
gegenseitig aus. Versteht man Gerechtigkeit als die Anwendung eines
klaren Regelwerkes zur Vergeltung von guten und bösen Taten oder
Absichten (im Sinne des Karma-Gesetzes) und versteht man unter
Barmherzigkeit oder Gnade gerade die Hinwegsetzung über solche Gesetze,
so sind die beiden Begriffe widersprüchlich.
- Der Widerspruch der Gefühle oder: ist das
Angenehme auch das Gute? Können menschliche Gefühle Ausdruck göttlichen
Willens sein, Ausdruck eines zielstrebigen in sich widerspruchsfreien
Willens den Gang des Kosmos zu beeinflussen?
Sind unsere Gefühle
vielleicht nichts anderes als göttliches Mitgefühl? Ist das was wir als
Lust empfinden gleichzusetzen mit dem Guten, Gottes Wille? Falls ja,
dann taucht das Problem auf, dass die unterstellten Emotionen eines
Sadisten oder lebensverachtenden Tyrannen genauso ein und dem selben
Ziel dienlich sein müssen, wie die Gefühle deren Opfer. Und es stellt
sich die Frage, warum wir uns dann als isolierte Einzelindividuen
empfinden und nicht bewusst eine Teilhabe an einem göttlichen Überwesen
empfinden.
Grenzen
ethischen
Denkens
- Gottes Grausamkeit: Diesse Problem bezieht
sich nur auf den biblischen Gott und hinterfragt somit den Anspruch des
christlichen Glaubens, alle Fragen erschöpfend beantworten zu können.
Denn im Alten Testament finden sich Passagen, in denen Gott
als Rächer auftritt, in denen er aus Zorn Leid erzeugt. Das Neue
Testament zeigt dann einen ganz anderen Gott. Wie kann für einen
allmächtigen Gott ein solcher Sinneswandel nötig werden?
- Das Demokratie-Dilemma: Sollte eine
Demokratie es akzeptieren, wenn sich die Mehrheit der Wahlberechtigten
für
die Abschaffung der Demokratie entscheidet? Beispiele: Die NSDAP kam
1933 über legitime Wahlen an die Macht, die FIS in Algerien 1991 ebenso.
- Das Dilemma der offenen Gesellschaft: viele
Gesellschaften bezeichnen sich als "offen" in dem Sinn, dass das
menschliche Individuum weitgehende Rechte auf persönliche Entfaltung
gegenüber dem Gesellschaftskollektiv genießt. Ein Feind
offener Gesellschaften sind Überwachungstätigkeiten des Staates. Wie
soll eine offene Gesellschaft mit nicht legitimierter Gewalt umgehen,
die von Individuen ausgeht, wenn die Gewalt durch eine Ausdehnung
staatlicher Überwachungstätigkeit eingedämmt werden könnte?
- Das Pharma-Dilemma: Pharma-Konzerne
investieren große Geldsummen in die Entwicklung von Medikamenten. In
einer Marktwirtschaft können sie dies dauerhaft nur dann tun, wenn sie
über den Verkauf von Medikamenten Erlöse erwirtschaften. Ein Konzern
kann Medikamente im großen Mittel nicht unter Preis verkaufen, ohne
dass er seine eigene Existenz gefährdet. Wie aber soll sich ein Konzern
verhalten, wenn sich nicht jeder Patient die Medikamente leisten kann?
Gibt er die Medikamente aus humanitären Gründen unter Preis ab, so
fehlt im womöglich das Geld für zukünftige Forschungen und zukünftige
Patienten müssen auf die Weiterentwicklung von Medikamenten
verzichten. Besteht der Konzern aber auf dem Marktpreis für das
Medikament, so sterben oder leiden womöglich Menschen denen ansonsten
unmittelbar geholfen werden könnte. Diese Thematik ist im Zusammenhang
mit der AIDS-Epidemie Gegenstand von Gerichtsverhandlungen in
Süd-Afrika (um 2000).
- Das Pazifismus-Dilemma: Wie soll sich eine
pazifistische Gesellschaft verhalten, wenn ein gewaltbereiter Gegner
droht, sie abzuschaffen und seine eigene - gewaltbasierte - Herrschaft
an ihrer Statt zu errichten? Verteidigt sich die pazifistische
Gesellschaft mit Gewalt, so ist sie genauso hinfällig, als wenn sie
sich dem Aggressor durch Gewaltverzicht ausliefert.
- Töten um zu Überleben: Um als Menschen zu
überleben müssen wir zwangsläufig den Tod anderer Geschöpfe in Kauf
nehmen: wir müssen Pflanzen und Tiere essen, wir können es kaum
vermeiden, beim Gehen Kriechtiere zu zertreten oder beim Atmen Insekten
einzuatmen. Die einzige Möglichkeit das zwangsläufige Töten anderen
Lebens auszuschließen ist der eigene Verzicht auf Leben. In Tibet soll
es eine Religion geben, deren Anhänger Atemmasken vor dem Mund tragen,
um Flugtiere vor dem Tod durch Einatmung zu schützen und der Buddhismus
kommt zu dem Schluss, dass Leid Ungerechtigkeit untrennbar mit dem
Leben selbst verknüpft sind und schlägt deshalb (nach gewissen
Deutungen) die Einstellung der Fortpflanzung der Menschen vor. Nach
welchen Maßstäben sollen wir uns hier verhalten?
- Töten um gut zu leben: Über das Töten
anderen Lebens zum Zwecke des eigenen Überlebens hinaus gibt es auch
ein Töten oder Leiden lassen anderen Lebens, um selbst besser zu leben:
Wenn wir einen Vergnügungspark bauen, so sterben ganz sicher viele
Erdbewohner aufgrund der nötigen Erdbewegungen. Viele Maulwürfe,
Hamster oder Füchse werden in ihren verschütteten Höhlen ersticken. In
der maschinell betriebenen Landwirtschaft kommen vielleicht
unvermeidlich bodenbrütende Vögel ums Leben. Ist dies gerechtfertigt,
wenn eine Landwirtschaft mehr Nahrung produziert als zum gesunden Leben
nötig wäre? Ist der Konsum von billig hergestelltem Fleisch unter
die Duldung artfremder Tierhaltung gerechtfertigt wenn es Alternativen
gibt? Nach welchen Maßstäben sollen wir uns hier verhalten?
- Das Dilemma der symbolischen Gesten: Im
Wissen, dass in der Welt viele Menschen Hunger leiden, lehren wir
unseren Kindern, dass sie mit Essen nicht spielen sollen. Gegenüber
einem trauernden Menschen zeigen wir unser Mitgefühl durch Stille und
Zurückhaltung. Auf die Anschläge in New York und
Washington im September 2001 wurden aus Anteilnahme viele Sportspiele,
Feste aber auch sonstige nicht unbedingt spaßbezogenen Veranstaltungen
abgesagt. So selbstverständlich wie uns diese Gesten erscheinen, so
selbstverständlich sind wir zu anderen Zeitpunkten ausgelassen, wir
scherzen und lachen derweil wir aber genau wissen, dass weltweit
überall viel Leid herrscht. Sollten wir also auf Gesten der Pietät
verzichten, da wir sie zwangsweise auf ausgewählte Ereignisse
beschränken müssen und dies einer schwierig begründbaren vergleichenden
Bewertung von Leid gleichkommt? Oder sollen wir, wie es etwa Oliver
Cromwells Gottestaat im England des 17. Jahrhunderts verordnet hatte,
ganz auf Spiel und Spaß verzichten? Beide Lösungen scheinen
gleichermaßen unpassend. Was aber hilft uns dann zu entscheiden, ob wir
etwa eine fröhliche Bierrunde mit alten Freunden fortsetzen sollen,
derweil im Hintergrund aus dem Gaststättenradio die Meldung eines
großen Fährunglücks mit einer unbekannten Anzahl an Toten verkündet
wird?
- Das Dilemma gerechtfertigter Lügen: Selbst
wer
Lügen grundsätzlich für eine schlechte Tat hält, wir nicht umhin
können, dass es Fälle gibt, in denen Lügen kein erkennbares Leid
verursacht, aber ganz sicher Leid verhindert. Soll man einem Kind die
Wahrheit nahe bringen, wenn es an einer tödlichen Krankheit leidet?
Soll man einem sterbenden Unfallopfer noch mitteilen, dass nahe
Verwandte in dem gleichen Unfall ums Leben gekommen sind oder soll man
lügen, dass sie zwar in einem Krankenhaus lägen und nicht ansprechbar
sind, aber nicht in Lebensgefahr schweben? Kann es hierauf eine
allgemeingültige Antwort geben?
- Das Präventivschlag-Dilemma: ein Staat
vermutet, dass eine fremde Macht einen Angriff vorbereitet, ist sich
der Erkenntnis aber nicht sicher. Ein Präventivschlag würde den Angriff
sicher vereiteln, im schlimmsten Fall wäre er aber vollkommen unnötig
gewesen. Welche Ethik hilft uns, im Falle von unsicherem Wissen zu
entscheiden? Gibt es eine probabilistische Ethik?
- Das Dilemma der "Kollateralschäden": In der
militärischen Bekämpfung eines Gegners werden die Entscheidungsträger
immer wieder vor das Problem gestellt, dass neben rein militärischen
Einrichtungen oder Personen auch zivile Objekte und Menschen (aber auch
Tiere) betroffen sind. Wonach sollen Entscheidungsträger hier handeln?
Ein drastisches Beispiel ist das Leiden der irakischen Bevölkerung
infolge der UNO-Sanktionen seit dem Golf-Krieg Anfang der 1990iger
Jahre. Aber auch bei den Operationen der NATO auf dem Balkan im
gleichen Jahrzehnt kamen immer wieder ungewollt Zivilisten ums Leben.
Das Problem ist letztendlich identisch mit der Frage, ob denn ein Zweck
die dazu nötigen Mittel rechtfertigen kann. Man könnte dieses Problem
auch das Dilemma der Kollektivhaftung nennen.
- Das Dilemma der Geisel-Versicherung: Viele
Staaten verbieten es ihren Bürgern, sich gegen Lösegeldforderungen
infolge einer Geiselnahme zu versichern. Dies soll verhindern, dass
Geiselnahmen als lukratives Geschäft entdeckt werden. Denn statistisch
gesehen dürfte es sicherlich wahr sein, dass die Anzahl von
Geiselnahmen mit Lösegeldforderungen in dem Maße ansteigen würde, wie
Lösegelder auch tatsächlich bezahlt werden können. Wonach sollen wir
entscheiden, ob hier der Schutz der Gemeinschaft vor der Solidarität
mit einem Individuum (im Sinne einer Versicherung) Vorrang hat?
- Das Dilemma der geheimen Lösegeldzahlung: Im
Jahr 2000 wurde von den Medien umfangreich über eine Geiselnahme von
unter anderem Europäern und Amerikanern auf der philipinischen Insel
Jolo berichtet. Letztendlich kamen die Geiseln nach langwierigen
Verhandlungen mit den Entführern frei. Es wurde vermutet, dass eine
hohe Lösegeldsumme dafür bezahlt wurde, aber keiner der beteiligten
(auch nicht die Täter) ließen darüber etwas verlautbaren. Was soll uns
helfen zu entscheiden, ob Geiselnehmer überhaupt ihre
Lösegeldforderungen erfüllt bekommen sollen, auch wenn dies im Geheimen
geschieht? Bestätigt dies nicht gleichermaßen wie eine öffentliche
Lösegeldzahlung das Verhalten der Geiselnehmer?
- Das Dilemma der Tyrannensouveränität: Wie
soll man sich gegenüber einem souveränen Staatsgebilde verhalten, in
welchem die Untertanen unterdrückt werden: Artikel 20, Absatz 4 des
deutschen Grundgesetzes: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung
(das Grundgesetz) zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum
Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."
- Das Dilemma des reinen Herzens: Sollen wir
Taten tun, wenn sie zwar objektiv einen guten Zweck erfüllen, wir aber
eher aus niederen Beweggründen handeln? In der christlichen Lehre gibt
es Deutungsrichtungen, die die Reinheit des Willens in seiner
Heilswirkung über den erzielten Effekt stellen. Praktische Bedeutung
erlangt dieses Dilemma, wenn sich utilitaristische Gedanken mit
Selbstsucht vermischen und die eigene Motivation nicht mehr klar ist:
Man stelle sich vor, man sei ein navigationskundiger Segler auf einer
Yacht. Aufgrund widriger Umstände treibt die Yacht mit einer größeren
Anzahl von Passagieren und Besatzungsmitgliedern auf unbestimmter
Position auf dem Ozean. Es wird ersichtlich, dass manche Menschen
sterben könnten und man kann Einfluß darauf nehmen, wer zuerst eher
stirbt und wer später. Wenn man selbst der einzige Navigationskundige
an Bord ist, dürfte es schwer sein, im eigenen Kopf
auseinanderzuhalten, ob man sich auf die Liste der länger Überlebenden
setzt, nur um seine eigene Haut zu retten oder ob man dies nur deshalb
tut, weil dies der größten Anzahl aller Schiffbrüchigen die größte
Überlebenschance bietet.
- Das Dilemma der selbstverleugnenden Sünde:
Wie ist ein Mensch zu beurteilen, der selbst bewusst sündigt, um damit
andere Menschen zu retten?
- Das Dilemma der reinen Weste: Waffenexporte
in Krisengebiete dürften aller Regel nach Leid eher vermehren als
vermindern. Verzichtet ein Land freiwillig auf solche Exporte während
aber ganz sicher andere Länder in die Lücke springen, wie ist dann der
Verzicht moralisch zu bewerten? Wenn faktisch die Lage in dem
Krisengebiet durch den eigenen Verzicht nicht verbessert wird, ist dann
der Verzicht des Exportes in seinem Effekt nicht gleich mit dem Export
zu setzen? Hier taucht wieder die Frage auf, ob die Motivation oder das
Ergebnis einer Handlung Leitfaden für Entscheidungen sein soll.
- Das Dilemma der Zahl: ein wohl bekanntes
Dilemma wird immer wieder in Versuchen zum moralischen Verhalten von
Menschen benutzt: Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges überlegten die
US-Amerikaner, ob sie den Krieg gegen Japan vorzeitig durch den Abwurf
von Atombomben beenden könnten. Sie addierten dazu Tote gegeinander
auf: Ohne Atombombenabwürfe stürben wesentlich mehr Amerikaner (und
Japaner) aufgrund der zu erwartenden Widerstände der Japaner. So war
der Abwurf der Bomben der Weg mit weniger Toten unter dem Strich. Gibt
es eine
Arithmetik der Moral? Kann der Wert von Menschenleben aufaddiert werden
oder ist ein Leben soviel Wert wie eine beliebige Anzahl anderer Leben?
- Das Entwicklungshilfe-Dilemma: Die Gewährung
von Hilfestellungen kann den Antrieb zur Selbsthilfe mindern. Wenn die
Individuen einer Gesellschaft durch eine gewisse Anspruchshaltung an
ihren Staat oder fremde Gemeinschaften geprägt sind, so kann Hilfe
durchaus Abhängigkeitsstrukturen schaffen, die einer nachhaltigen
Entwicklung einer Region hin zu Selbständigkeit schaden können. Es ist
denkbar, dass auf Seite der Bedürftigen erst ein gewisser Leidensdruck
entstehen muss, bevor sie bereit sind, ihre Probleme selbst in die Hand
zu nehmen. Wie soll man sich hier verhalten, wenn es um unmittelbar
nötige humanitäre Hilfe geht? Soll man beispielsweise unterernährte
Kinder verhungern lassen, dass deren Väter einen ausreichend hohen
Leidensdruck verspüren, Bürgerkriegsaktivitäten einzustellen?
- Das Dilemma vom verhöhnten Anstand: "Die
Ehrlichen sind die Dummen" lautet der Titel eines Buches aus den 1990er
Jahren. Hierfür gibt es viele Trivialbeispiele aus dem Alltag: An
deutschen Bahnhöfen herrscht das Recht des schnelleren vor, wenn es um
das Besteigen von Zügen geht. Jeder drängelt sich so gut er kann nach
vorne, das beobachtet man immer wieder. Soll man Mitdrängeln und somit
den Wert des Anstandes für diesen Moment aufgeben? Oder: in einem
Supermarkt wird neben einer langen Warteschlange eine neue Kasse
aufgemacht. Meistens ist es so, dass die hintersten Wartenden der
bestehenden Schlange an den vorderen Leuten vorbeilaufen und diese
überholen. Von den Tätern wird dies in der Regel nicht als Drängeln
verstanden (als was eigentlich sonst? Als Pfiffigkeit?). Oder: auf
deutschen Autobahnen sind bei mäßig dichtem Verkehr die linken Spuren
in der Regel dichter befahren als die rechten Spuren. Der Grund hierfür
ist wahrscheinich die Tatsache, dass generell sehr dicht aufgefahren
wird, also Sicherheitsabstände zwischen den Wagen fehlen. Weicht man
also auf die rechte Spur aus, um etwa einem schnelleren Auto Platz zu
geben, so wird man oft damit bestraft, dass dem Nutznießer eine lange
Schlange weiterer Autos folgt, deren Fahrer einem keine Chance lassen,
wieder nach links auszuscheren. Die Konsequenz ist, dass man erst gar
nicht nach rechts herüberfährt, sondern gleich links bleibt. Unter dem
Strich fahren also alle Verkehrsteilnehmer etwas langsamer, weil jeder
der schnellste sein will und Sicherheitsabstände nicht respektiert.
Soll man sich nun in dieses niedere Verhalten mitbegeben oder generell
das Nachsehen haben? Diese Frage gewinnt eine sehr viel ernstere
Bedeutung, wenn es um die Flucht von einem sinkenden Schiff geht! Gibt
es eine Ethik die eine Antwort auf die Frage liefert, ob sich in diesem
Moment jeder selbst der nächste sein darf, wenn kein diszipliniertes
Gruppenverhalten erkennbar ist?
- Das Dilemma vom Raubbau am Gruppennutzen:
Das Dilemma vom verhöhnten Anstand und das Dilemma vom Raubbau am
Gruppennutzen sind eng verwandt und oft identisch. In vielen Beispielen
verschafft sich ein Individuum einen momentanen Nutzen, was aber
mittelbar zu einer Minderung des Gruppennutzens und letztendlich auch
des individuellen Einzelnutzens führt. Beispiele werden durch die
Ausbeutung potentiell nachwachsender Rohstoffe geliefert: Die
Fischgbestände weltweit sind stark dezimiert durch Überfischung.
Sicherlich könnte die Fischereiwirtschaft als Ganzes mehr
erwirtschaften, wenn Fangbeschränkungen zur Realisierung einer
nachhaltigen Wirtschaft durchgesetzt werden würden. Aber jeder einzelne
Fischer oder jede einzelne Firma die auf kurzfristige Fangerfolge
verzichtet schadet sich selbst ohne dem Gesamtinteresse zu nützen, denn
ein Konkurrent wird sicherlich den Fang machen. Mit dieser Logik haben
sich ganze Wirtschaftszweige ihrer eigenen Existenzgrundlage beraubt
(z. B: die Austernfischer in der Nordsee), ohne dass ein Individuum
hätte etwas dagegen tun können. Nach welchen Maßgaben soll sich ein
Individuum hier verhalten? Gibt es eine Ethik, die hierzu Aussagen
macht?
- Das Dilemma der Familienverantwortung: Viele
Menschen können nicht für sich alleine entscheiden, sondern von ihren
Entscheidungen sind oft auch mehr oder minder Familienangehörige
betroffen. Gibt es eine Ethik die eine Aussage dazu macht, ob Eltern
einen Großteil ihres Vermögens wohltätigen Zwecken Spenden dürfen und
somit ihren Kindern dieses Geld als "Startkapital ins Leben"
vorenthalten? Gibt es eine Ethik, welche einem Widerständler gegen
Terrorregimes bei der Entscheidung hilft, ob er sein eigenes Leben aufs
Spiel setzen darf, auch gegen den flehentlichen Wunsch seiner
Familienangehörigen sie nicht alleine zurück zu lassen?
- Das Dilemma der Wahrhaftigkeit: Gibt es eine
Ethik, die die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit von Ansichten
berücksichtigt? Der katholische Heilige Thomas Morus verweigerte seinem
König, Heinrich dem VIII von England, eine rein verbal bekundete Treue
indem er nicht dazu bereit war, Heinrichs Scheidung von seiner Frau,
Katharina von Spanien, gegen den Willen des Papstes gut zu heißen.
Morus berief sich auf sein Gewissen und nahm sehenden Auges seine
Enthauptung dafür in Kauf. Er hinterließ eine trauernde Familie, die
ihn stets gebeten hatte, das Lippenbekenntis zugunsten Heinrichs um
ihres Willen zu leisten.
- Das Dilemma der Minderheit: Das
größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl von Personen zu
verwirklichen lautet eine immer wieder benutzte Maxime für menschliches
Handeln. Wie aber soll man verfahren, wenn man dies "Gesamtglück" durch
die Minimierung des Glückes einer Minderheit maximieren kann?
- Das Dilemma von der Tyrannenfreundschaft:
bei der Diskussion darüber, ob Peking Austragungsort für olympische
Spiele werden dürfe wurden zwei gegensätzliche Standpunkte vertreten:
durch diese zur Schau gestellte Kumpanei mit einem totalitären Regime,
so die Einen, würde man die ständigen Menschenrechtsverletzungen in dem
Land ignorieren und somit tolerieren. Die andere Meinung - die auch oft
von Wirtschaftsleuten vertreten wird - weist darauf hin, dass
freundschaftliche Beziehung zu China letztendlichen den demokratischen
Kräften zugute kämen und eine Verwirklichung der Menschrechte eher
fördere als behindere. Gibt es eine Ethik, die generell Aussagen dazu
macht, welche Art von Kontakten man mit moralisch zweifelhaften
Regierungen pflegen darf und welche nicht?
- Das Dilemma von der verschütteten Milch: In
England gibt es ein Sprichtwort: Don`t cry over spilt milk (beklage
nicht die verschüttete Milch). Es ist allgemein bekannt, dass Tiere ein
qualvolles Leben dafür führen müssen, dass nutzbringende Medikamente
für Menschen entwickelt werden können. Wie soll man sich verhalten,
wenn man ein Medikament bräuchte, welches eindeutig mit Hilfe von
Tierversuchen entwickelt wurde, wenn man genau weiß, dass nichts von
dem geschehenen Leid wieder gut gemacht werden kann? Moralisch
ergreifend ist die Verwertung medizinischen Wissens, welches anhand
unmenschlicher Versuche an Häftlingen von deutschen
Konzentrationslagern im dritten Reich erworben wurden.
- Das Dilemma von der Nichtigkeit: Es macht
doch eh keinen Unterschied, was ich tue. Diese ernüchternde Erkenntnis
gilt für viele Sachverhalte. Man ist einer von etwa sechs Milliarden
Menschen auf der Erde und dementsprechend gering ist der eigene Einfluß
auf den Gang der Dinge. Welche Aussage trifft eine Ethik dazu, ob man
trotz des Wissens um die Nichtigkeit des eigenen Tuns sich aus der
Verantwortung stehlen darf. Praktischer Anwendungsfall: wenn man der
Meinung ist, dass Autofahren der Umwelt schade und somit auch anderen
Menschen, ist man dann automatisch in der ethisch begründbaren Pflicht,
das eigene Auto weitgehend stehen zu lassen, wenn man gleichzeitig
genau weiss, dass dies so gut wie gar keinen Einfluß auf das globale
Klimageschehen hat?
- Das Dilemma vom rechtmäßigen Terrorismus:
Angenommen eine Regierung erkennt in Folge eines Terroristischen
Anschlages gegen das eigene Land vergangene Fehler in der eigenen
Politik an. Wie soll sich die Regierung verhalten? Bereinigt sie die
Fehler, so erkennt sie rein formal die Wirksamkeit von Terrorismus an
und gesteht eigene Fehler ein. Dies Entscheidung mag Ermutigung sein
für weitere terroristische Akte und somit den Weg bereiten für mehr
Leid. Behebt die Regierung die begangen Fehler aber aus gerade dieser
Angst heraus nicht, so wird vielleicht altes Leid fortgesetzt (z. B. im
Falle einer unmoralischen Wirtschaftspolitik).
- Das Dilemma der Selbstausbeutung: Gesetzlich
geforderte Mindestlöhne sollen Arbeitnehmer vor einer Ausbeutung durch
Arbeitgeber schützen. Wie soll sich der Staat verhalten, wenn in Zeiten
großer Arbeitslosigkeit viele Arbeitnehmer freiwillig bereit wären sich
"unter Lohn" zu verkaufen?
- Das Dilemma der beschleunigten Katastrophe:
Um das Jahr 2000 ist klar, dass die Erde eventuell vor einem größeren
Klimawandel stehen könnte. Gesetzt der Fall, man erwartet, dass dieser
dramatische Folgen für viele Menschen haben wird, wie sollte man sich
dann verhalten? Sollte man sein Herbeikommen beschleunigen oder noch
aufzuhalten versuchen? Für die Antwort bräuchten wir Kenntnisse die wir
nicht haben. Denn: es könnte ja sein, dass ein Klimawandel nicht mehr
aufzuahlten ist. Zu groß ist der Anteil an Treibhausgasen in der
Atmosphäre, zu sehr sind bereits hochdynamische Prozesse in den Ozeanen
eingeleitet als dass man sie noch verhindern könnte. Jeder Versuch, den
Wandel aufzuahlten führt bloß dazu dass er nur verzögert wird um dann
mit umso stärkerer Wucht zuzuschlagen. Es könnte nach dieser Logik also
sinnvoll sein, die Katastrophe sogar gezielt herbeizuführen, sie zu
beschleunigen. Vielleicht sind jene Zyniker die den ungebremsten Ausbau
unserer automobilen Gesellschaft fordern in diesem Sinne gar keine
Zyniker sondern beinharte Realisten. Wie sollte man sich angesichts
dieser Ungewissheit verhalten?
- Das Dilemma des toleranten Besserwissers:
Gesetzt, ich wäre überzeugt davon, das Wohl anderer Menschen besser zu
verstehen, als diese selbst. Beispiel: Ich glaubte fest, dass die
Freude meiner Mitmenschen am Autofahren zur globalen Klimakatastrophe
beiträgt. Soll ich meiner näheren Umgebung diese Freude miesreden? Oder
müsste ich nicht den Menschen ihre Freude belassen, zumal dann, wenn
sie mir bewusst entgegnen, die Gefahr des Klimawandels selbst bedacht
zu haben? Müsste ich mich dann in menschelnder Toleranz bescheiden oder
zum aggressiven Widerstand übergehen? Vorausgesetzt bei diesem Dilemma
sei, dass ich das Wohl der anderen im Auge hätte.
In der Auseinadersetzung mit solchen Fragen müsste
der Denkprozess immer wieder auf sich selbst reflektieren. Welche mir
unbewussten Prämissen lassen überhaupt das Dilemma entstehen? Unter
welchen Annahmen könnte ich das Dilemma auflösen?
Gesellschaftliche
Emanzipation
nötig
Ich schreibe an anderer Stelle auf dieser Webseite über
den
vereinnahmenden Charakter unserer modernen Gesellschaftssystseme :
Dabei interpretiere ich unsere
Marktwirtschaften als Fortsetzung
biologischer
Evolutionsstrategien auf einer nächst höheren Komplexitätsebene. Alle
Individuen werden so weit wie möglich in die Produktions- und
Kampfprozesse konkurrierender Abteilungen, Firmen, Staaten oder
Marktwirtschaften eingebunden.4) Freie Zeit
der Muße, insbesondere für die
Beschäftigung mit Dingen, die im Konkurrenzkampf nutzlos sind, muss
konsequenterweise möglichst eingeschränkt werden.
Wer sich ernsthaft mit dem utopischen Denken im Grenzbereich des
Denkbaren beschäftigen will, muss Strategien einer Freimachung von der
gesellschaftlichen Vereinnahmung machen. Diese Vereinnahmung sehe ich
nicht nur über die formale Anforderung eines 8-stunden Arbeitstages
gesehen. Immer wieder produzieren die gegenwärtigen Gesellschaften
Kriege oder Krisen (Klimawandel), die das Individuum zu
Anpassungsmaßnahmen zwingen und ihm darüber frei verfügbare Zeit
wegnehmen. Hier gilt es meiner Ansicht nach, einen der freien
Kontemplation gewidmeten Lebensstil jenseits der herrschenden
Wettkampfgesellschaft zu ermöglichen.
Transhumanismus?
Versteht man das Denken als Ausdruck des materiellen Substrates Gehirn
und geht man davon aus, dass sich Gehirne über evolutionäre Zeiträume
hinweg entwickelt haben, dann spricht nichts dafür, dass dieser Prozess
gerade jetzt zum Abschluss gekommen sein soll und das menschliche
Gehirn das bestmögliche Erkenntnisorgan in der Geschichte des Kosmos
darstellen soll.
Ist es also denkbar, dass wir durch die Veränderung unserer Gehirne
ähnliche Qualitätssprünge in unserm Denken erreichen können, wie wir
sie zwischen dem Denken eines Lemuren und dem unseren vermuten dürfen?
Liessen sich gänzlich neue Formen der Logik, qualitativ neue Kriterien
einer Wahrheitsbeurteilung, ganz neue Denkkategorien durch einen Um-
oder Ausbau unserer Gehirne verwirklichen?
Angesichts der Gefahren, die allen solchen Versuchen innewohnen,
bräuchte es einen neuen Entdeckergeist, eine Pionierhaltung, die
Menschen mit eben dieser Absicht hervorbrächte. Könnte es sein, dass
neue Gehirne Zugang zu einer Logik finden, mit Hilfe derer sich die
obigen Denkaufgaben alle lösen ließen?
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Literatur
Wierenga,
Edward R.: The Nature of God. Cornell University
Press. 1989
Stock, G.: The Book of Questions.
Workman
Publishing
Company, 1991,
ISBN: 156305034X
Du Bois-Reymond, Emil: Über die
Grenzen des Naturerkennens. In der
zweiten allgemeinen Sitzung der 45. Versammlung Deutscher Naturforscher
und Ärzte zu Leipzig am 14. August 1872 gehaltener Vortrag.
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Fußnoten und Literaturhinweise
1) Planck, Max:
'Dynamische und
statistische
Gesetzmäßigkeit'. Vortrag
gehalten am 3. August 1914
2) Den Begriff der Logik
selbst möchte ich noch nicht zu sehr einschränken. Auf keinen Fall
möchte ich mich auf ein logisches Kalkül festlegen. Ich gebrauche das
Wort Logik in einer allgemeinen Form im Sinne von widerspruchsfrei
vorstellbar, denkbar, unmittelbar als richtig erkennbar (etwa im Sinne
einer platonischen Idee).
3) Die Praxis, sich möglichst intensiv mit
scheinbaren logischen Ungereimtheiten oder Paradoxien zu beschäftigen
gibt es wohl auch im buddhistischen Kulturkreis. Sogenannte Koans sind
Kurzgeschichten und Anekdoten, deren Auflösung oder Moral der Vernunft
zu widersprechen scheint oder deren Logik zunächst gar nicht erkennbar
ist.
4) Zur Analyse moderner
Marktwirtschaften als Wettkampfgesellschaften siehe Der Eindimensionale Mensch von
Herbert Marcuse, zuerst in den USA 1964 veröffentlicht.
5) Rosenkrantz,
G.
S.
and Hoffman, J., 1980, “The Omnipotence Paradox, Modality, and
Time,” Southern Journal of Philosophy 18, pp. 473-9.
6) Wierenga,
E.,
1989:
The Nature of God: An
Inquiry into Divine Attributes (Ithaca, NY: Cornell University
Press).
Links innerhalb der Webseite
www.seelengrund.de:
2004: Humanismus nicht erfüllbares Ideal
2001: Liste von Aporien und Widersprüchen
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